Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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An die erlenchtete» Geister der österr.-nngar. Monarchie. Motto: Wer die Wahrheit weiß und sagt sie nicht, Der ist fürwahr ein Bösewicht! Die Aversion hervorragender Geister gegen Leisetreterei und Byzantinismus verliert an Geltung gegenüber jenen Ausnahmsfürsten, welche ihren Völkern bestens dienen wollen. Bedauerlicherweise konnte bei diesen der gute Wille bislang nicht zur Tat werden, weil der Menschengeist das Produkt eines jahrhundertelangen Ausweichens natürlichen Denkens ist. Ueberdies ist es einleuchtend, daß das Milieu, in welchem die Fürsten und deren Umgebung aufwachseu, dem verkehrten 1 Denken noch mehr Vorschub leistet. Was Wunder, wenn das! wirkliche Staatsinteresse verkannt, der lautere, edle Patriotismus ' verlacht, dagegen die barbarische Staatsraison verherrlicht wird.! Aber selbst jene erleuchteten Fürsten, die befähigt sind, dieser! Erkenntnis näherzukommen, werden von gewissen staatlichen! Faktoren, welche die Wahrheit verdrängen, daran gehindert.! Viel Unrecht wäre abgewendet, würde nicht eine ent- > menschte Staatsraison den Verteidigern der Menschenrechte vor j den Stufen des Thrones beit Einlaß verwehren. Wurden oft j Fürsten unglücklich, weil sie die Wahrheit nicht hören wollten,! so werden ganze Völker ins Verderben gestürzt, weil die Sou-? veräne die Wahrheit nicht hören können.! Am 18. August werden es 80 Jahre, seitdem Kaiser Franz j Joses I. das Licht der Welt erblickte. Ein edler Fürst, welcher i als oberster Hüter des Rechtes nicht nur von der bezwingenden j Pflicht, jedem, auch dem Aermsten der Armen, sein Recht werden! zu lassen erfüllt wird, sondern auch von den lautersten Inten-! tionen beseelt ist, die Wohlfahrt Aller zu fördern. Ein solcher! Herrscher verdient wirklich allgemeine Verehrung, und es ist! freudig zu begrüßen, baß die Akademie der Wissenschaften ans; diesem Anlasse eine Marmorbüste ansertigen ließ und den j Monarchen als Hort der Milde und des Rechtes feierte. j Erwähntermaßen werden wir im großen und ganzen zur Umgehung gesunden Denkens erzogen. Diesem Umstande ist es zuznschreiben, daß selbst anerkannte Größen aitdauernder Suggestion erlagen und die zum logischen Denken führende Bahn nicht aufsiuden konnten. Allein den Ansnahmsmenschen, welche gegen suggestive Einflüsse immun sind, drängt sich der Gedanke aus, wie absurd es wäre, einem Reichbegüterten seine wertvollsten Schätze zu rauben, dagegen ihn durch eine Marmorbüste zu ehren. Ungleich wertvoller als die Eroberung eines ganzen Reiches ist die Macht, das Recht triumphieren zu lassen. Wenn aber einer kurzsichtigen Politik, einer grausamen Staatsraison zuliebe die Macht des Herrschers, Justizmißgriffe zu beseitigen, dadurch aufgehoben'wird, daß man die in der ganzen gebildeten Welt offenbare Wahrheit: „Oesterreich duldet die Hinsiechung eitles unschuldig Verurteilten" dem Oberhaupte des Reiches verschließt, so begeht man, ungeachtet errichteter Denkmäler, nicht nur ein Verbrechen an Menschlichkeit und Gewissen, sondern auch einen Hochverrat an Kaiser und Reich. Selbst jene spießbürgerlichen Krämerseelen, welche das Justizopfer zu unbedeutend halten, um seinetwegen viel Aussehens zu machen, sollten schon zur Ehrenrettung der Dynastie den Jnstizsrevel beseitigen helfen. Allerdings wäre hiezu mehr das Gericht selbst berufen, welchem die bezwingende Pstichl obläge, aus dem Gebete: „Allgütiger! Sind wir der Erlösung unwürdig, so erlöse uns Deinetwegen", den Schluß zu ziehen: wenn es auch einer niedrigen Strömung zufolge unstatthaft wäre, einen Unschuldigen, weil er ein armer, beschränkter Jude ist, der Befreiung würdig zu hallen, so müsse die Rehabilitiernng des wehrlosen Opfers der höchsten Person zuliebe, in deren Namen Recht gesprocheti wird, erfolgen. Wie die Frucht den Baum erkennen läßt, so ist auch ans der Handhabung der Gesetzgebung das Zivilisationsniveau eines Volkes ersichtlich. Welchem Klardenkenden aber brachten nicht die Motive, derenthalben das Gnadengesuch für Hilsner abgewiesen wurde, das Wort Hellenbachs ins Gedächtnis: „Unsere Zivilisation i st das umgekehrte Bild der Z nst ä n t> e, d i e w i r a n z u st r e b e n habe n." Oder ist es nicht kulturwidrig, wenn Richter, die als Muster des Rechts- und Solidaritütsempstndes gelten sollen, in einem Falle, wo die Jnszeniernng eines Justizmordes offen vorliegt, jedoch zufolge eines verknöcherten Gesetzes die Befreiung des Gefangenen nur durch Gnade möglich ist, keinen Grund finden, das von dreißigtansend Rechtlichdenkenden überreichte Gnadengesuch zu befürworten. Oder bildet es nicht den Gipfelpunkt der Verkehrtheit, einem Vereine, aus dessen Fahne Menschlichkeit geschrieben ist, die Befugnis abznsprechen, sich für einen schuldlos Eingekerkerten anzunehmen? In Anbetracht dessen, daß das Um und auf der Justiz darauf beruht, das Rechts- und Solidaritütsbewnßtsein zu wecken, gleicht die Motivierung, ein Verein zur Abwehr des Neides, des Hasses und der Rechtverkürznng sei nicht legitimiert.