Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 22 (3.6.1910)
- Date
- 1910-06-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheil Nr. 22. sopheu und Astronomen Thales von Milet. Dieser, einer der sieben Weisen Griechenlands, von dem der Denkspruch „Erkenne dich selbst" herrührt, war der erste, der den Eintritt einer Sonnenfinsternis sür das Jahr 610 v. CH. voraus verkündet hat. Aus derselben Zeit rühren auch die ersten historischen Berichte über die Beobachtung von Kometen her. Jeremias prophetische Wirksamkeit erstreckte sich von 626 bis über 586 v. Chr. hinaus. Es hat also zweiselsohne zur Zeit Jeremias eine Sonnenfinsternis und auch eine Kometeuerscheinung gegeben, die alle Völker in die größte Angst versetzte, und daraus erklärt sich am besten seine erhabene Rede. Noch bemerkenswerter vielleicht als Kap. 10 in Jeremia ist eine Erzählung im Talmud (Horagoth 10 a), weil diese sich direkl aus den später nach den englischen Astronomen Halley benannten Kometen, der jetzt so viel von sich reden macht, zu beziehen scheint. Dort wird nämlich berichtet, der Patriarch R. G a m a l i e l habe gemeinschaftlich mit R. I o s u a eine Seereise gemacht; das Schiff aber habe die Richtung verloren und trieb daher längere Zeit aus dem Meere herum, so daß dem Patriarchen die mitgenommenen Lebensmittel ausgingen. R. I o s u a hals ihm nun mit solchen aus. Vom Patriarchen darüber befragt, wie es komme, daß er, der nebenbei bemerkt, sehr arni war, eine solche Fülle von Lebensmitteln mitgenommen habe, erwiderte darauf, er habe in der Voraussicht, daß ein Stern (Komet), der alle 70 Jahre (70 ist wohl nur die runde Zahl) wieder erscheine und möglicherweise die Schiffsleiter irreführen werde, soviel Lebensmittel als nur möglich mitgenommen. Das Jahr, in welchem die beiden genanitten Gelehrten die Seereise gemacht, läßt sich allerdings nicht mit Sicherheit seststellen. Jedenfalls war es vor dem Jahr 118 n. Ehr., da R. G a m a l i e l 118 und R. I o s u a etwa 12 Jahre später — 130 u. Chr. — gestorben ist. Es konnte also nur zwischen 80, wo der Patriarch sein Amt angetreten hatte, und 118 gewesen sein. Das stimmt nun allerdings nicht mit den geschichtlichen Auszeichnungen des Halleyschen Kometen. Diese sollen bis ins dritte Jahrhundert v. Chr. zurückreichen, aber sehr unsicher und unzuverlässig sein. Die erste sichere Beobachtung des Halleyschen Kometen setzt man auf ° das Jahr 11 v. Chr. an. Damals beutete man das Erscheinen des Kometen — selbstverständlich hinterher — aus den Tod A g r i p p a s (März 112), des Schwiegersohnes des Kaisers A u g u st u s. Sein nächstes Erscheinen im Jahre 66 n. Chr. wurde auf die vier Jahre später erfolgte Zerstörung Jerusalems (70) gedeutet. Selbstverständlich wieder hinterher. Das nächste Erscheinen des Kometen hätte demnach im Jahre 141 stattfinden müssen. In diesem Jahre aber waren R. G a m a l i e l und R. I o s u a längst tot. Es ist aber die Frage, ob die ans dem Anfänge unserer Zeitrechnung datierenden Aufzeichnungen gar so unumstößlich richtig und sicher sind. Zählt man zu der gegenwärtigen Jahreszahl 1910 die 11 Jahre v. Chr. hiezu, so hat man die Zahl 1921. Diese ist aber durch 75 nicht teilbar. Die Umlanfszeit beträgt allerdings nicht genau 75 Jahre. Wie dem aber immerhin sein möge, ist es immer merkwürdig, daß einem jüdischen Gelehrten schon zu Anfang des 2. Jahrhunderts bekannt war, daß es einen periodisch wiederkehrenden Kometen gibt — damals hielt man noch allgemein jeden sichtbar gewordenen Kometen für einen neuen Himmelskörper — und daß er dessen Umlaufszeit, wenn auch vielleicht nicht ganz genau berechnet hat. R. I o s u a hat den Kometen vom Jahre 66, falls er wirklich damals sichtbar war, sehen müssen. Denn wie an einer Stelle im Talmud berichtet wird, (Erachim 11 b) bekleidete er als Lewit ein Amt im Tempel kurz vor dessen Zerstörung. Wegen seiner Weisheit und großen Gelehrsamkeit stand er nachher im hohen Ansehen bei den Kaisern T r a j a n und Hadrian und hat manches Unheil von den Juden abgewendet, auf die er auch immer mäßigend und beschwichtigend einzuwirken suchte. Erft nach seinem 130 erfolgten Tode brach der Aufstand der Juden gegen die unerträglich gewordenen Bedrückungen unter Kaiser Hadrian, von Bar K o ch b a geleitet, aus. Die blutige Unterdrückung dieses