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Die Wahrheit · 1910-05-13 · Heft 19 (13.5.1910) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Die Wahrheil Nr. 19. Oe st erreiche r. Wer ihn während der herzergreifend vorgetragenen Trauergesänge des Herrn Oberkamor Don Fuchs konvulsivisch schluchzen, die arme Mutter trostlos und wie geistesabwesend vor sich hinstarren sah, wer den gebrochenen Gatten anschaute und überhaupt die Ergriffenheit aller Versammelten gewahrte, dem enthüllte sich ein durch die begleitenden besonderen Umstände potenzirtes Bild menschlichen Jammers. Frau Grete V o g e l ist übrigens nicht unbekannt; sie hatte oft in Konzerten der Toynbeehalle mitgewirkt, wo sie die Hörer mit ihrem seelenvollen Gesänge erfreute. Herr Rabbiner Dr. D a tu b hielt die Trauerrede und unser Mitarbeiter Herr S. V i n e t a am offenen Grabe einen kurzen Nachruf. Mödling. Am 8. d. M. fand im „Jüdischen Bildungs- und Geselligkeitsverein" in Mödling ein Vortrag des Herrn Ingenieurs Stark vom Bernina" „Theodor H e r z l" über „Jüdische Künstle r" statt, deffen Aussührungen über jüdische Maler insbesonders interessant waren. Der Vortragende verstand es vorzüglich, uns mit den jungjüdischen Malern Epstein, Lilien, H i r s ch e n b e r g, Israels, Kaufmann und andere vertraut zu machen. Luhatschowitz. Herr Dr. Siegfried Frankl hat sich zur Ausübung seiner ärztlichen Praxis dauernd in unserem Kurorte niedergelassen. Galatz Am 30. v. M. starb hier nach kurzer Krankheit Herr Emil Sulz er, ein Sohn des beiühmtcn Oberkantors Solomon S u lz e r. Der nun Verstorbene bekleidete früher die Stelle eines Sekretärs der Europäischen Donankommiffion, welche ihren Sitz in Galatz hat, verheiratete sich später mit der Tochter des Generalkonsuls M ä n d l und trat als Kompagnon m die hochangesebene Firma seines Schwiegervaters. Emil Sulz er war auch Voistandsinitglied der hiesigen isr. Kultusgemeinde und erfreute sich durch seinen überaus liebenswürdigen Charakter und seiner hohen Bildung allseitiger Beliebtheit. Emil S u l z e r. welcher ein Alter von 72 Jahren erreicht hat, war Ritter des Franz-Josephs- Ordens und besaß mehrere ausländische Dekorationen. Er hinterließ eine Witwe, zwei Söhne und drei Töchter. Der WaöSr von Saragossa. Von Ludwig Rieß stud. med. (Schluß.) Noch einen Kuß er drückt ihm auf die Stirn, Mil leisen Schritten schweben sie von dannen. Und jäh fuhr aus dem süßen Schlaf der Rabbi Von einem Hellen Schimmer ist verklärt Sein schwarzes Aug', er säumet gar nicht lange, Denn schon die nächste Stund' kann Unheil bringen Dem Volke Israels, das bange harrt Vorm Hans des vielgeliebten Rabbi Juda. Er tritt hinaus und grüßt mit freud'gen Blicken: „O liebe Brüder, freut Euch, Rettung kam - Vom Throne Gottes in der Zeit der Not Lebt alle wohl, seid glücklich auf der Welt, In einer andern sehen wir uns wieder." Wie wenn der Mann hinauszieht in die Schlacht, An seinem Halse weint die edle Gattin. Sie schluchzt und rmgt die weiße Hand, jedoch Ans der Umarmung reißt sich schnell der Mann, So schart sich auch das Volk um seiueu Rabbi. Sie weinen, stehn, doch er beschwichtigt sie Mit sanften Worten: „Meiner ruft die Pflicht, Wollt alle Ihr verlieren Mütter, Kinder? Wollt Ihr geschändet wissen Eure Töchter? Seht Ihr sie dort, wie sie das Messer wetzen, Um hinzuschlachten Eure Säuglinge? Nein, Brüder nein, laßt mich zum Tode gehn. Dort droben werden wir uns Wiedersehn." Sie schluchzen leise, er erteilt den Segen, Und eilet schnell aus seiner Brüder Mitte. Er