Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 19. Die Wahrheit Seite 9. land sich eigentümlich verschlimmert, sie ist heute bei Beginn des XX. Jahrhunderts unvergleichlich schlimmer als in der Mitte des XIX. Jahrhunderts, unter der Negierung Alexanders II., bevor Jgnatiew, von Katkow inspiriert, die Entdeckung gemacht hatte, daß mau, um die Revolution zu besiegen, nur die Juden bedrängen müsse. Der Rückschritt ist so bedeutend, daß man, um den Inden eine Erleichterung gegenüber den Drangsalen And Vexationen zu verschaffen, unter denen sie leiden, nur die Gesetze und Reglements fallen zu lassen braucht, die der Minister Jgnatiew während der ersten. Regiernngsjahre Alexanders HI. herausgegeben hat. Um das Drittel eines Jahrhunderts z u r ü ck zuiveicheu und die russische Gesetzgebung und die Administration zu der Praxis der Regierung Alexanders II. zurückzuführeu, wäre schon der größte Forts ch r i t t." ZOjähriges Inbiliinm der AUianre Ifraölite Universelle. Die Alliance I sraölite Universelle feiert in ^diesem Monat das fünfzigjährige Bestehen. In allen Synagogen Deutschlands ist am letzten jüdischen Feiertag in Predigten und Ansprachen der Alliance und ihres Wirkens mit rühmender Anerkennung und mit Dank gedacht worden. In Berlin und in allen jüdischen Gemeinden Deutschlands wird in nächster Zeit noch eine besondere nichtsynagogale Feier stattfinden. In Paris haben die Festveranstaltungen eine bedauerliche Verzögerung erfahren müssen, da der Präsident der Alliance Jsraölite Universelle, Herr Leven, erkrankte. Man wird in Paris eine Nachfeier im November veranstalten. Die Deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance Jsraölite Universelle hat ihre Mitglieder zum 29. Mai zu einer außerordentlichen Tagung berufen und zu dieser alle Lokal-Komitees eingeladen. Für die Pariser Feier war eine Teilnahme ans allen Ländern in Aussicht genommen. Auch an Herrn Oscar S. Strauß, den Botschafter der Vereinigten Staaten in Konstantinopel, war eine Einladung ergangen, auf die Herr Strauß mit folgendem Schreiben antwortete: Amerikanische Gesandtschaft Konstantinopel, 20. April 1910. An den Präsidenten der Alliance Jsraölite Universelle Herrn N. Leven Paris. Sehr geehrter Herr! Ich habe Ihre Einladung zu den Feierlichkeiten und Versammlungen erhalten, die im kommenden Mai zur Erinnerung an die vor 50 Jahren erfolgte Begründung der Alliance Jsraölite Universelle stattfinden sollen. Wenn meine amtlichen Pflichten meine Abwesenheit von hier zu jener Zeit gestattet hätten, so wäre es mir eine große Freude, der bedeutsamen Jubiläumsfeier beiznwohnen. Wer mit der Lage unserer Glaubensgenossen in diesem Weltteil vertrant ist, muß Bewunderung fühlen für die Größe des Werkes, das die Alliance geschaffen hat. indem sie unseren Glaubensgenossen Erziehung und moralische Hebung zuteil werden ließ und ihre wirtschaftliche Lebenshaltung erhöhte. Ich habe die Schulen und anderen Institute besucht, die die Alliance hier, in Salonik, in Smyrna und vielen Orten eingerichtet hat und kaun ans eigener Anschauung Zeugnis ablegen für das große und edle Werk, das die Alliance geschaffen hat und zu schaffen fortführt. Die Alliance ist für die Juden des Orients Schirm und Schutz. Der Schutz, den die Regierungen der verschiedenen Staaten ihren christlichen Landesgenossen angedeihen lassen, den gewährt die Alliance den Juden. Ich habe eine Anzahl junger Leute gesehen, die in den Schulen der Alliance erzogen worden sind und sich zu nützlichen Führer ihrer Glaubensgenossen entwickelt haben. Ohne die Vorteile, die die Schulen der Alliance bieten, würden sie in derselben unglücklichen Lage verblieben sein, in der sich die Mehrzahl ihrer Brüder befindet. Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, mich in Salonik nnfzuh alten. Ich besuchte dort ihre Schulen und traf die Vorsteher Her Gemeinde bei einer Beratung an. Ich war bestrebt, sie von der dringenden Notwendigkeit zu überzeugen, ihren spanischen Jargon abzulegen, dessen Ersetzung durch die Landessprache ich empfahl. Auch die Pflege der französischen Sprache legte ich ihnen ans Herz, damit sie aus ihrer Absonderung herauskämen und die Aufklärung der Gegenwart sich zunutze machten. Ich bemühte mich, ihnen auseinanderznsetzen, welche Ironie der Geschichte darin liege, daß sie die Sprache ihrer spanischen Bedrücker bewahrten in einem Lande, das ihren Vorfahren Schutz und Zuflucht bot. Die Arbeit, die die Schulen der Alliance in dieser Richtung geleistet haben, kaun nichr genug anerkannt werden. Aber es bleibt