Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 23 Die Wahrheit Seite 7, lassen, wenn ein fahrender Rabbi —- wie das damals gang und gäbe war — in t)ie Kehilla fajn, um daselbst am Samstag eine „Gastpredigt", rsots Osrasolia zn halten, beim ihm, dem „ßosch hakohol“ sein Absteiquartier nahm. Die Wissenschaft des Judentums hatte sich in alter Zeit der allgemeinen Achtung zu erfreuen, das Wort Kowaud hatauro die Verherrlichung der Thora, war keine leere Phrase, daher es sich ein Ro8od hakokol, selbst wenn er kein Theologe vom Fach war, zur besonderen Ehre anrechnete, einen Gelehrten. Talmid Chochom, iit seinem Hanse beherbergen und bewirten zu können. Die Gegensformel, die allsabbatljch für das Gedeihen des geistigen und leiblichen Heil und Wohl der Gemeindevertreter beim Mussafgebet in der Synagoge gesprochen wurde, mochte vielen in der Gemeinde Veranlassung gegeben haben, sich um das Amt eines Vorstehers, „Judenrichters", obwohl es oft so mancher als schwere unerträgliche, mit großen Opfern verbundene Bürde betrachten mußte, zu bewerben. Diese Gebetsformel, die heute noch in den meisten jüdischen Gotteshäusern, am Sabbath gesprochen wird, lautet: „All denjenigen, die sich mit den -öffentlichen Angelegenheiten der Gemeinde in redlichster und uneigennütziger Weise „beemuna“ befassen, lohne Gott der Herr und vergelte es ihnen in seiner Huld und Milde. Erhalte ab von ihnen jeden Schmerz und jedes Leid und Weh upd erhalte sie gesund und rüstig an Leib und Seele, er verzeihe ihnen jede Sünde und jedes Vergehen und sende ihnen Glück und Segen in allen ihren Unternehmungen, auf daß sie des allerhöchsten Segens teilhaftig werden mit allen ihren Brüdern in Israel, Amen!" VI. Der Rabbiner. Als der große unsterbliche Lehrer Moses den Schauplatz i'einer.vierzigjährigen überaus segensreichen Tätigkeit und Wirksamkeit für immer verlassen hatte, drückte er seinen sehnlichsten Herzenswunsch in folgendem Gebete ans: „Der ewige Gott aller Geister, alles Fleisches, möge einen Mann an die Spitze der Gemeinde setzen, der von ihnen heraus- und einziehe, und -sie aus- und einsühre, damit die Gemeinde des Ewigen nicht händeringend und wehklagend durch die Straßen, des „Schloßberges" rennen — es galt einer Feuersbrunst. „Erschrecket und weinet nicht. Kinder — rief er mit bewunderungswürdiger Kaltblütigkeit der laufenden Menge entgegen — es brennt ja bloß mein Haus!" Für seine Mildtätigkeit spricht die bekannte Tatsache, daß jeden Freitag abend eine Schar Armer an den Türen seines Hauses harrte, die von ihm reichlich mit Gaben beschenkt wurde, und nicht selten ereignete es sich, daß man für den leer gebliebenen Tisch des „Rosoh läkoliol“ ins Gasthaus schicken mußte, um die verteilten Speisen des häuslichen Herdes tunlichst zn ersetzen. Zur Zeit des Türkenkrieges — unter der Regierung Josef II. — als gegen 150 halbverhungerte Flüchtlinge aus dem südlichen Ungarn in Preßburg ankommend, vor der hiesigen großen Synagoge inne hielten — ging das Unglück dieser Heimatlosen natürlich jedermann zu Herzen; doch <g e h o l f e n konnte nur werden, als R. Koppel Theben aus „Schul" kam. Von Haus zu Haus führte er sogleich die verzweifelte Schar, sie allentchalben unterbringeud, nachdem er jedoch den beträchtlichsten Teil sich Vorbehalten. Von