Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 18 (6.5.1910)
- Date
- 1910-05-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit dir. 18 Der Gesetzartike! 20 vom Jahre 1848 lautet: „Es wird für eine jede in diesem Vaterlande gesetzlich rezipierte Glaubenskonfession ohne irgend welchen Unterschied vollkommene Gleichheit und Reziprozität sestgestellt." Ich arbeitete an dem 1894er Gesetze mit und bin über dessen Intentionen unterrichtet. Weder im Ministerium noch in der Partei konnte irgend jemand bei der Schaffung des Gesetzes vermuten, daß es in Ungarn möglich sein wird, dieses Gesetz, dessen klare Bestimmung die jüdische Konfession als gesetzlich rezipiert gelten läßt, so zu interpretieren, daß die erworbenen Rechte der Juden in Abrede gestellt und die Juden von jenen Wohltaten ausgeschlossen werden, welche der Gesetzartikel 20 vom Jahre 1848 allen gesetzlich rezipierten Konfessionen gewährt. Daß die ungarischen Inden diese unwürdige und ungerechteBehandlnngsweise dulden, kann ich ebensowenig verstehen, wie daß nach all dem das Kabinett Khuen und Graf Johann Zichy von den Juden unterstützt werden." * * Dem geschästsführenden Ausschuß des Verbandes deutscher Inden ist auf eine Eingabe über die Zurücksetzung der Inden bei der Wahl zum Reserveoffizier vom Kriegsministerium folgender Bescheid zngegangen: „Aus die Eingabe vom 24. Jänner d. I. erwidere ich Ihnen ergebenst nachstehendes: Die übersandten Zusammenstellungen von Einzelsällen, in denen ehemalige Einjährigfreiwillige bei ihrer Ausbildung zum Reserveoffizier angeblich wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum zurückgesetzt sein sollen, haben schon meinem Herrn Amtsvorgänger zu eingehenden Ermittlungen Anlaß gegeben. In keinem der untersuchten Fälle hat sich eine solche Zurücksetzung ergeben; vielmehr ist sestgestellt worden, daß die Zugehörigkeit der Betreffenden zum Judentum bei ihrer militärischen Beurteilung außer Betracht geblieben ist. Ich habe dies Ergebnis ans Grund der Akten nachgeprüft und kann es nur als zutreffend bestätigen. Auch in der Frage selbst finde ich mich mit meinem Herrn Amtsvorgänger in voller Uebereinstimmung. Daher beschränke ich mich darauf, auf die gelegentlich der dritten Lesung des Reichshaushaltsetats im Reichstage am 17. März d. I. abgegebene Erklärung zu verweisen, die dahin geht, daß die gesetzlichen und die im Jahre 1908 vom Kriegsministerium ergangenen Bestimmnugeit keinen Zweifel darüber lassen, daß die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft bei Beförderungen und bei der Znrwahlstellung zum Reserveoffizier nicht in Betracht gezögert werden darf. Sollte mir ein Fall bekannt werden, in dem nachweislich gegen diese Bestimmungen verstoßen ist, so wende ich für Abhilfe sorgen. Der Kriegsminister, v. Heeringen." Einem Leser der „Voss. Ztg." drängt sich angesichts dieses ministeriellen Bescheides bei der Beurteilung der prinzipiellen Frage noch eine andere, gerade jetzt sehr aktuelle Erwägung aus: „Au der Tatsache, daß die Zugehörigkeit zum Judentum trotz aller Ableugnung für die Ablehnung der Bewerber maßgebend ist, zweifelt im Ernst kein Kenner der Berhältnisse. Weitn nun trotzdem dieser Grund ,in den Akteill nirgends e rkennbar gemacht ist, so zeigt sich darin ein Mangel an W a h r h e i t s m u t. der an einer Stelle, wo man die Mannbasligkeit in höchster Ausprägung erwarten sollte, ganz besonders unangenehm berührt. Und welche Ironie, daß diese Verschleierung der wahren Beweggründe gerade in den Kreisen geübt wird, die, wenn es sich um die politischen Wahlen handelt, nicht pathetisch genug für die öffentliche Stimmabgabe einlreten können, weil es eine sittliche Forderung sei, für seine Ueberzeugung auch offen nnd ehrlich einzutreten." * * Selbst Blätter, die über den Verdacht philosemitischer Neigungen vollkommen erhaben sind, wie zum Beispiel die banernbündlerische „N. Bayer, Landesz." fällen über die reaktionäre Judenpolitik Rußlands ein geradezu vernichtendes Urteil. So schreibt das genannte Blatt in einer ihrer letzten Nummern: „Die Iudengesetze, laut denen die Niederlassung in verschiedenen Provinzen und Orten verboten oder erschwert ist, werden