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Die Wahrheit · 1910-06-03 · Heft 22 (3.6.1910) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 22 (3.6.1910)
Date
1910-06-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 22. Antwort: ..In hebräischer Sprächet bemerkte der Kaiser: ..Althebräisch. nicht wahr?" Dem Herrn Girolamo S a l o m sagte der Kaiser: ..Wir haben nns vor anderthalb Jahren in Wien gesehen. Welche Beschäftigung haben Sie?" Der Kaiser sprach auch die Herren Poljokan ans Banjaluka und Elias Kasan au. Den Präsidenten der Kltltusgemeinde der österreichischungarischen Israeliten, R o t k o p f. fragte der Kaiser, ob er schon lange in Sarajewo sei und ob er viel zu tun habe. Zum Oberrabbiner Dr. Wesel gewendet, sagte er: „Wann ist die Synagoge erbaut worden? Sie ist sehr groß und sehr kunstvoll. Ich habe sie beim Einzuge gesehen und sie hat Mir sehr gut gefallen. Der Kaiser ließ sich sämtliche Mitglieder der Knltusgemeinde vorsteüen, sprach jeden einzelnen mit freundlichen Worten au und bemerkt wiederholt: „Es freut Mich, die Herren wieder zu sehen." Den Präsidenten der Begräbnisbruderschast. Herrn Diamant, fragte der Kaiser, wie viel der Verein Mitglieder habe und ob viel zu tuu sei. Beim Präsidenten der Knltusgemeinde in Banjaluka. Herrn G r ü n w a l d, erkundigte sich der Monarch, wie groß die Gemeinde sei und ob er gedient habe und auf die Antwort: „Beim Regiment Nr. 78" bemerkte der Kaiser': „Das liegt ja in Slavonien." Auch Herrn Chah a m o w i c fragte der Monarch nach dessen militärischer Dienstzeit und als der Gefragte das Infanterieregiment Nr. 30 nannte, bemerkte der Kaiser: „Sie sind also ans Lemberg. Wir haben uns übrigens vor anderthalb Jahren schon in Wien gesehen." Herrn Josef Weil aus Brcka sagte der Kaiser: ^Brcka entwickelt sich." Zu dem Abgeordneten Salom sagte der Kaiser: „Sie sind Abgeordneter für die Juden. Ich weiß, daß die Juden vierhundert Jahre i m L a n d e find und viel zu seine m Wo h l st a u d e und seiner Entwicklung beigetragen haben." Auch zur Hoftafel wurde der Präsident der spaniolischen und der Oberrabbiner der österr.-ungar. Kltltusgemeinde geladen. Ganz genau so. wie es seinerzeit in Galizien geschah, wird das Erlöschen des Propiuationsrechtes in der Bukowina von den politischen Parteien zu einer Hetze gegen die bisherigen jüdischen Schänker benützt, die von der Erteilung der Gast- und Schankkonzession ausgeschlossen und dadurch in Not und Elend gestürzt werden sollen. Ans diesem Anlasse richtet der Abgeordnete Dr. Straucher ein offenes Schreiben an den Landespräsidenten, in dem er die Regierung auf die skrupellosen Agitatioueu, die 3000 jüdische Familien au den Bettelstab bringen, aufmerksam macht, ihr die Folgen der unaufhaltsamen Proletarisierung breiter Volksschichten vor Augen führt und unter Hinweis auf die seitens der Regierung im Landtage abgegebenen Erklärung, daß die Gast- und Schankgewerbekonzessionen in sorgsamer Bedachtnahme auf die bisherigen Propinationsschänken verliehen werden sollen, den Landespräsidenten auffordert, den hart bedrängten jüdischen Schänkern und ihren Familien wirksamen Schutz und Gerechtigkeit angedeiheu zu lassen. * In der ungarischen Politik vollzieht sich eine bedeutsame Wendung. Soweit die bisherigen Wahlresultate für den ungarischen Reichstag bekannt sind, bedeuten sie ein niederschmetterndes Urteil für die Parteien der vormaligen Koalition und eine offenbare Erklärung für den Siebenuudsechziger Gedanken. Am ärgsten ist es am ersten Wahltage der Jnsth-Partei ergangen, doch nicht minder empfindlich ist auch die Niederlage der klerikalen Volkspartei, die enge Beziehungen zu den Wiener Christlichsozialen hat. Der ungarische Volkswille hat sich damit nicht nur für den Frieden mit dem anderen Teile der Monarchie, sondern auch gegen jene ausgesprochen, die das Land unter das klerikale Joch führen und zwischen den Bürgern Haß und Zwietracht säen wollen. Die Wahlbewegung für die diesmaligen Neuwahlen in den ungarischen Reichstag war mit Rücksicht auf die ganze politische Bedeutung derselben intensiver als je und es