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Die Wahrheit · 1910-04-22 · Heft 17 (22.4.1910) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 17 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 7. Nr. 17. Die Wahrheit Nun erst streckt sich den Juden die Hand der übrigen Staats-! genossen entgegen, denn die Prinzipien, ans Grund deren der Kampf um die Freiheit geführt wurde, hatten eine einigende Kraft. Das Bürgertum hätte seinen eigenen Boden unterwühlt, -wenn es nicht die Gleichheit aller Bürger ohne Unterschied seiner Abstammung und seines Bekenntnisses zur Richtschnur feiner Handlungen hätte nehmen wollen. Eine Aendernng in der liberalen Anschauung wird jedoch von außen suggeriert. 'Das gewaltige Ringen zwischen Deutschland und Frankreich wird zu einem Rassenkriege gestempelt und der Erfolg des Krieges festigt im Deutschen Reiche die Vorstellung von dem außerordentlichen Werte und der Bedeutung der sieghaften Rasse. Bismarck benützte den latenten Antisemitismus der großen Massen für seine politischen Ziele und mit Windeseile verbreitet "sich die neue Lehre durch das Deutsche Reich und von dort ans nach Oesterreich, wo mannigfache soziale Ursachen die Unzufriedenheit der Massen ansgelöst und so einen günstigen Nährboden geschaffen hatten. Die österreichischen Inden standen plötzlich einer neuen Erscheinung gegenüber; nicht bloß der -Einstuß der mächtigsten Glaubensgenossen, auch der aller andern wersagte. Da setzt nun die Tätigkeit der „Union" ein. Sie mußte zunächst eine politisch erziehliche sein, es mußte den Juden klar gemacht werden, daß die theoretisch gegebene Gleichberechtigung mir durch stete Arbeit von ihrer Seite selbst wirklich ins Leben getreten ist. Die „Union" mußte die Verfechtung der politischen und staatsbürgerlichen Rechte der Inden ganz in -eigene Regie übernehmen. Zum erstenmale trat der Jude politisch organisiert seinem Gegner, nicht gedeckt durch den breiten Rücken einer mächtigen Persönlichkeit, sondern von Angesicht zu Angesicht gegenüber, fest und ruhig, nicht stehend, sondern auf sein Recht pochend. Den selbstbewußten, aufrechten Männern, die in diesen 25 Jahren an der Spitze der „Union" gestanden, -gebührt der Dank der österreichischen Inden. Sie haben die Zugehörigkeit zur Knltnrgemeinschafl jener Völker, unter denen wir leben, betont, und diese Gemeinschaft legt wie die Staatsbürgerschaft und die Zugehörigkeit zu einer Nation Pstichten und Rechte ans; die Pflicht, den Besitz an Kulturgütern zu heben und zu bewahren und weiter auszubilden. Dieser Pflicht sind die österreichischen Juden im Westen und Osten, im deutschen, slawischen und romanischen Kulturgebiete reichlich uachgekommen. Sie können und müssen aber auch verlangen, daß ihnen die hieraus fließenden Rechte, die geschriebenen und ungeschriebenen, zuteil werden. Diesem Grundsätze entsprechend, hat die „Union" gewirkt und geschaffen. Aber es harren ihrer -auch in Zukunft große Aufgaben. Es wird auch unserem vielgeprüften Vaterlande endlich der große Friedensstifter erstehen, und daß in diesem großen Friedensschlüsse die Rechte und legitimen Interessen der Staatsbürger jüdischen Glaubens in allen Sprach- und Wirtschaftsgebieten gewahrt werden, ist eine der wichtigsten Aufgaben, welche auch der „Union" zufallen werden. Sie wird damit nicht nur zur Erhaltung des wirtschaftlichen Friedens beitragen, sondern das wohlverstandene Interesse des Staates und der Völker, dem die Juden als treue Staatsbürger mit Leib und Seele angehören, verfechten. Der mit lebhafter Zustimmung aufgenommeuen Festrede folgte nun der offizielle Dan! des Vereinsvorstandes an alle jene Männer, welche als Mitglieder der Vereinsleitnng, als Vortragende, als Mitarbeiter' an den Vereinspnblikationen, als freiwillige Anwälte des Rechtschntzbureaus, als Vertrauensmänner und als Organe des Vereinsbnros an den Aufgaben der „Union" mitgewirkt haben. Hierauf sprach Reichsratsabgeordneter Dr. Julius O f n e r, der den tiefsten Grund des Antisemitismus auf den Klerikalismns zurückführt. Es muß sich die Anschauung zur allgemeinen Geltung durchringen, daß die Inden Staasbürger und Menschen seien wie alle andern. Dem gegenüber aber müssen auch die Inden den Standpunkt einnehmen, daß sie