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Die Wahrheit · 1910-06-10 · Heft 23 (10.6.1910) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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■"3 ST ~*r"-1—t";t_ ' r_TX”’w»s^i Seite 6. , ., „Die Wahrheit ’ Ich weiß zwar, daß auch der poetische Wert meiner Verse j ein' sehr problematischer ist und die Muse mir bei Abfassung derselben nicht besonders hold gewesen — mag dies nun an der Schwierigkeit der gewählten Reimform, - oder überhaupt an meiner künstlerischen Unzulänglichkeit gelegen sein — allein ich könnte mich nicht entschließen, mein Produkt unter meine oxsra inedita zu werfen, da ihm wenigstens ein Vorzug nicht abzusprechen sein wird, nämlich der, eine berufenere Feder anzuregen auf die sozialökonomischen und kulturhistorischen Zusammenhänge im Antisemitismus mit detaillierterer Kenntnis der historischen Fakten eiuzugehen, welche mir leider abgeht. Bevor ich nun an die Niederschrift der beiden Gedichte schreite, möchte ich nur noch erwähnen, daß das über Deutschland gefällte Urteil der Geschichte nicht zu verkennen ist. Herder personifiziert dasselbe nicht in dem Namen Klio oder Nemesis, sondern A d r a st e a ist es, welche ihm zufolge die Geschicke der Völker strenge abwägt und zumißt. Deutschland steht heute isoliert in der Welt da; widerwillig nur leistet ihm Oesterreich und Italien Gefolgschaft und gegen es steht im Bunde das freiheitliche England und Frankreich und sogar das barbarische Rußland. Es erntet den Lohn seiner Taten. Das Claudiussche Gedicht lautet: Ei« Versuch i« Versen. Die Römer, die vor vielen hundert Jahren, Das erste Volk der Erde waren, Doch wenigstens sich dünkten es zu sein; Die große Schreiber ihrer Taten Und Dichter auch und.grvße._Redner hatten, Und Weise groß und klein; Die stolz auf ihrer Helden Scharen, Ans ihre R e g u l o s und S z i o p i o n e waren. Und Ursach hatten es zu sein; Die fingenendlich an und aßen Ochsenbraten, Frisierten sich und tranken fleißig Wein — Da war's geschehn um ihre Heldentaten, Um ihrer Dichter edlen Reihen, Um ihre Redner, ihre Schreiber; Da wurdens große dicke Leiber, Und Memoirs- und Zeitungsschreiber, Und ihre Seelen wurden klein; Da kamen Oper und Kastraten, Und Ehebruch und Advokaten, Und nistelten sich ein. O, die verdammten Ochsenbraten! O, der verdammte Wein! Meine Umbildung ist die folgende : Ei« anderer Versuch in Versen. Die Deutschen, die sich was zu'gut drauf taten, - Daß sie Paris beschossen mit Granaten Im Jahre 70 schlugen die Franzosen, Die bildeten sich plötzlich ein Europas erstes Volk zu sein; Und nun vollzogen sich Metamorphosen, Das Volk der Denker ward zum Apostaten Statt Lessing, Herder galten nur Soldaten, Kanonen, Macht und allenfalls Matrosen. Von frommer Denkungsart die Milch Behagt ihm nicht, es wollte Braten, In Samt sich kleiden, nicht in Zwilch, Da sät es aus des Judenhasses Saaten; Der Michel ward zum Tenfelsadvokaten Und pflanzte Judenhaß in jedes Land. Doch grub sein eigen Grab nur dieser Spaten Und seine Größe schwand! Gehaßt von Völkern und von Potentaten, Kein Zweifel wohl, fein Ruhm er ist vorbei.,, O, du verdammter Appetit auf Braten! . O, du verfluchte Judenfresserei! Nr. 23. Schlecht haben deine Bismarck dich beraten, Als sie nicht Krämersinn genüberlraten;' Als sie den Ruf Hepp, Hepp gewähren ließen, Da konnte keine Größe für dich sprießen. Du warfst die-Welt in Barberei — . Es konnte keine Größe für dich sprießen, Dein Ausgangspunkt, die- Sucht nur zu genießen, Dein Werk allein ist Rußlands Blutvergießen, Durch dich allein der Jude vogelfrei. O, du verdammter Appetit auf Braten! O, du verfluchte Judenfresserei! Das sind in der Kultur nur deine Taten, Dn stimmtest an zur Hetze die Schalmei; Wir sind ins Faustrecht nun durch dich geraten; Verdammt durch deinen Appetit auf Braten Ward Mode nun die Jndensresserei! Und Schüler sieht man bald am Donaustrande, Lueger führt das Volk am Gängelbaude; Es lechzen Greisler, lechzt die rohe Masse, Daß Jndengut es raube und verprasse. Das neue Evangelium vom Hasse, Die Theorie von .anserwählter Rasse Man dem Phäaken predigt auf der Gasse; Er sehnt sich heiß nach Lungen-, Hendelbraten — So wird der Geist der Menschlichkeit verraten, Gefressen von so arger Völlerei.. O, du verdammter Appetit nach Braten! O, du verfluchte Judenfresserei! Und in Europas augebauten Gauen, Wem danken wir dies Unheil und dies Granen.— Ich will es heimlich euch vertrauen: Die Skorpione und die Peitschen Verdanken wir den lieben Deutschen — Damit der deutsche Ausruf Recht behält: Deutschland — voran in der Welt! Wie einst der Römer lüstern war nach Braten Und dadurch fiel in Sklaverei: So ging auch uns durch Neugermaniens Taten Verloren, was bisher noch frei —; Ach, ach durch seinen ditto Appetit auf Braten Und seine Sucht nach Jndensresserei! ' S. V i n e ta. Das Leben und Wirken der Inden in Oesterreich in normärflichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Für seine Mühewaltung und. Opferwilligkeit wurde ihm, dem Vorsteher, als Aeqnivalent die Ehre zuteil, allsabbatlich, und zwar nach dem Rabbiner — der in der Regel als dritter sclielischi aufgernfen wird — als „Vierter" rebbii zur Thora gerufen zu werden. Dem Vorsteher, „Roscli liakokol“ wurden, mochten noch so viel Arme „Örckim“ am Freitag in der Kekilla sich eingestellt haben, keine Anweisungen, Billetes, „Pletten“ vom Gabbai, Vereinsvorsteher, zngeschickt, weil man! es für angemessen gefunden, ihn als Zeichen der Anerkennung für seine uneigennützige. Wirksamkeit von derartigen Beiträgen : und Lasten zu dispensieren?) Hingegen mußte er sichs gefallen *) Nichtsdestoweniger'hat es hie und da „Vorsteher" gegeben, die : sich durch seltene H e r z e n s g ü t e und Bescheidenheit auszeichneten, : und daher von solchen Vorrechten, die ihnen ausnahmsweise eingeräumt .wurden, keinen Gebrauch gemacht haben. So zum Beispiel wird von dem ^.berühmten einflußreichen Preßburger Rösch hakohol R. Koppel I Theben, der buchstäblich ein Märtyrer seines-Amtes geworden, folgendes H erzählt: „Einst sah er nämlich nach der üblichen Morgenandacht Alles

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