gab manch interessante Beobachtung, wie sowohl die Kossnth'sche Unabhängigkeitspartei. wie die Partei Tisza um die Sympathien der vielfach durch ihre Zahl oder durch ihre soziale Stellung emflnßreichen jüdischen Wähler buhlte. Die Kossuthianer verschickten sogar „fromme" Wahlaufrufe in — hebräischer Sprache und luden die jüdischen Wähler zu einem Bankett ein. von dem sogar behauptet wurde, daß es ..allen rituellen Anforderungen genügt!" Tiszas Schwager z. B., Ex-Unterstaatssekretär Janos S a n d o r, kandidierte in einem stark von Juden bewohnten Bezirk bei Großwardein. Um seinen jüdischen Wählern zu schmeicheln, schickte er, wie wir bereits berichteten, an sie Einladungen zu Versammlungen in hebräischer Sprache, schließend mit frommen jüdischen Sprüchen und der Aufforderung am Bankett teilzunehmen. Andere Kandidaten endlich zogen es vor, nicht durch Philo-, sondern durch A n t i s e m i l i s m u s aus Ziel zu kommen. Der Abgeordnetenkandidat des Kölesder Bezirkes, Ludwig Halasz, war auf dem Wege, sich die Herzen seiner zumeist dem reformierten Glauben angehörenden Wähler zu erobern. Halasz entstammt einer uralten Familie. Sein Gegenkandidat hat nun ein Mittel gefunden, ihn unmöglich zu machen, indem er den keineswegs judenfrenndlichen Kölesder Wählern erzählte, daß Halasz ein Jude sei und nur seinen alten Namen Fischer ins ungarische Wort Halasz übersetzt habe. Man ließ eine alte Jüdin irgendwoher kommen, die für ein gutes Honorar von Wähler zu Wähler geht also redend: „Ich bin die Frau Fischer aus Pest — ach, Gott wird es Ihnen lohnen, lang sollen Sie leben, stimmen Sie für meinen Sohn — gesund soll er mir sein!" * * * Die große Trauer um den verstorbenen König spiegelt sich noch immer in allen englischen Blättern wieder und besonders von den englischen Inden wird das Hinscheiden Eduard YII. als persönlicher, schmerzvoller Verlust empfunden. Tatsächlich hat er keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um seiner Sympathie für die israelitischen Bürger offenherzigen Ausdruck zu geben. Nachstehend noch einige kleine Beispiele, die tvir dem „Prag. Tagbl." entnehmen: „Im Vorjahr schrieb er eigenhändig dem Oberrabbiner von London einen liebenswürdigen langen Brie f, in dem er ihm zu seinen siebzigsten Geburtstag gratitlierte. Zweimal besuchte König Eduard, als er noch Prinz von Wales war, Synagogen in England. Das erste Mal 1881 anläßlich der Hochzeit von Mr. nub Mrs. Leopold Rotschild, das andere Mal besuchte er 1898 die Zentralsynagoge in Great-Portland Street, als für den verstorbenen Baron Ferdinand Rotschild, der Parlamentsmitglied war, ein Trauergottesdienst abgehalten wurde. Welch entzückendes Taktgefühl König Eduard wirklich in allen Lebenslagen bewies, zeigt folgende Geschichte: Eduard weilte als Gast bei einer vornehmen jüdischen Familie auf deren Landsitz. In die Zeit seines Besuches fiel der Versöhnungstag, und die Ehegatten wären, dem illustren Gast zuliebe, bereit gewesen, die hohen Feiertage nicht wie gewöhnlich zu halten, damit dem König nicht irgendwelche Störungen bereitet würden. König Eduard teilte aber dem Ehepaare einen Tag vor dem Festtage mit. daß ihn dringliche Staatsgeschäfte nach London riefen und er erst am übernächsten Tage wiederkommen würde. Tatsächlich war das aber nur eine Ausrede gewesen, um sich entfernen und den Wirten die Möglichkeit geben zu können, in gewohnter Weise den Feiertag zu halten." * * * Mark Twai n, der vor einiger Zeit verstorbene amerikanische Humorist, hat sich gelegentlich auch mit ernsten politischen Tagesfragen beschäftigt. Im Septemberhefte 1899 des „Harper's Magazine" kam er in einem längeren Artikel auf die Judenfrage zu sprechen und die folgenden, in dem genannten Aufsatze zum Ausdrucke gebrachten Ansichten bekunden, daß Mar! Twain auch dieser Frage auf den Grund gegangen ist. Er schrieb: „Wägt man die Vorzüge und die Mängel beider Seiten ehrlich und genau ab, so hat der Christ kein Recht, für sich in bezug auf gutes Bürgertum eine Sup e r'i ori tät über den Juden in Anspruch zn nehmen."

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