Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. .20. Dr. Hugo Zucker m a n n. Nach Schluß des Programmes gesellige Unterhaltung und Tauzkränzchen. Beginn präzise'9 Uhr abends. Eintritt im Vorverkauf 60 Heller, an der Abendkaffa 80 Heller. Wien. (Israel. Wohltätig keirs- und Kranken- U n t e r st ü tz n n g s v e r e i n „M azmiacli Jescliu a".) In der Generalversammlung dieses Vereines am 5. Mai l. I. wurde Herr Jakob Weichselbaum, in Würdigung seiner langjährigen eisrigen und verdienstvollen Tätigkeit als Vorstandsmitglied, einstimmig zum Ehrenmitgliede ernannt und fand am 16. Mai l. I. in einem Sitzungssaale des Syuagogenvereines „Beth. Israel" abgehaltenen Festsitzung, welcher außer dem Vorstände auch geladene Gäste anwohnten, die feierliche Ueberreichnng des künstlerisch ausqesührten Ehrenmitglieds-Diplomes an denselben, statt. Der Präses, Herr Ignaz Zolles, würdigte in einer überaus trefflichen und gediegenen Ansprache die Verdienste des neu ernannten Ehrenmitgliedes um den Verein insbesondere und deflen Wohltätigkeitssinn im allgemeinen, die in dem aufrichtigen Wunsche ausklang, es möge demselben vom Allgütigen beschieden sein, noch viele Jahre in ungeschwächter Kraft sich dieser Auszeichnung zu erfreuen und nach wie vor für den Verein und da- Judeurum wohltätig zu wirken. Hierauf rezitierte das Vorstandsmitglied, Herr Oberkantor Scharr, in gewohnter Meisterschaft einen, der Gelegenheit entsprechenden Mischeberacb, und wurde Herr Weichselbaum, der aus diesem Anlasse für den Verein eine namhafte Spende machte, von den Anwesenden herzlichst beglückwünscht. Wien Am Samstag, den 14. d. M. wurde im Josefstädter Tempel. VIEL, Neudeggergasse 12. die goldene Hochzeit des Ehepaares Alexander Bloch gefeiert. Nach einer erhebenden Festrede des Rabbiners Herrn Dr. Bauer und nach einem vom Kantor G r o b äußerst schwungvoll zum Vortrage gebrachten „Mischeberach“ überbrachte Herr Gemeiuderat Stahlich dem Jubelpaare die herzlichsten Glückwünsche des Bürgermeisters der Stadt Wien. Herrn Dr. Josef N e u m a y e r, ferner des Reichsratsabqeordneten Herrn Tr. H e i l i n g e r, des Rezirkvorstehers für den VIII. Bezirk, Herrn B e r g a u e r, an die er auch seine eigene Gratulation schloß. Zum Schluffe überbrachte der Vizepräscs des Josefstädter Tempelvereines, Herr Architekt Modern, die Glückwünsche der löbl. israelitischen Knltusgemeinde sowie die herzlichste Gratulation vom Vorstande des Josefstädter Tempelvereines. Mit der Absingnng eines Chorales schloß die seltene Feier. Wie«. Herr Rudolf Kohn, bisher Lehrer an der isr. Volksschule in der Malzgaffe, wurde zum Direktor des neuen Waisenhauses in Döbling ernannt. Brüun. Der Schloffermeister Friedrich Schüller aus Gaya starb hier vor kurzem nach quallvollen Leiden im 52. Lebensjahre, indem er eine junge Witwe mit sechs kleinen unversorgten Kindern hinterließ. Durch diesen bedauerlichen Fall ist der Schwiegervater des Verblichenen. Herr Josef Hirsch in Boskowitz empfindlich heimgesncht worden, da demselben vor zirka 2 Jahren auch zwei in angesehener Stellung befindlich gewesene Söhne in jungen Jahren dahingerafft wurden. Lemberg. Der ehemalige Reichsratsabgeordnete Hermann Edler v. Mises, der sich durch eine Reihe von Jahren auch als Publizist und volkswirtschaftlicher Schriftsteller betätigt hat, ist hier am 13. d. M. nach längerer Krankheit im 74. