Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 23 Die Wahrheit Seite 5. Speziell ob die für die — den Juden fetzt immer als Anti-; typns gegenübergestellten G e r ur a n e n so gerne in UnfprM. genommenen Hstgenpen tatsächlich, bestehen? Ha kommt Nun Zol l sch am, qn Hmch der Geschichte zn dem UHchnis, daß^ dieselben .keineswegs ein Monopol für Treibe und Frei-; heitssinn besitzen,, und auch die Rassenpsyche schrumpft, zu einem Produkt der generativen' Veranlagung zusammen, bei der die Tradition eine keineswegs unwesentliche Rolle zufällt. Auch hier ist die „Entwicklung", ähnlich wie bei der Körpermaterie, das wichtigste, indem die geistigeil Rassenmerkmale auf Vererbung der von den. Individuen erworbenen Eigenschaften zurnckzuführen sind. Oft verbinden sich damit Verschiebungen, indem die Quote der Denkfähigkeit (Begabung) innerhalb der gleichen Bernfsarten bei den höheren Rassen eine größere wird. Zolls cha.n kommt zu dem Resultat, da^ wohl die Quote, aber nicht — wie bisher angenommen — die Qualität der Begabung durch die Rasse gegeben sei. Die Begabungsqnote hänge von der Rasse, die Begabungsgualität aber vom Milieu ab. Auch der Frage der Rassenmischung wendet Zollschau seine Aufmerksamkeit zu. Auf Grund seiner Forschungen redet er der Rasseneinheit das Worh da die Kraft der Vererbung innerhalb der reinen Rassen eine weit größere ist, als bei Mischlingen. In weiterer Konsequenz dieses Ergebnisses müßte vom Standpunkte der Kultur die Reinerhaltung der jüdischen Rasse gewünscht lverdell. Die übrige Menschheit in Europa verdankt den Semiten die Schrift, das Münz-, Maß- und Gewichtssystem, die Zeiteinteilung, die wichtigsten Fortschritte in der Mathematik und Ästronomle. Sie erst haben durch Entführung des Postwesens das Zustandekommen des internationalen Verkehres ermöglicht. Und die Juden haben die Menschheit mit dem religiösen Gefühle, diesem Ü r g r u n d aller geistigen Tätigkeit, bereichert. Denn die Neligioll — die wirkliche — ist die Philosophie des Volkes, die die Massen zur sittlichen Höhe erhebt, sie hat uns gelehrt, Individuen und Natur zu einer höheren Einheit znsammenzufassen, sie hat dem rohen Egoismus den Krieg erklärt lind den gesunden Altruismus gepflanzt. Glaube und Freiheit sind verläßlichere Merkmale der jüdischen, als Treue der germanischen Rassen, die Grundpfeiler jeder Kultilr, Welthandels und Weltverkehrs sind jüdischen Geistes. Ursprünglich waren bekanntlich die Juden ein ackerbauendes Volk und erst durch ihre politische Vernichtung wurden sie gezwungen, zum Handel zu greifen. Schon im Mittelalter vermittelten sie auf ihren eigenen Schiffen den Ausgleich zwischen Morgen- und Abendland, jüdische Seefahrer und Karawanen besorgen jenen zwischen Spanien und China, Inden führen den Wechsel ein und geben dem Gelde den Wert einer Ware, wodurch erst der Weltverkehr ermöglicht wird; ihre Anwesenheit in deutschen. Städten hebt den Wohlstand, indem Prdonkte anderer Länder eingeführt werden, und sie sind die Lehrer des deutschen Kaufmannsstandes. Judengeld hat es ermöglicht, A m e r i k a zu entdecken, auf Kolumbus Schiffen befanden sich zahlreiche Juden, durch sie werden die Diamantfelder Brasiliens entdeckt, sie sind die Begründer der Zuckerrohrgewinnung in Südamerika. Nach dem durch den 30jährigen Krieg herbeigeftthrten furchtbaren wirtschaftlichen Tod wird der Weltverkehr durch Juden wieder allmählich aufgerichtet. Nach Erwerbung der Emanzipation führen sie den gewerblichen Großbetrieb, das Bankwesen und die großen Verkehrsmittel ein.' Allein selbst in jenen hänfig wiederkehrenden, traurigen Zeitläuften, wo sie, wie gegenwärtig, aus den vorbildlich geschaffenen Positionen blutig Hinausgetrieben werden, verrichten die Juden fruchtbare Sozial-Kulturarbeit. wenn auch höchst erzwungener Weise, sie müssen sich dem Kleinhandel und dem Pfandleihwesen ergeben, um auch aus diesen. Erwerbsarten wieder zeitweilig depossediert zu werden, wenn „einheimisch tM Anwärter darauf vorhanden sind. 1 Das Verdienst, das Wesentliche aus Dr. Zollschans BM mitgeteilt und somit auf den Wert dieses vorzüglichen Mexkes Hingewiesen zu haben, gebührt Herrn Dr. Leopold G o l d s ch m i e d aus P r o ß n i tz, welcher in einem formvollendeten Vortrag, den er am 18. Mai l'. I. im Verein zur Abwehr des Antisemitismus hielt, die Zuhörer in atemloser Spannung zu erhalten verstand. Die Religion. ihr Meten nnd ihr Recht.