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Die Wahrheit · 1910-06-10 · Heft 23 (10.6.1910) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 23 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 23. Der Generalgouverneur bekam vom Ministerpräsidenten Stolypin die Weisung/ das Wohnrecht der Inden unerbittlich zu beschränken und alle jüdischen Elemente kurzweg äuszuweiseu, sofern sie neue Rechte dafür geltend machen wollen. Da die jüdischen Kreise feit Jahrhunderten an die Bedrückung gewöhnt und durch die blutigen Pogrome noch zu schlauer« Schutzmitteln gegen die Grausamkeit gelangt sind, so faßten sie die neue Verordnung mit einer gewissen Ruhe ans. in der Ueberzeugung, daß nichts so heiß gegessen, wie gekocht wird. Diesmal liegen die Dinge aber weit schlimmer als je, und es herrscht kein Zweifel mehr darüber, daß ein Pogrom, wie etwa ein Erdbeben oder ein anderes elementares Unglück, poch eine Erlösung wäre im Vergleich zu der zielbewußten Verfolgungspolitik. Stolypins Stellung war bekanntlich vor einem halben Jahre schon durch die Hofintriguen erschüttert. Er sann auf einen Ausweg, sich die kaiserliche Gunst wieder zu erobern und kam auf den unseligen Gedanken, in einer Audienz in Peterhof dem Zaren nahe zu legen, die Nachwehen der Anfruhrbewegung zn beseitigen durch Ausschaltung der revolutionären Elemente, welche hauptsächlich in den Juden zu erblicken seien." Die prompte Antwort des Monarchen lautete: „Judenhetzen!" Darauf erwiderte der diplomatischer denkende Premier: „Wir dürfen der Anleihesragen im Auslaude nicht vergessen, die meistens durch jüdische Fipanzhänser geregelt werden und ferner auch unseres Versprechens, keine Pogrome mehr zuzulassen". „Dann haben Sie neue Wege zn finden". „Ich schlage die friedliche Ausweisung vor." — Nikolaus II., der sich um das Schicksal der Massen noch nie den Kopf zerbrochen hat, nahm den Gedanken, der noch den schmückenden Zusatz „friedlich" trägt, sympathisch auf, lobte den erfinderischen Ministerpräsidenten und — dieser hatte wieder den Boden am Hofe gewonnen. Ohne daß er sich in dieser Angelegenheit persönlich bemerkbar macht, wirtschaftet er wie Herzog Alba. Frauen, die sich zur Kur im Krankenhause befinden, jüdische Kinder, die bei christlichen Ammen untergebracht sind, werden jetzt täglich von der Polizei ohne weiters ausgewiefen. Alle hergebrachten Vergünstigungen, die die Angehörigen jüdischer Handwerker und jüdischer Akademiker genossen, sind mit einem Schlage aufgehoben. Dazu kommt noch die Willkür der ungenügend unterrichteten Beamten hinzu, welche lieber mehr als weniger tun wollen. Die Zahl der anfangs vorgesehenen Ausweisungen schwoll in einer Woche von 1200 auf 2450 Familien in Kiew an. Die Voraussetzung, daß es sich nur um Zwangsmaßnahmen in Kiew handle, schwand sehr bald, als in Moskau keine erste Gilde (die Kaufmannssteuer von 800 Rubel) mehr den Juden gewährt wurde. Jetzt spielen sich nun hier täglich herzerschütternde Szenen „friedlich" ab, und ohne daß den Inden sogar die Zeit zur Liquidierung ihrer Geschäfte zugestanden wird, sehen sie sich als Heimatlose dem Elend ausgesetzt. Es geht immer weiter mit der Verwirklichung des unmenschlichen Ausweisungs-Ediktes! Der Statthalter von Odessa hat nur daraus gewartet, und der jüdische Abgeordnete in der Duma. Rechtsanwalt Friedmann., wird förmlich mit telegraphischen Notsignalen betäubt. Aus dem Gouvernement Jekaterinoslaw, aus Tombow, Kursk, Tula und anderen Orten kommen laute Klagen, daß altangesessene Handwerker. Söhne der privilegierten „Nikolai-Soldaten" und solche, deren Wohnberechtigung noch 1882 ausdrücklich bestätigt wurde, schlankweg laudesverwieseu werden. Leider steht der Abgeordnete machtlos den traurigen Tatsachen gegenüber, obgleich er eine rührige Wirksamkeit zugunsten der Unglücklichen entfaltet. Vom Ministerium des Innern ist ihm der Bescheid geworden, daß es lediglich Sache des Senats sei, Aendernngen eines kaiserlichen Ukas herbeizuführen. Schon die Sanktionierung des Stolypinschen Erlasses als „Ukas" läßt deutlich erkennen, daß die Juden Rußlands in einer hoffnungslosen Lage sind und daß alle ihre Berufungen auf frühere Rechte erfolglos bleiben werden. Die Bestechung, die