in Südrußland mit erneuter Strenge durchgesührt. Ans Kiew wurden Hunderte von jüdischen Familien ausgemiesen. Wenn der Aufenthalt lediglich den Schnorrern mtb Tagedieben untersagt und die Aufenthaltsbewilligung vom Nachweis stetiger Arbeit abhängig gemacht würde, in der Absicht, die Leute an ehrliche Hantierung und regelrechte Tätigkeit zu gewöhnen, dann hätte die Gesetzgebung eine Berechtigung und einen Sinn. Aber in ihrer Verallgemeinerung und brutalen Anwendung wird sie Unrecht und Unsinn. Man kann aus die Dauer sieben oder neun Millionen Juden, welche hauptsächlich nur in den polnischen und den kleinrussischen Bezirken znsammengedrüngl sind, n i ch t m i t Knute nnd H u n g e r r e g i e r e n oder gar k ur i e ren. Man k a n n auch einem Millionenvolke, daß bloß mit rücksichtsloser Härte traktiert wird, die revolutionären Instinkte nicht austreiben, noch das in ihm gärende Wolfsblnt durch Lammsmilch ersetzen. Nichtig ist allerdings, daß Juden die Hanptschürer der Terror i st e n- und N i h i l i ste n v er s ch w ö r n n g e n waren, aber werden sie es nicht mehr sein, wenn ihnen nur die Aussicht auf bitteres Elend und dauerndes Pariadasein übrig gelassen wird?! Von einem solchen Volk kann man n i ch t Gesetzmäßigkeit, Loyalität nnd Anhänglichkeit an den Staat oder den Zaren erwarten. Fern sei es von mir, die russischen Juden zu loben. Das ckann-man nicht. Aber sie sind das, was sie sind, nicht bloß aus eigenen, angeborenen, erebten, anerzogenen Untugenden und Unarten geworden, sondern auch aus dem minderwertigen, russischen Wesen nnd Unwesen. Die russischen Herrscher, Edellente, Beamte, Geistliche und Intelligenzen haben es nicht verstanden, das eigene Volk zu erziehen, ans dem Schmutz und Schlamm, aus der Rückständigkeit nnd Faulheit zu höherer Gesittung und Bildung herauszuheben, wie sollten also da die im Zarenreiche wohnenden Nichtrussen, in denen nur der Nomadengeist nnd die Zigeunerknltur steckte, ans dem Morast sich erheben nnd ihre Sitten, Lebensart nnd Moral verbessern?! Oder glaubt man etwa, daß die vor 20 Jahren verfügte Masfenausweisung von Inden ans diese erzieherisch gewirkt hat!? Mit nichten! Der revolutionäre Ingrimm hat sich in den Znrückgelassenen nur verdichtet." Der russische Mitarbeiter des Blattes hebt zum Schluß noch mit Recht hervor: „Irgendwie muß sich die Unzufriedenheit Lust machen. Also hilft selbst die Bure a n k r ati e diese gegen die Inden lenken." * Ans dem bisherigen Verlause der Kammerwahleil in Frankreich darf man mit Sicherheit schließen, daß die republikfeindlichen Parteien ihrer Vernichtung entgegengehen. Hervorragende reaktionäre Führer wie G a u t i e r d e C l a g n y nnd der antisemitische Bonopartist Las i es verzichten auf eine Wiederwahl. Der Antisemitismus hat ganz a b g ewirtschafte t. Ein soeben erschienenes Buch eines alten Mitarbeiters von Eduard D r u m o n d: „Zwanzig Jahre Antisemitismus" von Rafael Bi au (erschienen vor einigen Tagen bei Fasqnelle) bietet köstliches Material ans der Werkstätte des Antisemitismus und zeigt die Ursachen seines Niederganges. D r u m o n d hat sich nacheinander mit allen seinen Anhängern verfeindet, und es hat sich von ihm nicht allein die Akademie, sondern auch der Klerus abgewendet; als letzter Freund, so erzählt Vian, war ihm eine Person geblieben — man wird nicht erraten, wer? Der Panama-Arton, für dessen Begnadigung Drumond tätig gewesen. Ar ton, so teilt Rafael Vian mit, war ein häufiger Gast in der Redaktion, der „Libre Parole", er war der finanzielle Berater von Drumond, der letzte Freund. Seither hat Arton durch Selbstmord geendet nnd Drumond steht allein. Die Bewegung, welche er entfesselt, ist ausgelöscht, nnd selbst die „revolutionären Royalisten" ^wie Leon D a u d e t. welche das Königtum mit Hilfe des Antisemitismus wieder Herstellen wollen, müssen diesen Plan fallen lassen, nachdem ihnen aus Sevilla vom „Roy" selbst die nötigen Weisungen zngegangen waren. Denn der König ohne Thron und ohne Krone will das bißchen Zukunft, wel ches ihm ans dem Unglücke Frankreichs vielleicht noch erblühen könnte, nicht durch die sportmäßigen Neigungen der Camelots du Roy kompromittiert sehen.