*) In schöner, einschmeichelnder, ja oft bestrickender Sprache entwickelt Hauri in 15 Vorträgen seine Gedanken über die Religion-. Da er freisinniger protestantischer Geistlicher ist und nirgends die gewohnten Geleise verläßt, so bieten die Borträge eigentlich nichts Neues. Und^doch gewähren sie durch die außerordentlich schöne Darstellung selbst dem Fachmann großen Genuß. Freilich wird der Genuß bedeutend getrübt, so oft man auf jene Verlegenheitsphrasen der protestantischen Theologie stößt, die, ohne Jesus als göttliche Person anzuerkennen, auf ihm als dem einzigartigen Mensche n ihre ganze Religion aufbaut, die obne katholisch zu sem, dennoch die alleinseligmachende ist! Natürlich kann man da ohne Vertuschungen, Verdrehungen und direkt falsche Behauptungen nicht anskommen. Der Buddhismus wird mit Recht zurückgewiesen, weil er ja. alles, was. das geschichtliche Leben der Menschheit ausfüllt, Familie, Staat, Recht, Wissenschaft, Knust, Kultur für etwas, was nicht sein sollte, erklärt. (S. 209). Nun gilt aber genau dasselbe vom Christentum. Hauri läßt die Gegner sprechen: Das Christentum Jesu und der Urgemeiude, das Christentum, das uns im Neuen Testament entgegeutritt, ist durch und durch weltstüchtig und kulturfeindlich. Es verneint, alle Kultursaktoren, die Familie, die Gesellschaft nnd den Staat, den Erwerb und den Besitz, die Wissenschaft und die Kunst, gerade wie der Buddhismus und alle (?) echte Religion dies tut. (360). Was antwortet Hauri? Da sich die Tatsache nicht aus der Welt schaffen läßt, daß die Moral Jesil nur in Erwartung des baldigen Weltunterganges (362) einen Sinn hat, daß aber in der Kulturwelt für sie absolut kein Plätzchen übrig bleibt, so müssen hohle Phrasen heranrücken, um die einzige Berechtigung des Christentums zu beweisen. So schreibt Hauri: Wenn wir nun erwägen, daß die Frömmigkeit Jesu durchaus in der asttestamentlicheu wurzelt, in der der Propheten, dann muß es uns von vorueberein schon als sehr unwahrscheinlich erscheinen, daß sie weltstüchtig und kulturfeindlich war. (363). H a u r i scheint also die Bergpredigt ganz vergessen zu haben! Kämpft nicht da Jesus gegen die alttestamentliche Frömmigkeit mit der größten Entschiedenheit? „Es ist euch gesagt worden — ich aber sage euch!" Die alttestamentliche Frömmigkeit soll eben übertrumpft werden: Man soll sein Recht nicht suchen, sondern sich lieber ohrfeigen und berauben lassen. (Matth. 5, 39, 40). Man soll nicht arbeiten, da ja die Vögel auch nicht arbeiten (6. 25, 26)! — Es nutzt ' nichts, die Kulturfeindlichkeit des wahren Christentums ist zu gut bezeugt; was au Kultur von den Bekennern des Christentums geleistet wurde, geschah trotz des Christentums! Die Ausdrücke „christliche Kultur", „christlicher Staat" sind und bleiben Widersprüche in sich selbst, da das wahre Christentum beides entschieden verneint. Geradezu komisch wirkt die Behauptung H a u r i s gegen Nietzsche, das echte Christentum verkündige auch eine Herrenmoral (327)! Und der Beweis? „In der Gemeinde zu Korinth entstand alsbald eine gewaltige Regsamkeit der Kräfte" usw. (328). Wirklich? Jawohl! Der eine sagt: ich bin Paulisch, der andere aber, ich bin Apollisch (1 Kor. 3, 4). Im übrigen war unter der frommen Gemeinde Zank, Eifer und Zwietracht (ib. 1, 11. 3, 3). Das nennt Hauri HerrenmoiaU Natürlich kehrt bei H a n r i jene schon tausendmal wiederlegte Phrase wieder von der Gesetzesreligion der Pharisäer und der Universalität Jesu. Dabei spricht er unbefangen die Wahrheit aus, daß auch die Kirche Gesetzesmenschen erzogen *) Populäre religionsgeschichtliche Borträge von Johannes Hauri. Vertag von Konrad Skopnik in Berlin-Zehlendorf. 1909. 4 Mark.