Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-05-27 · Heft 21 (27.5.1910) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063541--06683-3073706
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. Die Wahrheit Nr. 21 entfielen. Die Spaniolen haben auch in der Person des Oberrabbiners, welcher Posten wohl derzeit unbesetzt ist, einen Viriliften, und so bleiben die österr.-nngar. Juden, die allerdings in der Advokatenkanuner ein Mandat in Aussicht haben, von den spezifisch-jüdischen Mandaten ausgeschlossen. Diese Nichtberücksichtigung dürfte Anlaß zu fortwährenden Reibungen geben und im Interesse des Friedens wäre es wünschenswert, wenn in Zukunft zwischen beiden Parteien eine Einigung betreffs der jüdischen Mandate zustande käme. * * * Einen interessanten Beitrag zur Wahlbewegung in Ungarn liefert folgender Bericht ans Budapest, den wir in der „I. B." lesen: „Die Wahlbewegung ist im vollen Zuge und nach den sonderbaren Erscheinungen, die sie Tag für Tag hervorbringt, darf man verblüffende Wahlresultate in der kritischen Zeit, das sind nämlich die ersten zehn Tage des Juni, erwarten. Einen der sonderbarsten Korteschkuiffe verdankt die politische Welt dem Maroslndaser Wahlbezirk in Siebenbürgen. Dort kandidiert ein Schwager des Grafen Stephan T i s z a, der ehemalige Staatssekretär Johann S a n d o r. Da die dort wohnenden und wählenden Israeliten mancherlei von antisemitischen Velleitäten hörten, die in den Kreisen der Regierung und der Regierungspartei sich bemerkbar machen, außerdem die reaktionäre Auffassung Tiszas und seiner Freunde in der Frage der Wahlreform an vielen Orten Bedenken erregte, suchte man die jüdischen Wähler auf eine ganz originelle Art zu gewinnen. Sie erhielten vom Komitee der Regierungspartei mit hebräischen Lettern geschriebene Briefe, in denen ihnen in einem nicht geradezu klassischen Deutsch der Kandidat der sogenannten „Nationalen Arbeitspartei", dessen Programm und das damit in Verbindung stehende Bankett empfohlen wird. Der Brief — wie bemerkt, mit hebräischen Lettern geschrieben — lautete: Beeszes Haschern! (Mit Gottes Segen.) Wir beehren uns, zn verständigen, daß unser Kandidat Seine Hochwohlgeboren Herr S a n d o r Janos, geweiener Staatssekretär, Donnerstag (5. Mai), um halb 11 Uhr seine Progranunrede hier abhalten wird, zu welcher Gelegenheit sowohl als zu dein darauf folgenden Bankett Sie hiemit höfischst geladen werden. Kehile Kedosche. Marosludas 1910. Im Namen des Aktionskomitees der Nationalen Arbeitspartei: K o h n. Ob dieser Brief seine Wirkung tat, ist hier in Budapest noch nicht bekannt, daß aber die hebräischen Melodien den Maroslndaser Wählern ins Obr gingen, darf immerhin angenommen werden. Die Wahl Johann Sandors scheint gesichert zn sein. Sagte doch der Ministerpräsident Graf Khuen erst vor kurzem: Jede Wahl sei bloß Lotterie. Nach dem Klassenkonservatismus des Grafen T i s z a wäre es also eine Art Klassenlotterie. Die Devise der Klassenlotterie aber lautet in Hamburg: Gottes Segen bei Kohu! Und somit braucht der Kandidat der Regierungspartei in Marosludas keine Sorgen mehr zu haben. Im Namen des Aktionskomitees der Nationalen Arbeitspartei hat bereits der Mann mit dem Segen Gottes für ihn Partei ergriffen und dadurch hoffentlich die Wahlschlacht entschieden. * * In dem Vortrage, den Roosevelt in der Berliner Universität hielt, sagte er n. a.: Ganz merkwürdig war das kleine Volk der Inden, schwächer als die Schwestervölker Moab und Damaskus. Gleich diesen und anderen kam es unter fremdes Joch, aber es lebte weiter, als andere starben und trug zum geistigen Leben eine Religion bei, die der mächtigste Faktor der späteren Menschheitsgeschichte geworden ist. 4k- * V Der französische Naturforscher Renaudot ist zu dem merkwürdigen Schluß gelangt, daß der Halleysche Komet schon den alten Hebräern bekannt gewesen sein müsse. Er gründet seine Behauptung nach seinen Ausführungen in der Revue generale des Sciences ans eine Stelle im Talmud, wo zwei Reisende sich mit einander unterhalten