natürlich einen kolossalen Umfang angenommen hat und häufig die letzten Spargroschen kleiner Leute verschlingt, ist auch nur als kleines Palliativmittel anzusehen, um den Ausweisungstermin etwas hinauszuschieben. Man muß der russischen Regierung nachsagen, daß sie jetzt mit einer Energie vorgeht, welche bei kulturellen und schöpferischen Bestrebungen bislang immer vermißt wurde. Das Kaddischgebet and unsere Jugend. Eines der erhabensten Gebete in unserer Liturgie ist unser „Kaddisch," das ..Heiligungsgebet," die größte Huldigung, die wir unserem himmlischen Pater bringen. Es ist ein weltumfassendes Gebet, es verbindet unsere Vergangenheit mit unserer Zukunft, ja mit der Zukunft des ganzen Menschengeschlechtes, es ist gewissermaßen die Essenz aller unserer Gebete, erhaben in seinen Grundgedanken und erhaben im Ausblick auf die komtuendelt Zeiten, „die das Gottesreich auf dem ganzen Erdenrunde herbeiführen werden" und in denen „dieGotteserkenntnis wie Wasser das Meer die ganze Welt erfüllen wird." Als vor fast zwei Jahrtausenden in unseren Hochschulen und Lehrhäusern das Kaddischgebet als Schluß des gottgefälligen Thorastudiums eingeführt, ja als durch den großen Märtyrer Rabbi Akiba den untröstlichen Waisen dieses Gebet wie ein heilender Balsam für das wunde, tiefbetrübte Herz empfohlen wurde, da nahm es ganz Israel dankend an und führte es in allen seinen Synagogen ejn. Es ist seitdem gewissermaßen das Kleinod einer jeden öffentlichen Andacht, die wir ohne dasselbe uns gar nicht mehr denken können und an unseren großen Festen Roschhaschana und Jomkippnr bildet es vor der großen Mußaph-Tephilla den Gipfelpunkt, ja den ergreifendsten Teil unserer Liturgie und macht auch sonst immer in Verbindung mit seiner jeweiligen traditionellen Melodie tiefen Eindruck auf deu frommeu Beter. Und gerade dieses Gebet ist unserer modernen Jugend soviel wie unbekannt, ja man geht ihm leider in unseren Schulen — ein schweres Unrecht — zumeist aus dem Wege. Kommt dann die Zeit, daß ein Sohn an der Bahre von Vater und Mutter oder im Gotteshause während des Trauerjahres „Kaddisch sagen" soll, dann hat er keine Idee von diesem erhabenen Gebete und greift in der Not nach einem lateinisch gedruckten Kaddischblättchen. spricht durch Wochen mechanisch dieses heilige Gebet so lange, bis er es auswendig weiß und das Hilfsblatt zuletzt entbehren kann. Fast wollten wir mit dem weisen Könige ausrnfen: nn 'bby *73ü 'pvn rrn „Das ist also die Frucht unserer Bemühung?" Soll der junge Mann nach jahrelangem Religionsunterricht — die zwei obligaten wöchentlichen Stunden reichen überhaupt für unseren erhabenen Lehrgegenstand nicht aus — zn einem transkribierten Zettelchen greifen müssen, um sein Kaddischgebet hersagen zn können? Und da soll und muß Wandel geschaffen werden. Beim allwöchentlichen Jugendgottesdienst wird Halb-, Ganz- und Waisen-Kaddisch regelmäßig gebetet, der Religionslehrer hat die Pflicht, die Jugend mit den einzelnen Gebeten vertraut zu machen und da ist die Schule auch der Ort, wo diesem wichtigen Gebete in allen Klassen bis zur „Matura" besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht werden soll. In Verbindung mit dem offiziellen Schulgebete dem „Schema" kann „Kaddisch und Borchu" zum jedesmaligen Vortrage gelangen. Es sei dies nur als Beispiel angeführt für die praktische Anwendung dieses so wichtigen Gebetes nnserer öffentlichen Andacht beim Religionsunterrichte in der Schule. Einzelne Schüler setzen geradezu eine Ehre darein, als Vorbeter hiebei zn fungieren und nichts schöneres gibt es, als wenn die ganze junge Gemeinde in das „Amen jehe schme“ präzise einfällt. Es ist da für den Zuhörer wirklich so, als ob sich nach dem Ausspruch unserer Weisen „die Pforten des „Gan-Eden," des Paradieses, öffnen würden, um die jungen Glaubensbrüder darin einziehen zu lassen. Die Jugend will gerne an allem Guten und Schönen sich beteiligen, und ihre Führer und Lehrer finden keinen schöneren Lohn, als den, ' zu bewirken, daß auch in den kommenden Geschlechtern der Name Gottes verherrlicht und geheiligt werde. Moritz Antscherl, Wien. KBMggsggT x. albest« S-rFKrvr&isrH:'. 'Tram

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