Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 18 (6.5.1910)
- Date
- 1910-05-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 18 Die Wahrheit iIBIMiMii'iiWI—llfli>iilMTr»i' lirii ii »^iT<rnT flillMfflllTlitnrr^^lfilMii^lffrtf '<a~—■ - ■ -'fl Seite 5. Der holländische Staatsminister Dr. M. C. Asher beging vor kurzen iiit Haag sein goldenes Doktorjubi- ( ö n in. Im Trevesaal wurde ihm in'Gegenwart der Minister des' Innern und des Aeußern gehuldigt. Der frühere Minister de Beaufort überreichte ihm den Ertrag einer Sammlung aus zwanzig Ländern für den Ankauf einer Spezialbibliothek auf oem Gebiete des internationalen Privatrechts, die unter dem Namen Ashersammlnng im Friedenspalast aufbewahrt werden wird. Auch der Minister des Innern hielt eine Ansprache. Aus Deutschland wurden dem Jubilar gleichfalls viele Ehrungen zuteil. — Asher ist bekanntlich Jitde. * * * Präsident Taft hat es nun bei den deutschen Antisemiten ebenfalls gründlich verschüttet. Er hat den Juden ein zu überschwengliches Lob gespendet. Er erklärte nämlich auf einer Versammlung, die ans den verschiedenen Teilen der Welt nach Amerika gekommenen Inden seien vom Geiste des wahren Patriotismus erfüllt. Vor zwei Jahren habe er die Ostseite von New-Iork besucht (wo das Ghetto ist, welches die Juden sich selbst eingerichtet haben) und den tiefen Eindruck empfangen, daß die ganze dortige jüdische Bevölkerung die großen Gelegenheiten, welche dieses Land ihnen biete, erkannt, und daß die jungen Männer und die Mädchen, welche die Volksschulen besucht hatten und in jenem Teil der Stadt wohnhaft waren, die Wohlfahrten, die ihnen dieses Land zuteil werden lasse, in hohem Maße gewürdigt hätten. Es gebe keinen anderen Teil dieses Landes, in dem der echte und wahre Geist des Patriotismus in höherem Grade vorherrsche, als eben dort. Der New-Iorkerr Korrespondent der „K r e n z - Z t g." erschöpft seinen ganzen Witz bei der Widerlegung dieser Ansicht, des Präsidenten durch die geistreiche Bemerkung: „Die Juden haben sich den Patriotismus hier nur allzu rasch angelernt." Sollen sie vielleicht, kaum den russischen und rumänischen Pogromhelden entronnen, in Amerika tagtäglich die russische und rumänische Nationalhymne zu Ruhm und Preis dieser slavischen „Kulturvölker" anstimmen? — Freilich, das konservativ-antisemitische Blatt hat noch einen anderen — ungleich triftigeren — Grund, den amerikanischen Präsidenten zu schelten. Er hat nämlich, wie er weiter mitetilt, auch zu zwei Redakteuren spezifisch jüdischer Blätter, Saphirstein und Kamerky, die er im Weißen Hanse empfing, gesagt, er habe dem amerikanischen Botschafter in Petersburg, Mr. R o ck h i l!, die Weisung erteilt, der russischen Regierung energische Vorstellungen behufs unbedingter Anerkennung der amerikanischen Pässe im russischen Reiche zu machen, und Rockhill werde in dieser Sache bei Kaiser Nikolaus persönlich vorstellig werden. — Wir glauben schon, daß die gleichgültige Art und Weise, wie die deutsche Regierung diese Paßbeschwerden ihrer jüdischen Staatsangehörigen behandelt, der „Krenz-Ztg." ungleich sympathischer tft, als das temperamentvolle Auftreten der amerikanischen Regierung. * * $ Samuel Langhorne Clemens, der amerikanische Humorist, der unter dem Antornamen „Mark Twain" weltberühmt geworden ist, verschied dieser Tage in Redding (Newyork) im Alter ooit 75 Jahren. Unter den Humoristen des neunzehnten Jahrhunderts ist Mark Twain der siegreichste. In unzähligen humoristischen Skizzen und Novellen, die er geschrieben, hat er auch manchen jüdischen Typus mit glänzendem, echt Mark Twainschem Humor geschildert. Mark Twain sprach einmal zu Gorki die geflügelten Worte: „Ich hatte bis jetzt geglaubt, daß die russische Negierung bloß Jndenfresseriu ist. Ich sehe aber ein, daß ich niich geirrt habe: sie ist Menschenfresserin überhaupt." Und Mark Twain beteiligte sich auch an Kundgebungen gegen die Jndenmassakers und die Massenhinrichtungen in Rußland. Es dürfte unseren Lesern nicht unbekannt sein, daß man in Newyork den Jargonschriftsteller Scholem Alechem den „jüdischen Mark Twain" nennt. Als Scholem Alechem vor einigen Jahren in den Vereinigten Staaten