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Die Wahrheit · 1910-05-13 · Heft 19 (13.5.1910) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr- 19. Die Wahrheit Seite 11. D, seid barmherzig Herr mit einem Toten." Der Rabbi schreitet eilends mit dem Diener Und stannend tritt er in ein großes Hans. Von einer düstern Ampel matt erleuchtet -Erblickt der Rabbi einen alten Mann, Er tritt zum Bette hin und spricht ihn an: „Herr Graf, dein Diener harret deiner Worte, Dn sandtest nach dem Rabbi, er ist hier Ich bin gewärtig, was befiehlst dn mir?" Der Kranke richtet sich mit Mühe ans; Ans seiner Brust dringt still ein tiefer Lreufzer Er wandte sich zum Rabbi hin und spricht: „Warum ich dich hieher gerufen, fragst du- Denn — schwere Schuld belastet meine Seele- Kann Gott verzeihen mir, wenn reuevoll Ich das bekenne, was ich angestiftet?" ,,Herr Graf, er ist barmherzig, gnädig, mild, Langmütig, voller Huld, den Frommen Schild." „Nun— denn — vernimm mein hochgeschätzter Rabbi. Es lebte einst ein- Inda den Gabirol, Der sich,geopfert hat für seinen Glauben, Und niemand weiß, wer dieses hat getan, Die gottverfluchte, unheilvolle Tat. Ein Tiger wurs, ein blutig wildes Tier Und dieses Tier — das — bin — ich edler Rabbi. — Ö, wende nicht das Auge ab von mir, Kurz ist die Zeit des Lebens mir gemessen, Noch eine Stunde und ich bin im Grabe, Verzeih mir. guter Gott, die blut'ge Tat. Vor welcher selbst die schwarze Hölle schreckt. Ich hab's getan, ach, ach, ich hab's getan, Ans mich geladen diese schwere Schuld. Noch eine Frage schwebt ans deinen Lippen, Warum ich solcher Tat mich Hab' vermögen. Ich haßte und verachtete das Volk. Das abznstammen sich von Jakob rühmt, Ich wollte es verderben, Niederdrücken, Und meinen Fuß auf seinen Nacken legen. Doch, als sich jener Rabbi hat geopfert, Da schwand der Haß und tiefe Rene trat An dessen Stelle, jetzt wo ich znm Grabe Hinwanke, ja, da lieb ich dieses Volk." Schiraus Z’wi. Gottesdienstliche Gesänge der Israeliten für gemischten Chor und Kantor-Solo, mit lind ohne Orgelbegleitnng für das ganze Jahr und zu jeder Gelegenheit von Hermann B e r m a n n, Oberkantor in Böhmisch-Leipa. Besprochen vom kaiserl. Rat Josef Singer, Wien. Als der Schreiber dieser Zeilen vor nahezu dreißig Jahren seinen Wiener Posten antrat, da fristete der traditionelle Synagogengesang ein geradezu kümmerliches Dasein. Nicht allein in den modernen Synagogen Wiens, sondern allenthalb auch auswärts erzitterte der traditionelle Gesangsgedanke gleichsam wie ein zur Unzeit aufgeschossenes Blümchen im Sturmesbrausen vor den Neuerungen Salomon S n l z e r s, und selbst der aus der Tradition hervorgegangene, ausgezeichnete prr Josef G ol dstei n wagte es nicht, seine antike Eigenart offenkundig zu bekennen, sondern behandelte dieselbe hie und da — mir möchten sagen — ausschließlich als seine Spezialität, die allerdings auch berechtigte Anerkennung fand. Diese Vorausschickung könnte der irrigen Ausiassung Spielraum verleihen, als ob Meister S ulze r ein Gegner des Traditionsgesanges gewesen wäre. Deshalb stellen wir es nur gleich richtig, daß der junge Sulzer schon deshalb kein Gegner des gesanglichen Traditionsgedankens sein ckonnte, weil er während feiner vorwienerischen kantoralen Wirksamkeit diese Gesangsgattung gar nicht zu pflegen Gelegenheit hatte. Als sich Meister Sulzer der schwierigen Aufgabe gegenübergestellt sah, für die moderner gestalteten Gebettexte unch zeitgemäßere Gesangsformen zu schaffen, sah er sich notgedrungen veranlaßt, ausschließlich neue Gesangsformen in die Welt zu setzen. Unter dieser Nötigung entstand der erste Teil des Schir-Zion mit seiner kaum fragmentarischen Anwendung des Traditionsgesanges. Wie ganz anders jedoch gestaltete sich dieser Gegenstand