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Die Wahrheit · 1910-05-20 · Heft 20 (20.5.1910) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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-Fr. 20. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zemmg- Seite Zvkinsus Z’wi. Besprochen vom kaiserl. Rat Josef Singer, Wien. (Fortsetzung.) Was bei den Bermannschen Aufzeichnungen von vornherein überaus sympathisch berührt, ist die erschöpfendste Verarbeitung des gesamten Gesangsmaterials unseres Syna- ^ogenjahres mit seinen ganzen und halben Fest- und Fasttagen. Der bescheidene Wochentagsgottesdienst, sowie der schon etwas bedeutsamere Freitag-Abend und Samstag fanden hier nicht mindere Berücksichtigung, als die gottesdienstlichen Gesänge der drei Feste oder die großzügig-gesanglichen Vorführungen der hohen Feiertage: nicht zu vergessen, daß auch den mannigfachsten -Casualien rc. vollkommene Würdigung zngewendet wurde. Wenn wir nur noch erwähnen, daß manche Piecen in anerkennenswerter, mehrfacher Weise verarbeitet erscheinen, daß aber auch den verschiedenen Stimmcharakteren die nötige Berücksichtigung Luerkannt wurde, so glauben wir, der zielbewnßten Schaffensfreudigkeit des Autors gebührende Anerkennung gezollt zu haben. Daß die melodischen Gesangsformen Bermanns nicht immer mit Len uns gelänfigen übereinstimmen, tut nichts zur Sache. Wir wiesen ja schon wiederholt darauf hin, daß es in m e l o d is ch e r -Beziehung kein -zentralisiertes ninn gibt. Wie wäre es über auch möglich, ein Gebiet, welches selbst die anerkannte Beherrscherin der Zentralisation, die katholische Kirche, nicht zu meistern imstande war und ist, gerade im Bereiche des jüdischliturgischen Gesanges meistern zu wollen? Gleichwie, nicht allein jeder bedeutsame Kirchenkomponist, sondern auch jeder katholische Dorfkantor, Organist und Domkapellmeister rc. unbekümmert um die Schöpfungskategorien Anderer, seine Messen, Marienlieder, Motetten, Präludien rc. schrieb, so verfaßte auch jeder pn seinen eigenen — -psa-ns .n’Tt baba» - nn nab — nii’rip rc. In der Sprache der älteren Chäsanim werden solche Darbietungen noch nicht mit der imposanten Bezeichnung „Komposition" belegt, sondern hießen einfach „Sachen" — man machte eine „Sache".*) In die einstige Werkstätte solcher „Sachen" führt uns nun das Bermannsche Werk Schiraus Z’wi wie im Handumdrehen ein und gewährt .uns'einen überaus interessanten Einblick in das Getriebe derselben. Gleich der erste Ijech.odau.di iu Es-Dur muß geradezu als allerliebst bezeichnet werden; allerdings sind die alten, bekannten Tanzrhythmen auch hier vorhanden, doch schmeicheln sich dieselben mit solcher Liebenswürdigkeit in unser Ohr. daß wir sie — namentlich was den Eisoreri und Lo sewoschi betrifft, nicht missen möchten. Der Autor versteht es aber auch, die der einstigen fromm einfältigen Periode entstammenden Formen — durch — wenn auch die und da etwas — instrumentale Harmonisierung und geradezu etwas kühne Modulationen den Anforderungen der modernen Geschmacksrichtung (?) — näher zu bringen. Im übrigen bekundet der Autor in diesem Lechodaudi -eilte solch neidenswerte Sangesfrendigkeit. ' daß wir keinen Anstand nehmen, solche Gesänge, schon ihrer historischen Würdigkeit wegen, zur Aufführung bestens zu empfehlen. — Wir bezeichneten oben die Harmonisierung mancher Stellen mit dem Epitheton „kühn" und gestatten uns, zur Rechtfertigung dieser Bezeichnung, e i n Geschehnis für so viele andere auzuführen. Bei wirklich interessanter Durcharbeitung des Melodiefragmentcheus JB, B, B, Es, B rc. in Es-Dur tritt bei dem Chorsatze für den Text Merosch mikedem (S. 11) eine wenn auch plötzliche, doch mit Rücksicht auf das Abwechslnngsbedürfnis nur zu begrüßende Modulation nach Oes-Dur ein, die das Terrain in wohltuendster Weise behauptet —; plötzlich jedoch, am Ende der Textphrase angelangt, erinnert sich der Komponist, daß der Text 8oi maaseh bmachaschowo techiloh darauf hinweist, daß man, so wie im Leben, auch iu der Komposition, noch bevor man am Ende anlangt, stets auf den Anfang Rücksicht nehmen muß, das heißt ins Musikalische übersetzt — zur Ursprungstonart zurückznkehren verpflichtet sei. — Doch der Septakkord Oes, A, Ges, Es hält die Situation wie mit *) Einzelne solcher „Sachen" besitzt der Schreiber dieses Aufsatzes auch noch aus dem Nachlaße seines teueren Vaters b"T — des einstigen un Srole Linek. ehernen Klammern fest und nötigte Eigentlich zur landesüblichen Auflösung mit dem Quartenschritt nach Fes-Dur —; diese Auflösung stimmt jedoch nicht mit den Textesworten von Sof und Tchilloh überein; das heißt dieselbe vermittelt nicht die Rückkehr zur Ursprungstonart Es-Dur und der verehrte Autor sieht sich veranlaßt, die Septime