Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4. Nr. 25. Die Wahrheit für das dech Nächsteil. ^»gefügte Anrecht esnzutreten) einer,. Aufforderung,- Solidarckätspflicht iiitd Nächstenliebe rzü verleugnen, und HildePein sttafhin es DMt, das ikeine.Milhernngsgründe zuläM unG unmöglich vor dem höchsten Gerichtshöfe des Wellgewffsens der verdienten Strafe entgehen kaün. Umso weniger, als an der Spitze dieses^ philanthrophischen^ Vereines ein lichtvoller Geistesfürst steht, dessen Rechts- und Solidaritätsbewnßtsein mit seinem Hellen Geiste gleichen Schritt halten. Ohne Mitgefühl bildet auch, die genialste, Person eine geistige Mißgeburt, die den verheerenden Geislesantipoden anzureihen ist. Zweifellos ist es, daß Menschen, die an sich tugendhaft, jedoch indolent sind, ein schärferes Urteil verdienen als jene, die einen Justizmord inszenieren und Vorsorge treffen, daß die bewußten und unbewußten Geistesautipodeu aus mißverstaudener Staatsraison dem Monarchen diese Missetat verheimlichen. Erstere sind deshalb weit sträflicher, weil sie im Gegensätze zu den geistigen Mißgeburten und psychisch Degenerierten in der Lage sind, die ganze Tragweite dieser Ungeheuerlichkeit zu erkennen. Man kann auch nicht oft genug betonen, daß das von den Geistesantipoden hochgehaltene Taktgefühl, sich in die Angelegenheit eines die Menschenrechte knebelnden Staates ja nicht einzumengen, in Wirklichkeit die verwerflichste Gefühlsroheit bildet. Denn Menschenrechte sind Gemeingüter und wenn ein grausames Staatsgebilde unsere wehrlosen Brüder hinmorden läßt, so ist es eine Angelegenheit der ganzen zivilisierten Welt und jedes Einzelnen, der menschlich fühlt. Deshalb sei ein Appell an sämtliche Edeldenkeude gerichtet, alle Stände, Advokaten, Arbeiter, Aerzte, Beamte, Industrielle, Lehrer, Miitister. Professoren, Richter, Seelsorger und Staatsanwälte anzueisern, sich von dem größten aller Verbrechen, von der Indolenz zu befreien und sich die Hände zu reichen, um das Wort unseres erhabenen Kaisers Viribus unitis in die Tat umzusetzeu. Erleuchtete Geister Oesterreich-Ungarns! Jedem von Euch ist es klar, daß wir unserem geliebten Monarchen und unserem teueren Vaterlande keine größere Ehre und keinen wertvolleren Dienst erweisen können, als eine Liga zur Verteidigung der Menschenrechte zu gründen und daran zu arbeiten, unsere irregeführten Menschenbrüder von den Niederungen des törichten, geistestötenden Mordpatriotismus zu der sonnigen Höhe reiner, vernünftiger, lebensspeudender Vaterlandsliebe zu erheben. Verhelfen wir dem Herrscher durch Hinwegräumnng der chinesischen Mauer, welche die Wahrheit verschließt, zur Handhabung der herrlichsten, königlichen Psticht. Setzen wir unsere ganze Kraft ein, daß S e. M a j e st ä t in der Lage sei, das 80. Wiegenfest mit dem beseligenden Bewußts e i n z n s e i e r u. durch sein königliches Mach tw o r t, den fleckenlosen Schild der Justiz wieder aufgerichtet zu haben, ans daß seine erhabene Person das Recht des unverkürzten Rechtes uusstrahle über alle Lande. Aus zum Jubiläum unseres Laudesvaters mit dem erhebenden Bewußtsein, die für die Reinheit der Justiz einstehende Liga zur Verteidigung der Menschenrechte sei das schönste Jubiläumsgeschenk. Elias Lehr. Hrabas Erklärung. Der Finanzminister der Stadt Wien hat am 19. März, kurz nach dem Tode des Dr. Lueger, in einer Versammlung gesprochen und ein naturgetreues Bild der christlichsozialen Machthaber entworfen: Noch war der Bürgermeister nicht tot, als schon um freiwerdende Stellen geschachert und lizitiert wurde; man schreckte vor keinem Mittel zurück, Schwindel und Jntriguen wurden angewandt, »letzte Worte" wurden kolportiert; es wollte einer alles haben. Hraba hat vieles aufgedeckt und sein treffendes Wort, daß die christlich-sozialen Machthaber zum Gotte „Nimm" beten und nur diesem Götzen dienen, hat viel Aufsehen erregt. Mit wuchtigen Hieben hat er auf die dichtgefügte Mauer losgeschlagen, mit der sich die Wiener Größen umgeben. Hieb, auf Hieb siel nieder, Keulenschläge von rücksichtsloser Hand prasselten auf das Gemäuer'Und schon begannen sich-die systematisch