Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 18 (6.5.1910)
- Date
- 1910-05-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 18 Die Wahrheit Seite 7. jutb an ihre Stelle ist eine profane Stimmung getreten. Die soeben begonnene Thoravorlesnng ist es, die diesen Umschwung hervorgebracht, die Thoravorlesnng ist es, die von der Gemeinde -in gewohnter Weise, wie bei jedem öffentlichen Gottesdienste, geradezu ignoriert und wie ein Stiefkind behandelt wird. Mit wenigen Ausnahmen verhält sich das Publikum bei diesem Akte entweder völlig apathisch, oder aber es sucht sich die Zeit mit .Profanen Gesprächen, mit dem sogenannten „Schmusen" zu vertreiben. und wenn nicht hie und da die Person, oder die Spende des zur Thora Gerufenen die Aufmerksamkeit auf sich lenken würde, nichts möchte daran gemahnen, daß man im Gotteshause, inmitten und gerade bei einem wichtigen Teil des -Gottesdienstes sich befindet. Merkwürdigerweise hat dieses Beispiel auch schon Schule gemacht und an der Jugend einen getreuen Nachahmer gefunden. Das Bild, das sich während der Thoravorlesnng beim -Gottesdienst der „Großen" entrollt, das kann man en miniatur auch beim Gottesdienst der „Kleinen", beim Jngendgottesdienst wahrnehmen. Auch die „Jugendlichen" tun da, als ob die Thoravorlesnng für sie eine Panse in der Andacht bedeute und als ob dieser Akt nur für die zur Thora Gerufenen. nicht aber für sämtliche Anwesenden im Gotteshanse berechnet sei. Und doch sollte gerade die Schuljugend für die Thoravorlesnng ein reges Interesse bekunden und namentlich die reiferen Mittelschüler sollten dazu Verhalten werden, znm Jngendgottesdienst -auch noch das Bibelbnch (Pentateuch), das ohnehin im Schnlgebranch steht, mitznbringen, um ans demselben den zur Verlesung gelangenden Thorabschnitt im Auge zu behalten. Anschaulichkeit! Das ist ja doch heutzutage das große Werk im allgemeinen Uuterrichtsplane, und dementsprechend bildet auch der Jngendgottesdienst eine Art Anschaunugsmethode auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes. Denn das in der Schule vom öffentlichen Gottesdienste Geschilderte und Beigebrachte vergißt und verflüchtigt sich mit der Zeit, das im Gotteshanse Gesehene und Gehörte ist eine gewonnene lebendige 'Erfahrung, die sich unverwischbar tief in das Herz der Jugend eingräbt und in vielen Fällen dauernde und bleibende religiössittliche Erfolge anfweist. Hat man einmal die Wände der Schulstuben hinansgerückt und den Besuch des Gotteshauses ititb die Teilnahme am Gottesdienste miteinbezogen in den Religionsunterricht, dann sollte das in der Weise begonnene Werk nach allen Richtungen hin im Gotteshaine fortgesetzt, von der konkreten Wirklichkeit belebt und vom Eindruck der persönlichen Anschauung verkörpert werden. Jungst ging die Mitteilung durch die Wiener jüdischen Wochenblätter, daß in einem Wiener Bezirke der Leiter des Religionsunterrichtes den Versuch unternommen hat, die Mittelschüler für das Vorlesen ans der Thorarolle zu präparieren. Bei aller Anerkennung und Würdigung, die dieses Experiment verdient, muß es dennoch als ein kühnes Uilternehmen bezeichnet und ein Dnrchschnittserfolg sehr in Frage gestellt werden. Kann man von einer Jugend, die einem der wichtigsten Teile des Gottesdienstes, dem Akte der Thoravorlesnng stets kalt, gleichgültig und teilnahmslos gegenübecsteht, erwarten, daß sie jemals für das Selbstvorlesen ans der Thorarolle Begeisterung bekunden und die Vorkenntnisse hiezu mit Luft und Liebe sich aneignen würde? Es gab eine Zeit, und viele unter uns werden sich noch lebhaft an dieselbe erinnern-, wo den Kindern die Leseregel, sowie die Tonzeichen der Thora, das sogenannte „Leinen" schon in der frühesten Jugend beigebracht wurde, und nur selten gabs einen Barmizwa, der beim Aufrufen zur Thora außer der Haftorah. nicht auch den Mastirabschnitt ans der Thora mit Leichtigkeit und Verve znm Vortrag brachte. Heutzutage muß man froh sein, wenn der Konsirmand die zwei -kurzen Segenssprüche vor und nach dem Verlesen der Thora, ohne stecken zu bleiben, aufzusagen imstande ist, ja inan muß nicht selten eine znstimmende Miene machen, wenn sich die betreffenderr Eltern - rühmen, daß ihr Sprößling mit diesem Vortrag eine großartige Leistung vollbracht hat. rmnb ins um biu ian „Bringet die Größe unseres Gottes zum Ausdruck und erweiset der -Thora die ihr gebührende Ehre". So wird uns jedesmal vor der Thoravorlesnng szngerusen und ans Herz gelegt. Schenken wir diesen Worten etwas mehr Beachtung und Entgegenkommen; bestreben wir uns, unserer heilige Thora zu ihren alten' Ehren zu verhelfen, ihren erbauenden und belehrenden Inhalt, so oft er im Gotteshanse zur Verlesung gelangt, unsere volle Aufmerksamkeit zuzuwenden und in diesem Sinne ans unseren jugendlichen Nachwuchs einzuwirken, auf daß unsere Hoffnung: aipa unn „Daß Gott unserer Tage erneue, wie ehedem, der wir beim Einheben der Thora begeisterten Ausdruck verleihen, in Erfüllung gehen und Wahrheit und Wirklichkeit werden möge. Daniel S k n r e z k y. Religionslehrer. