Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-06-17 · Heft 24 (17.6.1910) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063544--06719-3073745
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 24 Die Wahrheit Seite 7. -ihre Aufwartung macheu und ihu daun uach seinem Bestimmungsort .begleiten zu können. Außerhalb der Stadt versammelte sich die .ganze Gemeinde, die Lehrer mit der Schuljugend. Beim Anblicke des neuen Rabbi brachen die Anwesenden unter Musikklängen in den Jubelruf aus: Jecki Adaunenu maurenu werabenu. „Es lebe hoch unser Lehrer und Führer", sodann ivurde er unter dem Baldachin „Ckuppa“ in die festlich geschmückte Synagoge geführt, wo er eine kurze Ansprache an die versammelte Gemeinde hielt. Ihm zu Ehren wurde Abends ein Bankett gegeben, dem die Honoratioren der Gemeinde anwohnten und wobei es an sinnigen Toasten nicht fehlte. Daß bie „Gasse" an diesem Abende durch feierliche Illumination und Prachtvolle Transparente prangte, ist wohl selbstverständlich. Die eigentliche Antrittsrede „Derascka“ hielt der neue Rabbi am ersten Sabbath nach seinem -Einzüge. Als Schreiber dieser Zeilen am 2. Mai 1869 seinen feierlichen Einzug in Kanitz in Mähren hielt, wurde ihm der -Empfang ganz nach alter Weise, wie er hier beschrieben wird, -bereitet. Die alten Rabbiner Oesterreichs hatten im allgemeinen -folgende Pflichten zu erfüllen: Die Förderung des Thorannd Talmudunterrichtes, die Abhaltung gottesdienstlicher Vor- Iräge am großen Sabbath „Sckabbas kagodaul“, am Sabbath vor dem Versöhnungstag „Sckabbas Tesckuba“, am Hausck kaschono, vor dem „Schanferblasen" und am Vorabende des Versöhnungstages; ferner die Beaufsichtigung aller lultuellen und rituellen Anstalten in der Gemeinde, wie die Ueberwachung der Schächter und der sonstigen Kultusbeamten, die Vollziehung der Tranltngs-, Scheidungs- und Okaliria-Akte und die Begutachtung und Entscheidung aller ans die Ritualien Lind den Gottesdienst beznghabenden Fragen. (Fortsetzung folgt.) Wiener Ghetto. Von Jakob Fingermann. Wiener Ghetto? Ja, Ghetto! Der alte Judenschmerz ist -noch nicht ausgestorben; die Wunde blutet noch frisch, noch harrt das arme Volk der Erlösung und wandert, wandert rastlos im Banne des Golus. Sie sind znsammengeströmt aus aller Welt und tragen die Farben ihres Landes. Juden ans Galizien, aus dem finstern Rußland, aus Spanien, Rumänien und Palästina: ein Konglomerat von Gestalten, Sitten, Sprachen und Lebensäußerungen; aber alle verbunden und gebunden durch gleiches Leid und gleiche Not. Das arme, gehetzte Judentum ist hier zusammengedrängt. Welch ein Gemisch von Kranken, Krüppeln, Schnorrern, Talmudbeflissenen, Abenteurern! Welch ein Ausfluß von Menschen, Schicksalen, Extremen und Wimderlichkeiten! Gebrochene Männer, vergrämte, frühzeitig gealterte Frauen, verkümmerte Kinder: totgeweihte, lebenentsagende, elende und zermalmte Menschen! In langen Kaftanen, zerdrückten Samthüten bevölkern sie die dunklen Gassen. Ihr Gebühren ist hoffnungslos; sie' erwarten nichts mehr vom Leben, sie kennen nur noch eine Sehnsucht. Ihre Sehnsucht, ihr Verlangen heißt Ruhe, Schlaf. Schlaf und Vergessen! Ihre Angen sehen kein Licht, ihre Herzen fühlen nur Schmerz, ihre Hoffnung ist das Grab und der ewige Gott. Sie besitzen nichts. Sie haben alles verloren: Heimat,. Verwandte, Lebensglück upd nichts ist ihnen gegönnt, auch nicht das nackte Leben. Ich will versuchen, das Gasthaus dieses modernen Ghetto .ZU schildern und enthalte mich hiebei jeder Uebertreibung, wohl wissend, wie sehr die furchtbare Wahrheit mit eindringlicher Sprache selbst für sich redet. Es ist ein ebenerdiges Hans in der Schiffgasse, mit frischgestrichenen Wänden. Eine in hebräischen Lettern geschriebene .und in diddisk Idiom verfaßte Tafel besagt, daß hier polnische Speisen in den Mittags- und Abendstunden zu haben seien. Am Eingänge ist eine Kaffe, wo der Gast für einige Heller eine Mahlzeit ersteht. Än den Wänden ziehen sich Tische hin, die -mit Leinen bedeckt sind. Es ist halb zwölf Uhr. Aus der angrenzenden Küche kommt der Kellner in Hemdärmeln, mit einem riesigen Beutel Brotschnitte, die er an die geduldig Wartenden der Reihe nach verteilt. Sie sitzen in langen Reihen: alte Männer, deren Züge voll Leid sind, halberwachsene junge Leute, Männer in der Vollkraft des Lebens, doch niedergedrückt von unsäglichen Schicksalen, Kinder und Krüppel. Manche haben eigenes Brot mitgebracht; schweres, festes Brot aus der