Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 23 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nnd Administration: Wien. 11/, Novaraqasse 27 Televbo»: :>iedaktion 5107/vm. Unabhängige Aeitschrrft für jüöische! Derugspreis: Ganzjährig.K 14.—; Halbjährig.K 7.— Adminisrrariou 4938/11. i ff. f. öftere. Posisvarkassa- Scyeck-Konro Nr. 1000.918. Interessen.; Für Knlmsiieaiilte: Ganzjährjg.K 10. — Lnserate: Tie viermal gesvaltene Nonpareille-Zeile üö Heller., Erscheint jeden Kreitng. Für Ausland: Abonnementsnnd JnserlionsiSSiiiiiiiüniti.8 Mark benage sind in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist. Wahrheit!" 0 Nabel oder 16 FrcS. Ar. 23 Wie». 10. N»10. Inhalt: Aus der Woche. — Das Kaddischgebet und unsere Jugend. .— Lemberger Brief. — Kulturabslieg. — Das Leben und 'Wirken der Juden in Oesterreich in vormärzlichen Zeilen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton : Das Moosröschen. — Klub der Wiener Kantoren. — An die „Jüdische Volksstimme" in Brünn. — 25-jähriges Amtsjubilänm. — Austritte aus dem Judentum. Ans der Woche. Die Wiener freisinnigen Blätter, die sonst allen jüdischen Dingen ängstlich aus dem Wege gehen, haben diesmal eine Ausnahme gemacht und des Langen und Breiten über einen gegenwärtig den Obersten Gerichtshof beschäftigenden Prozeß aus Galizien berichtet, in dem zwei unmündige Töchter einerreichen, streng, chassidischen Familie, angeblich aus Bildungsdrang, sich mit Hilfe der Gerichte aus der elterlichen Gewalt zu befreien suchen. Besonders die „Arbeiter-Zeitung" tat den Mund weit auf und glaubte die Gelegenheit nicht vorübergeheu lassen zu dürfen, um auf Kosten der wieder einmal klipp und klar erwiesenen Rückständigkeit des Judentums sich billige Lorbeeren im Kampfe für Bildung, Zivilisation und Gewissensfreiheit zu holen. Sensationelle Schlagworte, wie „Ans dem d u n k e l st e n O e st e r r e i ch?" „I u den Fesseln des Ghetto" machten den Bericht recht augenfällig, der mit folgenden Ausführungen schloß: „Gegen diese Entscheidung riefen nun die beiden Mädchen die Hilfe des Obersten Gerichtshofes au. Wird sich das österreichische Gericht wie das galizifche die mittelalterlichen Anschauungen der orthodoxen Judenschaft zu eigen machen? Wird es die beiden nach Wissen dürstenden Wesen znrückstoßen in die Barbarei des Ghettos? Oder wird es sie erlösen vom Zwange der Finsternis und ihnen den Weg zur Bildung, zur Befreiuuug aus den Fesseln des Ghettos freimachen? Auch in Galizien sehnen sich Tausende von Inden danach, daß man sie von dem Drucke des Ghettos befreie und sie erwarten von dem höchsten Gericht des Reiches eine Entscheidung, die mit einem Schlage die Fesseln sprengt, mit denen ein mittelalterliches Gebilde sie umschlungen hält. Wird der Oberste Gerichtshof das Urteil sprechen, daß auch die galizifche Jndenschaft, die unter ihrem Ghettorecht stöhnt, unter das österreichische Gesetz, unter das moderne europäische Recht stellt?" Wir sind gewiß die Letzten, die dem bildungsfeindlichen Streben des Chassidismus das Wort reden würden, allein unwillkürlich drängt sich uns die Frage auf, warum denn auf einmal die „Arbeiter-Zeitung" ihr Herz entdeckt hat. dasselbe Blatt, das. gleich den übrigen liberalen Blättern bisher stumm geblieben ist angesichts der empörenden und menschenentwürdigenden Gewaltakte in Rußland, denen Tausende und Abertausende in wirklicher Sklaverei schmachtender Menschen zum Opfer fallen. Ein Schrei der Entrüstung hätte im Organ der patentierten Freiheitskämpfer und in sämtlichen liberalen Wiener Blättern ertönen müssen, ein flammender Protest gegen russische Barbarei und Menschenentrechtnng. Sie alle aber schweigen sich aus und veröffentlichen lange Spallen über einen Vorfall in Galizien, der gegenüber den russischen Judenverfolgungen fast lächerliche Bedeutung hat. Eine erfrenliche Erscheinung der Wahlen in den ungarischen Reichstag bildet die Tatsache, daß bei denselben auch der liberale Gedanke eine Stärkung erfahren hat und der Willen der Nation dahin zum Ausdrucke kam. daß sie nichl nur den Frieden mit der anderen Reichshälfte, sondern auch den Frieden unter den Bürgern des ungarischen Staates selbst gesichert sehen will. Nur so lassen sich die großen Verluste jener Partei erklären, die mit den' Aspirationen der Klerikalen und Christlichsozialen in Oesterreich sympathisier! und ans deren Schoß erst vor kurzem eine ungarisch-christlichsoziale Partei entstand, die nur einen Vertreter im neugewählren Reichstage aufbringen konnte. Für den politischen Antisemitismus gibt es allerdings wenig Aussichten in Ungarn, daß aber der gesellschaftliche Antisemitismus besonders in die vornehmen Kreise stark eingedrungen ist. das beweist unter anderem auch ein Erlebnis eines Mitarbeiters des „Neuen Wiener Journal", der Gelegenheit hatte, die vornehmen Budapester Gesellschaftsränme zu besuchen und der nach dem streng adeligen Nationalkasino das Landeskasino oder den „Gentryklub" besichtigte. Der Quästor des Klubs, Ministerialrat v. Lißnyay, führte ihn und da hat sich der Herr Ministerialrat auf eine Frage des Berichterstatters auch über die vielbesprochene „I n d e n r e i n h e i t" des Klubs geäußert. Der Herr Lißnyay ist so gütig, anznerkennen. daß die Klnbmitglieder Andersgläubige auch als Ihresgleichen ansehen — wie fein pointiert — aber sie werden nichl anfgenommen. „Rothschild könnte sich hundertmal taufen, wir nehmen ihn nicht — weil er reicher ist als wir..." Getaufte Tanzmeisterssöhne werden ausgenommen. Und wenn sie nicht getauft wären? Herr Lißnyay sagt rund heraus: „Wir achten unsere andersgläubigen Mitbürger nach Gebühr, aber wir nehmen sie nicht auf, es sei deuu, sie lassen sich taufen." Und gerade die ungarischen Juden sind so stolz auf „ihre" ungarische Nation. Ueber die gräßliche Lage, in der tausende jüdischer Familien in Rußland sich infolge des Auswanderungs-Ediktes befinden, wird aus Moskau berichtet: Alte Bilder aus der Berfolgungszeit des religiösen Fanatismus steigen wieder auf und nehmen eine greifbare Gestalt an.