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Die Wahrheit · 1910-05-20 · Heft 20 (20.5.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20. Die Wahrheit Geile 5. der Juden übernommen? Ist nicht das Neue Testament von I Juden geschrieben morden? War nicht Jesus von Geburt Jude, wenn ich hiervon mit der gehörigen Hochachtung sprechen darf? Haben wir Christen nicht viel oder das Meiste, das wir haben, von den Juden? Warum sollte irgend jemand so schwer arbeiten, um den Juden zu bekehren? Ueber ihren reinen Glauben an den Einen, Wahren Gott wird uns schon aus dem Dunkel vorgeschichtlicher Zeit berichtet, und dieser Glaube ist eine der ungebrochenen Traditionen der Welt. Ich halte es nicht für angebracht. Ihnen Erlaubnis zu geben, um auf den Straßen der dichtbevölkerten jüdischen Stadtteile, die Sie bezeichnen, zur Bekehrung der- Inden zu predigen. Würden Sie dieselben damit nicht belästigen und mehr Schaden anrichten als Gutes tun?" Die Generalversammlung der „Israelitischen AM an;;« Wien." Donnerstag, den 12. d. M., um halb 6 Uhr abends, fand im Saale der israelitischen Kultusgemeinde die 37. ordentliche Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zu Wielt" unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn David Ritter von G n t m a n n statt. Unter den zahlreichen Anwesenden bemerkte man die Vorstandsmitglieder der „Allianz" Herrn Kultusgemeindepräsidenten Dr. Alfred Ster n, Dr. Wahr m a n n, Dr. Arthur K u r a n d a, Reichsratsabgeordneten Hofrat Kamill Kura u d a, Dr. K a tz a n, Universitätsprofesfor Dr. Josef P o l l a k, kais. Rat Leopold Sachs, Großitidustriellen Ferdinand Bloch, W. Pappen he im, ferner die Herren Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n, die Gemeinderabbiner Dr. David, Dr. F e u ch t w a n g, Dr. Rosen m a n n, Herrn kais. Rat Lieben, erster Sekretär der Knltusgemeinde, die Schriftsteller Dr. Bloch und Dr. L ö w h und andere. Der Vorsitzende Herr David Ritter v. Gntmann eröffnete die Versammlung, indem er die Teilnehmer herzlichst begrüßte. Er hielt hierauf einen warmen Nachruf den im abgelanfenen Jahre verstorbenen Freunden und Mitarbeitern der Allianz, insbesondere den beiden Vorstandsmitgliedern Tonat Z i f f e r e r und Emil H o r n e r, indem er die großen Verdienste hervorhob, die sich die beiden Dahingeschiedenen um die „Allianz" erworben hatten. Herr Ziffer er, als er sich anläßlich der Sammlung für die Opfer der russischen Judenverfolgungen energisch mit seiner ganzen Persönlichkeit in den Dienst der guten Sache stellte, und Herrn Horner, der als Vertreter des durch seine Wohltätigkeit bekannten Welthuuses so manche großzügige Aktion ans das wärmste förderte. Die Versammlung erhob sich hiebei zum Zeichen der Trauer von den Sitzen. Von einer Verlesung des Jahresberichtes wurde über Antrag des Herrn Dr. Bloch abgesehen, da sich der, wie er hervorhob, sehr interessante und befriedigende Bericht seit mehreren Tagen in den Händen der Mitglieder befand. In der sich nun entwickelnden Debatte über die Tätigkeit der Allianz ergriff zunächst Herr Dr. I. S a m u e l y das Wort. Er zog einen Vergleich mit dem Hilfsverein der deutschen Juden, der für seine Hilfszwecke bedeutend größere Mittel — 200.000 Mark während des abgelaufenen Jahres — ausgeben konnte. Seiner Ansicht nach sei es Pflicht der Hilfsorganisationen, durch eine großzügige prophylaktische Tätigkeit den Notständen unter unseren bedrängten Glaubensgenossen entgegenzuwirken; eine solche Tätigkeit sei höher einzuschätzen, als ein Eingreifen von Fall zu Fall. In dieser Beziehung empfehle er die Errichtung zahlreicher Informationsbüros längs der russischen Grenze siir die Auswanderer. Diese Auskunftsstellen sollten aber ihre Tätigkeit auch den galizischen Juden zugute kommen lassen; er verlangt überhaupt eine 'intensive Tätigkeit für die Inden dieses Kronlandes. und daß sich die Allianz mit der Frage der jüdischen Auswanderung nach Galizien befasse, zumal, da die Emigrationsfragen derzeit auch im Abgeordnetenhaus behandelt werden. Herr Rabbiner