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Die Wahrheit · 1910-05-13 · Heft 19 (13.5.1910) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Mit Eduard VII. schied eine hervorragende Persöullchkeit unserer Zeit aus dem Leben. Eine Persönlichkeit, die weit über das europäische Jnselreich hinaus Ruf und Bedeutmlg hatte und die — man darf es ruhig sagen — unserer Zeit den Glanz und Anstrich gab. Obwohl er an der Schwelle des Greisetlalters die Zügel der Regierung ergriff, verstand er es trotzdem, den Staatsmagen mit solcher Sicherheit und Festigkeit zu lenken, daß die ganze Welt auf sein Wort und sein Tun mit Bewunderung aufmerkte. Das war nicht mehr der lebenslustige Prinz von Wales, der seiner alten Mutter manche Besorgnis eiuflößte, das war ein hervorragender Staatsmann ein Politiker par excellence, ein Talent, das mit umfassendem Blick allen Bedürfnissen des Riesenreiches gerecht wurde. Mehr als der vierte Teil der bewohnten Erde, 500 Millionen Menschen (so viel wie ganz Europa zusammengenommen) blickten mit Begeisternng 511 ihm auf. Und wenn irgendwo im weiten, großen Reiche der schöne Saug ertönte: „G-od save the King“, da war es keine leere Formalität, sondern Herz und Sinn, Fühlen und Denken sangen den hehren Wunsch mit: Gott erhalte den König! Nirgends im beherrschten Weltkreise, außer Italien, haben die Juden -einen solch vollkommenen Grad von Gleichberechtigung erlangt, wie im mächtigen großbritannischen Reiche. Nirgends ist der Jude so ganz und gar ins heimische Milieu , hineingewachsen, wie im Reiche Eduards VII. Seine erste große Tat war der Friede mit Transvaal, und dieses reiche, fruchtbare Land, das sich stüher - den Juden abhold erwies, öffnete nun unter König Eduards Regierung seine gastfreundlichen Pforten auch den Inden, so daß es heute, nach acht Jahren, schon große, blühende jüdische Gemeinden daselbst gibt, die segetlsreich wirken. Tausende jüdische Familien, die Europa in Not verlassen nulßten, haben in Südafrika eine Lebensmöglichkeit gesunden, die sie nur dem toleranten Sinne des Königs verdanken, der alle Untertanen mit gleichem Wohlwollen behandelte. Er, der als Prinz der Großmeister der englischen Freimaurerloge war, hat auch als König den Freisinn auf sein Wappen geschrieben. Mit intensivem Interesse verfolgte er die anwachsende zionistische . Bewegung, die in England bedeutende Anhänger mit klangvollen Namen besitzt; und als der Ruf nach einer rechtlich anerkannten Heimstätte für die Juden ans den zionistischen Kongressen immer lauter ertönte, da war es wieder Eduard VII., der, bei der Aussichtslosigkeit der Wiederlangnng Palästinas, den Juden einen weiten Landstrich Oüasrikas zur Verfügung stellte. Vielleicht hätte sich bei einigem guten Willen dieser hochherzige Akt zu einer praktischen und nützlichen Verwertung nmsetzen lassen, wenn die Zionisten nicht nach dem Tode ihres großen Führers die Richtschnur ganz verloren hätten, so daß sie in mehrere Lager und Ansichten geteilt, das Nahelregende einem nutzlosen Kampfe ausopsern. Eduard VII. hat sich wiederholt als warmer Judenfreund erwiesen. Als die Metzeleien m Rußland in einer Weise überhand nahmen, daß das Blut der unschuldigen Opfer einen Widerschein der Schamröte aus Europas Diplomatie warf, da hat König Eduard bei seinem kaiserlichen Neffen ernstliche Vorstellungen erhoben. Es ist kein Geheimnis, daß Eduard VII. dem Zaren, bei dessen letztem Besuch in England, eine Verbesserung der Lage der rilssischeit Juden dringend ans Herz legte. Als Prinz von Wales hatte er viele jüdische Freunde besessen, mit denen er intim verkehrte, und als König setzte er diese Freundschaft, wie es sich für einen Gentleman ziemt, auch fort. Wir finden Inden an der Spitze der höchsten Aemter, als Gouverneure, hohe Offiziere, Staatssekretäre und Minister. Die vornehme Denkllngsart des Herrschers von Großbritannien hat sich stets in sympathischer Weise geäußert. Während seines jährlichen Aufenthaltes in Marienbad besuchte er wiederholt jüdische Etablissements, er hat einmal einer alten jüdischen Frau den Stock ansgehoben, der ihrer Hand entfallen war und einen jüdischen Veteranen huldvoll angesprochen. Der König war von großer Menschenliebe durchdrungen, so daß ihm jeder Mensch gleich wert schien. Darin glich er u n s e r e m erhabenen Monarchen, für den er trotz manch kleiner politischer Disharmonie die größte Verehrung durch mehrere Besuche bekundete. Der englische König hat jüdischen Notabeln wiederholt hohe Orden verliehen und als Gäste zu sich gebeten, und erst jüngst hat er den Chies-Rabbi von London aus Anlaß seines 70. Geburtstages mit hoher Auszeichnung bedacht. Die Juden Großbritanniens trauern mit herbem Weh ob des Verlustes dieses wahren, väterlichen Freundes, dem sie in unerschütterlicher Liebe und Treue ergeben waren, und die Juden

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