kommt zum Könige: „Ich bin bereit, Das Todesurteil zu empfah'n, mein Leben Hab' ich verwirket durch mein eitles Streben." Und zornentbrannt bestehlt der stolze König Znm Scheiterhaufen ihn sogleich zu führen. Von Banden frei, wie er sichs ausbedungen, So schreitet heiter er zur Stätte hin;- Schon ist bereit der Rabbi zu besteigen Den Marterpfahl, schon lispeln seine Lippen Zum letzten Mal ein andächtig Gebet, Da plötzlich teilt mit kräft'ger Hand die Menge Ein schönes, wunderbares Frauenbild.. Von rotem Haupte wallt das schwarze Haar Ein Felsenstrom, aus tiefster dunkler Ritze Zwei dunkle Augen, solche die sich sehnen Nach Untergang im wvnn'gen Liebesmeer. Und vor des stolzen Königs Sitze fällt Und weineiid spricht die marmorblasse Maid: „Nicht er, o Herr, ich, ich Hab' es getan Für meine Jugend hat er sich geopfert. O. laßt mich sterben, Herr, und gebt ihn frei, Denn Unschuld predigen die reinen Züge." Wohl mancher höret dies und wird gerührt Und manchen! treten Tränen in die Augen, Des Königs Will' jedoch blieb ungebeugt: „Wenn sie's getan, so sterbe sie vereint Mit ihm, ergreifet sie und leget ihr Die festen Bande an die Hände an." Allein sie sprach mit flammensprüh'ndem Antlitz: „Frei wurde ich geboren, frei will ich , Auch sterben, frei dem Tod ins Antlitz seh'n." Und Tränen standen in des Rabbis Augen, Als er sich zu ihr wandt und leise sprach: ,.O, Rahel, Rahel, meine liebe Braut, Was für ein Leid hast du mir angetan." Doch freudetrunken unterbrach sie ihn: „Willst du allein dich opfern für das Volk? Auch ich geh' mutig zu dem Tode ein, Mit dir besteig' ich gern den Marterpfahl Zn Ruhm und Ehre uns'res heil'gen Glaubens." Schon stehn sie oben, Feuer legen an Die blnt'gen Schergen schon, da zieht der Rabbi j Ein kleines Ringelchen von feinem Finger Und nähert sich damit der lieben Braut Und steckt denselben an den zarten Finger Die Worte spreckend, die der Bräutigam An feine Braut am Hochzeitstage richtet: „So sei mir angetrant als treu Gemahl Durch diesen Ring, wie Mose es befahl." Und liebend fallen sie sich in die Arme, Sie sind vereint und keine Macht auf Erden Kann ihnen rauben diese Seligkeit, Die wonndurchdrmlgne Freude dieser Stunde. Znm Kuß berühren sich der beiden Munde, Ein Kuß so süß, den reine Minne beut. Ja solch' ein Kuß. den reine Lieb' gegeben Der sel'ge Kuß wiegt ans ein ganzes Leben. Und immer näher, näher dringt das Feuer Und gierig leckt die Glut das trockne Holz. Der schwarze Ranch bedecket beide schon, Da tönt aus beider Lippen das Gebet Wie Engelssingen schallts ans höhern Sphären: „O, höre Israel, vernimm das Wort: Dein Gott ist einzig, einzig ist dein Hort." Noch einen Kuß sie wechseln miteinander Znm letzten Male tönet: „Rahel, Inda", Und ihre Seelen fliegen himmelwärts Befreit von ird'schem Leid und ird'schem Schmerz. Mit leichtbeschwingten Schritten schwand die Zeit, Die holde Trösterin in jedem Leid, Jedoch in Volkes Angedenken blieb Unausgelöscht die opserfreud'ge Tat. Die Kinder lehrte man die Manen schätzen Des Paares, das so selbstlos sich geopfert, Ein neuer Hirte leitete getreulich Die Herde Israels in Saragossa. Es war an einem stürm'schen Winterabend Da klopft man schüchtern an die Tür des Rabbi. Und als sie von ihm selbst geöffnet ward Tritt zitternd zagend ein ein bleicher Diener: „Mein Herr ist sterbenskrank, o edler Rabbi, Und er verlanget dein, ich fleh dich an Mit mir zu gehen diesen traur'geu Gang; Gar schweres Leid bedrücket seine Seele,

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