Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Die Wahrheit Seile 7. widmete der Obmamrstellvertreter Herr Ignatz Zolles dem Verstorbenen einen warmen» tief empfundenen Nachruf. Möge der Dahiugeschiedene, der .Jahrzehnte hindurch für seinen heiligen Beruf gelebt und gewirkt hat, und dem der Synagogenverein „Beth Israel" und Alle, die ihn kannten und mit ihm zu verkehren Gelegenheit hatten, stets ein ehrendes Angedenken. bewahren werden, in Frieden ruhen und der verdienten Seligkeit teilhaftig werden, und möge die betrübte Familie in der allgemeinen Teilnahme, die sich beim Leichenbegängnisse kundgab, Trost und Erleichterung finden- Wien. (Jüdische akademische Verbindung n i t a s.") Am 17. Mai fand auf der Berbindungsbude eine interne Herzlfeier statt. Neben den Alten Herren und ihren Frauen waren zahlreiche Gäste erschienen. Nach der Begrüßung Lurch den Präses, J. TJ. C. Max Bäudler, wurde von dem semerzeitigen Beschlüsse, den Geburtstag Theodor H e r z l s durch Pflanzung eines Unitengartens zu feiern, Mitteilung gemacht und mit Freuden konstatiert, daß bereits über 100 Bäume zu diesem Zwecke eingezahlt wurden. Hierauf folgten interessante Referate, welche das Leben und Wirken H e r z l s beleuchteten. N. TJ. J. Theodor Kohn sprach über die Biographie H e r z ls, anschließend daran rezitierte er die Menorah, A. H. E. B. Dr. Karl Pollak svrach über „Herzl und die Urntas", A. H. Dr. S. H. L ö b l über „,Herzls zionistische Gründungen", J. U. C. Ernst Skntetzky über ^,Die zionistische Bewegung nach Herzl". Mit Absingung des Bundesliedes schloß die erhebende Feier. Wien. Am 15. d. M. wurde am Wiener Zeutralfriedhof die Vor- -steherswirwe Frau Marie W inte r, die im 80. Lebensjahre stand, hier in sehr ehrenvoller Weise bestattet. Ihr verstorbener Gatte Herr Jakob Winter, war ein langjähriges, sehr eifriges Vorstandsmitglied der Budapester großen Religiousgemeinde und die Verstorbene nahm an seinen Arberten, namentlich im Dienste der Humanität, sehr regen Anteil. Prozessor A n t s ch e r l hielt ihr einen würdigen Nachruf, Oberkantor Schleifer, assistiert vom Tempelchor, exekutierte die Trauergefänge. Den Kindern. die wie die Verewigte, durch ein gutes, echt jüdisches Herz sich aus- .zeichnen, wurde allgemeine Teilnahme entgegengebracht. — Die Verewigte ruhe sanft! Wien. Montag, den 30. d. I., 7 Uhr abends, findet im Tempel, XV.. Turnergasse 22, eine Trauerandacht für den verstorbenen Kultusvorsteher Herrn kaiserl. Rat Wilhelm P o l l a k statt. Prag. Am 28. v. M. ist der ehemalige Schulleiter und Kantor S. D i t t r i ch, der in früheren Jahren in mehreren Gemeinden in Böhinen erfolgreich wirkte, im 83. Lebensjahre in Wien gestorben. Um ihn trauern nicht nur die Mitglieder seiner Familie, sondern auch zahlreiche Schüler aus Kuttenplan, Postelberg. Saaz, Komotau, Welwaru und Prag, die selbst Nunmehr schon Greise sind und in ihrer Jugend mit Verehrung zu ihrem geliebten Lehrer anfblickten, sowie viele Freunde und Verehrer, die seinem Gebete andächtig folgten. Der Heimgegangene war nicht nur ein tüchtiger Meister in seinem Berufe, sondern anch ein ganzer Mauu an Geist und Charakter. Prag war ihm durch 25 Jahre seines dortigen Wirkens sehr lieb