Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Die Wahrheit Nr. 21. Seite 8 N bsris, war er aus dem Hause verschwundeu. Die gauze Ge- I meinde halte des Morgens seinem Gebete gelauscht. Denn sein ererbtes Recht war es seit Jahrzehnten, an diesem heiligen Tage in der „Altschul" die Selichoth vor dem Omed sagen zu dürfen. Und wie er sie sagte! Alles Weh und aller Schmerz, alle Sehnsucht und Buße lag in dem ergreisenden Ton seiner Stimme. Tränen rollten über sein Antlitz und keine Auge blieb trocken, wenn er in tiefster Wehmut und Zerlnirschntig rief: „Wir haben gesündigt." Nun saß er bei seinem geliebten „Sohar“, dem hochheiligen Buche der Kabbalisten, und holte sich aus ihm Trost und Krast und Mm für die kommenden, großen, furchtbaren Tage. Jeder Nerv an ihm zitterte bei dem Gedanken an den Tag des Gerichtes. Ja, er war sich bewußt, bereit gu sein, vor Gott zu erscheinen, er sehnte sich danach. War ihm doch das irdische Leben nur eine Vorbereitung für das ewige. So saß er in dem Kabbolehstübel und sann und sann. Er las gerade ein Kapitel über das Geheimnis der verschiedenen Schofarlante und die Macht der Posaune über den Satan, der am B-osck-Haschonoh sich vor den Herrn hinstellt, um Israel anznklagen, tvie es geschrieben steht im Buche Job: „Es war eines Tages, da kamen die Kinder Gottes sich ausznstellen vor dem Ewigen, da kam auch Satan unter ihnen. Und wenn er auch wußte, daß unter dem Satan in diesem Falle nur der böse Trieb und das Gewissen gemeint seien, so sah er doch den „Ankläger" leibhaftig vor sich und nannte die Namen der Schutzengel mit heißer Inbrunst, die in den Schofartönen zum Himmel anffliegen. Er war ja Baal-Tokeah in der heiligen „Altschul" in deren mächtigen Kuppeln die Eugelnamen hoch oben eingeschrieben sind. Mir geschlossenem Auge saß er in seinem Stuhle. Das Kabbolehstübel war wie erfüllt von göttlicher Herrlichkeit. Durch einen schmalen Spalt fiel ein Lichtstreifen ein, der Reb Josef Lobs tiefgefaltete Stirne streifte. Ein Flüstern und Knistern ging durch die modrigen Schriften; es begann tief unten in dem morschen Bretterboden und stieg hinauf, immer deutlicher, immer weiter bis an die Decke. Die Schriften wurden lebendig; die Schemoth bekamen Bewegung und Leben. Und ein feiner Ranch zog aus den Bücherschränken hervor und erfüllte den Raum. Reb Josef L ö b saß und sann und sann; und sein schweres Haupt fiel tief auf die Brust herab. Und der Rauch nmnebelte sein Auge. Aber innerlich wurde es immer lichter, immer heller. Er sah den Propheten Elias im weißen wallenden Gewände; er kam ihm entgegen und grüßte ihn. Und er hörte die Engel singen, die mit den Schofartönen emporsteigen. Das ganze Kabbolehstübel schwebte empor und trug den Entschlafenen hinauf in die Himmelshallen. Als man abends in Schul ging, war Reb Josef L ö b noch nicht heimgekehrt. Gütel, sein frommes Weib, fragte auf und ab in der Gasse, niemand hatte Reb Josef Löb gesehen. Da riet Perez, der Schames. im Kabbolehstübel nachzusehen. Anfangs wollte es niemand wagen. Man öffnete; da saß Reb Josef Löb; er war tot. Heilige Verklärung lag auf seinem Antlitz und großer Frieden. Am zweiten ü,08oll-L!a86k0r>ok-Tage wurde er begraben, auf dem Rabbonimplatze. Und es wurde Schofar geblasen an seinem Grabe. Denn er war ein Mekubbel gewesen. Die „höhere Phnsik und die Astrenimie" hatten ihm über alles Irdische hoch emporgetragen. Und nun weilt er im Kreise der Seligen. Moosröschen. Erzählung von Babette Fried in Prag. (Fortsetzung.) „Ich beschreibe Dir alle meine Erlebnisse in Wien, den Eindruck, den alles auf mich macht, und den ich selbst in meiner neuen Umgebung hervorbringe. Du wieder schreibst mir alle hiesigen Neuigkeiteu und alles, was man hier über mich und meine Reise spricht. Das ist, glaube ich, Stoff genug zu ausführlichen, umfangreichen Briefen; willst Du?" „Gewiß, gewiß," antwortete Rosa zerstreut. „Also leb wohl, gute Nacht, laß Dir was schönes träumen^ ich komme morgen noch auf einen Sprung