Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063540--06672-3073694- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 20. „Eure Majestät, die objektivere Erkenntnis der Monarchen, die auf ..der Menschheit Höhen wandeln", mildert oft die Volksleidenschasten." Der König: „Und wie oft obliegt uns tatsächlich diese Aufgabe! Vor Jahren gab es eine Judenhetze in Jassy. U m den Sturm zu beschwichtigen, begab ich mich persönlich in die Synagoge. Man hat mich davor gewarnt. Man hatte mir die schwersten Insulten in Aussicht gestellt. Als ich aber die Synagoge verließ, brachte man mir vielmehr Ovationen dar." Ich sagte: „Den Fremden würde es unter dem vor kurzem im Parlament eingebrachten Gesetz zur Förderung der Industrie unendlich schwer gemacht sein, sich in Rumänien industriell zu betätigen." Der König meinte: „Das Gesetz wird in dieser Form nicht aufrechterhalten, es ivird eine starke Abänderung erfahren." Hoffentlich wird uns die Zukunft nicht Anlaß geben, an einem Königsworte zweifeln zu müssen. -i- * Um den dem Kriegsminister im deutschen Reichstage von liberaler Seite gemachten Borwurf antisemitischer Tendenzen bei der Zulassung zur Offizierswahl zu entkräften, wurde in konservativen und antisemitischen Blättern wieder einmal ziemlich viel über die angebliche „Kr i e g s u n tü ch t i g kei t" der Juden geschwefelt. Gegen dieses lügenhafte Schlagwort wendete sich nun Herr Oberst a. D. Gädke im „B. T." mit folgenden temperamentvollen Aeußeritugen: „Daß die Juden allgemein von der Beförderung zum Offizier ausgeschlossen werden, ist eine offene Verhöhnung der Verfassung, daß aber die konservativ-antisemitische Presse kaltblütig erklärt, wie am 21. April die „Krenzzeitnng", „daß die Juden im allgemeinen sich znm Heeresdienste wenig eignen", ist außerdem eine offene Verhöhnung der Wahrheit. Nur beiläufig sei es erwähnt, daß. selbst die Richtigkeit dieser Behauptung vorausgesetzt, noch immer kein Grund dafür angegeben wäre, warum in Preußen seit dem Jahre 1880 überhaupt kein Jude zum Reserveoffizier befördert rvordeu ist. Aber der Vorwurf wird überhaupt von seinen Verbreitern wider, besseres Wissen erhoben; sie haben nicht einmal den moralischen Mut. offen einzugestehen, daß nur ihre Undilldsamkeit iind ihr Uebermnt es sind, die die Juden von den Offizierstellen des Heeres ausschließen wollen, weil es ihnen eben so paßt. Wie jener Polizeipräsident einst das Zensnrverbot eines ihm unangenehmen Stückes kaltblütig begründete: „Die ganze Richtung paßt uns nicht!" Sie rechnen darauf, daß man ihnen in keinem einzigen Falle streng juristisch Nachweisen kann, daß die Zugehörigkeit zum Judentum an sich der einzige wahre Grund des Ausschlusses gewesen ist. Denn keiner der Beteiligten gesteht diesen Grund eben offen ein; und das Dienstgeheimnis wie das eigene persönliche Interesse dindel Die Münder mit siebenfachem Siegel. Und das nennt mail dann Mannesmnt und Standesehre! Warum schließt man die Inden nicht, vom Heeresdienste überhaupt ans. wenn sie sich so wenig dazu eignen? Warum find jüdische Freiwillige, die den Krieg 70/71 mitgekämpft haben, zu Leutnants befördert und sogar mit dem Eisernen Kreuz dekoriert worden? Waren das ungeeignete Soldaten? Gibt es unter aktiven Offizieren nicht solche, die aus ungemischt jüdischem Blute stammen? Sie haben freilich den Glauben gewechselt und sind zum Teil geadelt lvorden! Man sieht, daß der Glaube auch heute noch Wunder tut, und nicht nur Berge versetzen, sondern sogar ans „kriegsnntnchtigen" Juden gute Soldaten machen kann. Erst neulich ist mir wieder von einem jüdischen Freiwilligen berichtet worden, der es lvähreud seiner Dienstzeit nicht Einmal zum Unteroffizier bringen konnte, aber bei Beginli seiner ersten Uebnng sofort vor die Front gezogen, an ihrem Ende znm Unteroffizier und am Ende der zweiten zum Vizefeldwebel befördert wurde. Er war zwischen Dienstzeit und erster Uebnng zur evangelischen Konfession übergetreteu. Ich richte die Frage an die Militärverwaltung, ob es wahr ist, daß Juden, die im Frieden ihre Beförderung nicht erreichen konnten, für