geworden, obgleich er hier in den Lebensabschnitt trat, von dem man sagt: Er gefällt mir nicht! Die letzten zwei Jahre lebte er in Wien, wohin sein jüngster Sohn Arthur, von dem er sich nicht trennen konnte, versetzt wurde. Da kam das zeitliche Ende. Der Tod schied ihn von seinen Lieben, schied den edlen Geist von der alten, noch kräftigen .Hülle — zu ewigem Frieden! X. Franzensbad. Dienstag, den 10. d. M. fand im hiesigen isr. Tempel die Trauung des Fräulein Rosalia Fellner,. Tochter des Kurarztes Herrn kais. Rates Dr. Fellner mit Herrn jur. Dr. Arnold Karoli statt. Der feierlichen Zeremonie wohnten sämtliche Kurärzte, eine Abordnung der Kurstadt mit dem Bürgermeister, Herrn kais. Rat W i e d e r m a n n an der Spitze, hohe Militärs, Herr Theaterdirekror Wolf und dessen Frau und sonstige Honoratioren bei. Den Tranungsakt vollzogen Herr Rabbiner Dr. Spitzer, der eine gehaltvolle Ansprache an das Brautpaar richtete und Herr Kantor Neubauer, dessen schöner Bortrag allgemeinen Anklang fand. Die künstlerische Weihe des Gottesdienstes wurde eröffnet durch die Mitwirkung des Egerer Tempelchorvereines, mit dem Organisten Regner und Oberkantor W i l k ow i t s ch. Die Solopartien des Oberkantors W i l k o w i t s ch. desien -Gemahlin und Fräulein Olga W e ß l, fanden allgemeine Bewunderung. Das Gotteshaus war mit Teppichen, die die Firma Schein aus Gefälligkeit zur Verfügung stellte, herrlich dekoriert und Herrn Kultnspräsidenten Spiegel, der mit viel Umsicht und Geschmack das Arrangement leitete, das Gotteshaus zu einer Stätte der Pracht und Bewunderung machte, gebührt vollste Anerkennung. Nach vollzogenem Trauungsakt sprach der Kultnspräsideitt dem Tempelchore sowie dessen Meister, Herrn W i l k o w i t s ch. den wärmsten Dank aus. Austerlitz. Samstag, den 7. Mai fand die mxia -|» des Gymn. stud. Karl, Sohn des Herrn Moritz P r e i ß, statt. Nach dem üblichen -i-Qg? '<2, gesprochen von Herrn Kantor Stern, rezitierte der Konfirmand in verständnisvoller Weise die Haftora. Fe« illeton. Das Kaööotehstüöel. Von Dr. D. Feuchtwang. Rabbi Josef Lob saß in dem dämmerigen Halbdunkel des langen, schmalen Stübchens; tief herabgebeugt ans uralte, geheimnisvolle Folianten. So saß er vom frühesten Morgengrauen bis in die späteste Nacht. Nur er betrat dieses Heiligtum des Betha-Midrasch. Das Kabbolehstübel ist nämlich ein Teil des Betha-Midrasch. Durch eine schmale Türe gelangte man aus dem großen Lernzimmer hinein. Schon dieses ist ehrwürdig genug. Vergitterte Fenster mit halbblinden Scheiben lassen nur kärgliches Licht ein. Mächtige Eichentische stehen da und um sie herum Bänke ohne Lehnen; ein uralter Kachelofen ist da, der au das Gebälke der Zimmerdecke reicht, die schwarz vom Rauche und vom Tabak der langen Pfeife Reb Moscheh D a w i d s ist, der hier unaufhörlich lernt. Offene Büchergestelle ziehen sich längs der Wände hin und an der Westwand steht ein mächtiger, wuchtiger Katheder, auf welchem der „Rebbe" Talmud vortrügt. Messingene Leuchter stehen auf den roh gezimmerten Tischen; Kerzenstümpfchen, sparsam anfgespießt, stecken in jedem der Leuchter. In dem Messing, das nur einmal im Jahr die scheuernde Hand des Schammes Reb P e r e z berührt, blinken fahle Lichter der