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Die Wahrheit · 1910-05-27 · Heft 21 (27.5.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21 Die Wahrheit Seite 5. Volke! Wir haben unseren Zentralsitz ans der Mutter Erde I vor zweitausend Jahren verloren, unser Heim deckt sich mit der! Erdoberfläche. Diese 'Dezentralisation wirkte leider auch zersetzend ans das national jüdische Bewußtsein. In unser Denkvermögen lagerten sich Massen von sremden Begriffen und Sprachsvrmen ein uuö erdrücken unsere eigenen. Es entstand daher im jüdischen Denkzentrnm eine Umstellung der Denkmaterieu. Das national Etgene wurde zu Fremdem und das Fremde zur Eigenmalerie. Was jedem Volke mit.der Muttermilch in die Seele hineingelegt wird, die Sprache und Nomenklatur. diese Geistesgüter werden von allen Völkern mit eiserner Konsequenz sestgehalten und milgetragen au alle Ecken der Welt. Nicht so bei uns. Unsere großartige Lehre, welche ewig unveränderliche Lebenswahrheileu in einer herrlichen Sprache verkündet, geht der Vergessenheit entgegen, so unser Volk sich nicht ansrafft, dieses heilige geistige Erbgut durch Schulung und Fortpflanzung in den Familien zu erhalten. Das nicht zn tun, wäre ein Verbrechen, und kein Volk ans dem weiten Erdenrnnde läßt seine Sprache der fremden wegen ans seinem Stamme entschwinden. Wie mit der Sprache, so bildet unser Volk auch mit der nnjüdischeu Nomenklatur ein Unikum unter den Nationen. Gewöhnlich legt jedes Volk der Nachkommenschaft die Namen seiner Helden bei. Unser Volk hat zur biblischen Zeit noch mehr als das getan, es schrieb gleichsam die Geschichte des Eiuzelindividnnms in den Namen seiner Nachkommenschaft ein. Wir verweisen auf die Rainen unserer Stammesväter und der Stämme bis zur Zeit unseres Gvlnthlebens. Hier riß der Faden des hebräischen Namens ab und man suchte sich fortab unkenntlich zu machen, um den Verfolgungen zu entgehen. Die Sephardim haben eine ganze Reihe fpaniolifcher Namen, zn allermeist Uebersetznngen der hebräischen Nomenklatur neben unverfälschten hebräischen ausgenommen und die Inden in anderen Ländern taten ein Gleiches. Die Früchte dieser Entjndaisierung liegen nunmehr offen zn tage: Abfall und Zufall. Oft klingen abenteuerliche, altpolnisch oder altdeutsche Namen uns ins Ohr und diese Namensprostilntion tilgt förmlich das jüdische Leben in Haus und Schule aus. Aber die falsche, ja verruchte Scham als Jude erkannt zn werden, schwächt auch unseren bürgerlichen Mut und drückt uns zu Heloten herab, die kein Recht haben, den Genuß der Bürgerrechte als Juden beanspruchen zn dürfen. Hier entspringt auch die Quelle, ans welcher soviel Taufwasser geschöpft wird. Ich will nicht behaupten, daß eine Revision des jüdischen Namenregisters nicht zeitgemäß wäre. Im Gegenteile! Wie gerne möchte ich die Bestien aus der so friedlichen jüdischen Gesellschaft heransjagen, alle Bären, Löwen, Wölfe, alle koscheren Behemoth und Ofoth, wie auch aus dem weiblichen Register die Schöndel, Krendel, Genendel aus dieselben in echt hebräische umzutanscheu, auch in solche die Zeitgenössisches znm Ausdruck bringen. Bei meinem ärztlichen Wanderleben traf ich verschiedene Völkerstämme an und ich konnte zu meiner besonderen Befriedigung wahrnehmen, wie viel echt hebräische Namen südslawische, christlich-orthodoxe Bürger und Bürgerinnen schmücken — von den Türken gar nicht zu sprechen. Weshalb sollen wir Bürger des konstitutionellen-Oesterreich als zwerghafle Kryptonomen vor der Welt erscheinen, unwert als jüdische Bürger zn leben. Man wird mir vielleicht einwenden, daß selbst Tanaiten lateinische oder griechische Namen trugen. Das ist allerdings wahr, aber sie taten es nicht aus freiem Antriebe, sondern wurden durch den Drang der Fremdherrschaft gezwungen, sich dieser Nomenklatur zu unterwerfen. Ich stimme daher mit den Ausführungen des Herrn Skntetzki in allen Punkten überein, verlange aber nicht bloß Erinnerungsmomente für den jüdischen Namen, sondern selbstbewußte, charakterfeste hebräische Namensträger. Unter diesen Namen werden wir siegen, und auch besiegen die Assimilation, wie den Antisemitismus. Dr. Rüben Vierer. Das Hebe» mit» Wirken der Inden in Oesterreich in vormärzlichen Zeilen. