Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 17 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 17. Die Wahrbeit Seile 11. Kantorentag m Prag. Herr Oberkantor Benedikt Singer ist einer unserer unermüdlichsten und interessantesten' Kollegen. Immer wieder liest man seine fesselnden, mindestens bemerkenswerten Anregungen, und seine jüngste Idee, die Abhaltung eines allgemeinen Kantoreutages 1910 in Prag, ist die Veranlassung zu diesen meinen Zeilen. Vor einigen Jahren hatte ich das Vergnügen, in dieser geschätzten Zeitung einen ziemlich heftigen literarischen Streit mit Herrn Kollegen Singer ausznfechten. Heute will ich mich ganz an seine Seite stellen, um seine, wie ich glaube, vorzügliche Idee zu propagieren. Der Herr Kollege geht von Prämissen aus, deren Richtigkeit ich als jüngerer Kantor nicht beurteilen kann. Daß aber seine Folgerungen richtig sind, das zeigt die Gegenwart. Die Desorganisation unseres Standes in Oesterreich ist bis zu einem Grade gelangt, der schwer zn itbevbieten ist. Ob die stramme Zentralisierung in Wien der gegenwärtigen Organisation an diesem Mißstand schuld trägt, oder ob die Teilnahmslosigkeit der Kollegenschafl die Schwäche der Organisation verursacht (wie Herr Kollege Singer meint); was Ursache und was Wirkung ist. das festznstellen, wäre eine der vornehmsten Ausgaben des künftigen Kantorentages. Denn durch diese Feststellung würde zumindest die Mö g l i ch k e i t geschaffen, der jetzigen Lage abznhelfen. Schon durch die Abhaltung eines Kantorentages außerhalb Wiens wäre der erste Schritt im Sinne jener getan, die von der Dezentralisierung eine Besserung erhoffen. Öb diesem ersten Schritte weitere folgen sollen, das braucht ja hier nicht erörtert zu werden, das soll eben der Kantorentag bringen. Prag als Sitz dieses Kantorentages, des ersten außerhalb Wiens: darüber braucht man nicht viel Worte zn machen. (Vorausgesetzt, daß man vorwiegend an einen österreichischen, und nicht österreichisch-ungarischen Kantorentag denkt. Aber ans taktischen Gründen wäre zunächst eine Organisationsarbeit für Oesterreich allein wünschenswerter). Schon die große Zahl der in Böhmen wirkenden Kuntoreu, von denen ein beträchtlicher Teil den bestehenden Lehrer- und Religionslehrerverbänden angehört und sich dadurch in bezug ans Organisation unserem Stande fern stellt, läßt die Wahl Prags richtig erscheinen. Dazu die zahlreichen Kantoren der benachbarten Kronländer, vielleicht auch die Nähe Deutschlands, mit dessen Kollegenschafl wir niemals den Zusammenhang verlieren sollen. Dies alles spricht für Prag. Eine Frage. Welchen Termin will man bestimmen? Die übliche Zeit, der Frühsommer, scheint mir zn nahe, als daß alle notwendigen Vorbereitungen getroffen werden könnten. Der Spätsommer ist wieder wegen der Urlaubs- und Erholungsreisen, in weiterem Verlaufe wegen der Rüstungen zu den hohen Feiertagen ungeeignet. Bliebe als Bestes die ersten Tage des November oder Weihnachten. Allerdings fehlt mir hierin jede Erfahrung, meine Meinung darüber kann leicht.irrig sein. Daß die hiesige Kollegenschaft alle nötige Vorarbeit leisten wird, ist selbstverständlich. An emsiger Bemühung soll es nicht fehlen. Auch für das weitestgehende Entgegenkommen der hiesigen löblichen Kultusrepräsentanz glaube ich mich verbürgen zu