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Die Wahrheit · 1910-05-27 · Heft 21 (27.5.1910) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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abr-heit r Redaktion nud Ildiiiiiiisnalioii: Wien, 11/j öeovaragasse 27 Televbou:!>,etaktioil 5107/VII1. Ädminisrralion 4938/11. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller., IlbonneinenlS- und JnserlionSbetrage sind in Wien zahlvar und klagbar. K. k. öslcrr. Poslsparkassa- Scheck-Konio Nr. 1000.918. Möhängtge Aeikschrifi für Mische Inlere^seu. Erscheint jeden Kreilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!” ilaejngspreis: Ganzjätirig.IC 14.— , Halb'läbrig.IC 7.— j iviii jfiiUu*beamte: »Mau.Siäti via. IC 10. iyiit Ausland: «Ä.iinialnig.8 Mark 0 Nliibel oder l»> Frc«. Ar. 21. Wien. 27. Mai HHO Inhalt: Aus der Woche. — Die jüdische Nomenklatur. — Das Leben und Wicken der Juden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Rni nach Abhilfe. — Verschiedene Nachrichten. — Fenillton: Das Kabbolehstübel. Moosröschen. — Schiraus Z'wi. — Ausnille aus dem Judentum. Ans der Woche. Auf dem deutsch-fortschrittlichen Parteitag in Prag, der es ängstlich vermied, über den Judenpnnkt sich ehrlich und aufrichtig zu äußern, bat der Führer der Deutschen in Böhmen, Herrenhansmitglied Dr. Eppinger, wieder einmal die Lockpseife für die Juden ertönen lassen und mit großer Emphase versichert, daß die Organisation im Lande bei der Auswahl der Anhänger und Parteigenossen keine Rücksicht auf A bst 0111111119 u n d Glaubensbekenntnis genommen und keine künstlich geschaffenen Theorien geduldet hat. Die Deutsch-Fortschrittlichen möchten gern ein politisches Doppelleben führen. In Böhmen und Mähren, wo sie die Hilfe der Inden gegen czechische Uebergrisfe benötigen, erinnern sie sich ihrer liberalen Vergangenheit und blasen die freiheitliche Flöte, und im Reichstage, wo sie stramm an der Seite der Antisemiten maschieren, ist die dentscheGemeinbürgschaft die rtlbiraarabio aller polttischen Aktionen. Warum haben die Herren Deutsch-Freiheitlichen „Rücksicht ans Abstammung und Glaubensbekenntnis" gelten lassen, als dem jüdischen Abgeordneten Knranda der Eintritt in ihren Klub im Reichstage verwehrt wurde, und warum haben sie die „künstlich geschaffene Theorie" geduldet, als Professor Schmid seinen bekannten Antrag im Schulansschusse einbrachte und durchsetzte? Dieses gleißnerische Doppelspiel haben die Juden schon längst erkannt und wie sie den Wiener Liberalen gezeigt haben, daß sie auch selbständig denken und handeln können, werden sie gewiß auch den Deutsch-Freiheitlichen in Böhmen und Mähren bei der nächsten Gelegenheit beweisen, daß sie iuir dorthin mit ihren Stimmen neigen, wo sie ihre Interessen ehrlich und aufrichtig vertreten wissen. * * * Anläßlich der Verhandlung über ' die Ehrenbeleidignngsklage, die der ehmalige Tempeldiener Moses Bilek gegen den Vorstand der zweiten Augenklinik Hofrat Dr. Ernst Fuchs wegen eines schon früher in diesem Blatte berichteten Vorfalles anstrengte, macht die „W. M. Z." folgende treffende Glosse: Ein etwas eigentümlicher Streitfall hat gestern das' Bezirksgericht Josefstadt beschäftigt. Ein Tempeldiener hatte gegen einen bekannten Kliniker die Ehrenbeleidigungsklage eiugebracht. Nach Inhalt der Klage erschien der Tempeldiener in Begleitung einer ans Galizien zugereisten Patientin in der Privaiordination des Klinikers, um die Patientin untersuchen zu lassen. Der Tempeldiener hatte die Rechnung ohne den berühmten Arzt gemacht, der eine Idiosynkrasie gegen polnische Juden hat. „Sie wissen, daß ich polnische Inden nicht leiden kann", sagte der Herr Professor und entschied sich, nachdem die Kranke zwei Stunden in seinem Wartezimmer vergeblich der ärztlichen Hilfe geharrt hatte, dafür, die polnische Jüdin solle in das Ambulatorium kommen, da er sie in der Privatordination nicht vornehmen könne. Es wäre verfehlt, aus dieser Aversion des Klinikers gegen polnische Juden darauf zu schließen, daß er ein Rassenantisemit sei. Er ist nur Kostüm-Antisemit, eine neue Spezies, eine milde, ästhetische, wenn man will, die Antagonistin znm Ritualmordmärcheu. Gegen elegant gekleidete Inden hat der Herr Professor gar nichts einzuwenden, auch dann nicht,, wenn sie der polnische Tempeldiener seiner Privatbehandlnng zusührt. was nach dem Ergebnis der Verhandlung nicht allzu selten passierte. Nun, polnische Juden sind ganz gewiß kein dekorativer Wandschmuck für ärztliche Wartezimmer. Ein Stückerl Kostümantisemitismus steckt in der ganzen interkvnsessionellen eleganten Klientel des Klinikers, auf die ja der Arzt eine gewisse Rücksicht zu nehmen hat. Aber, hätte die Rücksicht nicht in minder drastischer, humanerer, vor allem in mehr ärztlicher Form geübt werden können? Gibt es nicht in jedem Wartezimmer ein Hintertürl, durch das Diener und Stubenmädels gegen Geld und gute Worte ihre Protegees in das Allerheiligste schmuggeln? Der Tempeldiener hat sich in seiner polnisch-jüdischen Ehre durch die Bemerkung des Klinikers gekränkt gefühlt und geklagt. Der Richter fällte einen Freispruch und zwar mit einer recht seltsamen Begründung. Eine Beschimpfling sei in dem Ausdruck polnische Inden nicht enthalten, weil dieser Ausdruck als ethnographische Bezeichnung aufzufassen und nicht immer in spöttischer Form gemeint sei. Die Bemerkung wollte nur die Tracht treffen, nicht die Ehre. Die einzig zulässige Auffassung sei die, den Fall vom Standpunkt der Geschmackssache, aber nicht der Ehrensache zil betrachten. Ethnographische Exkulpierungsgründe sind ein Novum, und der Richter, der diesen Freispruch fällte, hälte nicht vom guten Geschmack reden dürfen. Er hat den Kostüm-Antisemitismus sanktioniert. * * * Die bosnischen Landtagswahlen sind im Zuge und znm erstenmale war hier den Juden Gelegenheit gegeben, ihre politische Gleichberechtigung mit den übrigen Konfessionen durch die Wahl in einer eigenen Kurie zu dokumentieren. Das jüdische Mandat erlangte der Präsident der spaniolischen Knltnsgemeinde in Sarajevo, Jeschua. S a l o m, mit allen gegen 53 Stimmen, die auf den Gegenkandidaten, den Präsidenten der Knltnsgemeinde der österreichisch-ungarischen Juden, Dr. Rothkops,

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