Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 18 (6.5.1910)
- Date
- 1910-05-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 18. Gottvergessenen, der ihnen die Festfreude in Trauer verwandelt hat. Die Eltern von heute aber tragen durch übertriebene Nachsicht einen Teil der Schuld am Ilebertritte ihrer Kinder, . weil sie nicht von allem Anfang ihre religiöse und nationale Gleichgiltigkeit bekämpfren und weil sie ihnen nicht streng genug die Bnndesworie einprägten: „Gehet nicht hinaus aus der Tür eures Hauses. Ad bauker bis zum Morgen." Dem Stichworte m jenem herzerhebenden Liede am Kolnidre-A.bend, „ad erewu bis zum Abend (enthaltsam sein), steht das Losungswort des Passahabends gegenüber, „ad bauker“ bis zum Morgen (ausharren). Wie einst in der ersten Passahnacht (in Egypten) ziehet „der Verderber", der böse Geist der Unduldsamkeit und des Gewissenszwanges verheerend umher. Bleibet zusammen Israeliten bis der Morgen kommt, der die sinstere Nacht der Vorurteile verscheucht und ihrer Herrschaft ein klägliches Ende bereitet. Wohl fühlen wir die Seelenqnalen der Jünglinge mit, deren Fähigkeiten brach liegen und im Wettkampfe mit den im Wissen weit unter ihnen stehenden Mitbewerbern weichen müssen. Doch gemach, bis der Fluch vorüber ist, der eine solche Verwirrung angestiftet hat und in unserer fortgeschrittenen Zeit unmöglich lange dauern kann. — Gestählt durch ererbte und erworbene Widerstandskraft, besteht ihr nun auch die letzte Prüfung, die Probe über die innere Festigkeit. „k,o setzu iscli.“ Als Männer seid standhaft und geht aus dem großen Vaterhause der angestammten Religion nicht hinaus. Sagt euch nicht los von eueren Brüdern, die auf euch harren, auf euch rechnen; gebet euch nicht wegen augenblicklicher Vorteile der Schmach der Mit- und Nachwelt preis. Harrte aus bis euere Tüchtigkeit sich bewähret und euer Wert auch von den Feinden anerkannt wird. Es werden ja bald wieder, wie wir eiue solche Umwälzung schon einmal erlebt haben, die Scheidewände fallen und vor dem Posauuenschall der Freiheit, gleich den Mailern Jerichos znsammenstürzen. Es kommt der Morgen, wenn auch jetzt noch Nacht ist. Ein Lichtstrahl wird alle Gutgesinnten erhellen und erleuchten, die mit euch für euer Recht kämpfen werden. Und. während nur gleich dem Lehrer in Jabne über die Ursachen des Druckes und der Knechtung Nachdenken, warum Israel mehr als alle Völker leiden muß, naht die Stunde der Erlösung, vernehmen wir die Freudenbotschaft der Jünger, welche verkünden: „Erreicht ist die Zeit des Morgens, da wir ohne Furcht das Schemah-Bekenntnis aussprechen können: Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einig einziges Wesen! Noch ein Mort zur Wiener Orgelfrage. Ich bin Herrn Sigmund Husserl, Archivbeamteu der israelilischeu Kultusgemeinde, dankbar für die nicht uninteressanten Notizen über die Orgelfrage in der Wiener Kultusgemeinde, die er in Nr. 16 der „Wahrheit" veröffentlichte. Wenn ich jedoch iu meinem Artikel ..Liberale Aeußerungen hervorragender rabb. Autoritäten in Polen rc." behauptet habe, daß der selige Prediger Mannheimer die Einführungen eiires Gottesdienstes mit Orgel ans religiösem Grund für unzulässig erklärt habe, so habe ich die Argumente hiefür nicht aus irgend einem Aktenstücke, sondern ans der Urquelle, nämlich ans Gesprächen, die er mit mir oft führte, geschöpft. Ich muß hier gegen meine Gewohnheit etwas unbescheiden sein und konstatieren, daß ich vor mehr denn fünfzig Jahren zu jenen Rabbiuatskandidaten gehörte, die von dem damals in ganz Wien allgemein beliebten und gefeierten Prediger Mannheimer besonders bevorzugt und äußerst liebenswürdig behandelt wurden. Von der Stunde au, als ich mich diesem hochverdienten Lehrer iu Israel zum ersteil Male vorgestellt, bis zu meinem Abgänge von Wien war er unausgesetzt bestrebt, mir iu jeder Beziehung förderlich zu sein. Ich mußte ihn oft besuchen und so hatte ich häufig Gelegenheit gefrlnden, mit ihm über Reformen im Judentume zu sprechen. Und ich weiß mich genau zu erinnern, daß er, so oft die Orgelfrage berührt wurde, sich entschieden gegen die Einführung j des Choralgesanges mit Orgelbegleitung geäußert habe, weil,! wie er sagte, . „die Orgel, die in der Kirche die Hauptrolle spielt, durchaus lischt geeignet sei, in der Synagoge die Ändachi zu erwecken und überhaupt den Gottesdienst zu heben." Wenn er jedoch am 9. November 1857 noch llicht in so scharfem Tone gesprochen, so beweist dies, daß er später seine diesbezügliche Gesinnung etwas geändert habe: „Tempora mutantur efc nos mutamur in illis.