können. Somit wären die Bedingungen, soweit sie von hier aus erfüllt werden können, gegeben. P r a g, im April 1910. . O b e r k a n t o r Leo K o r n i tz e r. durch Raimund iu Erfüllung: er ist eure uotweudige Ergänzung zur romantischen Schule. Wer. wie Karl Goedeke in der einseitigen bildungsabwehrenden volkstüinlichen Richtung das Heil unserer Literatur sieht wird in Hans Sachs und Raimund die eigentlich nationalen Dichter erkennen muffen. Aber auch wer dieser Ansicht nicht beipflichten kann, muß Raimuuds epochemachende Wirksamkeit als einen der wenigen Höhepunkte des deutschen Theater-, ja der dramatischen Literatur aller Zeiten gelten laffen." Anders sein glücklicher Rivale und Zeitgenosse Nestroy. Im Leben von den Wienern als witzigster Kopf und erster Volk-dichter maßlos bejubelt, war er nach seinem Tode rasch vergessen und konnte trotz aller Renaissance von 1881 und aller sonstigen Bemühungen nicht zur vollen Würdigung gelangen. Nichts war der richtigen Beurteilung Nestroys hinderlicher, als der schulgemäße, zünftige Vergleich mit Raimund, der be der verschiedenen geschichtlichen Stellung der beiden Volk-dichter notwendig zu uiiguusten Nestroys ausfallen inußte. Denn während Raimund als Vollender des vormärzlichen Bolksstückes zu betrachten ist. trägt Nestroys Schaffen den Charakter einer llebergaugszeit: er wurzelt im alte» Bolksstück, dadoch für ihn schon eine fremde Welt war. und raug sich erst allmählich zum ueneu realistischem Bolksstücke durch, als deffen Bahnbrecher zu gelten immer fein Ehrentitel bleiben wird. An Begabung isi Nestroy den größten komischen Dichtern ebenbürtig, so wegwersend er auch in neueren Literaturgeschichten behandelt wird. Eine ganz außerordentliche Fähigkeit, alles im komischen Lichte erscheinen zn laffen. vereinigte sich in ihm mit einer großen Gestaltungskraft. Nur bat Nestroy mit seinem Pfunde schlecht gewirtschaftet. Dem Drängen des Publikums und seines Direktors folgend, zersplitterte er seine reiche Begabung in Schnellprodukrion für den Tag. Mehr als zwei Drittel seiner Stücke sind heute vergessen, obwohl auch den unbedeutenderen die unerschöpfliche Quelle von Witz ihren Reiz gewährt. „Um so größer ist das Verdienst der neuesten Auswahl" in zwei Teilen mit der musterhaften Einleitung ihres Herausgebers Otto Rommels. „Denn was lebend blieb. ist genug, seinem Namen Dauer zu verleihen". Mit ebenso großer Freude ist die von Rudolf Fürst2) besorgte Ausgabe zu begrüßen, die das vollständige Lebenswerk Raimunds iu einen wohlfeilen, sorgfältig redigierten Band zusammendrängt. Rudolf Koller. Philosophische Bibliothek, Band 121. L e s s i n g s Briefwechsel mit Mendelssohn nild Nicolai über das Trauerspiel. Nebst verwandten Schriften Nicolais und Mendelsivhirs. Heransgegeben und erläutert von Professor Dr. Robert Persch, Leipzig. Verlag der Dürrscheu Buchhandlung 1910. 