Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 24 (17.6.1910)
- Date
- 1910-06-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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'Seite 4. mmm Die Wahrheit Nr. 24. 1^- M ■m. ':h Enkelin von ihr. eine Urenkelin des Verwalterssohnes, ist die jetzige Königin Viktoria von Spanien." Das alles wäre noch zu ertragen gewesen; nun aber kommt ein königlicher preußischer Offizier a. D. und teilt dem bayerischen antisemitischen Blatt schreckensbleich mit: „Sn der Mitteilung ist aus Unwissenheit oder Absicht der interessanteste Punkt verschwiegen, nämlich der, daß der alte angebliche Gntsverwalter H a n g k nichts anderes war als ein H o s j n d e, wie ihn fast jeder Rittergutsbesitzer in Sachsen und Polen, die ja auch längere Zeit unter einem gemeinsamen Könige standen, hatte. Wann und wo der Stammvater Hangk sich etwa taufen ließ, das konnte ich, obschon ich in der Gegend, lvo er hauste. genau bekannt bin und alle Quellen der Forschung mir zur Verfügung standen, nicht ausknudschaften. Es ging auch so. Mit der Uebersiedlnng des Sohnes Hangk nach Polen ward die Erinnerung an seine jüdische Herkunft verwischt, doch hörte ich in adeligen Häusern Sachsens und Schlesiens noch vor 30 Jahren davon erzählen. In Spanien wird natürlich, ebenso wie in England ihre Abstammung von einem Juden streng verschwiegen, zumal die alte Aristokratie beider Länder außerordentlich viel auf „ebenbürtige Heirat" hält. In Spanien noch viel mehr als in England. Geradezu unerhört wäre in Spanien die eheliche Verbindung eines Granden mit einer Jüdin oder einer jüdischen Bastardin. König Alfons hat dieses strenge Rassengesetz durchbrochen." Und so etwas muß dem „allerchristlichen" König von Spanien passieren, dessen Vorfahren so erfolgreich alle Ketzerei mit Stumps und Stil ansgerottet haben. Am Ende wird gar noch diesem Indensprößling, wie ihren Vorgängerinnen ans dem Thron, die päpstliche Tugendrose verliehen? Wehe, dreimal wehe! # * Ans Rußland kommen noch immer traurige Nachrichten. Die „Rjetsch" meldet von einer förmlichen Hetzjagd auf Juden, die am 30. Mai vom Chef der Smolensker Geheimpolizei. Tkatschew, vorgenommen wurde. Nachdem Tkatschew im Flecken Potschinok eine Hausdurchsuchung vorgenommen und hier ein Dutzend Juden gesunden hatte, welche das Wohnrecht nicht besitzen, erfuhr er. daß Inden im benachbarten Walde versteckt sind. Er ließ den Wald von Land- Wächtern n m z i n g e l n und eine Treibjagd anstellen, wobei auch Schreckschüsse abgegeben wurden. Sechzig Juden wurden gefangen und ansgewiesen, hauptsächlich Angestellte großer Mehlhandlungen, die nun teilweise ihre Tätigkeit einstellen müssen. Im Dorfe S t a d o l i s ch t s ch e wurde das Manöver wiederholt, aber nur acht Inden gefunden; die übrigen waren bereits unter Zurücklassung ihrer Habe geflohen. Die Greuel dieser Ausweisnngsmaßregeln werden selbst in Rußland empfunden und so wird aus Petersburg berichtet, daß in der Sitzung der Duma vom 14. d. M. 166 Abgeordnete, bestehend aus den Mitgliedern der Linken und 25 Oktobristen, einen Antrag ans Aufhebung des Ansässigkeitsrayons für die Juden eingebracht haben. Im Motivenbericht wird daraus hingewiesen, daß die vom Ministerium des Innern eingebrachte Vorlage, betreffend die Unantastbarkeit der Person, Domizilbeschränkungen für Bürger zulasse, die iu der Vorlage besonders aufgeführt sind, sowie darauf, daß es im Expose zur Vorlage heiße, die Initiative zur Aufhebung des Ansässigkeitsrayous für die Juden müsse von der Volksvertretung ausgehen. Der Antrag der Abgeordneten betont, daß das Fortbestehen der D o mi^zi lb es ch ränkuu g en für die Juden in dem erneuten Rußland äußerst ungerecht sei, dem Manifest vom 30. November widerspreche, dem Staate direkt Schaden zu füge und die wirtschaftliche Entwicklung ein dämme, zu der alle Bürger ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität beizutragen berufen sind, und hebt hervor, daß es zur Demoralisierung eines Teiles der Verwaltung beitrage, die die Domizilbeschränkungen der Inden zum eigenen Vorteile ausnütze, indem sie Umgehungen des Gesetzes ge st alte. Das Rallenproblem. Viel