Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 17 (22.4.1910)
- Date
- 1910-04-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 17. Zeugnis für die Verbreitung der „Deutschen Stimmen." Der Herausgeber Stupp—öck in der .Residenz Jnzersdorf und der Urdeutsche Potschka erlauben sich auf Seite 7 die Bemerkung zu machen, daß auf der Klinik v.. Strümpell infolge der überhandgenommenen „Verjudung" schreckliche Zustände herrschen, die für die deutschen Studenten von größtem Nachteil sind. Nun ist aber aus der Klinik v. Strümpell kein einziger jüdischer Assistenzarzt vorhanden und die übrigen Aerzte sind in der Mehrzahl Christen. Was soll mit diesen Verleumdungen bezweckt werden? Man hat die Juden aus den militärischen Korps, man hat sie aus den Spitälern verdrängt, null man nun auch den jüdischen Studierenden die Spitalspraxis verweigern, oder soll sich die „Verjudung" auf die jüdischen Patienten beziehen? — E i n st hat die Wiener medizinische Schule in in ihrer „schrecklichen Verjudung" einen Weltruf genossen, so daß es sich die größten Kapazitäten zur Ehre anrechneten, eine Wiener Lehrkanzel inneznhaven. H e u t e lehnen fast alle Universitätslehrer einen Ruf nach Wien ab. Liegt vielleicht der Grund dieser beschämenden Tatsache auch in der „V e rj u d u n g"? * * * Trotz eines langen und bitteren Kulturkampfes, in welchem die Juden ihren Mitbürgern ihr Können und ihre Kräfte zur Verfügung stellten, steht mau noch überall auf demselben Standpunkt der Unduldsamkeit wie im Mittelalter. Hoch und nieder, klein und groß — alles stößt am Judentum an. So schreibt auch ein Freund des deutschen Kronprinzen, ein gewesener Graf Hochberg, der jetzt einen aufsehenerregenden Prozeß in New-Iork führt, in einem Brief an den Prinzen: Ich habe einen ausgezeichneten Lehrer in meinem väterlichen Freund Noah E. Barnes gefunden. — — — Stoße d i ch n i ch t an den Vornamen! — — — Daß ein Jude im Deutschen Reiche nicht einmal Unteroffizier werden kann, ist schon so selbstverständlich, daß mau sich schon abgewöhnt hat, daran zu stoßen, ob aber der deutsche Kronprinz daran Anstoß nehmen könnte, wenn sein gewesener Adjutant und gräflicher Freund einen Juden zum Freund itnd Lehrer hat — das wissen wir nicht. Hochberg-Barnes scheint es zu wissen, denn er versichert ja gleich dem Kronprinzen, daß - der Geschäftsmann, dessen Namen er angenommen hat, trotz des biblischen Vornamens kein Jude sei. — Lieb Vaterland, magst ruhig sein! A. H. L- Die Wiener GemeindrralsWichlen. Am 16. d. M. fand im Restaurant Tischler I., Schauflergaffe eine vom Wahlkomitee fortschrittlicher Bürger der Inneren Stadt einberusene Wählerversammlung statt, um gegen das Vorgehen des offiziellen Bezirkswahlkomitees in der Inneren Stadt bei der Ernennung der Kandidaten zu protestiere!:. Nach Begrüßung der von zahlreichen jüdischen und nichtjüdischen Wählern besuchten Versammlung durch den Obmann des einberufendeu Wahlkomitees, Herrn Dr. Gustav S t r a n s ky, wurden zur Leitung der Wählerversammlung einhellig gewählt: zum Vorsitzenden Herr Dr. G. Stransky, zu dessen Stellvertreter Herr S. G o l d m a n n, zum Schriftführer Herr Klavierfabrikant Rudolf K o h n. Der Vorsitzende gibt in längerer, von Beifall unterbrochener Ausführung die Ursachen bekannt, die zur Gründung des Komitees und zur Bekämpfung eines Teiles der vom offiziellen Bezirkswahlkomitee ausgestellten Kandidaten führten. Hauptsächlich waren hiesür zwei Gründe maßgebend. Zunächst die Art, wie diese Kandidaturen zustande kamen. Das offizielle Wahlkomitee habe, olme die Wählerschaft um ihren Willen zn befragen und infolge nicht ganz einwandfreier Zusammensetzung des Nomiuierungskomitees teils um die fortschrittliche Sache hochverdiente und im Gemeinderate bereits bewährte Männer, wie zum Beispiel Gemeinderat Alfons Herold, fallen gelassen und andererseits Männer nominiert, die der Wählerschaft nicht genehm sein können. Wie wenig, das offizielle Wahlkomitee der Stimmung und den Anschauungen der Wähler der. Inneren Stadt Rechnung trug, beweist der Umstand — und das war der zweite und ausschlaggebende Grund zur