seiner liebenswürdigen Bereitwilligkeit Jedermann, nach Kräften zu dienen, dürfte noch folgende interessante Anekdote zeugen. Vor seiner Wohnung nämlich befand sich ein „Bändel", worin ein armes -Christenweib Semmel und Branntwein verkaufte. Einst staud R. K. eben im Gespräch mit ihr, als die Frau eilends zu ihrem kranken Kmde weg- .gerufen wurde. Sie ersuchte ihn, ans ihre Sachen bis zu ihrer Rückkunft acht zu geben, wozu er sich auch ohne alles Bedenken gutwillig herbeiließ. Da kam Kaiser Josef an der Spitze einer zahlreichen glänzenden Begleitung herbei geritten, hielt bei der kleinen Bude au — und erkannte seinen Juden. „Wie, handelt er auch mit Schnaps?" rief der freundliche Monarch ihyt zu, „so schenke er auch mir eines ein!" — Theben erzählte ihm wie er aus Gefälligkeit einstweilen „S t e l l v e r t r e t e r" der armen Verkäuferin oder Inhaberin geworden. Nachdem der Schnaps geleert wurde, legte Kaiser Josef ein Goldstück nieder mit der Bemerkung, daß auch er für jene gefällig sein will, für die „sein Jude" so viel Gefälligkeit hatte. Mittlerweile erschien bitterlich seufzend das arme Weib wieder, dem nun der menschenfreundliche „Stellvertreter" in teilnahmsvoller Tröstung erwähnte „Losung" einzuhändigen, sich beeilte." (Beth. El. von I. Reich, H. B., S. 106). Es kann' aber auch nicht geleugnet werden, daß es auch zuweilen in manchen Gemeinden hartherzige „Vorsteher" gegeben, die nur stets ihren Vorteil, ihr liebes „Ich" vor Augen hatten und aus Kosten der -Gemeindemitglieder sich zu bereichern suchten. (Vgl. Gutachten R. I. Weil 173.) gleiche einer Herde, die ohne einen Hirten herumirrt." (4. M. 27.) Hier hatte sich Moses, der erste und größte Lehrer Israels, ja der Gesamtmenschheit, in seiner ganzen Größe, in seiner wahren erhabenen Gestalt gezeigt. Dieser Wunsch zeigt von der Reinheit und Lauterkeit seiner Gesinnung, seines Charakters, wie von seiner unvergleichlichen Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit und Uueigennützigkeit. Moses, der sein ganzes Leben, seine Zeit, seine Kraft, seine Fähigkeit, sein ganzes Sem der Besremng und Erlösung, der Erziehung und Heranbildung Israels in edler, uneigennütziger Weise mit Hintansetzung aller Privatinteressen geweiht und gewidmet; Moses, der seinem Volke im Namen Gottes eine Verfassung, eine Thora gegeben, deren herrliche Lehren allein geeignet sind, das Heil und Wohl der Gesamtmenschheit zu fördern, eine Thora, durch die allein Israel den Stürmen aller Zeiten zn trotzen und alle seine Feinde zu überdauern vermochte, hatte nicht, als er sein Ende herannahen sah, einen seiner rvackeren Söhne zu seinem Nachfolger bestimmt, sondern gebetet, der Allmächtige möge einen würdigen Führer an die Spitze der Gemeinde setzen. — Welche Selbstlosigkeit! Welche Uueigennützigkeit! Bei dieser Gelegenheit aber hatte es Moses nicht unterlassen, das Wirken und Schaffen seines Nachfolgers, wie die Eigenschaften und Tugenden, die denselben als Volkslehrer und Führer zieren und schmücken sollten, im Bilde zn zeichnen und zu charakterisieren. