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Die Wahrheit · 1910-04-22 · Heft 17 (22.4.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 17 (22.4.1910)
Date
1910-04-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17. Die Wahrheit Seite 5. Stürmisch akklamiert ergreift hierauf der Präsident der Kultusgemeinde, Herr Dr. Alfred Stern, das Wort. Er empfiehlt zunächst die beiden Kandidaten, die sich soeben vorstellteu und ihr Programm entwickelten und führt dann von ununterbrochenem Beifall begleitet, folgendes ans: Die Ablehnung von Kandidaten, die ans dem Judentume ausgetreten sind, ist nicht, wie von mancher Seite behauptet wird, eine konfessionelle Frage oder Sache des Klerikalismus. Wenn dies der Fall wäre, würde ich eine solche Bewegung niemals befürworten. Meine ganze politische Vergangenheit, meine innerste politische Ueberzengung würden es mir verbieten, einer klerikalen Sache das Wort zu reden oder Gemeinderatswahlen vom Gesichtspunkte des Kvnfessionalismns zu beurteilen. Jeder ehrlich freisinnig denkende Mann, dessen Gesinnungstrene lauter und verläßlich ist, ob er nun Jude oder Christ ist, kann aus meine Unterstützung zählen. Aber das, um was es sich hier handelt, ist etwas ganz anderes: Wenn in einem Wahlbezirke, in dem 70 Perzent der Wühler Inden sind, also durch ihre Stimmen gewissermaßen über die Mandate verfügen, Männer abgelehnt werden, die, nennen Sie es Neligionsgesellschaft oder sonst eine andere, durch irgendwelche gemeinsame Interessen miteinander verbundene Gesellschaft, in der Zeit der größten Verfolgung, der ärgsten Bedrückung, der schrecklichsten gesellschaftlichen Not verlassen, durch ihren Austritt erklären, daß sie mit dieser Gesellschaft nichts gemein haben wollen, sie durch einen solchen Schritt schädigen, wenn, wie gesagt, diese selben Männer dann von derselben durch sie verlassenen, arg geschädigten Gesellschaft ein Vertrauensmandat verlangen, so ist deren Ablehnung keine konfessionelle Frage, sondern eine Charakterfrage. Die jüdischen Wähler sind berechtigt, daran zu zweifeln, daß ein Mann, der sein Judentum verleugnet hat, jemals in der Lage fein werde, für das geschmälerte Reckt eines Juden mit Erfolg einzntreten, denn gerade in solchen Dingen gilt das englische Prinzip, daß nicht immer das das Richtige sei. was! jemand vertritt, sondern wie er etwas vertritt. Herr Max Frank erörtert die Frage, wie es gekommen ist, daß gerade diesmal sich eine so große Aufregung unter den Wählern des I. Bezirkes gezeigt hat. Die Innere Stadl, die gegenwärtig das einzige uneinnehmbare Bollwerk der freisinnigen Partei ist, ist gewiß dazu berufen, daß gerade von diesem Bezirke ans einstmals die Wiedererobernng Wiens erfolgen soll. Gerade deshalb sollte man denken, daß dieser Bezirk mit besonderer Sorgfalt gewahrt werden muß, und daß insbesondere hier nur solche Männer in den Gemeinderat entsendet werden, welche in jeder Beziehung die Gewähr bieten, daß die Wählerschaft an ihnen nicht das Mindeste auszusetzen hat. Das alte Wahlkomitee hat aber, trotzdem schon aus der Mitte desselben protestiert wurde, trotzdem es in der Wählerschaft sichtlich gährte und man sich über die Stimmung derselben nicht einen Moment im Unklaren sein konnte, unter anderen zwei Herren anfgestellt, welchen ein großer Teil der Bewohner dieses Bezirkes Widerstand entgegensetzte. Es sind dies zwei Herren, welche aus dem Judentume ansgetreten sind, und dieser Umstand ist es, der die Wählerschaft zu einem Widerstand reizt; es ist zweifellos, daß, wenn man ans einer Religionsgenossenschaft austrilt, dies Privatsache ist und niemanden etwas angeht; aber ebenso sicher erscheint es mir, daß man dies in einer Zeit, wo die jüdische Bevölkerung so furchtbaren Angriffen ansgesetzt ist, in einer Zeit, wo das Judentum der einzige, wirklich leidende Teil der Bevölkerung ist, als Desertion betrachten nutß, wenn man seine Mitbrüder verläßt. Ans Deserteuren macht man aber keine Führer. Dr. Z i p s e r begrüßte es mit besonderer Genugtuung, daß sich endlich einmal die Wählerschaft aufraffe und sich selbst ihre Kandidaten bestimmt. Ans denselben Gründen, wie man vom jüdischen Standpunkte gegen die Kandidaturen N e u m a n n und F ü r t h ist, muß man auch gegen M a a ß entschieden auftreten, zumal es allgemein bekannt ist, daß er in seiner öffentlichen und vrivaten Tätigkeit den Antisemitismus unterstützt. Der Resolution der „Oesterr.