oppositionellen Haltung des überwiegenden Teiles der Wählerschaft — daß das offizielle Wahlkomitee an Stelle bewährter und gesinnungstüchtiger Kandidaten zwei Männer, es sind dies die Herren Dr. v. F ü r t h und Dr. Wilhelm Neumann. zu Kandidaten ernannte, die durch ihren Austritt aus dem Judeutume von vornherein als ungeeignet erscheinen, in einem Wahlbezirke, in dem 70 Prozent der Wähler der jüdischen Konfession angehören, um ein Mandat zu werben. Das Wahlkomitee fortschrittlicher Bürger steht aus demselben programmatischen Standpunkt, wie das offizielle freiheitliche Wahlkomitee, es nimmt bei Empfehlung der Kandidaten auf die konfessionelle Zugehörigkeit derselben gar keine Rücksicht, aber was es von seinen Kandidaten fordert, ist: Charakterfestigkeit, Gesinnnngstüchtigkeit und unbedingte Verläßlichkeit ihrer freiheitlichen politischen Betätigung. Redner teilt zum Schluffe mit, daß zwei Herren beim Komitee-fortschrittlicher Bürger ihre Kandidatltr angemeldet haben. Es sind dies der Gemeinderat Alfons Herold, ein Mann, der während seiner 19-jührigen Tätigkeit im Gemeinderate sich als gesinnungstüchtiger, fortschrittlicher Mann und als ausgezeichneter Kenner sänuntlicher kommunaler Fragen bereits große Verdienste erworben habe. Der zweite Kandidat, Herr Fabriksbesitzer Josef Stein, hat sich durch sein unerschrockenes, mutiges Einschreiten für die fortschrittliche Sache als ein Mann bewährt, der von der Partei stets auf die gefährlichsten Posten gestellt wurde. Das Komitee fortschrittlicher Bürger hat nach Fühlungnahme mit den Wählerkreisen die Ablehnung der vom offiziellen Wahlkomitee nominierten zwei Kandidaten Dr. v. Fürth und Dr. Wilhelm Neumann beschlossen und empfiehlt an deren Stelle die Kandidatur der Herren Gemeinderat Alfons Herold und Fabriksbesitzer Joses Stein. Kandidat Alfons Herold setzt sein kommunales Programm auseinander und verweist auf die zahlreichen Gebiete der kommunalen Politik, ans denen er während seiner 19 jährigen Tätigkeit im Gemeinderate mit Erfolg tätig war, obgleich er das bittere Brot der Opposition gegessen. Unter großem Beifalle betonte Redner, daß er ein gläubiger Christ sei. der, frei von klerikalem Einflüsse, seiner Religion treu bleibt und es als einen Defekt des Charakters empfinden wurde, seinen Glauben zu wechseln. Der zweite Kandidat, Herr Fabriksbesitzer Josef Stein, schilderte und verurteilte die Vorgänge im offiziellen Wahlkomitee und berief sich aus seine langjährige Tätigkeit in der fortschrittlichen Partei. Er habe sich im Laufe seiner politischen Tätigkeit mit den Wünschen aller Bevölkerungsschichten, so auch der jüdischen, eingehend befaßt, sie kennen und verstehen gelernt und ist fest entschlossen, ihre berechtigten Wünsche im Gemeinderate zu vertreten, falls ihn das Vertrauen der Wähler in diese Körperschaft entsendet. Hierauf erbat sich Herr Siegfried Fleischer, Sekretär der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", zur Verlesung und Begründung der nachfolgenden Resolution das Wort: Resolution. Die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" weist es zurück, daß das freiheitliche Wahlkomitee den Empfindungen der großen Mehrheit der Wähler des ersten Wahlkörpers der Innern Stadt nicht Rechnung getragen hat und derselben zumntet, zweien vom Judentume abgefallenen Kandidaten ihre Stimmen zu geben. Ebenso müssen wir es als einen Mißgriff bezeichnen, daß das genannte Komitee in der Person des Herrn Rudolf M a a ß einen Kandidaten anfgestellt hat, der selbst öffentlich bekannte, für die Verleihung des Sekretärpostens einer Stiftung, welche allen Staatsbürgern ohne Unterschied der Konfession zugute kommen soll, an ein führendes Mitglied der christlichsozialen Partei gestimmt zu haben. Wir erklären uns bereit, die Aktion des Wahlkomitees fortschrittlicher Bürger zu unterstützen, verlangen aber von diesem, daß es auch von der Aufstellung des Herrn Maaß Umgang nimmt und an seine Stelle einen Mann von bewährter freiheitlicher Gesinnung, ohne Rücksicht auf seine Konfession, nominiere. In diesem Sinne wird der Vorstand der „Union" auch auf die Wählerschaft einwirken.