ist schon unter dem Schlagwort der Nasse gesündigt worden. Auch die Wissenschaft konnte sich immer noch nicht freimachen von Voraussetzungen, die einer strengen Prüfung nicht standhalten, allein was das Schlimmste ist, diese Prüfung will man ja gar nicht unternehmen. Es bleibt nun das hohe Verdienst eines jungen Wiener Arztes, namens Dr. Z o lisch an. in diese falsche „Voraussetzungslosigkeit" einer Pseudo- Wissenschaft tief hineingeleuchtet zu haben, so tief, daß kein Winkel ununtersucht geblieben ist. Und vor diesen Lichtblitzen stattern sie alle auf, die alten Vorurteile, die einen Rena n, D ü h r i n g, Richard Wagner und andere zum Vater hatten! Der größte Romanzier unter den Historikern Renan war der allgemeinste, ihm verdankt die Welt die ganz einfache reinliche Scheidung, sozusagen eine „rasse superieure“ — die Arier — und eine inferieure (Semiten) und damit pnnktum! Eingehender waren D ü h r i n g, der das religiöse Gefühl und Richard Wagner, der die musikalische Begabung den Juden absprach. Ch amberlain und andere. Die Frage, die sich Zollschan bezüglich der jüdischen Rassenfrage vorlegte, ist nach zwei Richtungen hin zu beant« Worten. Vom anthropologischen und h i st o r i s ch e n (philosophischen) Standpunkt war die Spur aufzusuchen, die zu dem herben Urteile, zu dem grellen Unterschiede und zugleich zu der Minderwertigkeit der einen Rasse hinführen sollte. Und da geschah gleich zu Beginn das zwar nicht Unerwartete, aber noch lange nicht genügend Gewürdigte. Die scharfe Trennung wollte nicht gelingen! Das Dogma von der indogermanischen Rasse, zu welcher einige oberflächliche Sprachähnlichkeiten verleitet hatten, waren schon früher hauptsächlich durch Professor v. Luschan gestürzt worden. Nun blieben noch die Germanen allein übrig, die blauäugig, blondhaarig und hochgewachsen, die ihre höhere Kultur vom Norden her überallhin verpflanzt haben sollen. Selbstverständlich in prähistorischer Zeit. Da ergab denn eine kühle nüchterne Untersuchung das überraschende Resultat, daß die Juden im Sinne der — allerdings irrigeu- — heutigen anthropologischen Anschauungen gar keine Semiten seien, soferne nämlich den letzteren bestimmte Eigentümlichkeiten im Schädelbau, in der Körpergröße und der Haut- und Haarfarbe zuerkannt werden. Die Schüdelform ist aber keineswegs eine feststehende, sie variiert zum Teile mit der geistigen Betätigung in dem Sinne, daß die Langschädel auf Kosten der Kurzschädel mit wachsender Vergeistigung abnehmen, ebenso ist die größere (durchschnittliche) Körperlänge eine Wirkung der besseren wirtschaftlichen Situation — und zwar bei jeder Nation — und was die Pigmentierung betrifft, so weisen an 30 Prozent der Juden blaue Augen und blondes Haar auf, wogegen die Semiten dunkel sind. Die Gegensätzlichkeit der semitischen zur arischen Rasse ist gefallen und es gewinnt jene Theorie immer mehr an Boden, wonach die Menschen von einer gemeinsamen Urart abstammen und die Verschiedenheiten sich durch die Unterschiede des Bodens und des Klimas, somit durch die hiedurch bedingte Lebensweise herausgebildet haben. Demgemäß lassen sich vom anthropologischen Standpunkte heute höchstens die drei Hauptrassen, die schwarze, gelbe und die weiße feststellen. Letztere zerfällt sodann weiter in die helle und brünette, wobei die brünette Färbung wohl nur auf die Existenz im Süden zurückznführen ist. Diesem dunkleren Zweige gehören die Gräko-Romanen, die vorderasiatischen und nordasrikanischen Stämme an, ans welchen sich sodann die Inden herausdifferenziert haben, während zu der Hellen die Kelten, Germanen und Slaven zu rechnen sind. Die Juden stellen sich somit als Brüder der Süd- und als Vettern der Nordeuropäer dar, sie sind eine Unterabteilung der brünetten Mittelmeerrasse, der großen weißen Völkerfamilie, die man bisher fälschlich indogermanische oder arische genannt hat. In gleicher Weise wird die Frage der geistigen Unterwertigkeit der Juden durch Zollschan analytisch behandelt. Auch hier muß erst die Vorfrage gelöst werden, die nämlich, ob es überhaupt eine spezifische Rassenseele gibt, welche bestimmend auf den Verlauf der einzelnen Geschicke eingewirkt hat? m