-Jsrael. Union" schließt er sich vollinhaltlich au. Zum Schluffe wurden die Kandidatnren der Herren Gemeinderal Alfred Herold und Fabriksbesitzer Josef Stein von der Versammlung einhellig angenommen, die Kandidatur Rudolf M a a ß mit erdrückender Majorität abgelehnt und das Komitee fortschrittlicher Bürger beauftragt, einen dritten ielbständigen Kandidaten in Vorschlag zu bringen. Bei der hierauf stattgefnndenen Sitzung des Wahlkomitees wnrde der Obmann desselben ersucht, sick mit Herrn Hofra: Dr. M a r e s ch ins Einvernehmen zu setzen und ihn zur Annahme der Kandidatur zu bewegen. Nachdem Herr Hofra: Dr. M a r e s ck jede ihm zugedachte Kandidatur entschiedenst und endgiltig ablehnte, beschloß das Komitee nach langer Beratung, Herrn Max Frank zu kandidieren. Rechmmgsabsttstnß der Wiener Knltnsgemeinde. Die im Vorjahre anläßlich des Rechnungsabschlusses pro 1908 von einem Wiener jüdischen Blatte leichtfertig in die Well gesetzten und von den antisemitischen Blättern mit freudigem Behagen wiedergegebeneu Allarmnachrichten vom „finanziellen Debacle" der Wiener Knltnsgemeinde wurden durch den in der Plenarsitzung vom 20. d. M. vorgelegten Rechnungsabschluß pro 1909, der einen namhaften Ueberschnß answeist, offenbar Lügen gestraft. Finanzreferent Max Frank erstattete folgendes Referat: „Sehr geehrte Herren l Ich beehre mich. Ihnen hiemit den Bericht über den Rechnungsabschluß für das Jahr 1909 vorzulegen. Die gesamten Einnahmen betrugen X 3,028.118.67, die Ausgaben, einschließlich der im Voranschlag pro 1909 eingestellten Darleheusrückzahlungen und Friedhofsannnnälen per X 36.389.87, beziffern sich insgesamt auf X 2,895.829.76, so daß sich ein Gebarungsüberschuß von X 132.288.91 ergibt. Es sei mir schon au dieser Stelle der Antrag gestattet, den eben ansgewiesenen Ueberschnß zur fast vollständigen Bedeckung des vorjährigen Defizits per X 175.848.55 zu verwenden. Bevor ich dazu übergehe, den für unsere Gemeinde auf jeden Fall, hocherfrenlichen, so überaus günstigen Abschluß im Detail zu diskutieren, soweit dies im Rahmen eines Referates über bereits vollzogene Tatsachen statthaft ist, möchte ich im vorhinein davor warnen, aus dem vorliegende Ergebnis allzuweit gehende, optimistische Schlüsse zu ziehen. Denn darüber dürfen wir uns keineswegs täuschen, daß nickt nur gute mib vorsichtige Verwaltung allein, sondern auch eine Reihe günstiger, im seinerzeitigen Voranschlag unmöglich vorauszuahnendeu Zufälligkeiten mitgewirkt haben, um das vermutete Defizit in einen nicht unbedeutenden Ueberschnß zu verwandeln. Wir sind also noch weit entfernt davon, etwa mit Sicherheit darauf rechnen zu können, daß wir nunmehr Reservefoitds für unsere, fast nicht weiter aufschiebbaren großen Ausgaben, für die Erwerbung eines neuen Friedhofes und für den endlichen Aufbau eines neuen würdigen Amtshanses sammeln können. Im Gegenteil, wir müssen es als besonders günstig betrachten. und jeder, der nicht als bloßer Laie, ohne tiefere Sachkenntnis die Verhältnisse ansieht, wird mir darin sicher beipflichten, daß wir allen Grund haben, damit zufrieden zu sein, wenn die mageren und die fetten Jahre wenigstens miteinander abweckseln. Das Fazit ist dann eine glatte Rechnung, und allerdings kann ich mit Freude schon den Umstand allein, daß wir das chronische Defizit vermeiden können, als einen vollen Erfolg ansehen, der wohl selbst von unseren Gegnern wird anerkannt werden müssen. Wenn anstatt des budgetgemäßen Fehlbetrages von zirka X 83.000 ein Gebarnngsüberschnß von zirka X 132.000 resultiert, so kann ick dies ohne allzusehr ins Detail zu gehen, mit Hinweis auf einige wenige Posten, die vorauszufehen ganz unmöglich war. erklären. Es sind dies die Posten Knltnsstener mit einenr Plus gegen den Voranschlag von zirka X 64.000, das Friedhofs- und Beerdigungswesen mit einer Mehreinnahme von zirka X 96.000, denen allerdings naturgemäß auch Mehrausgaben in der Höhe von zirka X 45.000 gegenüberstehen.

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