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Die Wahrheit · 1910-06-24 · Heft 25 (24.6.1910) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. M___ _ Die Wahrheit.- --Seite - Mlückygstsse «iw 'feierlicher Jugeüdgottesdienst statt, an dem sich die Prüfuug der Besucher, der Bibelschille anreihte. Mehrere hundert Knaben füllten das-Gotteshaus, geführt-von den Lehrern Herren Dr. Weiß, /Aiöor O e h l s' r, Jsid.or und Josef F «Hi)' ch e k, L ö w - V o g e l Und L i f schitzc Obekkantor Josef B a f f e r versah den Gottesdienst, dein sämtliche Knab^N assistierten. Es war geradezu ergreifend, das Kaiserlied : aus dem Munde der .Kinderfchar erklingen zu hören. Bei offener Bundes lade erfküngen sämtliche Strophen der weihevollen Hymne mit elementarer Kraft, deren nur die Kinderseele fähig ist. Herr Lehrer Isidor -O e h l e r hielt sodann eine Extzorte und zauberte anschauliche MoMentbilder ans der biblischen Geschichte, welche die Wanderung der Juden durch die Wüste illustrieren, vor ' das geistige Auge der jugendlichen Zuhörerschaft. Die hieraus vorgenommene^Prüfnng ans allen fünf Abteilungen der Bibelschule durch die Lehrer L i f s ch i tz, L ö w-V og el und Oe hler ergaben recht hübsche Resultate im hebräischen Lesen, Uebersetzen ans der Bibel und Grammatik. Sodann hielt der Inspektor der Bibelschule Herr Sekretär Josef K o h n eine schwungvolle Ansprache an die Schüler und verteilte hierauf an die Bestqnalifizierten eine Anzahl Erinnerungszeichen, Talismen und wertvolle Bücher. Der Knltnsgemeinde, welche diesen ..Hort der Erziehung jüdischer Kinder im Geiste ihrer Religion geschaffen, wurde von der Kanzel sowohl als durch Herrn Josef K o h n Dank und Anerkennung gezollt. N. Ch. Wien. Mittwoch, den 15. d. M. fand im Josefstädter Tempel (Nendeggergasse) die Trauung des Herrn Dr. Richard Getreuer mit '.Frau Berta Zucker statt. Der Bräutigam ist ein Sohn des Tempelvorstehers Herrn Adolf Getreuer, von dessen allgemeiner Beliebtheit die große Teilnahme an dieser Feier zeigte. Der Tempel war festlich dekoriert, die kantoralen Funktionen versahen die Herren Josef Grob und Karl Neu m ä u n in musterhafter Weise. Herr Rabbiner Dr. Bauer, der den Trannngsakt vollzog, hob in seiner Ansprache die Verdienste des Vaters des Bräutigams um den Tempel und das ganze Gemeinwesen hervor, rühmte ihn als mustergültigen Vater, der wie ein wahrer Priester im Heiligtum seines Hauses das Licht des Glaubens und der Güte im Herzen der Kinder entzündete, und überbrachte dem Brautpaare die Glückwünsche des erschienenen Gesamtvorstandes. Den Schluß der Feier bildete das Absingen des Segens, den der Tempelchor in gewohnter Meisterschaft znr Ausführung brachte. Lsn Zwi. Budapest Am Mittwoch, den 22. d. M. vollendete der Professor der orientalischen Sprachen an der Universität Budapest. Ignaz G o l dzihe r, sein 60. Lebensjahr. Professor G o l dz i h e r gilt neben.Theodor Nöldeke als die größte Autorität auf dem Gebiete der semitischen 'Philologie und entfaltet schon seit mehr als 40 Jahren eine außerordentlich fruchtbare wissenschaftliche Tätigkeit. In der Wissenschaft vom Islam als Religion und als Kultnrfaktor von welthistorischer Bedeutung war er bahnbrechend und wird allgemein als der eigentliche Begründer der modernen islamischen Wissenschaft anerkannt. In überaus zahlreichen Werken und Abhandlungen hat er in der Tat zu allererst den Grund zu vielen Forschungen gelegt, die vorher völlig unbeachtet geblieben waren. Sein Ruf als Gelehrter von ungewöhnlicher Vielseitigkeit ist weit über die Grenzen seiner Heimat hinausgedrungen und auf wissenschaftlichen .Kongressen dürfte es kaum eine populärere Persönlichkeit geben als