3 Mark. Die uns allen so teuren Namen Lessing und Mendelssohn bedürfen gewiß keiner besonderen Empfehlung. Wir fügen nur hinzu, daß Petsch eine ausführliche Einleitung, sowie zahlreiche instruktive Anmerkungen und ein Namen- und Sachregister geliefert hat, so daß dieser Band in seiner äußerst gefälligen Ausstattung jedem Literaturfreund sehr willkommen sein wird. Dr. K a h a n. Zuaim. Nasael Moor. Es ist kein Jubiläum oder eine sonstige festliche Beranlaffung, welche uns bestimmt, diesen berühmten Namen an die Spitze dieser Zeilen zu setzen, lediglich freudige Erinnerungen sind es, die der vorübergehende Aufenthalt dieses einst so berühmten Chasens in Wien in uns erweckte. Den Zeitgenossen Rafael Moors, von denen noch einige im Amte sind, ist der Name und die Bedeutung dieses Mannes geläusig; doch für die heutige Generation ist es notwendig, Rafael Moor vorzustellen, ohne dabei eine Lebensbiographie schreiben zu wollen. Rafael Moor war bis vor ungefähr 15 Jahren einer der hervorragendsten Chasonim Ungarns. Seine herrliche Teuorstimme. seine primadonnenhaste Koloratur, sein hinreißender Bortrag und seine Kenntnis der echten Chasonus machten ihn berühmt, und Männer, wie Snlzer und Goldstein waren voll des Lobes über den Meister-Chasen Moor. Trotzdem bereits 15 Jahre verflossen sind, seitdem Rafael Moor in den wohlverdienten Ruhestand getreten ist, bewahrte er dennoch Helle Begeisterung und Liebe für sein heiliges Fach und gerade diese Begeisterung ließ Moor nicht ruhen — im Gegenteil, nahezu 12 Jahre arbeitet er an ein Synagogengesangswerk, welches unter dem Titel „S ch i r C h o d o s ch«' in kürzester Zeit die Druckerpresse verlassen wird. Wir hatten nun Gelegenheit, vorübergehend Einblick ins Manuskript zu nehmen und können heute schon, ohne zu übertreiben, sagen, es ist das vollkommenste, was bis heute gemacht wurde. Es fehlt in diesem Werke nichts, eher ist zu viel darin als zn wenig. Kompositionen. Rezitative. alte Tradition, moderne Harmonie, Perlen des Chasonus. meisterhafte Bearbeitung, überraschend schöne Melodien streng im Charakter der Synagoge gedacht und empfunden. Besonders bedeutungsvoll wird das Werk dadurch, daß sowohl orthodoxe als auch moderne Chasonim aus demselben schöpfen können. Nach Erscheinen des Werkes wollen wir mit einem eingehenden Referat auf dasselbe zurückkommen. Kiteratnr. Wenn die zeitgenöffischen Kritiker dem am 1. Juni 1790 in der Mariahilserstraße „Zum goldenen Hirschen" geborenen Zuckerbäckerlehrling Ferdinand Naim u n d hätten prophezeien können, daß seine Werke dereinst mit Goethe. Schiller und Shakespeare in eine „Goldene Klaffiker- Bibliothek" Aufnahme finden würden, wäre uns vielleicht daerschütternde Drama vom 30. August 1836 in Potteustein erspart geblieben und der Bolksdichter und Schauspieler Ferdinand Raimund hätte sein Leben nicht in Wahn und Selbstvernichtung geendet. Raimund nimmt laut einstimmigem Urteil der zünftigen Literaturgeschichte in der Geschichte des Wiener Volkstheaters die erste Stelle ein. „Durch ihn hat sich die Naturpoesie die verlorene Gleichberechtigung mit der Knnstpoesie wieder errungen. Die sehnsüchtigen Träume der Romantiker nach einer Märchenkomödie gehen *) Nestroys Werke. Herausgegeben mit Biographie. Einleitungen und Anmerkungen versehen von Pros. Dr. Otto Rommel. Berlm-Leipzig. Deutsches Berlagshaus Bong & Co. 2 Teile in 1 Leiuenband. M. 2.Ä) K 3.—. 2) Raimunds Werke. Herausgegeben mit Biographien, Einleitungen und Anmerkungen versehen von Dr. Rudolf Fürst. Berlin-Leipzig, Deutsches Berlagshaus Bong & Co. 3 Teile in 1 Leinenband. M. 1.75 --- K 2.10. _ Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. Wien, II., Circusgasse 47. Ordination von 9—6. Telephon 18399.