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Die Wahrheit · 1910-06-17 · Heft 24 (17.6.1910) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 24. •! >’ -! hat (326). Was habt ihr also vor den bösen Pharisäern I voraus? — Hauri wird doch gewiß die Worte Jesu kennen: j Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel (Matth. 15, 24. cf. Ap. 18, 6!), und dennoch hat er den Mut, zu behaupten: Das Reich Gottes, das Jesus verkündigt, ist frei von nationalen und politischen Schranken, es wird allen angeboten, die ein menschliches Antlitz tragen (193)! Verträgt sich die wahre, einzige Religion mit solchen — Unwahrheiten? Ich bin wirklich neugierig, ob und wann endlich diese Frage überflüssig wird! Dr. Kahan, Znaim. Salomo« Moor, Oberkantor des Neuen Tempels (Geistgasse) in Prag. Am 1. Juni wurde Salomon Moor zu Grabe getragen und mit ihm eine der markantesten Gestalten des jüdischen Prag der letzten Jahrzehnte. Moor entstammte einer ungarischen Kantorenfamilie, die nebst ihm noch mehrere sehr namhafte Kantoren aufwies. Vor 35 Jahren wurde er von Budweis nach Prag als Nachfolger Pereles berufen, und bald erwarb er die Achtung und Neigung seiner Gemeinde in ungewöhnlichem Maße; sein Wirken fand große Anerkennung, insbesondere rühmte man sein „Sagen", denn dem Rezitativ in altem Styl wußte er Wärme und tiefe Innigkeit zu geben. Diese Vorzüge erhielt er sich bis au sein Lebensende, und bis zu seiner Todeskrankheit wirkte er vor einer stets empfänglichen Hörerschaft. Vor 2% Jahren war er anläßlich seines 70. Geburtstages Gegenstand großer Ehrungen und Sympathiekundgebungen weiter Kreise; leider sollte der ungewöhnlich rüstige Greis nach allzukurzer Frist einer tückischen Krankheit erliegen. Moors Begräbnis versammelte eine große Schar Teilnehmender, vor denen der Prediger seiner Gemeinde, Herr Dr. Emanuel Schwarz, in meisterhafter Rede die Vorzüge des Verblichenen pries; im eigenen, wie im Namen des Vorstandes nahm er von dem Toten rührenden Abschied. — Die Kantoren Prags erwiesen ihrem Senior die letzte Ehre durch Absingen des „Schiwisi“ von Pereles, und der nunmehrige Nestor derselben. Herr Adolf B r o d, verdolmetschte die Trauergefühle der Kollegenschaft, bei der das Andenken des Entülichenen gesegnet fortleben wird. Herr M i r s k y versah die kantorale Funktion erhebend. b'X't Das Kesten «nd Wirken der Inden in Oesterreich in narmarzlichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) „Gott der Herr aller Geister, alles Fleisches, möge einen Mann au die Spitze der Gemeinde setzen", einen Mann, der sich durch Charakterfestigkeit, Seelengröße, Biedersinn, wie durch gründliche Gelehrsamkeit, gediegene Fachkenntnis, Scharfsinn und Lebensklugheil auszeichnen, aschsr jeze lifhehem, damit er vor allem die Gemeinde nach außen würdevoll repräsentiere und ihren Ruhm und Glanz, ihre Ehre und Würde erhöhe; denn jede Gemeinde, sie mag groß oder klein sein, wird nicht nach den einzelnen Mitgliedern derselben, sondern nach jenen Persönlichkeiten beurteilt und gewürdigt, die sie vertreten und repräsentieren, leiten und führen, die ihre Angelegenheiten verwalten, die sie belehren, unterrichten und unterweisen. Sind die Lehrer und Führer, die an der Spitze der Gemeinde stehen, ehrenwerte Persönlichkeiten, Männer von Ruf, so gewinnt auch die Gemeinde an Achtung und Ansehen. Werden aber die Aemter der Gemeinde von nicht hiezu vollkommen qualifizierten Individuen bekleidet, so wird auch die Gemeinde selbst in ein schiefes Licht gesetzt, mißkreditiert und verliert an Achtung und Ansehen, kau mekamnau sollst odom mechabdau etc. (Taan. 21). Nicht der Ort ist es — bemerken unsere Weisen — der den Mann verherrlicht und seinen Ruf verbreitet, sondern der Mann,/, wenn er eine hervorragende, verdienstvolle, achtunggebietende^ Persönlichkeit ist, ziert und schmückt, ehrt und verherrlicht den Ort seines Aufenthaltes, die Stätte seines Wirkungskreises. „Schmückt die Rose sich selbst, so schmückt sie auch den