A und eine hierauf folgende kleine Terz O durch Sopran und Alt unisono festhalten zu lassen, um etwas überraschend, beim Worte Tchilloh zur Tchilloh, das heißt zur Ansgangstonart Es-Dur zurückzukehren. Doch — die, wenn auch unter schwierigen Verhältniffen erfolgte Einkehr in den Hafen her Ursprungstonart ist glücklich erfolgt und wir haben gegründete Ursache, die Kühnheit, aber auch die Zuversicht des Komponisten zu preisen, der uns zeigt, wie er bei dem kärglichen Texte dieses Likras schabbos mit einem allerliebsten, wenn auch nur winzigem Melodieumotivchen geradezu Fangball spielt, indem er die modnlatorische Durchführung von Es-Dur nach As-Moll, B-Dur, Oes-Dur und Ges-Dur trefflich besorgt und auch zuletzt dem Regelzwange, der Rückkebr zur Ausgangswnart — wenngleich auch mit etwas hochgehendem Pulse — gerecht wird. Dieser eine, etwas scherzhaft klingende — jedoch das vorliegende musikalische Geschehnis ernst und erschöpfend zeichnende Hinweis — aus die Qualität der Bermannschen mehrstimmigen Kompositionen enthebt uns der aufreibenden Arbeit, auch noch auf andere, viele Hunderte umsaffende Nummern, insbesonders eingehen zu müssen. Wir konstatieren nur noch, daß der Komponist einen Melodienreichtum besitzt, der manchem Opernkomponisten zu wünschen wäre; allein auch die harmonische Gestaltnngsgabe Bermanns ist eine umfassende und dem Wortinhalte angepaßte; namentlich mit enharmonischen Ausweichungen, Motivuachahmnngen und konlrapunktischen Rechenexempeln wird hier in geradezu verschwenderischer Weise gearbeitet; man fühlt gewissermaßen mit. wie der verehrte Autor in Melodien und Harmonien schwelgt und seine künstlerischen Gaben geradezu mit offenen Händen hinwirft. *) (Schluß folgt.) *) Bei dieser Gelegeuheic muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß dem Abschreiber leider viele Fehler mit unterlaufen sind, namentlich was Quinten- und Okravsortschreitungen, modnlatorische Auflösungen. Verwechslungen von Erhöhuugsuud andere Versetzungspausen betrifft; das vorliegende Maiiuskrivl muß entschiedenst vor der Drucklegung einer nochmaligen ernsten Korrektur nuterzogeu werden. Ehrung für kaiserl. Kat Josef Singer. Bei der dieswöchentlichen geselligen Zusammenkunft der Wiener Kantoren wurde dem Präsidenten des Kantorenvcreines. Herrn kaiserl. Rat Josef Singer, eine besondere Ueberraschung zuteil. Anläßlich seiner Auszeichnung von Allerhöchster Seite hatten uämlich die engeren Kollegen im Vorstände beschlossen, das Bild des Präsidenten durch die bekannte Malerin Frau Mauzi K e st l - B a u e r anfertigen zu lassen. Die Ueberreichung dieses Bildes fand nun Dienstag, den 17. d. M. in Anwesenheit zahlreicher 'Wiener und auswärtiger Kollegen statt. Es harten sich eingefunden von auswärts: F a l k—Mödling, Glück—Djakovür, Ilme r-Oderfurt, K u l k a — Großwardeni, Nojonowits — Bäja, Werdivheim — Stockerau, W e i ß—Tobirschau; d i e Wiener Kollegen: Oberkantor Bauer. Baffer, B a s s l. Dukes, T ü u m a n n, E i b e n s ch i tz, F r i e d l ä n d e r. G l b l i ch m a n n. Grob, H a r n d o r f, I u rb e r g e r, K o h n, Kühner. K u l k a, Landau, L ö m i t, L ö w y, M a t y a s, M l n k e s. P i n k a i s e w i c z, R o s e n b e r g, R o r t e r D. L-, 2 e g a l l. S e r e b r e n i f, Schleifer. Schlesinger, Smoccitzky. I ch o r r II. Bez., S ch o r r XIV. Bez.. W e i ß II. Bez., Weiß V. Bez., W e i ß m a n n, W i t t m a n n, W o l f e n s o h n. Als kaiserl. Rat Singer das Versammlungslokal betrat, wurde er mit lebhaften Hochrufen empfangen. Hierauf richtete Vizeprüsideut Oberkautor Bauer an ihn eine Ansprache, in welcher er die großen Verdienste des Präsidenten und die Bedeutung seiner Auszeichnung für den Kanloreustand würdigte. Rach einem in klassischem Hebräisch von Oberkantor Schorr verfaßten und vorgetragenen Glückwunsch fand nun die Enthüllung des Bildes starr, dessen große Portrütähulichkeit allgemein bewundert wurde. Tiefgerührr dankte kaiserl. Rat Singer für die ihm zuteil gewordene Ehrung und ermahnte die Kollegenichaft, in Eintracht und Einigkeit zusammenzuhalren, dann werde auch ihr Streben von Erfolg begleitet sein. Mit Worten der Anerkennung, die Kantor L ö w i t an die anwesende Künstlerin richtete, schloß der offizielle Teil der Feier, aber in anregendem Gespräche blieben die Kollegen noch lange beisammen. Mit Rücksicht auf eine überaus wichtige Existenzfrage der Wiener Kantoren, die in der nächstwöcheurlichen Zusammenkunft zur Besprechung gelangt, werden sämtliche- Kollegen in ihrem eigensten Interesse dringendst ersucht, Dienstag, den 24. d. M., 3 Uhr nachmittags, vollzählig im Klnblokale Cafs M a e n d e l, H. Praterstraße 33, 1. Stock, zu erscheinen.

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