Heimat, dessen Korn aus den Feldern Rußlands reiste und das im eigenen Hause gebacken worden war. Nun wird eine dünne Hirsesnppe ansgetragen, dann Fleisch und Kraut. Man hört das Schmatzen vieler Lippen, Ausrufe, die Stimme des Kellners. In einem Hintergemach essen die Frauen. — Das Mahl ist beendet. Irgendwo, in einem Winkel, erhebt ein alter Jude die Stimme und dankt dem „ewigen, guten Gott, der speiset und ernähret." Einige Stimmen gesellen sich hinzu, der Chorus schwillt an, jeder dankt und preist. Das Lokal wird geschlossen; die Menge zerstreut sich. Die einen suchen ihre elenden Wohnungen aus oder lungern in den Gassen umher, Talmndgelehrte suchen im uralten Bethamidrasch Trost und Zuflucht, Kranke, Elende, Verunstaltete flehen um milde Gaben, der Professionsbettler neben dem verschämten Armen, dessen Herz zittert und weint. Es ist Freitag Abend. Die Lichter flammen im Bethamidrasch, des Vorbeters süße Stimme singt so weich und schön und beseligend. Sein Gesang ist wie eine Freudenbotschaft, wie eine Kunde aus der anderen Welt. Er versetzt sie in die alte Zeit zurück, in die Zeit der Jugend; sie sehen und besitzen im Traume alles, was sie verloren haben: Glück, Freude, Heimat und Liebe. Ein alter Mann schluchzt: ,.O Ewiger!" und ein blasser Gelehrter hat sein Haupt ans die Hand gestützt. „Lecko daudi likras kalo,“ „Sei gegrüßt Prinzessin Sabbath!" Ein Knabe hat zu weinen begonnen. Sein dünnes Stimmchen verliert sich im Chor, der immer mächtiger uud befreiender attschwilll, Lob und Gesang. Trauer und Freude, Weinen und Jubel, Entsagung nnd Hoffnung in sich vereinend. Verschiedene Nachrichten. Wien. (B e t h - H a m i d r a s ch T a l m u d - T h o r a, II. Malzg a i s e 16.) Samstag, den 18. Juni 1910, nachmittags h'zZ llhr, findet daselbst der Schlnßvorrrag für das Sommerhalbjahr des Herrn Rabbinatskandidaten Bela Fischer statt. Thema: „Exegese des W ochena b s ch n i t t e s" — nnd „S prüche der Väter." Wien. A n o n y NI e S p e n d e. Unter dem Decknamen „A. L. Mayer" erhielt der Waisenverein (Präsident David Ritter v. Gut m a n n) anläßlich der bevorstehenden Eröffnung des neuen Knabenwaisenhauies eine anonyme Spende von 1000 Kronen zngesender. Dem ungenannten Gönner ist der innige Dank des Vorstandes gewiß. Wien. Verein zur U n t e r st ü tz u u g armer franfet Israeliten in W i en. Dem Jahresberichte der 31. Verwaltungs- Periode — welcher dieser Tage an Mitglieder und Gönner versendet wurde — entnehmen wir mit Bedauern, daß die löbliche Leitung dieses wahrhaft Humanitären Vereines, der seit Jahren an isr. Patienten im Allgemeinen Krankenhanse nnd bei den „Barmherzigen Brüdern" streng rituelle Kost verabreicht, noch immer mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat — eine traurige Tatsache, aber wahrscheinlich durch die zu schwache Teilnahme seitens der Provinzgemeiuden, namentlich Galiziens, deren Arme das größte Kontingent zu den Kostgängern des Vereines alljährlich liefern, zu begründen ist. Die Ausgaben betrugen über X 23.000 nnd erhöhte die Vorstellung der hiesigen isr. Knltnsgemeinde ihren Jahresbeitrag um X 3000, in Summa trug dieselbe im jüngsten Jahre X 8500 bei, wofür derselben bei der Donnerstag abgehaltenen Generalversammlung besonderer Dank gewidmet wurde. Wien. Brigitte Iraner isr. Unter st ützungsverein. Am 7. d. M. fand im Saale des Restaurant K o h n. XX. Heinzelmanngasse, eine vom provisorischen Obmann des Vereines Herrn Bernhard P o l l a k einberusene außerordentliche Generalversammlung statt, welche von den Mitgliedern sowohl, wie auch seitens der Brigittenauer Judenschaft gut besucht war. Herrn Bernhard P o l l a k eröffnete um 9 Uhr abends die Versammlung, konstatierte die Beschlußfähigkeit, begrüßte die Erschienenen aufs herzlichste nnd gab bekannt, daß infolge Rücktrittes des bisherigen Obmannes Herrn Juwelier Jakob Kohn und des Obmannstellvertreters Herrn Dr. Moritz Kohn, auch der Gesamtvorstand sich veranlaßt gesehen Hut, zu demissionieren nnd forderte die Versammlung ans, neue Männer zu wählen, die nicht bloß den Bestand des für diesen Bezirk so sehr wichtigen Vereines sichern, sondern erfolgreich weiter leiten sollen. Zunächst erteile er aber dem früheren Kassier, Herrn I. R o s n e r das Wort zum Rechenschaftsbericht. In einem alle Details erschöpfenden Expose, erörterte Herr I. R o s n e r den finanziellen Stand des Vereines. Aus dem Be- I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.