Garten". In Bezug auf das Wort des klagenden Propheten Jeremias (1, 2). „Zion wurde seines Schmuckes entkleidet," bemerkt der Midrasch Echa: Elu talmide Ollaollamim, das sind gemeint die Männer der Weisheit, die Träger der Gotteslehre, die Förderer der Wissenschaft -und' Religiosität. Nicht nur nach außen soll der Lehrer und Führer die Gemeinde durch seine Gelehrsamkeit und trefflichen Tugenden würdevoll repräsentieren, sondern auch im Innern derselben soll er bestrebt und bemüht sein, durch eine segensreiche Tätigkeit günstige Resultate zu erzielen. Er soll die Gemeinde als seine große Familie, deren geistiger Vater und Bruder er ist, betrachten, Und au allen Familienereignissen, an den traurigen wie an den freudigen, den innigsten, aufrichtigen und lebhaftesten Anteil nehmen. Er soll weder herrschsüchtig, noch von stolzen Gesinnungen durchdrungen sein, er soll sich nicht überheben und nicht überschätzen, aber sich auch nicht ducken, krümmen und beugen) denn der Servilismns ist nur. geeignet, das heilige Amt, das er bekleidet, zu entweihen. Moses bat daher: „Gott der Herr möge einen Mann an die Spitze der Gemeinde setzen, der nicht nur ihren Ruhm und ihre Ehre wahre und sie würdevoll repräsentiere, sondern sie auch im Innern stärke und kräftige, aseher jauziem waascher jewiem, f i e leite und führ e, unterrichte und unterweise, damit die Gemeinde Gottes , nicht gleiche einer Herde, die herumirrt, wie ohne einen wirklichen Hirten. Und die göttliche Antwort lautete: „Nimm den Josna, Sohn Nun, einen Mann von Geist, Herz und Gemüt isoll aschsr mach, bau, einen von Scharfsinn, Gelehrsamkeit und Kenntnis und lege deine Hand auf ihn" üsw. Moses tat, wie Gott befohlen, er nahm den Josna, stellte ihn dem Priester und der ganzen Gemeinde als seinen Nachfolger vor, legte seine Hände auf ihn (als Zeichen, daß er ihm. in Namen Gottes die Autorisation zur Bekleidung dieses, hochwichtigen Amtes erteile) „und erteilte ihm Befehle, wie der Ewige es angeordnet hatte". So war der Wunsch des großen Führer Moses in Erfüllung gegangen. Er sorgte für sein Volk wie ein treuer Vater für seine Kinder. Nun da sie einen würdigen Führer und Lehrer, „Rabbi", hatten, konnte er sich ruhig, zum langen Schlafe rüsten. Er hatte nicht umsonst gelebt, sein großes Werk wurde fortgesetzt und besteht bis heute noch. Trotz..der grausamen Verfolgungen und Bedrückungen, denen die Bekenner des Judentums Jahrhunderte lang ausgesetzt waren, hat keine Gemeinde es unterlassen, dafür zu sorgen, daß in ihrer Mitte eine Stätte sich befinde, in der die Jugend wie das Alter mit den Grundlehren der Thora, mit der Ethik der Religion von einem würdigen frommen und gründlich gelehrten „Rabbi" vertrant gemacht werde. Bei der Besetzung einer vakant gewordenen Rabbinerstelle hat man nicht auf die äußere Gestalt, nicht auf die schöne stattliche Figur, auch nicht auf das sonore Organ und schöne leere Phrasen und Gesten, sondern einzig und allein auf einen biederen Charakter, auf wahrhaft un geheuchelte Frömmigkeit, gründliche Kenntnis des Talmuds und überhaupt auf Kenntnis des jüdischen Schrifttums Rücksicht genommen.*) Und ein solcher Rabbi hatte sich auch tatsächlich in den meisten Gemeinden der allgemeinen Hochachtung und Verehrung zu erfreuen. Die Installation eines nengewählten Rabbiners geschah in allen Gemeinden Oesterreichs auf die feierlichste Weise. Die Vertreter und hervorragendsten Mitglieder der Gemeinde fuhren ihm zur nächsten Station entgegen, um ihm dort bei seiner Ankunft *) Halbwisser, Charlatane, wie überhaupt unwürdige Subjekte würden, wenn sie es überhaupt gewagt hätten, auf einen Rabbinerposten zu reflektieren, selbst von der k l e i n st e n Gemeinde mit der tiefsten Entrüstung abgewiesen worden sein. Von der gründlichen Kenntnis des jüdischen Schrifttums wurde kein Kandidat, und mochte er ein vorzüglicher Ungar oder gar ein ausgezeichneter Tscheche gewesen sein, dispensiert.

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