Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-05-27 · Heft 21 (27.5.1910) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063541--06685-3073708
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6. Die Wahrheit Nr. 21. lichen Religion und ihrer angeerbten Gebräuche, so weit als solche mit den allgemeinen Landesverordnungen und diesem Gesetze nicht im Widerspruch stehen, durchaus frei und ungehindert sein." bestimmte zugleich, daß eine eigentliche I u d e n g e m e i n d e nur in Prag zu bestehen habe und anerkannte hiedurch die rechtliche Existenz und Organisation der Prager Kultusgemeinde, indem es noch weitere Bestimmungen bezüglich der Wahl des Gemeindevorstehers für Prag normierte. In Mähren hingegen bildeten die Juden seit undenklichen Zeiten, da sie stets in eigene, durch die von den Behörden genehmigten 111 Beschlüsse in geregelte Gemeinden eingeteilt waren, einen geschlossenen Organismus mit einem eigenen Landesrabbinat und sehr wichtigen Institutionen. Der Zweck dieser Einteilung iu eigene Gemeinden war, die spezifisch jüdischen Angelegenheiten selber zu besorgen. Die Aufgabe der Gemeindevertretung war, das Gemeindegut gewissenhaft zu verwalten, die sämtlichen Steuern einzutreiben, die jüdischen Armen zu verpfiegen und für die Erhaltung der Ordnung und der Evidenz der systemisierten jüdischen Familien Sorge zu tragen. Die Wahl der Gemeindevertretung fand alljährlich Ende Oktober statt. Es wurden zuerst die sogenannten ^Lorerim" (Wähler) mittelst Stimmzettel gewählt, und diese „Lorerirn" hatten dann die Vorsteher zu wählen. Bei kleineren Gemeinden bestand der Vorstand aus einem Richter, zwei Geschworenen und vier Ausschußmännern, ergo „Schiwe tube Jiair“, sieben Optimalen. Bei größeren Gemeinden hingegen bestand der Rat aus fünf Personen und der Ausschuß aus achtzehn Mitgliedern „CJiai Anoschim“. Die Behörde durfte die Bestätigung der gewählten Gemeindevorsteher nur daun verweigern, wenn erstens die Wähler ihre Stimmen ans Eigennutz, Gunst oder Mißgunst, oder aus anderen unlauteren Absichten gegeben haben, ferner, wenn nicht die fähigsten und beftverhaltensteu Leute gewählt worden sind, oder solche, welche ihre Steuerschuldigkeit vom verflossenen Jahre nicht abgetragen haben, oder die mit einander im zweiten Grade verwandt oder unter, sich Handelskompagnons waren. (Hofdekrekt, 5. Jänner, Guberuialdekret 6. Februar 1818). Ans einer vor siebzig Jahren unter dem Titel „Uebersicht dee bestehenden Vorschriften über die jüdische Gemeindeverwaltung in Mähren" erschienenen Schrift ist klar und deutlich zu entnehmen, daß die Verwaltung der jüdischen Gemeinden Mährens schon in der vormärzlichen Zeit eine geregelte war, die von den Behörden streng beaufsichtigt worden ist. Das Amt eines „Judenrichters" Loseb liakoliol, war mit großen Schwierigkeiten verbunden, indem einerseits die Gemeindemitglieder in den verschiedenartigsten Fällen vor allem an ihren Vorsteher appellierten, während dieser anderseits für Alles und Jedes der Behörde verantwortlich sein mußte. Und es kam nicht selten vor, daß so ein Losest liakoliol während der Zeit seiner Regierung ein wahres Martyrium durchzumachen hatte, besonders, wenn er sich nicht nur durch wahrhafte Frömmigkeit, sondern auch durch Herzensgüte und Biedersinn auszeichnete. Abgesehen von den „amtlichen Geschäften," die seine Zeit sehr in Anspruch genommen haben, mußte er noch als Friedensstifter in der Gemeinde — da er oft Streitigkeiten und kleine Prozesse, die nicht selten ans der „Gasse" vorkamen, zu schlichten hatte — fungieren. Außerdem mußte er, wenn einem oder dem anderen durch Denunziationen und lügenhafte Verleumdungen — was damals oft gang und gebe war — Gefahr drohte, seinen Einfluß, den er bei den Behörden hatte, zugunsten des unschuldig verfolgten Glaubensgenossen geltend machen. In der Regel hatte der Vorsteher einer großen Gemeinde — da man doch zumeist nur würdigen, vielbegüterten Männern dieses Amt übertrug — bei den Spitzen der Behörden großen Einfluß. Man nannte ihn daher den „Takif“, den Vielvermögenden. Und solche „Takifim“ hat es überall, in Mähren. Böhmen, Ungarn und Polen gegeben. die gar oft so manches düstere Gewölk (G-eserah genannt), das den Horizont der in Ghetto lebenden Juden zu verdunkeln drohte, zu verscheuchen verstanden. (Fortsetzung folgt.) ILuf nach AöHrtfe. Im Hofraume des neuerbauteu, allen hygienischen Anfordernngen entsprechenden Schulhauses, EL Malzgasse 16, befindet sich die stark frequentierte neuerrichtete Synagoge, Die einen Hauptfehler hat — ein Unikum wohl in Wien — daß ein gewisser notwendiger Ort nicht im Vorhofe, sondern innen im Gebäude sich befindet, direkt anstoßend an den Betraum. Es bringt dies mancherlei Unzukömmlichkeiten und Störungen der Andacht mit sich, die um so schwerer in die Wagschale fallen, da auch öffentlicher Jngendgottesdienst hier abgehalten wird. Wir erlauben uns die leitenden Persönlichkeiten auf diesen eines Gotteshauses unwürdigen Zustand aufmerksam zu machen und zu ersuchen, daß ehestens, spätestens aber in den Ferien, dieser Fehler beim Bane gntgemacht werde. Einer im Namen vieler Besucher dieser Synagoge. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Beth-Hamidrasch Talmnd-Th ora, II. Malzgasse 16.) Samstag, den 28. Mai 1910, findet daselbst ein Vortrag des Herrn Rabbinatskandidaten Bela Fischer statt. Thema: „Das Justalionis in Israel." Vortrag H.. Wien. (Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen- und A r b e i t e r i n n e n - H e i m). Kürzlich fand die diesjährige Generalversammlung des Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen-Heims statt. Zu derselben hatten sich nebst zahlreichen Vereinsmitgliedern viele Ehrengäste, darunter Herr Reichsratsabgeordneter Dr. Ofner, in Vertretung des Präsidiums der isr. Kultusgemeinde Herr Dr. S a iu u e l y, die Gemeinderäre Karl Moritz Mayer und Ernst Neustadt!, die Rabbiner Ehrwürden Dr. David und Dr. Roseumaun. der Herausgeber der österr. Wochenschrift Herr Dr. Bloch, Schriftsteller Moritz Gelber, als Delegierter der Baron Hirsch Kaiser Jubiläumsstiftung deren Sekretär Herr Dr. Arnold Ascher, als Delegierter der isr. Allianz in Wien Sekretär Dr. K a m i n k a, Direktor Heller vom isr. Blindeninstitute sowie Abordnungen zahlreicher Frauenwohltätigkeits-Vereine und viele Andere eingefunden. Nach Eröffnung der Versammlung und Begrüßung der Erschienenen widmete der Präsident kais. Rat Dr. Krüger den im abgelaufeueu Jahre dahingeschiedenen, um den Verein hochverdienten Herren Wilhelm Freyberg. Emil Horner. Ferdinand K l e b i n d e r und Donat Z i f f e r e r ehrende Nachrufe. Hierauf erstattete die Schriftführerin Frau Dr. Lina Weiß den mit großem Beifalle aufgenoinmenen Rechenschaftsbericht. Demselben ist insbesonders zu entnehmen. daß seit der Unterbringung des Heimes im eigenen Gebäude in demselben ununterbrochen 60 