Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063540--06671-3073693- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ahrheit , Redaktion und Ildniiiiinrarion: Wien, H/j Novaragasse 27 Televbo«: Redaktion 5107/VII1. Anaöhängige Heitschrift für jüöische "- i! Rezugspreis:!i Hanzjäbriq.K 14.— '' Halbjätnig.>C 7 — Administration 4938/ll. K. k. österr. Vostsparkafsa- Scheck-Konio Nr. 100U.918. Interessen. Fiu Diltnsbeamre: Oianzjäiirig . . .IC IO. -! Inserate: Tie viermal gesvaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller., Erscheint jeden Kr eiin g. Für Ausland: AbonneuienlSnnd Iusernous- (Main■ ... 8 Mark belräge sind in Wien zahlvar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" fi 31 ll Oe l oder U> ArcS- |! Ur. 20 Wie». 20. Mai 1010 Inhalt: Aus der 'Woche. — Generalversammlung der Israelitischen Allianz zu Wien. — Allgemeine jüdische KolonisarwnS-Organisaewn. — Die Fortpflanzung von Fehlern. — Verschiedene Nachrichten. — Fenilleton: MooSröSchen. — Schiraus Z'wi. — Ehrung für kaiserl. Rat Jose Singer. — Austritte aus dem Judentum. Ans der Woche. Ausgezeichnet und geehrt durch Seine Majestät den Kaiser,; gefeiert und bejubelt von einer großen und zahlreichen K n n st-; gemeinde beging einer der hervorragendsten Komponisten i der Gegenwart, Karl G o l d m a r k, am 18. d. M. seinen 80. Geburtstag. Zu der hohen Verehrung für den Meister, der so herrliche Werke der Tonkunst geschaffen und jetzt noch in stannens-; werter Rüstigkeit im Reiche der Harmonien sein Szepter schwingt, > gesellt sich der freudige Stolz, daß wir Karl G o l d m a r k mit! vollem Rechte den nnsrigen nennen dürfen. Nicht nur der Ab- - stammung nach ist er zufällig Jude geworden, sondern sein ganzes; Wirken und Schaffen baut sich auf sein jüdisches Vaterhaus auf! und die jüdischen Melodien, die er als Kantorssohn dort verj nommen, sind die Quelle, ans welcher er späterhin so reichlich gej schöpft hat. Im Gegensatz zu so vielen anderen Berühmtheiten, die ans! der Höhe ihrer glänzenden Laufbahn ihren Ausgangspunkt gerne : vergessen, scheut sich Goldmark keineswegs, dies offen zu bei kennen, und besonders schön hat er diesem Gedanken in einer; Ansprache an die ihm zum 80. Geburtstag gratulierende Deputation der Kantoren Ausdruck gegeben. Das Judentum hat vollen Grund, auf diesen berühmten Sohn stolz zu sein.; * * Vor wenigen Tagen ist em ausgezeichneter Arzt, Dozent Dr. Josef Grün selb, ehemaliger Abteilungsvorstand der Wiener Poliklinik, im Alter von 70 Jahren gestorben. Der Heimgegangene hat nicht nur das spezielle Gebiet seiner wissenschaftlichen Forschung mit verdienstvollen Arbeiten bereichert, sondern auch eine weitumfassende gemeinnützige Tätigkeit entfaltet und mit besonderer Liebe seine großen Fähigkeiten und seine staunenswerte Arbeitskraft in den Dienst der Allgemeinheit gestellt. Wiewohl schweres Siechtum seine letzten Lebensjahre verdüsterte und seine Persönlichkeit stark in den Hintergrund drängte, wird das, was Grüufeld im Wiener Kultnsvorstande, in der österr.-israel. Union und in anderen Körperschaften und humaniräreli Institutionen bis vor ungefähr einem Jahrzehnt geleistet hat, ihm für immerwährende Zeiten ein ehrendes und dankbares Andenken sichern. Die letzten Mitteilungen der „Israel. Allianz zu Wien" enthalten über die traiirige Lage der rumänischen Inden folgenden knappen, aber nichtsdestoweniger vielsagenden Bericht: „Die allgemeine Lage unserer Glaubensgenossen in Rumänien ist eine unverändert prekäre, und auch im verflossenen Jahre ist kein Schritt geschehen, um die rumänische Regierung an die ihr durch den Berliner Vertrag anierlegte Pflicht der Erteilung der bürgerlichen Rechte an die israelitischen Staatsangehörigen zu erinnern. Zwei neue Gesetze sind in der Schwebe, durck welche die Sitnatiork zahlreicher jüdischer Familien sich noch verschlimmern würde, das eine betreffend die B e s ch r ä n k n n g des Anteils von Inden als Arbeiter bei i n d u ü r i e l l e n U n t e r n e h m u n g e n, das zweite die Z n r ü ck d r ä n g u n g der Inden ans den liberalen Bernsen, wobei in gewohnter Weise der Kniff angeweudet wird, daß die seit Generationen im Lande wohnenden Juden als „Fremde" bezeichnet werden." Das gibt wohl trübe Aussichten für die Zukunft, aber in den allerhöchsten Kreisen Rnmänieus scheint sich endlich dock» das menschliche Gewissen zu regen, denn anders würden wir es nicht verstehen, daß eine jüngst stattgehabte Unterredung eines Wiener Journalisten mit dem rumänischen Herrscher in die Oeffentlichkeit gelangte. König Karol von Rumänien hatte nämlich zu Anfang dieses Monates einen Vertreter der „Neuen Freien Presse" in längerer Audienz empfangen und bei Erörterung des kulturellen Niveaus der rumänischen Bevölkerung wurde auch die Judenfrage gestreift. Dabei entspann sich, wie in dem genannten Blatte berichtet wird, folgender Dialog: „Und die Jndenhetzen, Majestät, meinte ich. „mögen in einigem Zusammenhang mit solchem Kulturmangel sein." Der König: Die I u d e n s r a g e war eine der s ch w e r st e n Sorgen meiner Regiernngszeit und fährt fort, mir Sorge zu machen." „Von Eurer Majestät abgeklärtem Sinn darf man wohl gerechte Entscheidungen und eine gerechte Abschätzung im Sinne des gleichen Rechtes von Eurer Majestät Untertanen erwarten." Der König: „Die Judenfrage ist uns keine Frage der Religion — es ist eine wirtschaftliche Frage. Der Rumäne ist von Natur tolerant. Aber es ist die wirtschaftliche Ueberlegenheit der Juden, gegenüber welcher sich die nationale Strömung zur Wehr setzt. Es sind Agrarbanken errichtet worden. Sie können beitragen, das rumänische Element vor verderblicher Ausbeutung zu schützen." „Uebrigens", fügte der König hinzu, „man kann Volksströmungen nie ungestraft negieren. Der wäre kein Staatsmann, der da meinte, er könnte über Volksströmungen ganz zur Tagesordnung übergehen. Strömungen und Leidenschaften müssen von dem wirklichen Staatsmann erkannt und, wenn nötig, eingedämmt werden. Aber wer ihrem Vorhandensein gegenüber die Angen schließt, statt ihre Ursachen zu ergründen und bessernd einzugreifen, der wäre kein Staatsmann."