Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 25. Die Wahrheit Lette 5. gleich mit .seinen Feinden hat rin grelles Licht auf die Mißwirtschaft dieser Herren geworfen. Die Juden werden von diesen Leuten durch Jahre aus allen Stellen verdrängt,, die Inden werden von diesen Leuten als. Ausbeuter des Volkes,. als Schädlinge bezeichnet, der Kampf dieser Leute ging nur gegen das Großkapital, gegen die Juden. Das alles war nötigdamit sie sich selbst bereichern, damit sie selbst Verwaltungsräte und einflußreiche Persönlichkeiten werden. Sie schrieen:. Haltet den Dieb, damit sie nicht selbst gefangen werden. Die Erklärung Hrabas hat viel mehr aufgedeckt, als es die Gerichtsverhandlung vermocht hätte. Nun weiß man, daß alles und noch mehr wahr ist, was Hraba sagte. Sie hätten sonst das Licht des Gerichtssaales nicht gescheut. Wer Butter auf dem Kopfe hat. darf nicht in die Sonne gehen! A. fl. L. Ans der Budgetdebatte nn österreichischen Reichsrat. In der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 15. d. M. versuchte der Abgeordnete Dr. Gabel in einer großen Rede die Aufmerksamkeit des Hauses auf die Notlage der Juden besonders in Rußland wie in Galizien und der Bukowina zu lenken. Zunächst schilderte er mit lebhaftenFarben die Greuel der früheren Pogrome und verwies dann auf die gegenwärtigen barbarischen Vorgänge in Rußland. Die Regierung hat offiziell die Vertreibung aller Juden aus Sibirien, aus Finnland aus den Naphtagebieten angeordnet. Selbst die Kinder der nach Sibirien verbamtten Eltern durften nicht bei den Eltern bleiben. Der jüdischen Jugend, soweit sie nicht in Universitätsorten wohnberechtigt war. hat man den weiteren Aufenthalt verboten und den Studenten, welche die Wohnberechtignng hatten, hat mau den Anteil an den Universitäten auf 3 bis 6 Prozent aller Hörer beschränkt. In der letzten Zeit hat man die Juden sogar aus den Bädern vertrieben; man gestattet nicht einmal den Kranken, Heilung zu suchen. Wir lesen fortwährend von Austreibungen der Inden sogar aus ben Städten und Orten, wo sie jahrzehntelang wohnten und einem ehrlichen Berufe nachgegangen find. Die Inden werden gegenwärtig aus den Gonvernements Pakow, Berdiczow, Libau, Taschkent, Kiew in Massen vertrieben und wo man nicht die Eltern selbst austreiben kann, trennt man sie von ihren im zartesten Alter stehenden Kinder, indem man diese über die Grenze bringt. Die Zeitungen melden, daß, als diese Vertriebenen sich auf eine gewisse Zeit in die umliegenden Wälder geflüchtet hatten, das Militär diese Wälder umzingelte und die Inden wie wilde Tiere aus diesen Wäldern verjagte. Angesichts dieser Tatsachen müssen wir vor der ganzen zivilisierten Welt einen scharfen Protest gegen dieses erbarmungslose Vorgehen der russischen Regierung erheben. (Zustimmung). Wir appellieren an die Knlturwelt, daß sie, wie im Falle der Finnländer, der unterdrückten Polen und Rnthenen in Rußland, sich auch der Juden annehme und in Publikationen und Manifestationen knudgeben möge, daß das offizielle Rußland alle Pflichten der Menschheit mit Füßen tritt. (So ist es!) Wir aber werden, so lange diese Zustände anhalten, den Vertretern der panrnssischen Idee, ebenso den Vertretern des Neoslawismus, insoweit sie in Verbindung mit den offiziellen Kreisen Rußlands stehen, nur mit Mißtrauen entgegentreten und sie ans tiefster Seele verabscheuen. (Sehr richtig.) Ich gehe nun an die Besprechung der Verhältnisse der I n d e n i n Oesterreich, insbesondere in Galizien und in der B u k o w i u a. Es ist ja wahr, daß in Oesterreich von Pogrom und ähnlichen Verfolgungen nicht die Rede sein kann, nichtsdestoweniger wird die wirtschaftliche Lage der Juden von Tag zu Tag schlechter, nichts geschieht zur Besserung ihrer Lage, nichts seitens der berufenen Organe, was eine Linderung der Judennot herbeiführen könnte; im Gegenteil, es werden von dieser Seite Maßregeln getroffen, durch welche große Reihen jüdischer Familien an den Bettelstab gebracht werden. Ich verweise da auf eine Frage, welche in diesem Jahre. Galizien, insbesondere die . dortigen Juden beschäftigt, nämlich die Fragd der Aufhebung der Propination