einfallenden Sonnenstrahlen, die sich durch die Fensterläden stehlen. Durch die schmale Tür betritt mau das Kabbolehstübel. Hier weht ein eigener Geist. Ein schwarzer eiserner Laden verschließt das Fenster, das in den Jndengarten schaut. Vor ihm steht ein wurmstichiger, vierbeiniger, vierschrötiger Tisch und davor ein gewaltiger Stuhl, in dem Rabbi Josef L ö b sitzt. Die Wände hat noch kein Menscheuauge gesehen; Sphorim, Sphorim. Sphorim, vom Fußboden bis hinaus an bte Decke, von der eine kupferne, grün und grau gewordene Zackenlampe herabhängt. Modrige zerbröselnde Schriften füllen die Schränke; und eine Truhe, die an den Boden geschraubt und von kunstvoll geschmiedeten Eisenbändern umklammert ist, birgt die größten Schütze. Die Kabbolehbücher und Handschriften. Das sind die heiligen Bücher, welche die Schleier lüften, die über Gottes Herrlichkeit gebreitet sind und dem Auserwählten die Weltgeheimnisie und Schöpfungsrätsel offenbaren. Da sind die heiligen Bücher, die in Zeichen und Zahlen der Schrift und des Gotteswortes lautere Wahrheit erkennen lassen und die Sprache der Natur und ihrer Geschöpfe verstehen lehren; durch sie vermag der Sterbliche sich mit dem Ewigen zu verbinden und der irdischen Hülle hemmende Fessel abznstreifen, um in den Sphären zu weilen, wo nur die Güte und die Wahrheit, die Reinheit und die Tugend, die Vollkommenheit und die Schönheit wohnen. . Reb Josef Löb, der diese Kabbolehbucher mit feurigem Eifer las, sah mit Verachtung auf die Lamdonim herab, denen es nicht vergönnt war, Gottes Nähe zu schauen, wie er, und die sich mit Talmud und Poskim begnügen mußten. Er hatte in der ganzen Gemeinde den Ruf eines Mekubbel und man rief seine Vermittlung an, wenn es sich um böse Krankheiten. Geistesstörungen rc. handelte. Insbesondere mar Pidjon N e f e s ch seine Stärke, und viele Kinder der Judengasse waren seine Kinder und er ihr Vater, da er sie in der Stunde der Lebensgefahr gekauft hatte, wo durch den Wechsel des Besitzers Rettung erwartet tvurde. Er war ein ehrwürdiger Greis; sein Rücken war durch die Jahre und das ewige Beugen über Bücher gekrümmt. So saß er auch jetzt im Kabbolehstübel. Sein Weib. Gütel, wartete vergeblich auf seine Heimkehr. Sie sah mit tiefster Bewunderung zu Reb Josef Löb empor, von dem sie mit Stolz den Nachbarn erzählte, daß er „die höhere Phnsik und Astrenimie' studiere. Denn der würdige Mann betrieb tatsächlich nächtlicher Weile die Sternkunde nub berechnete aus alten Büchern und Schriften den Gang der Gestirne; die talmudische Kalenderknude, der er tiefe Geheimnisse znschrieb, war sein Liebliugsgebiet und man- -konnte ihn weltvergessen Mond und Sterne beobachten sehen. Wenn die Gemeinde bei blassem Laternenlichte vor der „Altschnl" die Lewone mekadesck war, hüpfte niemand fo hoch und begeistert, wie Reb Josef, als wollte er den Mond erreichen; und niemand war io andächtig wie er; niemand verstand das Geheimnis der Mondernenernng und der Tekrifeh gleich ihm. Das war sein unbestrittenes Vorrecht: Und selbst der gelehrte Rabbiner, der von Kabboleh nichts wissen wollte, erwies Reb Josef Löb die geziemenden Ehren. Heute war er ganz in sich versunken. Es war Erew Rosch-Haschonoh. Gleich nach dem Morgengebet. aechor