Aufstandes hat bekanntlich die letzten Spuren jüdisch-staatlicher Selbständigkeit verwischt. Ans der Wiener Knltnsgemeinde. Ans der Plenarsitzung des Kultusvorstaudes vom 22. Mai 1910, unter dem Vorsitze des Präsidenten Dc. Alfred Ster n. Beginn 10 Uhr vorm. Der Präsident hält folgende Ansprache: Bevor wir zur Tagesordnung übergehen, ist es meine Aufgabe, zweier Männer gedenken, denen wir vor wenigen Tagen das Geleite zu ihrer Ruhestätte gaben. Kais. Rat Wilhelm Pollak ist unserem Kollegium, welchem er nach seiner letzten Wiederwahl vor kaum zwei Jahren angehörte, plötzlich durch den Tod entrissen worden. Die kurze Zeit seit seiner letzten Wiederwahl gestattete ihm nicht, seinen in früheren Jahren bekundeten Eifer aufs neue zu betätigen. Wohl aber hat er eben in früheren Jahren und noch früher, zur Zeit, als die selbständige Knltnsgemeinde Fünfhans bestand und er als Vorsteher derselben fungierte, znm Besten nuferer Gemeinde nach den verschiedensten Richtungen, gewirkt. Vermöge der Sympathie, die er in allen Kreisen genoß, wurden ihm viele Ehrenstellen in öffentlichen und privaten Korporationen zuteil, und es wird ihm nachgerühmt, daß er allenthalben bestrebt war, unseren armen Glanbensbrüdern, welche sich an ihit wandten, zu dienen, Erwerbsmöglichkeiten sür dieselben zu schaffen. Eine Dankesknudgebung von ihm, veröffentlicht in den Journalen am Tage nach seinem Tode, man könnte dies als Dank aus dem Jenseits ansehen, gerichtet an Hunderte unserer jüdischen und christlichen Mitbürger für ihr Votum, um ihn in die Repräsentanz unserer Stadtgemeinde zu entsenden, gibt Zeugnis von der Beliebtheit, von der Verehrung, die er in den weitesten Kreisen fand. Und so wird ihm auch ein dankbares und ehrendes Andenken im Kreise unserer Kultusgemeinde für immerwährende Zeiten erhalten bleiben. Und noch einen wackeren, braven und ausgezeichneten Mann, der, wenn auch nicht bis zu seinem Lebensende, so doch in früheren Jahren durch 13 Jahren unserem Kollegiltm angehörte, haben wir in dieser Woche zu Grabe geleitet. Dr. Josef G r ü n f e l d! Die Protokolle über unsere verschiedentlichen Beratungen geben Zeugnis von den vielfachen zielbewußten Anregungen, von der unermüdlichen opfervollen Tätigkeit des Dahingeschiedenen. Seiner Initiative ist die Errichtung einer jüdischen Betstätte im Allgemeinen Krankenhause zu danken, ein Besitzstand, der dauernd aufrecht erhalten wird, so daß nunmehr auch in dem neu erstehenden Krankenhause für eine jüdische Betstätte Sorge getragen wird. Seiner Initiative entsprang die seither dauernd fortgeführte wissenschaftliche Erforschung unseres uralten Friedhofes, dessen Besitz sich die arme ausgeplünderte Jndengemeinde bei ihrer Vertreibung ans Wien vor 240 Jahren gesichert hatte. Ans ärztlichem, zugleich jüdischkonfessionellem Gebiete unternahm er die Regelung einer Institution, und es ist bezeichnend, daß für diese Regelung, welche noch immer nicht zustande gekommen ist, gerade in den letzten Tagen ein seinerzeit erstattetes vorzügliches Referat des Dahingeschiedenen hervorgesncht und zur Grundlage der Beratungen genommen wurde. Im Unterrichtswesen, in der Wohltätigkeitspflege, in unserem Spitalwesen, überhaupt in allen, die öffentliche Hygiene betreffenden Angelegenheiten stellte er seine reichen Kenntnisse, seine hervorragende wissenschaftliche Begabung, sein organisatorisches Talent in den Dienst unserer Gemeinde, und dies nicht allein in unserem Vorstande, sondern auch bei nuferen Vereinen, deren Vorständen er angehörte. So, um nur Weniges hervorzuheben, hat er die Ausspeisuug der armen Kinder in unserer Talmud Thora-Schule angeregt, so hat er als langjähriger Vorsteher und Präsident des jüdischen Studenten- Unterstützungsvereines hingebungsvoll gewirkt und ist seiner Initiative die Kreierung einer sehr bedeutenden interkonfessionellen Aerztestiftung zu danken. Bon ihm, im Vereine mit seiner Gattin, welche wir als eine der edelsten, unermüdlichen Wohltäterinnen unserer Gemeinde kennen und ehren, ist das Ferienheim. sowie das Seehospiz in Grado ins Leben gerufen und ist so für Hunderte und Hunderte armer jüdischer Kinder alljährlich eine Heil- und Pflegestütte geschaffen worden. Soll ich schildern, welcher Segen hiedurch verbreitet wird, soll ich in Erinnerung bringen, wie unermüdlich er sich bei den