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Die Wahrheit · 1910-06-10 · Heft 23 (10.6.1910) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Die Wahrheit Nr. 23. nahmeu Herr Michael Bergmann, ein blinder Greis von 92 Jahren, Herr Mendel Raviecki, Verfassers des „Hazmiach Jeschua“ und der greise Obmannstellvertreter Herr Markus May in bewegten Worten Abschied von ihrem Obmann. Am Sarge trauerten die Gattin, die beiden Söhne aus erster Ehe, Josef und Max Do b schütz, der Schwiegersohn Oberkantor Markus A. Landau aus Wiener-Neustadt samt Frau, deren Sohn cand. phil. A. H. L a n d a n und Schwiegersohn Dr. Oskar W i ld e r, dann Frau Dr. Anna D o b s ch ü tz samt Kindern. Den jüdischen Vereinen seiner Heimatstadt Brody in Galizien hat der Verblichene namhafte Legate vermach:. Er wurde zu Häupren seines Sohnes, des Rabbiners Dr. L. Dobschütz aus Skotschau, der ihm vor airderthalb Jahren un Tode vorangegangen war. zur ewigen Ruhe gebettet. Wien. Herr Religionsprofessor Dr. Heinrich P o l l a k har durch das Ableben seiner geliebren Müller, Frau Mina P o l l a k. Witwe nach dem im besten Andenken stehenden Rabbinalsassesior Maier Pollak, früher Rabbiner in. Weißkirchen und Holleschan, euien tiefschmerzlichen Verlust erlitten. Die Heimgegangene war die Tochter des bekannten Gründers der „Schiffschul" Reb Jtzig Leb Freistadtl und erreichte ein Alter von 69 Jahren. Boskotvitz. Die von der hiesigen Kultusgemeinde arrangierte und in den Deutschen Restaurarioiissälen stattgesundene Theodor Herzl-Feicr ersreute sich eines zahlreichen Besuches. Dieselbe wurde eingeleitet durch die ergreifenden ernsten Klänge eines vom Oberkantor Rabinovicz dirigierten Damenchores, welchem eine Gedenkrede des Herrn F. L ö m aus Proßnitz, ein Sologesang und ein aus Herren und Damen bestehender Massenchor solate. Sämtliche Vorträge ernteten demonstrativen Beifall. Boskowitz. Kürzlich starb hier der älteste Bewohner Herr Markus Munk im hoben Alter von 93 Jahren. Derselbe hat noch zu den Osterseiertagen seinen Priestersegen erteilt und gehörte zu den täglichen Tempelbesuchern. Budapest. Der hiesige Gemeindevorstand beschloß zur Entlastung des Obcrkantors Prosesior Lazarus einen Oberkantorstellvertrerer anznstellen. Es haben sich vom In- und Auslande viele Kantoren gemeldet, von denen als erster Oberkantor Moritz L ö w y aus M ä h r i s ch- O st rau am vergangenen Sabbathtage Probe gesungen hat. Oberkantor j Löwy hat eine hübsche Baß-Baritonstimme, welche sehr modulationsfähig ist, hiezu gesellt sich ein seelenvoller Vortrag, welcher die alten nab doch ewig jungen jüdischen Melodien zur vollen Geltung bringt. Er fand allgemeinen Beifall. Budapest. Am 5. Juni fand im hiesigen Kultustempel eine schöne Trauung starr. Herr Wilhelm Müller, Fachschriftsteller und Bankoberbeamter. der einzige Sohn des hiesigen hochverdienten Gemeindelehrers Adolf Müller, vermählte sich mir Fräulein Rozsi Adler, Tochter des Druckereibesitzers K. Adler. Der Vorstand ließ als Anerkennung der 39jährigen segensreichen Tätigkeit des Lehrers Müller den Tempel festlich beleuchten und verfügte, daß der verstärke Tenipelchor funktioniere.! Unter den Anwesenden bemerkten wir das Mitglied der Akademie der Wissenschaften Dr. M n n k ä c s i, die Gemeindevorsteher Max Grünbaum und Dr. Wilhelm Grauer, Tempelvorsteher Moritz Rose nb erg, Schuldirektor Abraham Stern, Generalsekretär der. Gemeinde Dr. Julius Weiß bürg. Bankdirektoren F. G l a s n e r und Nikolaus Beer, Staatsbahninspektor S. B e r g m a n u, die Rechtsanwälte Dr. G l a s n e r, Dr. S e b e s t y e u, Dr. Klein und Dr. Spitzer, viele Großkaufleute. Fabrikanten rc. Rabbiner Dr. Simon Hevesi richtete eine schöne Ansprache an das junge Paar; den gesanglichen Teil der Feier versah Oberkantor Profeffor Lazarus mit gewöhnter Meisterschaft. Kitrratnr. Jüdische Universalbibliothek. Nr. 97: Die S ch w e st e r n. Erzählung von Saniuel G o r d o n. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von A. Kellner. 