hierher, um Abschied zrl nehmen." Und fort wie vom Winde entführt, flatterte sie davon. Rosa war zurückgeblieben, ohne wie sonst der Freundin das Geleite zu geben. Das soeben mit dieser geführte Gespräch hatte einen Sturm der widersprechendsten Gefühle in der Seele des jungen Mädchens entfesselt. Eine unsagbare Bitterkeit war in ihr anfgestiegen. Sollte es der Neid fein, der sich trotz ihren gegenteiligen Versicherung der Seele des jungen Mädchensbemächtigt hatte? Neid wohl nicht, aber das stürmische Verlangen, auch des Glückes teilhaftig zn werden, Wien und die Weltausstellung^ von der so viel gesprochen und geschrieben wurde, mit eigeneu Angen anzusehen. Jedoch sagte sie sich selbst, daß sie ans dieses Glück verzichten müsse. Ihre Eltern lebten wohl in geordneten Verhältnissen, aber ihnen znzumnten, daß sie die für diese Verhältnisse enormen Auslagen wie sie eine Reise nach Wien erfordern würde, anfbriugen sollten, das war doch undenkbar. Und sie hätte kein solches Opfer von ihnen angenommen, selbst wenn sie es zu bringen gewillt gelvesen wären, dazu war sie ja zu bescheiden.. Umsonst hieß man sie in der Gemeinde nicht „Das Moosrösel". Wer sie zuerst so benannt, wußte man nichts von ihrer Kindheit an hieß man sie so, und wirklich paßte dieser Name ganz gut auf sie. Jung und frisch und anmutig wie eine Rose, und dabei so bescheiden und anspruchslos, so war sie als^ Kind gewesen, so war sie anfgewachsen und so geblieben. — Nur leise Seufzer entschlüpften ihr als sie den Unterschied ihres Lebens mit dem ihrer Freundin bedachte. Dann aber schalt sie sich selbst: „Warum soll ich mit dem Geschicke hadern, wenn es mir etwas vorenthält, auf das ich nicht einmal richtigen Ansprucherheben kann? Er, der gelehrte, im Dienstes Gottes ergrante Mann, muß in einer fast untergeordneten Stellung leben, während sich Elses Vater, ein fast unwissender Mensch, als Vorsteher ihm gegenüber aufbläht, stolz auf seine Würde, die ihm nicht geistiges Uebergewicht verschafft, sondern der Umstand, daß: er der reichste Mann der Gemeinde ist und die meisten Gemeindemitglieder seine Schuldner" sind. * „Also fort mit den. trüben Gedanken," sprach sie zu sich selber, „ich will glücklich sein in der bescheidenen Stellung, die mir Gott der Herr in seiner bescheidenen Weisheit angewiesen, will glücklich sein im Bewußtsein treuer Pflichterfüllung, im Besitze so zärtlicher Eltern, will auf die mir versagten Genüsse der großen Welt gerne verzichten, indem ich eine kleine Welt voll unschuldiger Freuden um mich her errichte, meine Bücher, meine Handarbeiten und Spaziergänge in Gottes freier Natur. Der. Wonnemonat bricht an, da ziemt es nicht, traurig zu sein."' Der Wille Rosas war gut. Die Ausführung aber nicht gar so leicht. Das durch die zärtlichste Liebe geschärfte Auge von Rosas Mutter fand alsbald die Veränderung heraus^ welche im Benehmen und der Stimmung ihres einzigen Kindes eingetreten war. Auf ihre besorgte Frage antwortete Rosa, daß. ihr nach ihrer Freundin bange sei, und sie sich seit Elsas Abreise recht vereinsamt fühle. Die Mutter erwiderte nichts darauf, sie erriet aber den wahren Gruud von Rosas Verstimmung, denn es war ja allzubegreiflich, daß sich Rosa auch danach sehnte, das Wunderbare kennen zu lernen, das den einzigen Gesprächsstoff in dem kleinen Städtchen, woselbst sie lebten, bildete — die Wiener Weltausstellung. Als Rosas Eltern in der Abendstunde allein den gewohnten Spaziergang durch die mit jungem Grün bedeckten Gärten und Wiesen machten, erwähnte die Rabbinerin vor ihrem Gatten die Veränderung Rosas und deren Antwort auf ihre Frage. Der Rabbiner eutgegnete: „Ich betrachte es für kein Unglück, daß Rosa durch Elses Abreise vereinsamt wurde. Vorstehers Else ist keine passende Gesellschaft für das Kind, sie ist sehr hochmütig und es bedarf, der ganzen Herzensgüte Röschens, daß sie sich nicht oftmals verletzt von ihrer sogenannten. Freundin zurückzieht." - (Fortsetzung folgt.) Gott und Jahr Best iatze Anz, aen «l2D