Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr, 23. Die Wahrheit Seite 5. Kemlrerger Krief. Seit jeher haben wir die Reformbedürftigkeit der Gemeinde in Wort und Schrift gepredigt und Programme über Programme in die Zelte Jakobs gesandt, ohne uns eines namhaften Erfolges zu erfreuen, aber trotzdem soll ein Wort zur Zeit nicht unterdrückt werden! Nicht die schlechtesten. Ideen werden oft Dezennien und darüber^ immer zurückgedrängt, bis endlich die geeignete Strömung dieselben wieder ans der Tiefe der Vergessenheit reiht und an die Oberstäche zurückführt. Die Majorität des gegenwärtigen Lemberger Kultnsrates soll ausscheiden und eine Neuwahl in den drei Kurien stattsinden. Wird aber das, was sich an den drei verschiedenen Tagen an der Vorstandsurne abspielt, wirklich eine Neuwahl sein? Allgemein wird der Wahlakt gar nicht ernst genommen und der jeweilige Kultnsrat hat es in seiner Hand, seine Wahlperiode ad libitum zu verlängern. Die altbekannte Wahlgeometrie mit halbtoten Stimmafchinen — eventuell qui pro quo — dürste auch hier kein leerer Schall sein. Wollen wir jedoch gerecht urteilen, so müssen wir offen gestehen, daß in den Reihen des gegenwärtigen Kultnsrates sich unentbehrliche und unersetzliche Männer finden, Männer alten Schlages, welche es verstanden und unternommen haben, ein modernes Verwaltnngsiustitut zu schaffen. So haben Doktor Mansch und Dr. Emil Byk s. A. begonnen, zunächst die alte Mißwirtschaft aus der Gemeindekanzlei hinansznjagen und eine moderne Verwaltung anfzubauen, und dann kamen Männer, wie kais. Rat Jakob Stroh, Dr. Simon Schaf f, Direktor Moritz Lazarus, Samuel Ritter v. H o r o w i tz und schufen glänzende Institutionen zu ihrer eigenen Ehre, wie zum Wohle der Gemeindemitglieder. Aber auch außerhalb des Vorstandskreises gab es Männer mit offener Hand und edlem, jüdisch-fortschrittlichem Herzen, wie z. B. die Gründer der jüdischen Volksschule, des Tempels und des Waisenhauses. Wir wollen diesen Vorläufern ein dankbares Gedächtnis bewahren und nur darauf Hinweisen, von welcher Notwendigkeit derartige Persönlichkeiten im Haushalte der Kultusgemeinde stets sein werden und daß es ein eitles Schreien wäre, derlei Konstruktoren eines Gemeinwesens amovieren zu wollen. Nichtsdestoweniger hat jedes Gemeindemitglied von jüdischer Denk- und Handlungsweise ein gegründetes Recht, seine Ehrenmänner mit und in ihren Ehrenämtern sich auzuschauen und Rechenschaft über ihr Tun und Lassen zu verlangen. Heißt es ja, daß selbst der Weltenpriester seinen Heiligen nicht glaubt, und von diesem Standpunkte ausgehend, darf es keine Gemeindeleitung mit lebenslänglicher Repräsentanz geben. Die öffentliche Meinung in Wort und Schrift, dann dessen Exekutivorgan, der Wahlakt, resp. der Wahlzettel, müssen den Gemeindemitgliedern wie deren Repräsentanz als untrügliche und unbestechliche Instanzen gellen. Als ein sehr trauriger Beweis des Darniederliegens des jüdisch-nationalen Volksgeistes erscheint uns die Schläfrigkeit und fast zynische Kaltherzigkeit, .welcher wir heuer vor der Wahl des Kultnsrates zu begegnen Gelegenheit hatten. Die Zionisten haben wohl ihre Pflicht getan und eine Versammlung einberufen, allein der Eifer der Redner war angesichts der schwachen Beteiligung kein besonders großer und es scheint die Parole zu gelten, daß der alte Besitzstand der Abtretenden nicht geschmälert werden soll. Von den 17 Knltusräten werden ernstlich nur zwei „neue Männer"' in Bereitschaft gehalten. Vielleicht geht diese Ak.ion der Selbstergänzung aus dem Schoße der B'ne- Brith-Loge hervor, in deren geheimen Beratungen die Gemeindeinteressen zur Sprache kommen dürften! Zur nationalen Arbeit zurückkehrend, mögen hier einige beherzignngswerte Programmpnnkte mitgeteilt werden, die wir in unseren zahlreichen Reden den Gemeindemitgliedern wiederholt zum Bewußtsein gebracht haben. Die Kultusrepräsentanz bat die Aufgabe für nationaljüdische Erziehung und Errichtung eigener jüdischer Lehranstalten — gleich den Vertretern anderer Volksstämme, wie Polen, Rutheneu, Deutsche — Sorge zu tragen und sie darf nicht dulden, daß unsere heilige Lehre mibjj das ganze Volkstum in dem Dämmerlichte eines ein- oder zweistündigen Religionsunterrichtes zu Grunde geht. Unsere Devise muß lauten: Das jüdische Kind dem jüdischen Volke und seiner Lehre! Hunderte Melamdim sterben Hungers. Die jüdische Schuljugend bleibe ein Lehr- und Nährobjekt jüdischer Lehrer — diese, die modernen Priester, haben Anspruch auf Pflichtteil in der jüdischen Erziehung. Pflege jüdischer Arbeit, Errichtung von Gewerbeschulen, Einführung des Baugewerbes, besonders in den Kategorien der Maurer, Zimmerleute und Schmiede, in die jüdischen Volksschichten, und dann werden wir die brüderliche Unterstützung, diese Kleinarbeit in Humanität von außen entbehren können. Wir wollen kein brüderliches Mitleid, sondern sympathisches Empfinden mit unserer Arbeitsbeflissenheit, also Förderung der Gewerbe und der Gewerbsbeflissenen, Ausnützung jüdischer Energiequellen. Mädchenheime, Wirtschastsschnlen, Heranbildung jüdischer Haushälterinnen mit Verdrängung aller wirklichen Laster, Verfall und Abfall, jüdische, weibliche Bedienung in den Haushalten jüdischer Familien. Einführung von Witwenasfekuranzen, Bekämpfung der Armut und des Bettels in unserer Gemeinde mittelst Ausnützung der Kräfte soll die Aufgabe des neuen Kultusrates sein. Schließlich muß vorbauend dahin gearbeitet werden, daß neben dem Gottesdienst ein wohlorganisierter Volksdienst eingerichtet werde, ein modernes Schomertnm an allen Orten, wo jüdische Andachtsstätten und Organisationen bestehen. Diese reiflichen Denkresultate halten wir für das einzige Heilmittel, um alle Golutwnnden zu heilen — und ein Volk von Brüdern zu bilden. Tr. R n b e n - B i er e r. Kiittnrabstieg Der unter dem Namen „Wandsbecker Bote" bekannte volkstümliche Dichter Mathias C l a n d i n s (1740—1815) hat einmal in knappen humoristischen Versen „Größe und Verfall des Römerreiches" vortrefflich geschildert, und dieses ausgezeichnete Gedicht hat mich zu einer Nachahmung in bezug auf Deutschland angeeifert. Meine Umbildung steht schon darin hinter dem Original zurück, daß ich diese humoristische Schattierung nicht nur nicht treffe, sondern sogar in blutigen Ernst verfalle. Auch sehe und weiß ich, daß es mir keineswegs gelungen ist, zu lebendigem Ausdruck zu bringen, welch bedeutenden Abstieg Deutschland nach dem Waffengang mit Frankreich in intellektueller und ethischer Beziehung gemacht, wie die erlaubten Milliarden, das „unrecht Gut" auch in diesem Fall nicht gedieh und wie endlich nach verunglückten Unternehmungen, sich zu bereichern, die große finanzielle Krise hereinbrach, ein Zusammenbruch, der unter seinen Trümmern auch ein gut Teil der den Juden vor kurzem gewährten sozialen und rechtlichen Restitution begraben sollte. Die große judenfeindliche Bewegung des letzten Drittels des XIX. Jahrhunderts nimmt hier ihren Anfang und breitet sich siegreich vordringend über Ungarn, Galizien, Frankreich, Rltmünien, vornehmlich über Rußland und Oesterreich ans. Es Nt oftmals darüber gestritten worden, welches das größere Kulturvolk sei, Deutschland oder Frankreich. Im Reiche des Geistes dürfte die Entscheidung schwer, wenn nicht ganz unmöglich werden. Gewaltige Geister, Vernnnftrichlnng, Philosophie, Theorie hüben, wie drüben! Wie aber steht es mit der Willensentfaltung, der Euergieentwicklung der beiden Völker, den Früchten, die sie gezeitigt und an denen man sie erkennen soll? Nun, die Franzosen sind es, welche unserem mit Raubritterburgen und Basalten gesegneten Kontinent die Segnungen der politischen Freiheit brachte — natürlich auch uns den Juden — Deutschland hingegen ist das Mutterland einer schwungvollen Renaissance des Mittelalters geworden. welche die kaum errungenen, durch Frankreich erkämpften Menschenrechte in Frage stellt. So urteilet selbst! Und wenn Ihr geurteilt habt, so werdet Ihr Euch nicht weiter darüber wundern, daß der Humor Claudius in meinem Gedicht nicht anzutreffen ist, denn „Der Schmerzen lacht, wer Wunden nie gefühlt." -i '4.. V