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Forrsetzung.) V. D i e G e in e i n d e r e p r ä s e n t a n z. Schon in der talmudischen Zeit standen an der Spitze einer jeden jüdischen Commune sieben von der Gemeinde gewählte Männer, die die Angelegenheiten der Knltnsgemeinde, deren Ausgabe es war, für die Förderung des Jugendunterrichtes (Thora), des Gottesdienstes (Aboda) wie für die Pstege der Barmherzigkeit (Gsrniilnr Chassodim) Sorge zn tragen, zn verwalten hatte. Man nannte sie „Schiwe tube hair", die sieben Optimalen. Fachgelehrte wurden nicht als Gemeinde- Vertreter gewählt (Pes. 118). Diese sieben Optimalen wurden von den Gemeindemitgliedern nach Stilnnlenmehrheit gewählt. Bei der Organisation der europäischen Gemeinden nn Mmetalter waren nur die diesbezüglichen talinudischeil Prinzipien und Grundsätze maßgebend. In seiner ..Geschichte der Inden in Ungarn" bemerkt Löw bezüglich der Gemeindevertretung folgendes: „In der Regel bestand der Gemeindevorstand ans sieben Personen, nämlich dem Haupte der Gemeinde (Rari8oh hakohol, in der ungarischen Amtssprache „Richter"), den vier Beisitzern (Tubim, ärmlich „Geschworene"*) und den zwei Synagvgenvorstehern (Gabbai zedoko, eigentlich Almosensammler). Die Leitung der Gemeindeangelegenheiten geschah durch die Füiismänner; nur bei wichtigen Dingen mußten auch die zwei Gabboim zngezogen werden. Außerdem waren noch zrvei oder drei Mitglieder zur polizeilichen Aufsicht und zur Schlichtung kleinerer Prozesse bestellt (Mamonim) und diese oder die Vorsteher der Talmud Thora**) wurden in Abwesenheit der ordentlichen Vorsteher zu den Sitzungen gerufen. Die Wahl der Vorsteher geschah durch die Wähler, die durchs Los bestimmt wurden und ihre Stimme durch geheimes Scrutinium abgaben. Verrvandte im ersten und zweiten Grade***) dursten nicht zugleich amtieren, was jedoch in manchen Gemeinden nur von den Fünsmüiniern galt.****) Außer den Gemeindevorständen gab es „Komitats-Borstände", deren Hanptangelegenheit die Toleranz-Taxe war. Die Verlassenschafts-Abhandlungen sowie die Verwaltung der Waisengelder stand in manchen Gegenden den Komitals-Vorftänden zu. an manchen Orten den Gemeindevorständen oder den Rabbinen. Der Wirkungskreis letzterer erstreckte sich entweder auf einzelne Gemeinden oder auf ganze Bezirke. „Komitats- Rabbinate" bestanden n u r in denjenigen Gespannschasten, wo keine bedeutende Gemeinde war und die Israeliten zerstreut wohnten. Ein Rabbinatskollegium (Bot din) hatte jede nur einigermaßen beträchtliche Gemeinde." (Busch Jahrb. 1846, S. 100.) Bemerkt muß werden, daß in Ungarn in vormärzlichen Zeiten die Behörden sich um die inneren Angelegenheiten der Juden sehr wenig, fast gar nicht kümmerten, daher die Gemeinden ungestört ihre religiösen Angelegenheiten vermalten konnten. In Böhmen hat es in vormärzlicher Zeit außer Prag — dieser uralten ehrwürdigen Gemeinde, die man einst, und zwar mit Recht „ Jr woem bejisroel“ nannte, keine organisierte, von den Behörden anerkannten Kultusgemeinden, sondern nur Knltusvereinigungen gegeben. Selbst das unter der Regierung Kaiser Franz I. am 3. August erlassene, von Toleranz und Duldsamkeit zeugende Judenpatent, in welchem es unter anderem heißt: „Die gesamte Judenschast soll in Ausübung ihrer väter- *) Zusammen führten sie den Namen „Fünfmänner", chamischo anoschim. **> Eines Vereines, der für den Unterricht armer Kinder Sorge trug. ***) Mit Anwendung der Bestimmungen: 8ch. A. Choschen Mischpat, Abschnitt 33. ****) Ich folgte hier dem Rechtsgutachten des Rabbi Meir Eisenstadr. Dora. II., G. A. 117. Mit geringen Modifikationen galten und gelten dieselben Einrichtungen in allen älteren Gemeinden.

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