Goldziher. Es ist ferner vom Interesse, zu erwähnen, daß namhaftr mohammedanische Theologen in Aegypten, Syrien und Indien sich oft in schwierigen Fragen an G o l d z i h e r wenden. Professor G o l d z i h e r ist Ehrenmitglied fast aller orientalischen Gesellschaften und auch Mitglied mehrerer Akademien. Bor kurzem wurde er von den Universitären Cambridge und Aberdeen zum Doctor honoris causa ernannt. Budapest. Frau Charlotte N a s ch i tz, die Besitzerin der gleichnamigen Mädchenschule, feierte vor einigen Tagen ihren 80. Geburtstag; aus diesem Anlasse wurde sie von zahlreichen Verehrern ausgesucht und mit Gratulationen förmlich überschüttet. Frau N a s ch i tz war die erste Frau in Ungarn, die die Wichtigkeit der Mädchenerziehung erkannt har und eine höhere Töchterschule für jüdische Mädchen gegründet und wirklich meisterhaft geleitet hat. Ihr edles Herz, ihr seltener pädagogischer Sinn haben ihre Schule Jahrzehnte lang in die Reihe der ersten Mädchenschulen Ungarns erhoben; ihre Verdienste hat nicht nur die jüdische Gemeinde mannigfaltig anerkannt, sondern auch Stadt und Staat haben der ehrwürdigen Frau als Anerkennung ihrer großen Verdienste viele Ehrungen zuteil werden lassen. Oedenburg. Am 13. d. M. ist der Kantor der isr. Knltusgemeinde. Herr Eduard Deutsch, nach langem Leiden im 55. Lebensjahre gestorben. Deutsch hat vorher in Wien-Margarethen und in Marzali in Ungarn gewirkt, war dann 20 Jahre Kantor in Oedenburg und erfreute sich sowohl als Funktionär wie auch im Privatleben allgemeiner Beliebtheit. Der Heimgegangene war ein sehr guter Mensch und hat besonders arme durchreisende Kollegen wiederholt unterstützt und für sie Kollekten veranstaltet. Das Leichenbegängnis fand am zweiten Tag Schwuoth unter überaus großer Beteiligung statt. I e n ö W e i s z. London. Die Regierung hat eine weitere Konzession an die hiesige jüdische Gemeinde in bezug auf die Einwanderer gemacht. Wie bekannt, hat Mr. Winston Churchill, der Minister des Innern, dem Jewish Board of Guardians die Errichtung eines Emigrantenhauses im Hafen von London versprochen. In seinem jüngsten Briefe an Mr. D. L. Alexander, den Präsidenten des Jewish Board of Deputies, teilt Mr. Churchill ferner mit, daß die Regierung beschlossen habe, den Emigranten das Recht zu gewähren, einen Rechtsanwalt zu engagieren, der ihre Sache vertreten soll im Falle ihrer Zurückweisung. Diese weitere Emendation der Alienbills nimmt diesem schändlichen Gesetze seine ganze Schärfe. Bis jetzt geberdete sich die Kommission, die von der Regierung zur Prüfung der Einwanderer eingesetzt wurde, wie eine Art Jnquisitiousgericht. Sie war herzlos, und dachte sich unfehlbar und schloß sogar in der ersten Zeit die Preffe von ihren Sitzungen aus. Der arme Immigrant, der kaum auf ihre Sympathie, rechnen durfte, wurde kurzum und ohne das Recht zu haben, an eine höhere Instanz zu appellieren, zurückgewiesen. Durch die neue Konzession ist diese Ungerechtigkeit unmöglich gemacht worden. Wie der Minister mitteilt, wird der Immigrant die Kosten des Verteidigers usw. selbst tragen müsieu, aber das kommt wenig in Betracht, da die Gemeinde wohl einen beständigen Anwalt zu diesem Zwecke ansteüen wird. Odessa. (Jüdische Ne g er.) Im „Raßwjet" wird die folgende interessante Geschichte erzählt: Bor einiger Zeit wurde der Odeffaer Arzt Dr. Sapir wegen „unbefugten" Sammelns für den zionistischen Nationalfond zu einem Monat Arrest verurteilt. Als er feine Strafe abbüßte, erzählt nun Dr. Sapir, traf er im Arrest mit fünf Negern zusammen, die mit einer Komödiantentruppe nach Odeffa kamen und der Polizei in die Hände fielen. Zn seiner großen Ueberraschnng stellte es sich im Laufe des