keine Sonderrechte für sich verlangen, sondern nur das gleiche Recht mit allen anderen Staatsbürgern verlangen. In dieser Anschauung habe sich Redner stets mit den leitenden Männern der „Union" begegnet, welchen er zu ihrem Jubiläum seine herzlichsten Glückwünsche darbringe. Herr Gemeinderabiner Dr. E. David überbrachte in längerer Rede dem jubilierenden Vereine die Glückwünsche des Rabbinates. Abgeordneter Knranda spricht dem Vereine mit dem er sich vollkommen eins fühle, gleichfalls seine innigsten Glückwünsche aus. Er werde, wenn und wo immer es notwendig sei, für die Rechte der jüdischen Staatsbürger mit all seiner Kraft eintreten. Es sprachen hierauf noch mehrere Redner, worauf-die Versammlung den Rechenschaftsbericht einstimmig zur Kenntnis nahm und den Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Gottlieb Schur in den Vereinsvorstand wühlte. Abends fand ein Festbankett statt, an welchem sich die Abgeordneten Dr. Ofner, Dr. Mahler, Straucher, Gemeinderat Dr. Hein und andere namhafte Persönlichkeiten teilnahmen. Galisischer Hilfsverein. Sonntag, den 10. April d. I., halb 11 Uhr vormittags, fand die Generalversammlung des Hilfsvereines für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien in den Räumen des Israelitischen Hnmanitälsvereiues „Wien" B'nai B'rith, IX. Universikätsstraße 4, statt. Den Vorsitz führte der Präsident des Vereines, Herr Siegmund M a y e r. Nachdem dieser die Versammlung eröffnet und die Anwesenden mit herzlichen Worten begrüßt hatte, teilte der Sekretär, Herr Dr. Wilhelm L ö w y die eingelangten Begrüßungen und Entschuldigungen mit. Im Anschlüsse daran hielt er dem Mitgliede des Schiedsgerichtes Herrn Dr. Alois K l e m p e r e r, dessen Leichenbegängnis gerade zu dieser Stunde stattfand, einen warmen Nachruf, der von den Anwesenden stehend angehört wurde. Er bemerkte darauf, daß infolge dieser Leichenfeier eine große Anzahl jener Personen, die hier anwesend zu sein berechtigt wären, der Versammlung fern blieben. Mit Rücksicht darauf, daß der erste Teil des gedruckten Jahresberichtes für das letztverflossene Jahr sich bereits seit längerer Zeit im Besitze der Bereinsmitglieder besindel, konnte er sich darauf beschränken, bloß die Hallptergebnisse der Bereinstätigkeit im Jahre 1909, ferner einige Daten über die Bildung neuer Ortsgruppen, dann über die Einnahmen und Ausgaben des Vereines und die Bewegung in seinem Mitgliederstande mitzuteileu. Wir erwähnen ans diesem Berichte, daß durch die Tätigkeit des Hilfsvereines im Jahre 1909 in verschiedenen Industrien rund 4300 ausgebildete Arbeitskräfte und Schülerinnen tätig waren, die einen I a hr e s v er d i en st von 393.000 Kronen erzielten. Gegenüber dem Jahre 1908 hat die Zahl der Arbeitskräfte und Schülerinnen um rund 750, der Jahresverdienst um rund 95.000 Kronen zngenommen. Im Jahre 1909 konstituierten sich 5 Ortsgruppen, und zwar 4 in Galizien (Grodek. Nadworna, Szczerzec und Tarnow) und eine in Wien im XXI. Gemeindebezirke. Dazu kommt die Wiederbelebung der Ortsgruppe Nensandez (Galizien). Dagegen mußte die Ortsgruppe Zolkiew (Galizien) in Abschlag gebracht werden. Zu Ende des Jahres 1909 zählte der Verein im ganzen 50 Ortsgruppen, von denen 8 in Niederösterreich. 1 in Oberösterreich. 22 in Böhmen, je 4 in Mähren und Schlesien und 12 in Galizien bestanden. Diese Ortsgruppen umfaßten 3 7 4 5 M i t g l i e d e r und Spender, um 71 mehr als im Jahre 1908; die Zunahme an Mitgliedern hatten 464, die Abnahme 393 betragen. An Mitgliedsbeiträgen gingen im Jahre 1909 32,121.40 Kronen, an Spenden 742.66 ein. Die Mitgliedsbeiträge blieben hinter dem Vorjahre nm 784.67 Kronen zurück — hauptsächlich ans dem Grunde, weil eine Ortsgruppe mit der Einsendung der Mitgliedsbeiträge im Rückstände ist — die Spenden waren nm 173.09 Kronen höher. Wir müssen jedoch bemerken, daß zwei größere Spenden in dem früher angeführten Betrage nicht enthalten sind, weil ihnen eine besondere Zweckbestimmung anhaftet, und zwar die Spende des Herrn Alexander Schorr in Wien, in vierprozentiger ungarischer Kronenrenle im Nominalbeträge von 18.000 Kronen, die dem Vereine zur Gründung einer Vorschnßkasfe in einem Orte Galiziens übergeben wurde.

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