Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 17 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 17. Und leise drangen zu des Aethers Räumen Aus seinem Mund die wehmutvollen Weisen, Die einst ein hehrer Sänger trauernd sang, Als Zions Fall durch alle Lande drang. Die Sonne sank schon tiefer in das Tal Und ihre.Hoffnung schwand mit jeder Stunde. Der Rabbi nun erhebt sich vom Altar Und leise spricht er zur Versammlung also: „Geliebte Brüder, geht mit Gott nach Haus; Vom Ewigen wird Rettung wohl noch kommen." Erhobenen Hauptes schreitet er zur Tür Und lenkt die Schritte nach dem Elternhause. Er nimmt ein Buch, studiert das Gotteswort, Es schwand die Zeit, er wußte nichts davon. Er dachte nicht mehr an das große Unglück, Bis daß vom Turm die zwölfte Stunde klang. So sehen wir den Rabbi im Gemach Beim Schlage Zwölf aus seinen Sinnen fahren. Er sieht die nackte Wirklichkeit vor sich Und zum Gebet fällt er auf seine Knie. Ein Tränenstrom durchbricht des Auges Stern Und leiie weinend steht er zu dem Herrn: „O, ew'ger Vater in dem Himmel droben, Den alle Menschen benedein und loben, Der du erschaffen hast das Weltenall, Das Sonnenlicht, den Mond, den Erdenball, Auf dessen Wort die Meereswogen schlagen, Es spritzt der Wogeugischt gegen Himmel auf. Nach dessen Ratschluß Berge Wolken tragen. Und der den Strömen hat bestimmt den Lauf. Allmächtiger, ich knie vor dir im Staube, Nicht wankt und weicht in mir mein fester Glaube. Vernimm mein Flehn auf deinem Wolkenthrone, Vergib die Sünde dem zerknirschten Sohne, Der stehend stürzt vor deine Majestät Und seine Sünde wimmernd dir gesteht, Daß alle, alle Nebel fallen schnell, O, zeige dich in deiner heil'gen Macht, Daß unser Schild, der reine, strahle hell, Durchbrich, o Herr, des Räthsels dunkle Nacht. O, gransenvolle, stuchbeladne Tat, Sie stammet nicht aus nns'rer Brüder Kreis, Die ausgeheckt die schwarze Hölle hat, Zu morden nns'rer Jugend edles Reis. Wie gierig lechzen sie nach unserem Blute Um in demselben ihre Lust zu kühlen, Ich feh' sie schon in meinem Geiste nahn Den blut'gen Mordstahl in geballten Händen. Aus ihrem Munde tönet unheilbringend Ein Fluch, der alle Herzen schaudern macht. Sie stürmen durch die angsterfüllten Gassen Vor ihnen bricht der Schlösser festes Band, Die heilig reine Schwelle überschreitet Die rohe Kraft, der sanfte Friedensengel Schwebt leise weinend zu des Aethers Blau. Es schont den Säugling nicht ihr grimmes Wüten, Der, ohne es zu ahnen, welch' Verderben, Des Kindes unschuld-reinen Zügen droht, Der Mutter zu die kleinen Aermchen streckt. Es schreckt sie nicht der Mutter Angstgefühl, Die liebend ihres Kindes Leben schützt. Mit Wollust morden sie der Mutter einzige Habe. Verwandeln frech die kleine Wieg' zum Grabe. Sie schonen nicht des Greises bleiche Locken, Ihr Mprdstahl bohrt sich in des Knaben Herz, Der holden Jungfrau träumerische Blüte Zerknicken sie mit frecher Mörderhand. Die Gottesstill in deinem Heiligtum Sie ist nicht mehr, erbrochen ist die Lade; Das alte Kleinod, uns're heil'ge Lehre Sie liegt im Staub, beraubt all ihres Schmuckes- Allmächt'ger Gott, erbarm' dich uns'rer Not, Errette Israel aus dieser Schlinge, Wie du errettet hast aus Feindes Nöten Den König David, als er zu dir flehte. Gedenke deiner altehrwürd'gen Lehre, Die du uns anbefahlst durch Mosis Mund. Wir alle preisen deinen heil'gen Namen Und sterben auch für unfern Glauben „Amen." Getröstet sinkt der Rabbi auf den Stuhl, Sein schwarzes Auge blicket heiter drein Und sinnend läßt er die Vergangenheit Vorüberziehn, wie er als Knab gelebt Im Elternhaus, geliebt von seinem Vater, Der ihn erzog — die Mutter war gestorben, Als er den Namen „Eltern" kaum noch sprach. — Sein Vater stand als Rabbi an der Spitze Der alten Judenstadt von Saragossa. Er lehrte seinen Sohn das Gotteswort llub wünschte, daß sein Kind ihm würdig sei, Ihm nachznfolgen in sein schweres Amt. Der Vater starb, es folgte ihm sein Sohn. Dies alles überdachte jetzt der Rabbi Von seiner Kindheit ersten Stufe an, Bis jetzt, wo seiner großes Unheil wartet. Da plötzlich dünkt's ihn, eine schwere Macht Hätt' sich bemächtigt seiner Augenlider. Von süßem Schlafe wird er übermannt. Der leis ihn führt ins märchenhafte Reich. Und es erscheinet ihm der Gott des Traumes, Umgankelt ihn mit seinen lnft'gen Schemen. Und sieh, es treten vor den Schlummernden Mit bleichen Lippen viele ernste Greise, Die traurig auf den müden Schläfer blicken Und es erkennt der Rabbi in dem letzten Den heiß geliebten hochverehrten Vater. Und feierlich begann ein würd'ger Greis, Der an der Spitze dieser Geister stand Mit ernster Stimme zu dem Rabbi also: „Vernimm o Rabbi Juda den Gabirol Das Wort, das . ich dir lege in den Mund. Wir alle, die wir hier versammelt sind, Sie sind die Ahnen deines frommen Hauses. Gar viele bluteten für unseren Glauben Und warfen freudig für den heil'gen Namen Den eitlen Tand, das Leben, auf die Wage. Auch ich mein teures, liebes Enkelkind Auch ich staub freudig auf dem Marterpfahle Und litt geduldig ohne Wimperzncken Für uns're heil'ge Lehre alle Qualen. Blick hin. o Sohn, auf deinen lieben Vater, Ein sel'ges Lächeln schwebt um seine Lippen, Daß ihm der Ew'ge einen Sohn beschieden, Der gottesfürchtig an dem Glauben hält. Wir müssen scheiden, teurer Sohn, von dir, Weil aus den Tälern weicht die schwarze Nacht, Verscheucht vom Tag, dem goldgelockten Knaben. D'rum lebe wohl, sei stark und fürchte Gott Den einz'gen Fels und Hort in deiner Not." (Fortsetzung folgt.) Austritte ans dem Judentum. Erlös Gisela, geb. 16. Dezember 1885 in Zombor, Ungarn, IV. Johann Straußgasse 38. ' Erlös Geza, Chemiker, geb. 27. März 1884 in Szeged, Ungarn, IV. Johann Stranßgasse 38. Müller Heinrich, Lehrling, geb. 18. Juni 1896 in Wien, H. Untere Augartenstraße 31. Korn ^Johanna, Verkäuferin, geb. 13. November 1874 in Brünn, H. Rueppgasse 18. Heller Alfred. Oberbuchhalter, geb. 6. Oktober 1888 in Wien, VI. Gnmpendorferstraße 153. Wolf Helene. Private, geb. 18. Juli 1867, I. Jasomirgottstraße 4. Infolge des Pessachfestes erscheint die nächste Nummer unseres Blattes Freitag, den 6. Mai.