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Die Wahrheit · 1910-04-22 · Heft 17 (22.4.1910) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 17 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit Nr -17. Seite 6. das Spital mit einem Plus von Verpflegsgebühren und Zinsen bef neuen Stiftungen per zirka K 21.000, das Versorgungs- Hans gleicherweise per zirka L 18.000 und die Fleischzegie mit einem Mehreingang an Schächtgebühren per zirka K 8000. Auch die Traunngstaxen und Betsitze wiesen fast durchwegs größere Einnahmen aus, die nahezu K 10.000 betrugen, anderseits wurden in den Ausgaben vielfach bedeutende Ersparnisse erzielt, selbstverständlich aber nicht etwa in jenen für Wohltätigleit und Verabreichung ritueller Kost an Kranke, welche Posten im Gegenteil sogar gestiegen sind. Aber es ist sicher von Interesse, und ich muß dies besonders hervorheben, daß diese Ersparnisse allein schon genügt hätten, um das präliminierte Defizit zu vermeiden, und daß wir die unverhofft größeren Einnahmen einzelner Kapitel für das Gleichgewicht unserer diesjährigen finanziellen Gebarung gar nicht benötigt haben. Unter denMinderausgabeu befindet sich ja allerdings auch ein relativ kleiner Betrag, der von den eingestellten Reserven nicht in Anspruch genommen wurde, und den man also nicht direkt als Ersparnis bezeichnen kann. Aber abgesehen davon, daß dies in jedem anderen Jahre auch der Fall ist, bietet gerade dieser Umstand unseren Mitbürgern den deutlichen Beweis dafür, daß selbst bei largcr Einstellung von Reserven, der gleiche Vorgang bei Bewilligung der Ausgaben durchaus nicht etwa Platz greift. Mit großer Befriedigung muß ich diesmal der vorzüglichen Leitung unseres Versorgungs- und Siechenhauses gedenken; — die Ausgaben dieser Anstalt sind, wenn man die nicht präliminierte Post für Aequivalentgebühr per zirka K 5100 berücksichtigt, um fast K 12.500 gegen den Voranschlag zurückgeblieben, und sind, trotzdem bekanntlich die bedeutende Erweiterung des Hauses inl Vorjahre voll zum Ausdrucke gelaugte, gegen das Jahr 1908 im ganzen um etwa L 8000 gestiegen. Bei unserem Spital sind die Ausgaben nicht zurückgegangen, sondern eher höher gewesen, aber es ist zu berücksichtigen, daß das Plus att eingegangenett Verpflegsgebühren naturgemäß auch eine Erhöhung des für Verköstigung budgetierten Betrages bedingt, und daß eine Vermehrung von Operationen, welche im Vorjahre tatsächlich erfolgte, einen Mehrbedarf an Licht, Verbandstoffen und des Röntgeninstitutes mit sich bringt. Meine Herren! Als wir im Vorjahre das Ergebnis des Rechnungsabschlusses pro 1908 veröffentlichten und ein Defizit von zirka K 176.000 answiesen, da habe ich, als Jude, mit tiefem Bedaitern sehen müssen, daß diese Tatsache dazu diente, daß gerade von jüdischer Seite das Wort von dem finanziellen Zusammenbruch unserer Gemeinde hinansgerufen wurde. Und gierig wurde dieses Wort von den antisemitischen Blättern aufgefangen und höhnend weiter getragen. Da ich böse Absicht unbedingt ausschließe, so muß ich sagen, daß nur vollkommene Unkenntnis der Sachlage es übersehen kouute, daß trotz des Gebarungsdefizits von zirka K 176.000 — übrigens bei einem 3 Millioneu-Budget kein so erschreckender Betrag — die finanzielle Lage unserer Knltnsgemeinde ttvch immer viel kräftiger und kvtlsolidierter ist, als die der meisten großen Städte unserer Monarchie. Wir haben es damals, und ich glaube mit Recht, unterlassen, uns' gegen diese tiefe Schädigung unseres Ansehens zur Webre zu setzen, und heute kann ich mit aufrichtiger Freude feststellen, daß die Tatsachen uns eine viel bessere Rehabilitierung brachten, als dies eine noch so lauge Polemik vermocht hätte. Das Deutsche Volksblalt, welches triumphierend den Artikel über den Zusammenbruch uachdruckte. fühlt es freilich sicher nicht, daß es einfache Pfiicht der Anständigkeit wäre, der unbegründeten Herabwürdigung jetzt eine begründete Richtigstellung folgen zu lassen. Mir aber, und ich denke der ganzen jüdischen Bevölkerung genügt es vollauf, zu wissen, daß unsere Gemeinde gewissenhaft verwaltet wird, und Gottlob noch in voller ungeschmälerter Kraft stolz aufrecht steht. Und dies, trotzdem der Staat allen unseren berechtigten