“ Allerdings ließe sich Nachweisen, daß das im Talnuld (Erechin 10. b.) als im Tempel zu Jerusalem im Gebrauch gewesene musikalische Instrument erwähnte Magripha seiner Bezeichnung nach nichts anderes als eine Art Orgel war. in die die Luft in künstlicher Weise hineingebracht wurde, allein die Erfahrung lehrt, daß in jenen Gemeinden, wo bereits zu Anfang des vorigen Jahrhunderts der Gottesdienst mit Choralgesängen und O r g e l b e g l e i t u n g eiugeführt wurde, fast die meisten Gemitglieder, die wichtigsten religiösen Satzungen lind Vorschriften nicht im geringsten beachteten und ihre Kinder in der Weise erzogen haben, daß sie später ihren „Geburtsfehler" zu korrigieren suchten. — Es war daher von mir keine Uebertriebenheit, wenn ich behauptete, daß Mannheimer, der mit der ganzen Glut seines großen edlen Herzens dem Jildentnm treu anhänglich und unausgesetzt bemüht war, das schöne prachtvolle, den Stürmen der Jahrtausende trotzende Religionsgebäude, (dem vor ungefähr 80 Jahren Gefahr drohte, in seinen Grundfesten erschüttert zu werden) zu schützen und zu stützen, jede auf den Umsturz des trabitiouelten Judentums zielende Reform entschieden perhorresziert hatte. In einer Trauungsrede, die er am 18. Mai 1863 anläßlich des Vermählungsfestes seiner Tochter Sophie hielt, rief er aus: „Ich war auch meiner Gemeinde in solchen Stunden nicht der Priester, der fungierende; ich war ihr mehr als das, ich ihr Vater. Freund und Bruder. Sie war das Kind meines Herzens, sie war meine Sorge bei Tag und Nacht. Ich war julig und bin alt geworden, und habe es nicht verlernen können, an allem, was die Gemeinde Gottes betroffen, in ihrer Gesamtheit wie im Einzelnen Anteil zu nehmen. Leid und Freud, als hätte es mich betroffen. Ich habe das Glück und den Frieden meines Hauses nie obenan gestellt. Das Haus Gottes war mein Hans, wie seine Ehre mir am Herzen lag. Das Haus Israel — mein Haus, meine Familie, deren Wohl und Wehe mich tief bewegt und Mite Stunde meines Lebens mir frei ließ." Ja, er war ein echter und rechter Priester, ein gottbegeisterter Lehrer in Israel, der sich durch Biedersinn. Seelenadel, Charakterfestigkeit, unvergleichliche Herzensgüte und Uneigeunützigkeit ausgezeichnet hatte. F r i e d l ä n d e r. Das Stiefkind des öffentlichen Gottesdienstes. „Das ist denn doch schon phantastisch, dem Gottesdienste ein Stiefkind zu vindizieren!" So ungefähr dürfte es manchem Leser beim Anblick dieser Aufschrift spontan in den Sinn oder über die Lippen kommen. Geduld, lieber Leser! Machen wir eine kleine Exkursion ins Gotteshaus und es wird sich zeigen, daß es keine Phantasie, sondern eine Tatsache ist, der wir mit dieser Bezeichnung den richtigen Namen geben. Es ist am Morgen des Pessachfestes. Der Tempel weist zahlreichen Besuch auf, denn die kantoralen Vorträge an den Feiertagen fesseln weit mehr als die altsabbatlichen und die abwechslungsreichen Gesänge üben eine besondere Anziehungskraft ans. Das Schacharisgebet ist eben zu Ende und die Gemeinde, die dem Vortragsmeister förmlich jeden Ton abgelauscht, ^zollt demselben für das Gebotene den wohlverdienten, stillen Beifall. Jetzt beginnt der zweite Teil des Gottesdienstes. Die Bnndeslade wird geöffnet, ihr kostbarer Inhalt, die heilige Thora wird ausgehoben und nun gilt es, aus ihrer reichlichen Fülle den auf das Peffachfest bezughabenden Abschnitt zur Verlesung zu bringen. Doch siehe da — jetzt ändert mit einem Male die Signatur im Gotteshause. Die Andacht, die die Gemeinde bisher in Banu gehalten, sie hat sich rasch verflüchtigt