Lehrmädchen und Arbeiterinnen u n e n tg e l t l i ch verpflegt werden und daß die durch den Verein ansgebildetei, Ärbeiteriunen sich durchwegs iu günstigen Stellungen befinden; einige sogar schon ihr Gewerbe selbständig und mit sehr gutem Erfolge ansüben. Im Anschlüsse an den Rechenschaftsbericht sprachen, die Herren Dr. S a m u e l y, Dr. D a v i d, Dr. K a m i n k a. Dr. Ascher und Abgeordneter Dr. Ofner dem Borstande Dank und Anerkennung für dessen unermüdliche Tätigkeit und die großen Erfolge des Kaiserin Elisabeth Lehrmädchen- und Arbeiterinnen-Heims ans dem Gebiete der Jugendfürsorge aus und gaben die Versicherung, daß die durch sie vertretenen Körperschaften auch in Zukunft die segensreichen Bestrebnngen des Vereines aus das tatkräftigste fördern werden. Nach dem sohin von der Kassaverwalterin Frau Cäcilie Frankl unter allgemeinem Beifall erstatteten Kassaberichte, trug Herr Revisor Ferdinand L ö w y den Revisionsbericht vor und beantragte dem Vorstande das Absolntorium zu erteilen, welcher Antrag einstimmig angenommen wurde. Nach den hierauf vorgeuommenen Wahlen schritt der Präsident zum Schluffe der Versammlung. Im Anschlnffe an dieselbe brachten Schützlinge des Heims zwei, die Arbeit verherrlichende Gedichte znm Bortrag, worauf Herr Schriftsteller Moritz Gelber einen mit vielem Beifall aufgenoinmenen Vortrag über: „Geschichten von Menschen und Schätzen aus Tausend und einer Nacht" hielt. Bei den in der Generalversammlung vorgenommenen Wahlen wurden über Antrag des Herrn Dr. Ascher sämmtliche bisherige Vorstandsmitglieder berufen und bei der sohin erfolgten Konstituierung des Vorstandes Herr kais. Rar Dr. S. Krüger zum Präsidenten, die Damen Regine Mayer, Alice Bruckner und Emma Frankl zu Vize-Präsidentinnen, Lina Weiß zur Schriftführerin, Regina M a y zu deren Stellvertretern!, Cäcilie Frankl zur Kassaverwalterin. Helene Stein zu deren Stellvertreterin und Herr Stadtbanmeister Victor Schwadron zum Direktor des Heims gewählt. Wien. Freitag, den 20. Mai l. I. starb hier im 72. Lebensjahre Herr Jakob T h i e m a n n, der in der Synagoge des Vereines „Beth Israel" seit deren Erbauung (1893) zur allgemeinen Zufriedenheit als II. Kantor fungierte. Der Verblichene wurde wegen seines biederen und rechtschaffenen Charakters und seiner seltenen Eigenschaften von seine, Gemeinde und seinen Kollegen, mit denen er liebevoll verkehrte, hochgeachtet und geschätzt und erfreute sich allgemeiner Sympathie. Sein Heimgang wird besonders tief betrauert von seiner Gemeinde, seiner gramgebengten Gattin, die mit ihm durch ein Menschenalter in glücklicher und zufriedener Ehe lebte, sowie von seinen Kindern und Enkelkindern. Der älteste seiner drei Söhne ist der Bankier Herr Max T h i e m a n n, der in Bankkreisen eine hervorragende Stellung einnimmt. Sonntag, den 22. Mai l. I., fand unter Beteiligung des Vorstandes des Vereines „Beth Israel", zahlreicher Mitglieder desselben, sowie Freunde nnd Bekannte dessen Leichenbegängnis statt. Der imposante Leichenzug passierte die in allen Räumen hell erleuchtete und geöffnete Synagoge in der Leopoldsgaffe, die dem Verstorbenen, an deren geweihten Stätte er Jahre hindurch hingebungsvoll seines heiligen Amtes waltete, den letzten Abschiedsgruß zuzuwinken schien. Die Funktion am Friedhof versah tief erschüttert und in herzergreifender Weise, Herr Oberkantor M. Schorr, nnd am Grabe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.