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene war Ehrenbürger der Stadt Drohobycz. Eperjes. Die hiesige israel. Kultusgemeinde begeht am 22. d. M. das 50jähnge Amtsjubiläum ihres verdienstvollen Rabbiners Dr. M. A u st e r l i tz, der seit einem halben Jahrhundert in ihrer Mitte wirkt. Das seltene Fest wird im Rahmen eines Festgottesdienstes und einer Festversammlung gefeiert, zu welchen die Kultusgemeinde, die Stadt und die vielen Verehrer des Jubilars eifrig rüsten. Dr. Austerlitz, ein Schüler Hildesheimers (Eisenstadt), Rappoports (Prag) und Abr. Szofers (Preßburg), hörte an der Prager deutschen Universität die Vorträge Kämpfs und und Weffelys und wirkt seit 5 Dezennien bei seiner tiefen Religiösität im Geiste der Aufklärung segensreich in seiner Gemeinde. Als Kanzelredner erfreut er sich eines weiten Rufes, sein talmudisches Wissen, wie sein klassischer hebräischer Styl werden in Fachkreisen hochgeschätzt. Agram. (Kantorenjubiläum.) Am 4. Juni feiert der Kantor und Regenschori der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde Herr Ziga Weintraub das 25-jährige Jubiläum seiner Amtstätigkeit. Als der Jubilar vor 25 Jahren nach Agram kam, wendete er seinen Fleiß und seine musikalischen Kenntnisse der Pflege des synagogalen Choralgesanges zu und sein Verdienst ist es, daß der Chorgesang im hiesigen Tempel nicht nur unter den Israeliten, sondern auch bei allen, die ihn zu hören Gelegenheit hatten, volle Anerkennung fand. Als Seine Majestät vor Jahren in unserer Hauptstadt weilte und hierbei auch einem Festgottesdienste in der hiesigen Synagoge beiwohnte, drückte sich Se. Majestät besonders über den Chorgesang sehr lobend aus. Und damals war es der Jubilar, der die siebzig Sänger dirigierte. Herr Weintraub hat für seine Verdienste stets Anerkennung gefunden und, wie wir hören, hat sich da im Schoße der Kultusgemeiude ein besonderer Ausschuß gebildet, um das Jubiläum ibres Funktionärs durch besondere Ehren zu feiern. Außerdem findet am Tage des Jubiläums ein Festgottesdienst und eine Festsitzung der Gemeinde statt, wobei dem Jubilar die Ehrengaben überreicht werden. Herr Weintraub erfreut sich im ganzen Kreise seiner Bekanntschaft ohne Unterschied der Konfession großer Beliebtheit, die er sich dnrch seinen Verkehr undliebenswürdigenUmgangerworbenhat. Moosröschen. Erzählung von Babette Fried in Prag. „Hör' Mädel, ich fahr', nach Wien zur Weltausstellung." So rief ein junges, etwa achtzehnjähriges sehr hübsches Mädchen ihrer gleichaltrigen Genossin zu, welche mit einer Handarbeit beschäftigt auf einer aus Rasen errichteten Bank vor ihrer Haustüre saß. „Ich fahre nach Wien, fahr' mit, Moosrösel!" Die Angeredete rief freudig ans: . „Wie, Du. fährst wirklich, Else? Wie glücklich Du bist und wie ich mich Deines Glückes freue." „Ohne mich zu beneiden?" warf Else ein. „Neid ist ein mir gänzlich fremdes Gefühl, das ich niemalskennen gelernt habe; am allerwenigsten aber würde ich Neid Dir gegenüber, meiner besten Freundin, empfinden, Aber sprich, wie ist dies so plötzlich gekommen, gestern war uoch feine Rede davon?" „Die Rede davon war schon die ganze Zeit, aber