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Kaiser Franz Joseph-Jubiläums- Tempel) Die feierliche Einweihung des Kaiser Franz Joseph- Jubiläums-Tempels, V., Siebenbrnnnengasse 6. har Donnerstag, den 26. April, 4 Uhr nachmittags, in Anwesenheir des StarthalterS Grafen Kielmansegg als BerrrecerS Sr. Majestät des Kaisers, sowie der Vertreter der Regierung, der städtischen Behörden, der Kulmsgemeinde nnd zahlreicher hervorragender Persönlichkeilen mit festlichem Prunke stattgesunden. Es war ein wahrer Ehrenrag für den Margarelner Tempel- Verein, für desseii Präsidenten, Herrn Adolf H o^ m a n n und den gesamten Borstand, der an diesem Tage ein frommes Werk jüdischen Gemeinsinnes, dessen Gelingen den wackeren Männern des Baukomitees und dem genialen Architekten Gärtner zn danken ist, seiner heiligen Bestimmung übergeben konnte. Die Einzelheiten der Einweihililgsseierlichkeit sind wohl schon in vorwöchentlichen jüdischen Blättern veröffentlicht worden, wir sehen uns aber trotzdem veranlagt, heute abermals mit einigen Bemerkungen auf dieselbe znrückzukommen. Welch großer Kontrast drängte sich den Zuhörern ans. wenn er die wenigen, aber wirklich erhebenden und eiildriickSvolleil Wvrre, welche Herr Oberrabbiner Doktor G ü d e in a n u beim Anzünden des ewigen Lichtes sprach, mir der nicht allzukurzen Festrede des Herrn Rabbiner Dr. Reich verglich, und in manchem stieg der stille Wunsch ans, daß die Rollen doch vertauscht worden wären. Wenn wir auch über die von nicht besonderer Bescheidenheit zeigende Parallele, welche der Festredner zwischen sich nnd Moses zog. mit mildem und verständnisvollem Lächeln für menschliche Schwächen leicht hinweggehen, so müssen wir dagegen ganz entschieden protestieren, wie Herr Rabbiner Doktor Reich die gewissermaßen als Sinnbild des reinen jüdischen Gesetzes geltende Persönlichkeit des großen Lehrers Moses mit der sogenannten jüdischen Geheimlehre, der Kabbala, in Verbindung brachte. Das widerspricht nicht nur der geschichtlichen Wahrheit, sondern war auch angesichts des zahlreichen andersgläubigen Auditoriums, das das Gehörte auf seine Richtigkeit zu vrüfeu. nicht leicht in der Lage ist, ganz gelinde gesagt: unvorsichtig. Auch den gesanglichen Teil der Feier, der in dem jugendlicheit Kantor Herrn S. Weiß einen stimmbegabten und talentvollen Jiltelvreren fand, können wir nicht ohne Tadel lassen. So mar es in einer Stadt, wo Snlzer einst gewerkt und in seinem „Schir Zion" eine reiche Fnildstätte für Kasualien zurückgelassen hat. nicht nötig, eine der rrivialsteit Kompositionen Naumburgs für den Emzng der Thorarollen zu wählen. Dies und manches andere verstieß gegen die Weihe des Festes, und wir können uns des Eindruckes nicht erwehren, daß gerade mit Rücksichr ans die erwarteten hohen Festgäfte eine schärfere Kontrolle des Festkomitees nnd vielleicht auch der Organe der Kulmsgemeinde am Platze gewesen wäre. Wien. (C h e w r a Kadischa.) Donnersrag, den 5. Mai. 10 Uhr vormittags, findet im Saale des Hotel „zur Post", I. Fleischmarkc 16, die Generalversammlung der „Chewra Kadischa" statt. Tagesordnung : 1. Erstattung des Rechenschaftsberichtes über die abgelanfenen drei Berwalrungsjahre; 2. Bericht der Revisoren; 3. Wahl von süns Vorstandsmitgliedern. (Zirm Austritte gelangen die Herren Moriz B re i tu e r. Jakob Kan n, Ignaz Klein. Leopold Otto. Samuel Steiner, welche wieder wählbar sind. Zur Vornahme dieser Wahl ist die Anwesenheit von mindestens 100 Vereinsmitgliedern erforderlich; andernfalls unterbleibt die Wahl nnd erfolgt die Bernsung dieser Vorstandsmitglieder durch den Vorstand. (§ 42). 4. Wahl zweier Revisoren; 5. Evenmalia. (Anträge, welche in der Generalversammlnug zur Beratung gelangen sollen, sind mindestens fünf Tage früher beim Vorstände auznmelden. Wien. Die 37. ordentliche Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zn Wien" sindet am Donnerstag, den 12. Mai lausenden Jahres um halb 6 Uhr abends im Saale der israel. Knltnsgemeiude, I.. Seitenstetlengasse 4, II. Stock, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Bericht über die Tätigkeit des Vereines im Jahre 1909. 2. Bericht über die sinanzielle Gebahrung im Jahre 1909. 3. Wahl von süns Vorstandsmitgliedern mit vierjähriger Fnnktionsdaner. ferner Genehmigung der Kooptation eines Vorstandsmitgliedes mit einjähriger und eines Vorstandsmitgliedes mit dreijähriger Fnnktionsdaner. 4. Etwaige Anträge der P. T. Mitglieder (§ 8 der Statuten). Der Eintritt in das Versammlungslokal ist nur gegen Bor-