Dr. Feuchtwan g bezeichnet neben der vortrefflichen Leitung der Hilfssektion für die bedrohten Glaubensgenossen nnd der Enugrantenfürsorge die Schulaktion der Allianz als eine besondere Ruhmestat des Vereines. Man müsse, wie dies durch die „Allianz geschehe, hiebei die religiösen Bestrebungen der Konservativen berücksichtigen, um diese zu gewinnen. damit die Schulen allgemeine Anerkennung finden. Herr Rabbiner Dr. David nahm Bezug auf das bevorstehende fünfzigjährige Jubiläum der Alliance Jsraelite Universelle in Paris. Durch diese Organisation fei zum erftenmale die Solidarität der Juden mächtiger Ansdruck gegeben worden. Mit Genugtmmg und Befriedigung könne man auf die segensreiche Tätigkeit derselben zurückblicken und müsse der österreichischen Allianz zu dem Ehrentage des Mutterverbandes gratulieren. Präsident Herr v. G u t m a n n hebt in seiner Erwiderung hervor^ mit welchen Schwierigkeiten das Fürsorgewerk an der galizisch-rnssischen Grenze, ebenso wie alle Hilfswerke der Allianz in Galizien zu kämpfen habe; er müsse aber auch bemerken, daß man in mancher Beziehung auch in Oesterreich mehr erreichen könnte, wenn die Zahl der Mitglieder und die Jahreseinnahmen der Allianz annähernd denen der parallelen Organisationen in Deutschland ähnlich wären. Herr Dr. Alfred Stern bemerkt mit Bezug ans die Ausführungen Dr. Samuel ys. es sei ans mehreren Gründen nicht wünschenswert, daß sich die Allianz oder sonst eine jüdische Organisation in Oesterreich mit einer materiellen oder auch nur moralischen Unterstützung inländischer Auswanderer befasse. Hier sei die größte Vorsicht nötig; wenn in parlamentarischen Kreisen allgemeine Maßnahmen erwogen werden, sei dies etwas ganz anderes. Sekretär Dr. K a m i n k a gab hierauf Aufklärungen über die Organisation der Emigrantenfürsorge längs der österreichischrussischen Grenze. Er hob besonders hervor, daß alle Maßnahmen bezüglich der Regelung der Emigration auf Grund einer ständigen Korrespondenz der Allianz mit allen anderen europäischen Organisationen, insbesondere der I. C. A., dem Hilfsverein der deutschen Juden und dem Zentralkomitee in St. Petersburg getroffen werden. Der Unterschied im Funktionieren unserer Grenzkomitees gegenüber den vom Berliner Hilfsverein längs der preußisch-russischen Grenze errichteten Komitees, sei hattptsächlich der. daß in Deutschland in der Nähe der russischen Grenze von Tilsit und Königsberg bis nach Kattowitz lauter gut situierte jüdische Gemeinden sind, die das Werk des Hilfsvereines aktiv fördern, während unsere galizischen Komitees sämtlich passiv sind. Es sind an manchen Orten nicht einmal die verläßlichen Personen zur Verfügung, um den Auswandererschutz wirksam zu organisieren. Ueber Antrag des Herrn Dr. Bloch wurde hierauf der Tätigkeitsbericht und der Bericht über die sinauzielle Gebarung des Vereines im Jahre 1909 einstimmig genehmigt. Ebenso wurden per Akklamation die turnusmäßig ausscheidenden Vorstandsmtiglieder, die Herren Dr. Alfred Stern, Dr. Sigmund W a h r m a it n, Dr. Felix K a tz a u. Dr. Jakob N i r e n st e i n und kais. Rat Leopold Sachs als Vorstandsmitglieder wiedergewählt und die Kooptation des Herrn Professors Dr. Josef P o l l a k mit dreijähriger Funktionsdaner und des Herrn Ferdinand Bloch mit einjähriger geitehmigt. Schließlich wurde das Präsidium ermächtigt, an die Alliance Jsraelite Universelle nach Paris, ans Anlaß ihres fünfzigjährigen Jubiläums, eine Glückwuuschdepesche zu senden. Der Vorsitzende Herr v. G n t m a n n schloß hierauf die Versammlung. Der Wortlaut des an die Alliance Jsraelite Universelle nach Paris gerichteten Glückwunschtelegrammes lautet: „Die heutige Generalversammlung der Israelitischen Allianz zu Wien entsendet auf Grund einhelligen Beschlusses der vorbildlichen Vereinigung, der erfolgreichen Vorkämpferin für die Gleichberechtigung, soziale und kulturelle Hebung unserer Glaubensgenossen zur Feier des fünfzigjährigen Bestandes die herzlichsten Glückwünsche. Der Präsident David Ritter v. Gntmann."

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