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. (B e t h - H a m i d r a s ch T a l m n d - T h o r a, II. Malzgas s e 16.) Samstag, den 11. Juni 1910, nachmittags 3 Uhr, findet daselbst ein Vortrag des Herrn Rabbinatskandldaten Bela Fischer statt. Thema: „Ordalien oder Gottesurteile im Talmud und bei den alten Völkern." Wien. (Der humanitäre Geselligkeits-Verein „W ohltätige jüdische Jugend zur unentgeltlichen Au s sp e isung armer Juden in Wie n", II. Untere Augartenstraße 10, hat mit seiner statutarischen Wirksamkeit begonnen und werden Gesuche der Petenten täglich zwischen 3—4 Uhr übernommen. Gleichzeitig sieht der Verein der Ueberreichung von Offerten derjenigen Reflektanten entgegen, welche die Ausspeisung für seine Rechnung zu übernehmen bereit sind. Wie». (VereinderjüdischenHandels-undPrivata n g e st e 1 l t e n „A ch w a h." Mittwuch, den 15. d. M. findet ein Bereinsabend mit Vortrag des Schriftstellers Herrn Siegmnnd Wahr statt. Thema: „D e r Jude als W e l b ü r g e r" mit anschließender Diskussion. Beginn präzise 8 Uhr abends. Ort: Cafe „Stefanie", H. Stefaniestraße 2. Gäste (Damen und Herren) willkommen. Wien. (Gründung einesjüdischen Franc n »Wob ltätigkeitsvereines in Döbling.) Einem dringenden Bedürfnis entsprechend wurde seit längerer Zeit im Döblinger Tempelvorstand die Gründung eines jüdischen Franeu-Wohltätigkeitsvereines besprochen. Ueber Anregung der Herren Tempelvorsteher Wilhelm K r o n st e i n und Doktor Jakob K o h ii folgte am 21. Mai d. I. eine große Anzahl jüdischer Frauen der Einladung zn einer Besprechung in den Lokalitäten des Döblinger Tempelvereines. Se. Ehrw. Herr Bezirksrabbiner Dr. Feuchtwang legte in einem glänzenden Referate die Notwendigkeit der Gründung eines jüdischen Frauenveremes dar und fand lebhaften Beifall und Zustimmung. Es wurde sofort ein vorbereitendes Komitee gewählt, welchem angehören die Frauen D r e y k u r s, Dr. F e u ch t w a n g, H o f m a n n, P e k a r e k und S r e r n l i ch t. Als Beiräte wurden außerdem der Prediger des Döblinger Tempelvereines Se. Ehrw. Herr Rabbiner Doktor Frankfurter und Herr cand. med. Th. Kohn delegiert. In der einige Tage später abgehaltenen Komiteesitzung wurde an die Beratung der Statuten geschritten, welche demnächst der Statthalterei vorgelegt werden. Diese Vereinsgründung ist auf das lebhafteste zu begrüßen und ihre Anreger und Förderer zu beglückwünschen. Wien. Die Firma Adolf und B. H o s b a u e r, I. Tuchlauben 20, teilt uns mir. daß anläßlich der auf den 13. und 14. Juni fallenden Festtage ihre Geschäftslokalitäten au diesen beiden Tagen geschlossen bleiben. Wien. Der Mitarbeiter unseres Blattes. Herr Tan. S. Alb ach a r y, Wien, hat sich mit Fräulein Flora N i s s i m ans Temesvar verlobt. Wien. Der Obmann des Bethausveremes „Chassidim“ (Sepbardklaus), Herr Salomon D o b s ch ü tz, in am Donnerstag, den 2. d. M. im Rothschildspital. 73 Jahre alt, gestorben. Das Leichenbegängnis fand am Sonntag, den 5. d. M.. um 9 Uhr vormittags, unter äußerst zahlreicher Beteiligung vom hiesigen Zeutralsriedhofe aus statt. Der Verstorbene war ein wahrhaft frommer, gottergebener Mann, der seit Jahren Schmerzen lirt, ohne zu klagen. In den Kreisen der gesetzestreuen Galizianer erfreute er sich großer Beliebtheit; die Armen fanden bei ihm stets bereitwillig Rat und Hilfe, der Verein einen bewährten Führer, so daß er den Verlust seines langjährigen Obmannes sehr schmerzlich empfindet. Den Hesped hielt Herr Dajan Josef Baumgarten; am offenen Grabe m-?:.