und der eine von ihnen eine Erklärung darüber gibt, warum er einen Vorrat an Mehl statt Brot mitgenommen habe. Es heißt dort: Es gibt einen sehr hellen Stern, der alle 70 Jahre erscheint und die Seefahrer täuscht. Er könnte uns nun während dieser Reise überraschen, nnd deshalb habe ich mich mit Mehl vorgesehen." Da der Talmud erst im zweiten nachchristlichen Jahrhundert entstanden ist, Erscheinungen des Halleyschen Kometen aber bis jenseits des Beginns unserer Rechnung nachgewiesen worden sind, so wäre es an sich nicht undenkbar, daß schon im Talmnd Bezug auf dies Gestirn genommen sein könnte. Schwieriger dagegen ist die Annahme, daß man die Zeit seiner Wiederkehr in ungefähr 70 Jahren schon beobachtet oder gar berechnet haben sollte. Die genaue Umlanfszeit des Wellkörpers beträgt übrigens bekanntlich 75 Jahre, aber Renaudot meint, daß die Angabe im Talmnd durch die Gewohnheit, die Zahlen abzilrnnden entstanden sei. Im übrigen ist die Existenz der beiden wichtigen Persönlichkeiten, zwischen denen jene Unterredung vorgefallen ist, historisch verbürgt. # * Wie bereits gemeldet, hat die russische Regierung die Ausweisung zahlreicher Inden aus Kiew verfügt. Infolge vielfacher Interventionen bei Ministerium des Innern in Petersburg, und zwar auch von nichtjüdischer Seite, wie von der Kaufmannschaft und dem Börsenkomitee in Kiew, der Hausbesitzerschaft in der Umgebung nsw., wurde die Durchführung der Ausweisungen vorläufig sistiert, indem Generalgouvernenr v. Trepow, dem die Entscheidung überlassen wurde, eine Kommission von Staatsbeamten einsetzte, die das Wohnrecht eines jeden von der Ausweisung betroffenen Jitden zu überprüfen hatte. Nach einer soeben dem Büro der „Israelitischen Allianz zn Wien" ans Kiew von verläßlicher Seite zngegangenen Berichte hat diese Kommission von 1000 bis jetzt geprüften Fällen nur 150 jüdischen Familien das weitere Verbleiben in Kiew gestattet, während 700 Familieit definitiv ansgewiesen wurden. Dadurch sind mehrere taitsend Personen gezwungen, die Stadt binnen kurzer Frist zu verlassen ltnb einem traurigen Schicksal preisgegeben. Die jiidische Uomenklalnr. Die überaus zeitgemäßen Betrachtungen, die unter dem Titel: ..Unsere namenlosen Kinder" in der vorletzten Nummer dieses Blattes veröffentlicht wurden, verdienen nicht bloß als fiüchtige Gedankenwelle, sondern als Menetekel hingestellt zu werden. Allein, wie sehr auch jeder Jude sich mit den Ausführungen des geehrten Autors einverstanden erklären muß, so spricht doch leider noch immer aus denselben eine gewisse Verschämtheit, die sich bestrebt, dem assimilatorischen Prinzip Rechnung zn tragen. Wie könnte man sonst die Stelle im Artikel erklären, die da lautet: „Darum wollen wir es uns zur Pflicht machen, unseren Kindern v o n Z e i t z u Z e i t ihren jüdischen Namen in Erinnerung zn bringen, der ihnen feierlichst erteilt wurde, als sie in die Gemeinschaft Israels aufgenommen wurden." Ist das alles? Mit derlei homöopathischen Dosen werden wir unser schwer- und chronischkrankes Volk nicht znm Bewllßtsein bringen. In verzweifelter Agonie versucht der Arzt noch dem darniederliegenden Patieriten belebende Kampferinjektiouen zu applizieren, nnd oft gelingt es, auf wenige Momente einige Lebensregnngen hervorzubringen. Dieses Bild paßt aus unsere assimilatorische Jndenschaft aller Länder. Der jüdische Geist befindet sich in effigie, wer kann ihn znrnckleiten in den Körper? Zwei Merkzeichen geistiger Natur unterscheiden jeden Volksstamm von anderen Volksstämmen, und das sind: die Sprache und die "Nomenklatur seiner Individuen. Von dem hoch- I zivilisierten Engländer bis zum milden Indianer offenbart' sieb der Volksgeist in seiner nationalen Sprache; er bildet die Sprache und die Eigennamen, deren sich jedes Volksindividuttm bedient, und die menschliche Gesellschaft versteht diese Aeußerungen des nnerforschlichen Innern, kategorisiert sie und meist ihr den gebührenden Platz an der Sonne an. Anders bei "unserem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.