20 Pfennig, 24 Heller. Verlag von Richard B r a n d e i s in Prag. In dieser recht spannenden Erzählung bietet der berühmte Verfaffer ein bis ins Detail fein ausgearbeitetes Familienbild, aus dem zwei Schwestern gleichsam plastisch hervortreten, von denen die eine, in ihren Liebesbeziehungen zu einem Andersgläubigen, von der anderen durch eine fein gesponnene Jntrigue im letzten Augenblick von dem Schritte, mit ihrem Anbeter zu flüchten abgehalten, und zu dem Entschlusie gebracht wird, sich mit dem für sie von ihren Eltern bestimmten Lebensgefährten zu vermählen. Moosröscheu. Erzählung von Babette Fried in Prag. (Forts.) Gestern waren wir in der Oper. Aber es ist nicht gesungen worden, sondern es wurde ein Ballet gespielt: „Ellinor, oder Träumen und Erwachen." Wir waren vier Personen in der Loge. Vorn ich mit Frau v. Helmstädten, rückwärts Papa mit dem alten Herrn. lieber den Inhalt und die Aufführung des Stückes ein andermal, ich bin schon heute recht schläfrig. Bemerke noch, daß Fran v. Helmstädten ein schwarzes Spitzeukleid an hatte und ihren Brillantenschmuck wie zu einem Balle. Ich hatte ein neues weißes Ballklew mit schottisch karrierten Schleifen und im Haare frische Teerosen. Viele Herren haben unsere Operngläser auf unsere Loge gerichtet, und die gnädige Frau machte mich darauf aufmerksam, was für Aufsehen wir im Theater machen. Wenn aber der junge Herr Robert nmgewesen wäre/ hätte es mich noch mehr gefreut. Also lebe wohl, Moosröschen, schreibe mir bald/ schlafe wohl und träume von dem Glücke Deiner treuen Freundin ' Else Reichmann." Dieses eitle, oberflächliche Schreiben ihrer Freundin hatte auf Rosa erkältend, ernüchternd, gewirkt. Wie hätte sie'die Zeit ansgenützt, was hätte sie nicht alles sehen und lernen wollen,- wenn es ihr bestimmt gewesen wäre, an Elses Stelle zu sein. Und diese hatte nur Sinn für Schmuck und Kleider'! Während sie so sinnend dasaß, trat ihre Mutter in ihr Stübchen hinein/ „Eine Neuigkeit, Rosa," rief sie, „wir haben eben einen Brief ans Wien erhalten." . ‘ „So!" sagte Rosa fast teilnahmslos. „Bist du denn gar nicht neugierig zu erfahren, von wem dieser Brief ist und was er enthält?" „O doch. Mutterl, bitte sage es mir." „Du wirst den Brief lesen, wenn wir zum Vater hineingehen. Vorher aber eine Frage: Möchtest du nach Wien zur' Weltausstellung fahren, Rosa?" Rosas Augen flammten auf.; „Ob ich möchte Mutterl, aber da es nicht sein kann, so will ich lieber nicht daran denken, und du sollst mich auch nichtdaran erinnern." ' „So ganz unmöglich ist es nicht. Bitte den Vater und die Erlaubnis, vielleicht gestattet er es." Traurig schüttelte Rosa das schöne Köpfchen. „Nein!" sagte sie, „ich kann nicht um etwas bitten, was ein solch großes Geldopfer erheischt. Es wäre schon darum nicht recht, weil dem guten Vater das Versagen meiner Bitte großen Schmerz bereiten müßte." ' „Nein Kind," erwiderte die Mutter, „bitte den Vater darum, und mache ihm die Freude, deiner Bitte willfahren zu. können. Kanu er es nicht, nun ist er ja der Vater, von dem du es dann eben annehmen mußt." Rosa war nicht eigensinnig, darum entschloß sie sich mehr der Mutter zu Gefallen, als in der Erwartung einer Gewährung, den Vater um die Erlaubnis zu bitten. Der gute Manufühlte sich ganz glücklich, den Herzenswunsch seines Lieblings erfüllen zu können. Und das sagte er auch der vor Aufregung bebenden Rosa, die dieser Bitte noch die hinzufügte, ihr ob ihres Verlangens nicht zu zürnen. „Warum zürnen?" antwortete Hauser, „es ist dies eiw recht billiger Wunsch, ich meine nicht billig, was Geld betrifft,, denn ich dir herzlich gerne erfülle, umsomehr, als du deine' Reise schon nächste Woche antreten kannst, und zwar als Gast eiuer hochausehulichen braven Familie, die strenge nach den Prinzipien des Judentums lebt. Es hat dich nämlich mein alter Studienfreund, der dir gut bekannte Dr. Grünfeld, zu sich nach. Wien geladen." Wer war glücklicher als Moosröscheu? Sie wurde nichtz müde, den zärtlichen Eltern Hände, Mund und Augen zu küssen und versprach, durch ihre Liebe und durch Fleiß und Gehorsam, sich dieses ihr gebrachten Opfers würdig zu bezeugen. Nun ging es ans Waschen und - Plätten, Nähen und- Vorbereiten, so daß die Zeit bis zum 18. Juni wie im Fluge dahinrauschte. Die welterfahrene Mutter gab dem Töchterlein,, welches das erstemal in ihrem Leben allein in die Welt hinaus-- fahren sollte, weise Ratschläge mit auf den Weg, die alle dahin zielten, daß sich das Mädchen bald in der Großstadt zurechtfinde und daselbst keine lächerliche Rolle spiele. Der Refrain aller dieser Erfahrungssätze war der: „Wundere dich über garr nichts allzusehr, es möge dir noch so wunderbar und herrlicherscheinen. Nichts macht in den Augen von Großstädtern läch er-, licher äls diese Entzücknngsänßerungen, die Menschen aus der Provinz nur selten unterdrücken können." „Und darf ich denn niemals meine Meinung frei nndoffen bekennen, wie ich es gewöhnt bin? Ich gestehe es offen, daß ich nur sehr schwer eine Freude zurückhalten kann." . „Du wirst im Leben vieles lernen, was du vorher nicht', konntest, mache damit den -Anfang." (Fortsetzung folgt.)

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