Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 19. der ganzen Welt empfinden mit ihnen diesen schmerzlichen Verlust. — Der neue König ist in einem Hanse-ausgewachsen, wo er sich die edelsten Herrschertugenden aneignen mußte. Er besteigt als reifer, erfahrener Mann den Thron des größten Weltreiches, in dem die Sonne tatsächlich nicht uutergeht. Eduard VH. hat über diesem Reiche die Sonne der Freiheit und Menschenliebe, der Gleichheit und Gerechtigkeit als teueres Erbe seiner edlen Mutter leuchten lassen. Möge der ne ne König die s es Vermach tu i s seines toten Vaters als beste Wegzehrung auf seinen schwierigen Herrscherweg mit nehmen! A. H. L. Untere namenlosen Kinder. Wie das bürgerliche Gesetz den Eltern die Pflicht auferlegt, ihren neugeborenen Kindern einen besonderen Namen, den sogenannten Vornamen zn erteilen, ebenso macht es das Judentum seinen Bekennern zur Pflicht, ihren Sprößlingen unmittelbar nach der Geburt einen hebräischen, oder wie es im Voltsmunde heißt, einen jüdischen Namen zu geben. Und so ist es seit uralter Zeit Gepflogenheit in Israel, dem Knaben am Tage seiner Einführung in den Bund Abrahams und dem Mädchen beim öffentlichen Gottesdienste den jüdischen Namen beiznlegen. ^xnV's x-ipn wird beim Akte der Namenserteiluug feierlich ansgernfen: „So soll das Kind in Israel genannt werden", was so viel sagen will, daß jeder Bekenner des Judentums einen jüdischen Namen führen und ihn Zeit seines Lebens in Ehren halten muß. Und doch liegt in dem Wesen und Inhalte dieser Namenserteilung von einst und jetzt ein schroffer Gegensatz. Auch jetzt erhallen unsere Kinder bei den genannten Anlässen vorschriftsmäßig den jüdischen Namen, allein zumeist ist es den betreffenden Ellern nur darum zn tun, dem Sprößling über den zeremoniellen Akt hinwegznhelfen. Ist einmal der Akt vorüber, dann — ist es auch schon mit dem jüdischen Namen vorüber; man hört ihn später in der Familie nur äußerst selten, oder aber gar nicht mehr nennen. Und so erklärt es sich, daß so manches unserer herangewachsenen Kinder, um seinen jüdischen Namen befragt, denselben nicht zu nennen vermag und daß es auch vorkommt, daß sich sogar die Eltern an diesen Namen nur schwer, oder gleichfalls gar nicht mehr erinnern können. Besonders drastisch tritt die Entfremdung des jüdischen Namens bei religiösen Anlässen, insbesondere aber beim öffentlichen Gottesdienste in die Erscheinung. Wird beispielsweise io einem jugendlich-modernen Zeitgenossen bei seiner Anwesenheit im Gotteshanse die Ehre zuteil, zitr Thora gerufen zn werden — eine Ehre, auf die er sicherlich lieber verzichtet hätte — da spielen sich nicht selten die unerquicklichsten Szenen ab. Bereitet dem Aufgeritfenen schon das Rezitieren der Segenssprüche vor und nach der Thoravorlesung sichtliche Schwierigkeiten, wie groß ist erst seine Verlegenheit, wenit er vom Fnnktionür, behufs Erteilung des Segens, um den jüdischen Namen befragt wird, und überdies auch noch den jüdischen Namen seines Vaters nennen soll. Wie peinlich ist es, mitauznhören, wenn so ein Sitznachbar im Gotteshanse beider Maskirandacht, im Gebete für das Seelenheil der Verstorbenen, deren bürgerlichen Namen einschaltet, weil ihm die jüdische Benennung, gleichwie die seinige, völlig fremd geblieben ist. Welch hohe Bedeutung man dem jüdischen Namen im Judentum zn allen Zeiten und in allen Lebenslagen beigemessen, davon geben die Beispiele ein beredtes Zeugnis, die hierüber in unserer heiligen Schrift angeführt werden. ansaa nvr :spn so erzählt uns die Bibel „Und Josef blieb derselbe auch in Aegypten." Was unsere Weisen dahin deuten, daß er, obschon zur Würde eines Vizekönigs erhoben, als solcher vom Pharao einen ägyptischen Namen erhielt, seinen schlichten, jüdischen Namen nicht ablegte und sich auch weiter nur mit demselben benennen ließ. Als seine Kinder vom Großvater, dem Patriarchen Jakob, vor dessen Tod den Segen erhielten, da leitete dieser den Segen mit den Worten ein: vnax atri vstt