glaubst Du denn, ich würde ein bevorstehendes Erreignis in die Welt hinausposaunen, noch ehe die Sache klipp und klar geordnet ist, damit ich dann unsterblich blamiert dastehe, wenn nichts darauswürde?" „Das nennst Du in die Welt hiuansposaunen, wenn Du es mir anvertrant hättest, Du Falsche? Ich habe vor Dir kein Geheimnis; >nicht nur meine Erlebnisse, sondern auch meine innersten Gedanken, ja sogar-meine Träume vertraue ich Dir an, und Du hast so wenig Vertrauen in meine Verschwiegenheit und Teilnahme? Das schmerzt mich mehr als ich es Dir sagen kann." „Aber sei doch nicht immer so sentimental, Moosrösell Wenn es Dich auch ganz gut kleidet, so ist es doch fürs praktische Leben unverwendbar. Schau mich an! Ich habe ganz meines Papas Natur, darum bin ich auch fein Liebling und fahre mit ihm znr Eröffnung der Ausstellung nach Wien." „Also nur znr Eröffnung?" rief Rosa enttäuscht aus, „ich j glaubte zu längerem Aufenthalte." i „Jetzt hätte ich Grund, beleidigt zu sein," sagte Else, „da Du Dich augenscheinlich auf meine längere Abwesenheit freusch mich offenbar los sein wolltest; doch tröste Dich, Kind, diese Freude bleibt Dir unbenommen, denn nach den Vorbereitungen, die wir zu dieser Reise machen, dürfte ich einige Wochen, vielleicht Monate, ausbleibeu und übermorgen fahre ich schon." „So bald? Hast Du denn Deine Toilette schon in Ordnuug?" „Der Neiseanzug ist schon längst vorbereitet," antwortete Else, „und was die anderen Toiletten betrifft, werden diese teils in Wien fertig gekauft, teils dort in Arbeit gegeben, denn in Kleidern, wie sie unsere Schneider hier verfertigen, kann ich in einem so feinen Hause und in den großen Gesellschaften, wo ich jetzt verkehren werde, nicht auftreten." „Ei, zu wem fährst Du eigentlich, hast Du denn so noble Verwandte in Wien? Daß Du niemals von ihnen gesprochenhast? Das wundert mich." „Du hast mir vorhin Mangel an Vertrauen vorgeworfen,, doch mit Unrecht, wie ich Dich gleich überzeugen werde. Papa wünscht zwar nicht, daß davon gesprochen wird, doch ich erzähle es Dir trotzdem. Ich fahre nämlich nicht zu Verwanden von uns, wie man es hier glauben wird, sondern Papas Bankier, der seine Geldgeschäfte besorgt, hat uns eingeladen, einige Sommermonate in seinem Hanse zu verbringen, um das Leben in der Großstadt und in der vornehmen Gesellschaft so recht kennen zu lernen und gleichzeitig die Wunder der Weltausstellung zu sehen. Weißt Du, die Familie verbringt einen Teil des Sommers gewöhnlich auf Reisen, nur dieses Jahr bleiben sie in Wien, weil es der Ausstellung wegen daselbst soviel zu sehen und zu genießen gibt. So viele fremde Fürstlichkeiten haben ihren Besuchangesagt, daß sich Frau von Helmstädten bewogen fühlte, auch dazubleiben. Es ist diese Einladung eine hohe Ehre für mich und freue mich außerordentlich darauf." „Wie konntest Du mich einladen, mit Dir nach Wien zu fahren, wenn Du selber der Einladung in ein fremdes' Haus folgst?" „Wer wird denn alles so wörtlich nehmen, Moosrösel?" Du mußt schon Deinen Idealismus ablegen, Kind, und die Welt mit minder erwartungsvollen Augen betrachten," sagte Else mit überlegener Miene, sonst erlebst Du Enttäuschung über Enttäuschung. Aber korrespondieren werden wir fleißig, nicht wahr?" Fortsetzung folgt.