noch so viel zn tun übrig, daß es mir eine große Genugtuung sein würde, wenn das, was ich ansgeführt habe, sei es auch nur in geringem Maaß, zum Gedeihen und zur Entwicklung des Alliancewerkes beilragen könnte, das für liniere bedrückten Brüder im Osten ein Gottesgeschenk und ein Segen geworden ist. Dieses Werk macht den Ruhm und oieEhre des fünfzigjährigen Jubiläums der vornehmsten Gemeinschaft ans, die mit so sichtbarem Erfolg für die Hebung der Söhne und Töchter Israels gewirkt hat. Es ist mein Wunsch, Ihnen, dem ehrwürdigen Präsidenten der Alliance, der Sie so viele Jahre Ihres Lebens dieser großen Sache gewidmet haben, und Ihren Kollegen, die Versicherung meiner aufrichtigen Hochachtung und höchsten Wertschätzung ausznsprechen._'_Oskar S. S t r a n ß. Nerschiedene Nachrichten. Wien. cBeth - Ham, drafch T a l m u d - T h o ra. II. Malzgas s e 16.) Samsrag, den 14. Mai 1910, nachmittags 3 Uhr, findet daselbst ein Vorrrag des Herrn Rabbinarskandidateu Bela Fischer statt. Thema: „Die Tradiloren der Goireslehre znr Zeit des König» Johan Hyrkan." Wien. (Zum 7 0. G e b n r r s t a g des H e r r n Landesschulrates D r. Gustav Kvhu) wurde Dienstag, den 3. Mai in der Talmud-Thora-Schule ein Gratnlationssest abgehalren. In dem schön dekorierten Saale waren zn Ehren des Gefeierten die Herren Borsteher Markus Bond l, Adolf Schrame k, Sigmund K a u d e r s, David Kohn. Simon B u ch w a t d, ferner Herr Inspektor K a n i tz und Herr Direktor M a u t n e r versammelt. Der Chor, geleitet von Herrn Lehrer Friedländer. unter Mitwirkung der Lehramtskandidaten Julius Springer. Moritz Schulz. David Mayer, Leopold L ö w i n g e r und Rudolf Müller eröffnete die Feier mit dem '—iE nrr-Gel>et, worauf dann der greise Oberlehrer L ö w den Gefeierten in einer recht herzlichen Ansprache begrüßte. Herr Oberlehrer Jakob K oh n hielt hierauf die Festrede, in welcher er auf die großen Verdienste hinwies, welche sich Herr Dr. Kohn während seiner 30jährigen, überaus väterlichen Fürsorge für die Schule und die jüdische Jugend erworben hat. Den Höhepunkt erreichte die Feierlichkeit, als dann für jede Klasse je ein Schüler an den Gefeierten herantrat und in einem Gedichte die Huldigung darbrachte. Zum Schluß sang der Chor unter Leitung des Herrn Lehrer Friedländer das: „Leise leise, frommer Weise" und das „Lobet den Herrn." Herr Dr. Gustav Kohn war sehr bewegt. In einer überaus warmen Danksagung an die Anwesenden erklärte er. daß ihn bis jetzt kein Wunsch „so sehr bewegt und gerührt hätte", daß nichts in seinem Herzen eine solche Stimmung hervorgernfen, als die Gratulation der lieben Kleinen. Wien, lieber das ewig aktuelle Thema „Das Rassenproblem" — ein umfangreiche» und inhaltsschweres Buch von Dr. Z o l l s ch a n — wird Mittwoch, den 18. Mai d. I. Herr Rabbiner Dr. Leopold Goldschmied im „Verein zur Abwehr des A n r i s e m i t l s m u s", abends halb 8 Uhr, und zwar im Saale de» Wissenschaftlichen Klub, I. Eschenbachgasse 9. einen Vortrag halten. Gäste willkommen. Wien. Herr Rabbiner Dr. G o l d st e i » hält in dem Bethanse, II. Hammer-Purgstallgasse 5, 1. Stock, während der Sevira-Zeit zwischen Mincha und Maariw allabendlich einen längeren Vortrag über Thillim. Wien. (Verband der isr a e l. R e l i g i o n s l e h r e r an den ö st e r r. M i t t e l s ch u l e n.) Am 27. April d. I. fand unter dem Vorsitze des Obmannes Prof. Dr. H. P o l l a k eine Sitzung des Verbandsausschusses stakt. Der Obmann referierte über die teils erfolgte, teils im Zuge befindliche Durchführung der letzten Sitzungsbeschlüsse. Die Ergebnisse der IV. ordentlichen Vollversammlung des Verbandes der Israel. Religionslehrer an den Mittelschulen Böhmens wurden in Beratung gezogen und die Gemeinsamkeit in den Aktionen zum Zwecke der dorr angestrebten Ziele im wesentlichen zum Beschlüsse erhoben. Wien. Am 11. Mai wurde hier Frau Grere B o g e l zn Grabe getragen. Die in früher Jugendblüte stehende junge Frau reichte erst vor ° wenigen Monaten Herrn Ingenieur Vogel ihre Hand vor dem Altäre. Das außergewöhnliche tragische Schicksal, welches sie aus dem Kreise ihrer Lieben herausriß, gab Veranlassung, daß auch Fernersrehende am Leichenbegängnis reilnahmen, und so war denn dieTranerversammluug eine sehr zahlreiche. Frau Vogel, die einer rapid verlaufenden Krankheit erlag, war die Tochter des in weiten Kreisen ob seiner Berufstüchtigkeir uud nicht zum wenigsten ob seiner tiefen jüdischen Glaubenstreue, seiner regen nationalen Gesinnung iu weiten Kreisen sehr geachteten Kaufmannes, des Herrn Rudolf