ans xipn „O, möchte doch durch sie mein Name und der Name meiner Väter genannt werden." Unter den Verdiensten, so heißt es im Talmud, die unseren Vorfahren in Aegypten nach vielhnndertjähriger Knechtschaft die Freiheit brachten, wurde ihnen auch das als Verdienst angerechnet: oöp rixw xbw, daß sie trotz ihres regen Verkehres mit den Aegyptern ihren angestammten jüdischen Namen nicht wechselten. Wenn sich, trotz aller Reformbestrebnngen der Neuzeit, die ererbte Tradition, unseren Kindern zur vorgeschriebenen Zeit den jüdischen Namen zn erteilen, erhallen und behauptet hat, warum sollen wir der Bedeutung und Wichtigkeit, die diesen Namen innewohnt, nicht in vollem Umfange Rechnung tragen? Liegt uns doch nichts näher als das Wohl, der Werdegang und die Zukunft unserer Kinder! Weil aber die Zukunft unserer Kinder die Zukunft des Judentums bedeutet und ein wahres Judentum ohne jüdische Namensträger nicht denkbar ist, darum wollen wir es uns zur Pflicht machen, unseren Kindern von Zeit zu Zeit ihren jüdischen Namen in Erinnerung zn bringen, der ihnen feierlichst erteilt wurde, als sie in die Gemeinschaft Israels aufgenommen wurden. Und gewiß, sie werden bei jeder Gelegenheit, wo die Nenniing des Namens als notwendig sich erweist, uns dafür dankbar sein, daß ihnen dies keine Schwierigkeit und keine Verlegenheit bereitet, daß sie vielmehr ihren Namen mit Stolz und Würde im Munde führeil, den einst ihr Ahne getragen, ihr Ahne, der der Familie ein leuchtendes Vorbild gewesen und dem sie aus Gründeil der Pietät ein treiles, ehrendes und dauerndes Andenken schulden. Daniel S k n t e z k y j Kaiser!. Uat Wilhelm Pollalr. | Geradezu erschütternd wirkte in den weitesten Kreisen die Nachricht, daß kaiserl. Rat Wilhelm P o l l a k, Mittwoch, den 4. d. M., infolge eines Herzschlages plötzlich gestorben ist, und man konnte es gar nicht fassen, daß diese durch charmense Liebenswürdigkeit, heitere Lebenslust und jugendliche Elastizität bestechende Persönlichkeit so rasch ihre irdische Laufbahn vollendet haben soll. Kaiserlicher Rat Wilhelm P o l l a k, der nur 54 Jahre alt wurde, war eine selten harmonische Verquickung des urwüchsigen, liebenswürdigen Wienertums und des warmfühlenden. guten jüdischen Herzens. Dieser persönlichen Note verdankte er seine große Popularität in der Wiener Gesellschaft und in ihr lag auch der Schlüssel für die Auffassung, die er vom Leben und seinen Rechten und Pflichten hatte. Der allzufrüh Heimgegangene, der den Glanz liebte und geradezu das Bedürfnis hatte, sich jedermann gefällig zn erweisen, wirkte aber nicht blos durch seine gewinnende äußere Erscheinung, durch seinen liebenswürdigen Umgang und durch edle Gaben des Herzens und Gemütes, sondern er war auch ein Mann der vollgiltigen ernsten Arbeit. Dafür zeugt vor allem seine unermüdliche, erfolgreiche Tätigkeit in seinem eigenen Geschäftshause, das er zu einem der ersten in der Monarchie ausgestaltete, und dann sein vielseitiges, anerkanntes Wirken in zahlreichen Vertretungskörpern. Im Vorstande der Wiener Knltnsgemeinde, in der Handels- und Gewerbekammer, im Staatseisenbahnrate, im Gremium der Wiener Kaufmannschaft, im Trabrennverein, in der landwirtschaftlichen Gesellschaft, im kaufmännischen Gesangverein und in all den Kreisen, wohin ihn Pflicht. Neigung und Interesse führten, hat er sein reiches Köuueu und Wissen gerne in den Dienst der Allgemeinheit gestellt und überall wird sein Andenken in Ehren gehalten werden. Ganz außerordentlich war die Teilnahme, die sich für die in tiefe Trauer versetzte Familie, für die Witwe. Frau Berta P o llq.k, und ihre Söhne Franz und Viktor Emanuel P o l l a k, ans allen Schichten der Wiener Bevölkerung knndgab, und die ungeheure Beliebtheit, deren sich der Heimgegangene bei Hoch Und Niedrig erfreute, kam in der, trotz strömenden Regens, massenhaften Beteiligung aller Gesellschaftskreise an dem Sonntag, den 8. d. M., 10 Uhr vormittags, stattgehabten Leichenbegängnisse zum Ansdruck.