eintras, brachten fast alle amerikanischen Zeitungen ausführliche Berichte über ihn, fein Leben und Schaffen und allgemein wurde ihm jene Bezeichnung beigelegt. An einer Feier nun, die anläßlich der Anwesenheit des Dichters in Newyork stattfand, nahm auch Mark Twain teil. Der amerikanische Humorist ging ans seinen Kollegen zu und stellte fick mit den Worten vor: „Erlauben Sie, daß ich mich mit Ihnen bekannt mache: Ich bin der amerikanische Scholem Alechem." Gegen die Abfallbewegnng. Von Dr. A. Frankl-Grün. „Sederabeud." Noch hat dieses Wort, dessen herrliche Poesie in den abgelanfenen Feiertagen wieder von neliem auf uns einwirkte, jene Zauberkraft nicht verloren, die es für Misere Ohren besaß, die Erlösung nämlich von Trauer und Trübsal während des langen vangen Winkers, die Erweckung neuen Lebensinntes und frischer Seelenstärke, die Belebung des durch erlittene schwere Unbillen erschlafften Selbstbewußtseins. Noch hat der Sederabeud, der durch seine Symbole die Knechtschaft und Unterdrückung unserer Vorfahren vergegenwärtigt, seine Bedeutung nicht eingebüßt. Wie auf den Besuch eines teuren Freundes bereiten wir uns schon wocbenlang auf ihn vor. Unsere Söhne und Töchter in der Fremde zieht es voll Sehnsucht heim zum festlich geschmückten Tisch ihrer Eltern, um in ihrem lraitleu Kreise den Sederabeud zu feiern, der jeden Kummer und jede Sorge ans der Seele bannt und nur der Wonne und Freude, der Erinnerung an die Befreiung vom Sklaveuhanse gewidmet ist. Einer innere,! Herzensstimme folgend, versammeln sich wie beim ersten Pessachmahle alle Mitglieder der Familie um das Oberhaupt, welches gleich einem Könige an der Spitze der Tafelrunde sitzt. Welche Wärme und Innigkeit strahlt der Sederabeud, durch heilige Sitten und Bräuche geweiht, auf die festlich geschmückte Familie ans! Und wer es nicht vermag, diesen Abend im Elternhause zu feiern — die Erinnerung an diese Zeit seiner Kindheit, sie erfaßt ihn heftig und spinnt unsichtbare Fäden, die ihn mit seinen Ellern unzertrennlich umschlungen halten. Jünglinge meines Volkes! So dünn auch diese Fäden sind, zerreißt sie nicht! So schwach auch die Glut des Glaubens in eurem Herzen glimmt, verlöschet nicht diese schönste Erinnerung, die euch an das Elternhaus und an euer Volk knüpft und welche den letzten Funken des Feuers der Religion stets von neuem zur hellen Flamme entfacht. Beherzigt das Wort, welches Moses beim ersten Pessachmahl an Israel richtete: „Gehet nicht hinaus aus der Türe enres Hauses bis Morgen." So verschieden auch die Beweggründe des Abfalles vom väterlichen Glauben sind, Eigennutz, sündhafte Leidenschaften, Hang zur Ungebundenheit, Leichtsinn spielt bei jedem Uebertritte mit. Selbst wer sich durch den Glaubenswechsel eine sichere Lebensstellung erringt, handelt leichtfertig, weil er ans der heiligsten Sache, der Religion, ein Tauschgeschäft macht. Er begeht, wie Jeremias klagt, „ein zweifaches Uebel, indem er den Quell lebendigen Wassers verläßt, um sich eine Zisterne zu hauen, welche das Wasser nicht faßt". Welcher Grund immer ihn zum Ueberlänfer macht, sein Treubruch findet keine Rechtfertigung. denn jeder Strebsame kann auch beim Festhalten am Glauben sich seinen Lebensbedars verschaffen, wenn er nur auf Vergnügungen verzichtet. Uebrigens bietet auch die Staatskrippe, die Förderin der meisten Uebertritle, der Annehmlichkeiten nicht so viele. Gewiß lebten unsere Ahnen, denen die staatlichen Posten wie einst Jericho vor den Kindern Israels verschlossen und versperrt waren, glücklicher und zufriedener als wir. Sie haben keinen Augenblick geschwankt, wenn sie zwischen Versorgung durch Abtrünnigkeit und Entbehrung durch Glanbenstrene zu wählen hatten. Nimmer würden sie durch ehrlose Fahnenflucht den Fluch der Eltern gegen sich hiuausbeschworen haben; denn sie wußten, daß mit dem Austritte aus dem Judentum auch das Hans der Ellern für sie verloren war. Wohl liebten diese ebenso wie wir die Kinder und hatten ihr Wohlergehen im Auge. Doch teurer als alles war ihnen der ererbte Glaube und sie stießen den Verräter desselben fort, wenn er auch ihr Fleisch und Blut war. In der Einsamkeit am Sederabeud weinten sie über den