den Krieg dennoch in Offiziersstellen verwandt werden sollen? Ob es wahr ist, daß jüdische Unteroffiziere nach ihrer ersten Uebnng für die Mobilmachung sogar qls „Leutnants" bei aktiven Bataillonen vorgesehen sind? Eine merkwürdige „Kriegsnntüchtigkeit", die unt während des Friedens besteht! Die Torheit der ungeschickten Ausrede, der Jude eigne sich wenig znm Soldaten, wird allein dadurch trefflich beleuchtet, daß er in Bayern auch heutigen Tages noch die Beförderung znm Offizier erlangen kann. Sind die bayrischen Juden bessere Soldaten als die preußischen? Oder werden die preußischen Juden auf einmal gute Soldaten, wenn sie in bayrischen.Truppenteilen dienen? Man sieht, welche „Gründe" sich unsere Reaktionäre und Antisemiten leisten, weil sie wissen, daß sie im Besitze der Macht sind, und weil sie nicht die mindesten Gewissensbedenken tragen, diese Macht nach ihrer Willkür und ihrem Herrentrotze, gegen alles Gesetz, und gegen jedes sittliche Recht auszunntzen. Wiederholt habe' ich bereits darauf hingewiesen, daß in allen gesitteten Gemeinwesen, in Italien, Oesterreich. Frankreich, England den Juden die gesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung auch tatsächlich eingeränmt wird, und daß niemand dort ihre Kriegstüchtigkeit bezweifelt. Nur Rußland überbietet uns noch, welche Ehre für Preußen!" * -r- * Die aufrichtige Trauer, die in allen jüdischen Blättern anläßlich des Ablebens König Eduards VII. znm Ausdruck kommt, ist nicht nur in dem treuen Andenken an diesen von echter Humanität erfüllten Herrscher, sondern in dem Gefühle der Dankbarkeit für die englische Nation begründet, die es niemals unrerlassen hat, für die verfolgten und entrechteten Inden einzntreteu. Auch jetzt steht, während ganz Europa über die drohende Ausweisung hunderter jüdischer Familien ans Kiew kalt bleibt, ein Einschreiten Englands zugunsten der Bedanernswerlen in Aussicht. So wird ans London folgendes gemeldet: Mr. D. L. Alexander. K. C., als Vertreter des Board of Deputies und Mr. Karl Stettauer L. C. C., als Vertreter der Anglo Jewish Association (Mr. Montefiore war durch Krankheit verhindert, die Körperschaft, deren Präsident er ist, persönlich zu vertreten), sprachen diese Woche beim Minister des Auswärtigen vor und ersuchten ihn, sich bei der russischen Regierung, zu verwenden, um die bevorstehenden Ausweisungen der Inden aus Kiew rückgängig zu machen. Das Foreign Office soll die Herren sehr freundlich empfangen unb seine tief empfundene Sympathie mit den 1500 unglücklichen Familien in Kiew ansgedrückt haben. Es soll sich auch, wie ich erfahre, diesbezüglich an den englischen Botschafter in St. Petersburg gewendet haben. Man erwartet hier ein sehr günstiges Resultat dieser Verwendung, die sehr würdig und energisch gewesen sein soll. * ' lieber den Umfang der Ausweisungen wird ans Kiew Folgendes gemeldet: Aus Denijewka, einem Vorort von Kiew, sind jüdische Bewohner in großer Zahl ansgewiesen worden, ohne Rücksicht darauf, daß sie bereits seit Jahrzehnten dort wohnen. In Kiew ist bei der Kanzlei des Gouverneurs eine Kommission gebildet worden, die sich mit der Prüfung über das Wohnrecht der Juden befaßt. Durch diese Kommission haben viele Inden sich neues Wohnrecht verschaffen können, andere aber hatten nicht die Möglichckeit, verlorenes Wohnrecht wiederzngewinnen. Diesen gegenüber wird die Ausweisung durchgefnhrt. * ' * -r- Ein kräftiges und tapferes Wort gegen die Proselytenmacherei hat jüngst der Bürgermeister von New-Iork gesprochen. Der Missionsprediger Rev. Thomas M. Chalmers hatte nämlich bei den städtischen Behörden von New-Iork um die Erlaubnis nachgesncht. in den Straßen predigen und Bekehrungs- Versuche machen zu dürfen. Mr. G a y n o r, der Bürgermeister von New-Iork. eine der populärsten Persönlichkeiten im amerikanischen politischen Leben, hat dem Herrn darauf folgende Antwort zuteil werden lassen.' ..Geehrter Herr! Ich denke, daß diese Proselytenmacherei oft zu weit getrieben wird. Glauben Sie nicht auch, daß die Juden eine sehr gute Religion haben? Haben nicht die Christen die Schriften