nnd bre Einführung der. konzessionierten Schänken. Meine Herren, wir Juden sind vorbehaltlos gegen die Trunksucht und deren Förderung, wir verabscheuen dieses. Luster. Der beste Beweis dafür, daß bei den Juden eine Abneigimg gegen das Trinken besteht, ist der Umstand, daß der Prozentsatz der geistigen Krankheiten, welche vom Alkoholismus herrühren, unter den Juden minimal ist. Wenn man aber gegen die Trunksucht ankämpsen will, so muß man zur Quelle der Trunksucht Vordringen, muß man den Fabrikanten des Giftes, den Produzenten des Alkohols an den Leib rücken und Maßregeln treffen, diese Produktion einznschränken oder gänzlich einzustellen. Wir wären gerne dabei, wenn die Produktion des Alkohols eingeschränkt oder ausgehoben, wenn sie durch Steuern einfach unmöglich gemacht werden würde. Wir sehen aber, daß sich gerade die Produzenten des Giftes der besonderen Gunst der Regierung erfreuen, daß gerade die Großgrundbesitzer, die größten Spiritusprodnzenten, schon vor Jahren große Bonifikationen für den Wegfall der Propinatioirsrechte erhielten. So wurde ihnen für das Propinationsrecht nicht weniger als 124,400.000 K. in vierprozentigen Obligationen ausgezahlt. Außerdem erhielten jährlich die Landesfouds 300.000 K. und die Bezirksfonds 100.000 K. als jährliche Entschädigung für das Propinationsrecht. Diese Entschädigungen machen schon jetzt zusammen 15 Millionen Kronen aus. Die Großfabrikanten bekommen Exportprämien, tarifarische Erleichterungen; alles was ihnen die Produktion dieses Giftes ermöglicht und erleichtert, wird getan und hiedurch wird die Quelle des Uebels noch genährt. Hier sollten die Hebel angesetzt werden, nicht aber bei den kleinen Verschleißern, welche nur Werkzeuge in den Händen der Großproduzenten sind, welche selbst in Not leben, dem Fabrikanten die Abgaben leisten und außerdem dem Staate ungeheure Stenern entrichten. Man braucht nur in eine Dorfschenke zu treten und sieht, in welcher Not dort die Familie des Inhabers lebt, wie kümmerlich sie sich erhält. Man braucht nur die Protokolle der Gerichtsverhandlungen lesen, um zu sehen, wie oft ein kleiner Dorfschenker sein Leben aufs Spiel setzt, wie oft er von den betrunkenen Burschen geschlagen oder zu Tode gemartert wird. Die Zahl dieser kleinen Dorffchenken ist nicht gering. Es handelt sich hier um 17.000 Schenker. Wenn wir jede Familie durchschnittlich mit fünf Personen annehmen, so sind es 85.000 Personen, welche von diesem kümmerlichen Gewerbe leben. Diese Leute will man jetzt insgesamt an den Bettelstab bringen; eine unselige Agitation im Lande führt dazu daß unberufene Elemente Schankkonzessionen erhalten und die, alten jüdischen Schenker bei der Verteilung von Konzessionen unberücksichtigt bleiben sollen, daß Krämer, Gemischtwarenhändler oder Organisationen, die sich mit der Krämerei oder dem Gemischtwarenhandel beschäftigen, sich um diese Konzessionen leider mit Erfolg bewerben. Die Statistik zeigt jedoch, daß gerade im Krämerladen die Trunksucht am meisten gefördert wird, weil dort jede Kontrolle der Behörden entfällt. So finden wir in der Statistik des Handelsministeriums, daß in den letzten 25 Jahren die Anzahl der Hauptansschankstütten sich nicht vermehrt, sondern um 2488 Stellen vermindert hat und die Anzahl der Kramläden, wo Branntwein in Flaschen verkauft wird, jedoch vom Jahre 1881 bis 1906 von 7273 auf 46.789, also um 39.516 gestiegen ist. (Hört! Hört!) Die Zahl solcher Verkaltfsftellen sollte man eher einschränken, nicht aber daran gehen, sie zn vermehren. Nun aber verlautet, daß die Landesregierung beabsichtigt, das Schankrecht den Gemifchtwarenhändlern und Krämern, fei es den organisierten oder den einzelnen zu verleihen, wogegen wir Stellung nehmen müssen. Redner gelangt daher, daß eher die Leute, welche sich bis jetzt mit dem Schankgewerbe befaßt haben, das Vorrecht erhalten, die Konzessionen zu bekommeir und daß sie dabei in erster Linie berücksichtigt werden. Es ist dies eine Forderung der Humanität und der Gerechtigkeit. Man soll nicht denjenigen, der bisher sein Gewerbe gehörig ausgeübt hat, plötzlich vor die Türe setzen und zum Bettler machen.