bei Herausgabe des Schir-Zion II. Der gereiftere S u l z e r fand Gelegenheit, dem landesüblichen Traditionsgesang näher zu treten, und machte die Wahrnehmung, daß diese Töne geradezu wie seraphische Gesangslegenden an sein Ohr klangen, so daß er, von der Macht derselben tief ergriffen, sich voll und ganz veranlaßt fand, denselben eine hervorragende Stelle in seinem neuen Werke einznränmen. — Doch verweilen wir zuvörderst noch, einen Moment bei der Epoche des Erscheinens des Schir- Zion I. Derselbe galt nicht allein als das synagognl gesangliche Glaubensbekenntnis S u l z e r s, sondern gestaltete sich kraft seiner ihm allgemein entgegengebrachten Wertschätzung gleichzeitig als Geleitsbries für die einschneidendsten Resormbestrebnugen anderer. Der Weltersolg des Schir-Zwn gönnte so manchem nicht die nötige Ruhe, und so wurden von Jahr zu Jahr, bis in die Gegenwart hinein, Synagogengesangswerke mit stets steigender Resormtendenz veröffentlicht, deren Inhalt — einige rühmliche Ausnahmen abgerechnet — es verdient hätte, der Oeffentlichkeit vorenthalten zu bleiben. Unter den komponierenden Kantoren gab und gibt es solche, die mir erkünstelter Geringschätzung ans die im Schir-Zion I sich vorfindlichen Meisterwerke hinwiesen und ausschließlich das Bestreben hatten, selbst mu den Preis der Lächerlichkeit, zur komponistischen Geltung (?) zu gelangen. Immerhin muß jedoch eine gewisse Rührigkeit ans modern synagogal-gesanglichem Gebiete, und zwar ausschließlich der seriösen Chorsorm, konstatiert werden. Der traditionelle Synagogengesang jedoch war in tiefe lautlose Nacht gehüllt, bis es endlich, nach gepstogenem Gedankenaustausche, einige beherzte und mit der Geschichte des Synagogengesanges wohlvertrante Männer, wie weiland Kollege Deutsch in Breslau, B a e r in Gothenbnrg, Wodakin Göding, Fried mann in Berlin und andere unternahmen, an die Auszeichnung des ihnen geläufigen synagogalen Traditionsgesanges zu schreiten. Ist nun auch bei diesen, aus verschiedenen Federn stammenden Auszeichnungen nicht immer eine melodische Gemeinsam-; keit zu konstatieren, so muß doch, was für die Geschichte des Synagogengesanges bedeutsamer ist — eine Gemeinsamkeit des Stiles anerkannt werden, und dieser Gemeinsamkeit des Stiles (strenge Berücksichtigung des üblichen Jntervallenverhältnisses) begegnen wir anch in dem uns im Manuskript vorliegenden Werke des Kollegen B e r m a n n in Böhm.-Leipa. Der Herausgeber vorliegenden Werkes scheint mit der Gesangsmanier der einstigen Meschorerim wohl vertraut zu sein, oder zumindest viele bedeutsame Chasanim gehört zu haben. Er schuf weder in traditionellem noch im modernen Rezitativ irgend eine neuere Art — sondern bestrebte sich vielmehr, die zopfig-alte Meschorer- Gesangsmanier zeitgemäßer und eleganter zu gestalten; hingegen das mit dem modernen Konzert- und Operngesange frivol kokettierende, sogenannte moderne Synagogenrezitativ dem geschmeidigen Ernste der einstigen Chasonim-Gesangsmanier näher zu bringen. Das will sagen, der Komponist habe seine in der Gegenwart geschaffenen, doch für die Zukunft bestimmten Schöpfungen mit Vorliebe der geistigen Gestaltung vergangener Tage angepaßt. Wir werden ja demnächst Veranlassung nehmen, auf die Licht- und Schattenseiten dieser uns vorliegenden Schöpfungen eines Näheren einzugehen, doch müssen wir jetzt schon bekennen, daß diese Arbeiten B e r m a n n s bis nun die räumlich-nmfassendsten dieser Gattung sind, so daß wir dieselben, schon bezüglich ihrer staunenswerten Vollständigkeit, als eine Lebensarbeit des Autors bezeichnen müssen. (Fortsetzung folgt.) Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. Wien, II., Circusgasse 47. Ordination von 9—6. Telephon 18699.

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