Forderungen gegenüber bisher taub geblieben ist. Allerdings muß er darin noch bestärkt werden, wenn dieser unser Anspruch, daß der Staat das an uns begangene Gewohnheitsuurecht endlich gutmachen möge, sogar von denen widersprochen wird, die wir zu den unseren zählen. Und ich bin ganz sicher, im Namen des gesamten Vorstandes zu handeln, wenn ich es hier öffentlich und nachdrücklich, ansspreche, daß wir auf unser gutes Recht, vom. Staate jenen entsprechenden Beitrag zu erhalten,den erden anderen Religionsgenoffeuschaften, gibt, nie und nimmer verzichten, .und niemals aufhören werden, diesen Anspruch immer wieder zu erheben. Ich bitte Sie, den .Rechnungsabschluß zur Kenntnis nehmen zu wollen". ,, Die Vorlage wurde kapitelweise durchgegangen undnach kurzer Debatte, die sich an . einzelne Kapitel knüpfte, einstimmig genehmigt. Der Dank, den der Präsident dem Finanzreferenten Herrn Max Frank für seine mühevolle Tätigkeit abstattete, fand in der Versammlung allgemeine Zustimmung. Ani Schluffe der Sitzung dankte I. Vizepräsident Dr. Gustav Kohn mit herzlichen Worten für die ihm anläßlich seines 70. Geburtstages zuteil gewordenen Ehrungen. Das 25jährige Inviläam der „Oesterreichisch-Ifraelilischen Union." Im Festsaale des Niederösterreichischen Gewerbevereines fand Sonntag vormittags die Festversammlung zur Feier des 25jährigen Bestandes der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" statt. Zn derselben hatten sich die Reichsratsabgeordneten Dr. Ofner, Kuranda, Dr. Mahler und Dr. Straucher, die Gemeinderäte Dr. Mittler und Dr. Hein, der erste Vizepräsident der israelitischen Knltnsgemeinde Landesschulrat Dr. Gustav Kohn mit den Mitgliedern des Knltnsvorstandes Max Frank, Dr. Markus Spitzer, kais. Rat Kanders, Universitätsprofessor Dr. S. Ehrmann, kais. Rat Wilhelm Pollak, Dr. Samnely, Adolf Schramek und Kommerzialrat Simon. Ministerialreferent Kustos Dr. Frankfurter, die kais. Räte Schefftel und RuLiöka, Dozent Dr. M. Hajek, die überlebenden Gründer des Vereines Dr. Bloch und Dr. Pins, ferner zahlreiche Delegierte von Kultusgemeiuden ans dem ganzen Reiche und viele andere eingefunden. Briefliche und telegraphische Glückwünsche hatten gesendet: der Präsident der Akademie der Wissenschaften Professor Dr. Eduard Sneß, Herrenhansmitglied Alois Neumann, die ehemaligen Abgeordneten Dr. Kronawetter, Noske, Dr. Max Menger und Wrabetz, die Reichsratsabgeordneten Dr. Adolf Groß und Dr. Gabel, Oberrabbiner Dr. M. Güdemann, Hofrat Prof. Dr. A. Politzer, David Ritter v. Gntmann, Bergrat Max Ritter v. Gntmann, Karl Auspitz v. Artenegg, Direktor Dr. Hammerschlag, Maximilian Panl-Schiff, Edmund Richetti v. Terralba, die kais. Räte Dr. Lieben, Paul Lemberger und Leopold Bechert. Saaz, Universitätsprofessor Dr. Rosenblatt aus Krakau, Dr. Paul Nathan aus Berlin, Rektor Professor Dr. Schwarz, Dr. Leopold Kohn, Rechtsanwalt Dr. Artur Nnßbaum ans Berlin, Alexander Schorr ans Karlsbad und fast sämtliche Kultusgemeinden Oesterreichs. Präsident Siegmnnd Mayer begrüßte die Versammlung mit herzlichen Worten und führte aus, daß die „Union" eigentlich keine Ursache habe zu jubilieren, denn der Bestand eines solchen Vereines, welcher für eine bestimmte Klasse von Staatsbürgern Rechtsschutz üben müsse, sei eine Schande für das Land, in dem ein solcher Verein notwendig geworden ist. Herr Universitätsprofessor Dr. S. Ehr m a n n hielt hierauf die Festrede: Ansgehend von der Lage der österreichischen Judenschaft bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zeigte der Redner, wie im Sturme des Jahres 1848 auch hervorragende österreichische Inden an dem Kampfe um die moderne Staatsverfassnng teilnahmen. Dem kurzen Traume von Gleichberechtigung und Freiheit folgte dann ein schmerzliches Erwachen. Wieder sind die Inden fast von allen öffentlichen Rechten ausgeschlossen, aber ein wichtiges Recht, das der Freizügigkeit ist ihnen geblieben. Die Situation ändert sich in dieser Beziehung auch daun noch nicht, als durch den Gnadenakt des Monarchen dem Volke eine Verfassung gegeben wird, bis endlich auch die letzte Spur der j gesetzlichen Unfreiheit fällt nnd die Staatsgrundgesetze erfließen.

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