Gespräches heraus, daß zwei dieser Neger Juden waren, von denen der eine Isaak und der andere S i m s o n hieß. Isaak stammt ans Sierra- Leona in Westafrika. Sein Gcoßvarer. ein englischer Jude, der sich in Afrika niederließ, war Kaufmann und heiratete eine Negerin. Die Kinder, die dieser Ehe entstammten, waren braunfärbig, hingegen ist die zweite Generation bereits ganz schwarzfärbig wie die übrigen Neger und weisen in ihren Gesichtern gar keine jüdischen Züge ans. Isaak, wie auch seine Geschwister wurden nach jüdischem Ritus der Circnmcision unterzogen, hat eine jüdische Erziehung genossen, versteht gut hebräisch und zeigt sich sehr stolz auf sein Judentum. Der zweite, Simson. ist selbst nicht mehr Jude, sondern stammt von einem jüdischen Barer, der eine mohammedanische Negerin heiratete und sein Sohn in der mohammedanischen Religion erziehen ließ. Beide Neger erzählten, daß sie mit jüdischen weißen Mädchen verlobt ieien und nach ihrer Heimkehr heiraten wollen. Simson wird ans diesem Anlasse 31111t Judentum zurückkehren. Christinnen wollten sie durchaus nicht heiraten. Die beiden Inden-Neger erzählten Dr. Sapir, daß in Sierra-Leona viele Juden wohnen, die daselbst alle Rechte genießen. Die Neger und Engländer leben mir ihnen sehr gur und sie konnten es gar nicht begreifen, weshalb man die Juden in Europa verfolge. Woosroschen. Erzählung von Babette Fried in Prag. (Fortsetzung.) Beschämt zwar, nichtsdestoweniger erfreut über den Scharfsinn seines Schützlings, konnte der Doktor nicht umhin, Rosa seine umumwundene Anerkennung auszusprechen. Jeden freien Nachmittag benützte der Doktor dazu, um mit Frau und Nichte in die Weltausstellung zu fahren. Einen erfahreneren und beredeteren Cicerone hätten sich die Damen gar nicht wünschen können, und er wieder kein dankbareres Publikum. Natürlich war es nicht die Kleider und Schmuckansstellung, welcher sie ihr besonderes Augenmerk schenkten, obzwar sie auch diese Abteilung besichtigten. Es waren hauptsächlich die Wunder der Maschinenhalle, dann die Natur- und Kunsterzengnisse fremder Länder, welche von den Bewohnern derselben vorgefnhrt wurden, es waren die exotischen Menschen und Dinge, welche die Aufmerksamkeit unserer kleinen Gesellschaft fesselten. Die Sprachkenntnisse des Doktors kamen ihnen sehr zu statten, da sie es ihm ermöglichten, sich mit den sremden, auch außereuropäischen Ausstellern iu ein Gespräch einzulassen, um Anssührliches über das Vorgeführte zu erfahren. Ein schöner Nachmittag, an welchem sie besonders ansgeräumt und ausnahmfähig waren, bestimmte unsere kleine Gesellschaft znm Besllche der Knnsthalle. Da konnte es der alte, aber immer noch witzige Herr nicht unterlassen, sein Nichtchen auch der Probe zu unterziehen, die der allezeit bereite Wiener Witz für die ahnungslosen Provinzler erfunden hat. Aus dem Prachtgebüude der Kunsthalle stand mit großen goldenen Lettern als Inschrift nichts als die Worte: „D e r K n n st." Diese beiden Worte läßt der seinen Gast ans der Provinz herumsührende Wiener von ihm herablesen und da kommt es vielfach vor. daß der Fremde das erste Wort als Artikel auffaßt und sich über die Unrichtigkeit des Ausdrucks verwundert. Als unsere Gesellschaft auf dem weiten Platze anlangte, in dessen Mitte sich die Knusthalle mit dem hohen Giebel befand, sagte der Doktor zu Röschen: „Bitte Kind, die Sonne blendet mich zu sehr, und du hast doch ein so gutes Auge, lies mir die Inschrift da oben." Arglos, ohne irgend etwas besonderes zu finden, las Röschen: Der K u n st. Als sie später erfuhr, welche Falle ihr gestellt worden, der sie aber glücklich entgangen sei, sagte sie einfach:

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