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Die Wahrheit · 1910-06-24 · Heft 25 (24.6.1910) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 25 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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9. ■;.s G ''y %; ■-• . |i Lette 6. Dre Wahrheit Nr. 25. Zum Schlüsse forderte Redner von der Regierung-daß sie die Wünsche der Juden mehr als bis jetzt berücksichtige, und namentlich bei Aktionen der Selbsthilfe ihre Unterstützung den Juden nicht versagen möge. (Beifall). Das Leben »nd Wirken der Inden in Oesterreich in normörziichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Was den Talmudunterricht betrifft, so haben sich die Rabbiner in den österreichischen Ländern, in vormärzlicher Zeit, an demselben persönlich recht lebhaft beteiligt. Die erste Frage, die ein Rabbiner in damaliger Zeit bei seiner Anfnahme an die Gemeindevertretung gerichtet hatte, lautete: Wie viele Bachurim — Talmudjünger — werdet? Ihr mir erhalten? Und die Gemeinden waren in der Tat trotz der vielen „In ensteueru", die sie tief zu Boden drückten, opferwillig genug, ddzese Frage zur Zufriedenheit ihrer Rabbiner zu lösen. In den m eisten Gemeinden Ungarns, Mährens und Polens haben, wie oben bereits erwähnt wurde, „Jeschibots“ floriert. Der populistischen Methode, die R. Jalob Polla! (geb. 1460, gest. 1630 in Prag) angebahnt, huldigten fast alle Rabbiner Ungarns, Mährens und Polens. In den „Schiurstuben", Lehrsälen, hielten sie täglich ihre talmudistischen Vorträge, die man „Ohilukim“ nannte. Mit edler Wißbegier lauschten die Talmudjpnger den von Scharfsinn, gewandter Dialektik und großer taldmudischer Belesenheit zeugenden Vorträgen der Rabbiner und wagten es nicht selten, die von denselben kunstvoll ausgeführten Halach-Gebäuden durch mannigfache Fragen, Einwendungen und Gegenbeweise zu alterieren oder sie gar in ihren Grundfesten zu erschüttern. Der Rabbi aber war zumeist bescheiden genug, um selbst dem unbedeutenden Taldmudjünger, wenn es ihm gelang, eine gewiegte, die Existenz des mühevoll abgefaßten „Chiluk“ in Frage stellende Einwendung oder eine „Herbe Kasche" „schwere Frage" aufznwerfen, Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. Ja noch mehr, nur auf diese Weise konnte sich der Baohvr die Gunst des frommen Rabbi erwerben. Je mehr der Baobrrr den Rabbi mit schwer zu beantwortenden „Fragen" „Kaschjos“ behelligte, je eifriger er sich an der Debatte (Pilpul) beteiligte, desto mehr gewann er sowohl beim Rabbi als bei den „Baale batim“ Gemeindemitgliedern an Ansehen und Achtung. So sehr auch die populistische Anslegungsweise des Talmud und dessen Glossatoren selbst von den hervorragendsten rabbinischen Autoritäten, wie Jesaias H u r w i tz n. a. m. als unnütze Sophisterei perhorresziert wurde, glaubten die meisten damaligen Rabbiner Oesterreichs sie denn doch beibehalten und pstegen zu müsseu, weil sie Geister geweckt und gestärkt und ihnen die anziehendste Beschäftigung gewährt hatte. Nur durch den Pilpul, der sowohl in Schiurstube als in Synagoge bei den halachischen Vorträgen eine bedeutende Rolle spielte, fühlte sich die Jugend mit unwiderstehlicher Kraft zum Studieren des Talmud hingezogen, hingerissen. Halachaische Vorträge hielten die alten Rabbiner in den Synagogen nur am großen Sabbath „Schabbos hagodaul“ und am „Schabbos Teschubah.“ Vier Wochen vor den genannten Sabbathen wurde schon das „Stückchen Gemara" ausgegeben, das heißt der Rabbi ließ allen Talmudisten „Bene Thora“ in der Gemeinde anzeigen, daß er sich slber dieses oder jenes Thema in seiner nächsten „Derascha“ verbreiten werde. Bei diesen Vorträgen „Charifot Deraschot“ in den Synagogen ging es oft recht lebhaft zu, da es jedem Talmudkundigen gestaltet war, mit dem Rabbiner („mefalpel“) zu debattieren, an ihn Fragen und Einwendungen zu richten, die zuweilen geeignet waren, den ganzen „Chiluk“ zu erschüttern. Die Debatte (der „Pilpul“) dauerte oft eine Stunde lang, ohne daß entschieden werden konnte, welcher Seite der Sieg zugeschrieben werden darf. Da aber ein großer Teil der Zuhörer von all dem, was da gesprochen und gestritten wurden kein Sterbenswörtchen verstand und sich daher langweilen mußte, so beeilte sich oft der Rabbi sein „Charifus“ zu beenden, um mit seinem populären Vortrage, „Äagidot“ genannt, beginnen zu können. - Er forderte jedoch die Talmudkundigen auf, ihn nachmittags iu seiner Privatwohnung zu besuchen, damit die Debatte fortgesetzt und die talmndische Disputation ausgetragen werden könne. Moralpredigten wurden nur am Neujahrsfeste vor dem Schofarblasen tmd am Vorabende des Versöhnungstages gehalten. Trauerreden hielten sie nur beim Leichenbegängnis einer verdienstvollen, strengreligiösen und'würdigen Persönlichkeit. Mehr zu predigen wurde ihnen von den Gemeindevorständen bei ihrer Aufnahmenichtznr Pflicht gemacht. Der Berufder alten Rabbiner in den österreichischen Ländern war im allgemeinen: das Studium des Talmud zu fördern, Streitigkeiten zwischen den Parteien zu schlichten und Gewissensfragen „Schaalot“ zu entscheiden. Jit der Synagoge, wenn sie dieselbe überhaupt täglich besuchten (denn in vielen Gemeinden, besonders in Ungarn besuchten die Rabbiner großer Gemeinden, wo Jeschibot bestanden, die Hauptsynagoge nur am Sabbath und an den hohen Feiertagen, während sie an Werktagen dem Gottesdienste in der Schiurstube oder „Bot hamidrasch“ beiwohnten), beschränkten sich ihre Funktionen auf das Rezitieren des „Lemaan jirbu“ und auf das Vortragen des Schlnßgebetes „Neila“ am Versöhnungstage. Nichtsdestoweniger hatten sie sicn der allgemeinen Hochachtung und Verehrung zu erfreuen. Man schätzte in ihnen die Förderer und Verbreiter der Kenntnis der Thora und hielt sie für die eigentlichen „Megine hador“, die Gemeinden bewachenden Schutzengel, die den Himmel zu erflehen und jedes Leid und Weh von der Gesamtheit fernznhalten vermochten. Lag jemand in der „Gasse" schwer danieder, eilte man zum Rabbi und ersuchte ihn, daß er für den Kranken Gebete verrichten und ein „Pidjon Nefesch“ machen und ihm einen neuen Namen beilegen möge, tvas niatl Schinuj haschem nannte*), weil man der Ansicht huldigte, daß bei Veränderung des Namens auch der göttliche Wille sich ändere. Drohte jemandem in der Gemeinde von irgend einer Seite Gefahr, so wandte er sich vor allem an den Rabbi, weil man voraussetzen zu dürfen glaubte, daß dessen Gebet gewiß Erhörung und Gewährung finden werde; kurz in allen Verhältnissen des Lebens mußte der fromme Rabbi, der als Schntzgeist der Gemeinde galt, allen Mitgliedern mit Rat und Tat hilfreich zur Seite stehen. Es kam daher nur äußerst selten vor, daß irgend jemand iu der Gemeinde gewagt hätte, dem Rabbi nahezukommen, ihn zu kränken und zu verletzen. Und wenn auch schon zuweilen die Ansichten des einen oder andern mit denen des Rabbiners kollidierten, so vermied man es dennoch sorgfältig, dem Seelenhirten in demonstrativer Weise zu begegnen, weil man fürchtete, man könnte sich versündigen. Ja man beherzigte das Wort More rabboch kemaure schomajim. (Fortsetzung folgt.)_ Verschiedene Nachrichten. Wien. Alexander und Anna Schorr-Widmung. Herr Alexander S ch o r r widmete ein mit einem Fruchtgenuß ans Lebensdauer belastetes Kapital im Nominalwerte von 71.000 Franks goldverzinslicher Eisenbahnprioritäten zum Besten des Vereines Kaiserin Elisabeth Lehrmädchen und A r b e i t e r i n n e n h e i m in Wien. Die Widmung soll auf den Namen der Ehegatten Alexander und Anna Schorr lauten. Wien. Anläßlich des bevorstehenden Schulschlusses fand am vergangenen Samstag nachmittags, im Tempel des XX. Bezirkes in der *) Jni Altertum war bei den orientalischen Völkern, wie es männiglich bekannt ist, der Glaube vorherrschend, daß der Name der Menschen und Tiere aus das Glück wie auf das Unglück Einstuß habe. Selbst der berühmte Tanaite R. Mair huldigte dieser Ansicht. So wird von ihm (Joma 83) erzählt, daß er einst auf der Reise des Nachts deshalb dem Gastwirte seine Börse nicht anvertrauen wollte, weil dessen Namen ihm von übler Vorbedeutung erschien. Und als er ein zweites Mal die Vorsicht gebrauchte, nicht eher ins Gasthaus einzukehren, bis er den Nameir des Wirtes erfuhr, dieser aber zufällig Bala (veraltet) hieß, setzte er seine Reise fort, ohne einzukehren, (ibid, Berach. 7.) Auch in der modernen Zeit wird leider häufig, und zwar wenn es gilt, einen schweren Geburtsfehler zu korrigieren, um in der großen Gesellschaft vorwärts kommen zn können, von „Lchinuj haschem“ „Namensveränderung" der ausgiebigste Gebrauch gemacht. ’-jgegjy.yw:rare-y

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