anfgetürniten Steine abzubröckeln, schön entstanden Risse und Löcher, durch die man auf das intime Treiben dieser Retter des „kleinen Mannes" einen Blick werfen konnte. Und was konnte man ba alles sehen! Ehemalige Nullen, die jahrelang nichts taten,- sondern nur auf die. Rettung des Volkes vom Großkapital bedacht waren, stolzierten da hinter der dichten Schutzmauer von Volksverdummung und Klerisei als Millionäre herum. Ehemalige Greisler, Schänker und kleine Handwerker gingen mit goldenen Ketteil und hohen Orden umher, sie waren nicht mehr die bescheidenen Herren so und so, die um Stimmen bettelten, sondern die einflußreichen Herren Regierungsräte, kaiserlichen Räte, Oberproknratoreu, Laudesminister, Bankitnd Kassendirektoren, denen mau die Stimmen geben mußte, wenn man für sich und seine Verwandten um irgendeine kleine Nebenstelle oder kleine Kouzessioit betteln wollte. Wenn diese kleinen Risse in der christlich-sozialen Mauer schon so viel Unfug und Stellenhascherei bloßlegten, was mußte man erst zu sehen bekommen, wenn die ganze große Schutzmauer niedergerissen würde? Mit viel Geschrei und Entrüstung sielen die beati possidentes, über den armen Hraba her; der Landtag mußte geschlossen werden, damit Hraba der gerechten Strafe nicht entgehe; er wurde aus allen Ehrenstellen hinausgestoßen. damit man ihn auch moralisch züchtige; jeder wartete mit Spannnng auf die neuen Enthüllungen des Intimus des früheretl Bürgermeisters — da plötzlich wurde den Wiener Großen klar, daß das Licht nicht gut sei. Sie haben solange im Finstern und Trüben gefischt und ganz prächtige Goldfische gefangen — wer weiß, was dieser Unmensch, dieses ungeratene Schoßkind im Gerichtssaal alles ansplanschen könnte! Aber etwas mußte geschehen. So schmeichelte man dem guten Hraba, versprach ihm alles zu verzeihen und zu vergessen, Weiskirchuer, der noch auf Großes wartet, legte sich ins Mittel und siehe da, Hraba gab eine magere Erklärung ab, die nichts sagt und nichts bedauert, sondern nur um loyale Aufnahme bittet, und der große Vernichtnugskampf, den alle gegen einen führen wollten, ist in nichts aufgelöst, die Fäuste, die drohend über Hrabas Kopf gehoben wurden, öffnen sich rührend und drücken dankbar die Hand des Edlen, der nicht mehr so ungeraten sein will. Das alles könnte man ruhig hiuuehmen, wenn es sich um eine bloße persönliche Rauferei handelte, die die Bevölkerung nicht berührt. Hier aber haben Leute die Flucht vor der Oeffentlichkeit ergriffen, die anderthalb Jahrzehnte mit den Steuergeldern der Gesamtheit gewirtschaftet haben. Die Steuerzahler wollen und müssen wissen, warum die Geheimtuerei nötig ist, weshalb mau sich hinter Mauern flüchtet, in die kein Uneingeweihter blicken darf! Müssen wir Inden das Geld für den Stellenhuuger dieser Leute hergeben, die sich selbst kontrollieren und die Oeffentlichkeit scheuen? Müssen wir zuseheu, wie Stadt und Land keinen einzigen jüdischen Beamten zulasten und alle früheren Angestellten fortwährend präterieren? So sollen wir einer Clique ausgeliefert sein, die etwas oder sehr viel zu verheimlichen hat? Wer liest nicht mit Staunen die Artikel des „Deutschen Volksblattes," in denen haarsträubende Dinge erzählt werden, aber wer hat schon daran gedacht, eine große Volksversammlung einzuberufeu, die laut und vernehmlich in alle Welt hinausschreien würde: Wir w o l l e n die Ma u e r n i e d erre i ß en, hinter der mit unserem Gelde gespielt wird! Schon nehmen die Stimmen der Christlich-Sozialen merklich ab, schon dringen sie nur mit allen möglichen Wahltechniken durch. Eine Vereinigung aller Gegner des jetzigen Systems müßte dieses rasch zu Falle bringen. Die Juden haben bei den letzten Gemeinderatswahleu gezeigt, was Solidarität und guter Wille leisten können. Nur los gegen die Mauer, nur vorwärtsstürmen mit Mut und Ansdaner, die Mauer wankt und kracht schon in allen Fugen. Hraba hat durch seine Hiebe Risse gemacht, die mit feiner Erklärung nicht wieder verpickt werden können. Man hat einen kleinen Einblick erhalten und muß nun fordern, alles zu sehen und zu wissen. Die Erklärung Hrabas und der Aus- Tgavr *T*yr«*r 'ursm