Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 16 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Ein Knabe öffnet, grüßt und fragt militärisch nach unserm Begehr. Ob der Herr Direktor znhanse sei? Als Antwort führt er uns ins Haus hinein. Freundlich nickt, von seinem Postament der Gründer dieses Heims uns zu nnd uns dünkt, er begrüßt uns freundlich. Wenn wir aber noch Zweifel hegten, ob Besuch in diesem Hause willkommen ist, so verschwinden sie sofort bei der herzlichen Begrüßung durch den Direktor. Mit seiner milden, freundlich sanften Stimme spricht er zu uns. Wie der Hausherr zu seinen Gästen. Ganz eigenartig; wir fühlen uns sofort so angenehm behaglich bei diesem Wirt. Wir lernen erst noch seine Gattin kennen und dann besichtigen wir dies schöne Hans. Unser Führer und seine liebenswürdige Gattin erläutern uns alles. Wir sind im Speisesaal. Bei Gott, wir sind erstaunt. Ueber spiegelglatten Parkettboden schreiter unser Fuß. Der ganze Saal mit seinen mächtigen Tischen nnd freundlich weißen Wänden wirkt ungemein anheimelnd. Dabei ist der Saal jetzt unbelebt. Welch Leben nnd Treiben aber, wenn die ganze Knabenschaar hier tafelt! Sie lassen sichs wohl bekommen, ja and) Tafelmusik ist gar oft. Das Klavier hat seine Angen eben geschlossen. Wir wollen es nicht wecken und schreiten weiter und stehen im Studierzimmer. Alle möglichen nötigen Anschatlnngsgegetlstände sind da zu sehen. An dein PZänden hängen Zeichnungen der Schüler, alle sorgfältig und einige sogar wunderhübsch gearbeitet. In! diesem Raume lernen die Knaben ihre Ausgaben, wenn sie von! der Schule nachhause kommen. Haben sie ihre Arbeiten vollendet,! so erholen sie sich im Turnsaal und im Spielzimmer; im! Sommer tummeln sie sich im Garten herum. Rührung über-! kommt uns, wenn wir ins Spielzimmer treten. Weils Sonntag ■ ist, haben viele Ansgang, den sie zu Besuchen bei Verwandten, die ihnen das Schicksal noch gelassen hat, benützen. Aber 30—40 Knaben sind hier. Friedlich sitzen sie beisammen, spielen alles Mögliche. Die lieblichen Gesichter haben sich in freudiger Erregung gefärbt. Das Schöne ist. daß man in diesen Gesichtern nicht die bekannte Blässe nnd tiefe Spuren des Leides ilnd Unglückes sieht. Sie haben ja ein Heim gefunden, und was noch mehr, auch Vater nnd Mutter. Wir sprechen mit einem ztvölsjährigen Jungen; er spricht von Vater nnd Mutter nnd weist auf den Direktor nnd seine Frau. Wie grenzenlos herzlich klingen diese Worte des Kindes über seine Eltern. Welch innige Liebe und Verehrung empfindet es. „Sie sind so gut. so lieb und gut." Wir . aber wenden uns ab. denn uns wirds^ ganz eigen ums Herz. Die beiden Edlen sehen unsere aufrichtige Bewunderung nnd ein überglückliches Lächeln spielt in ihrem Antlitz, das die reinste Güte verrät. Die Liebe ihrer Pfleglinge ist ihnen Dank genug für ihre Anfopfernng und ihre Lebensarbeit, wir aber sagen für ihr Schaffen und Schöpfen Dank. Ein biegsamer, manchmal wohl auch spröder Ton sind diese Kinderherzen, die sie zu bilden haben. Sie aber kennen keine Rast noch Ruhe; nnerschöpflich spenden sie das höchste Almosen, das höchste Wohltnn: Warme Liebe zu elternlosen Kindern. Die aber würden hinwelken ohne solchen Sonnenschein; braucht doch gerade das Kindesherz eine unendliche. Fülle von wahrer, lichter Liebe. Während sie uns weiterführen, erzählen uns die Beiden manch kleines Erlebnis, wie Ellern von ihren herangewachsenen Kindern erzählen: wie ihr noch klein wäret ..." Freudig hören wir. wie anhänglich und dankbar die Knaben sind, auch dann, wenn sie schon längst nicht mehr in der Anstalt weilen. Immer wieder kommen sie „zu Vätern und Muttern" ans Besuch, berichten von ihren Erfolgen und schütten ihr Herz aus, wenn sie Gram und Kummer bedrücken. „Neulich erst war einer da, mit Frau und Kindern." Ueber die Stiegen sind wir hinaus in den ersten Stock gelangt. Wir treten in ein kleines Zimmer, blicken nach rechts nnd links nnd sind vor Ueberraschnng still geworden. Zwei mächtige Säle erstrecken sich nach beiden Seiten, der Boden so blank wie ein Spiegel, und das Licht der Gasflammen wirst goldene Reflexe ans Boden und Wände. Stünden hier nicht Reih und Glied eine ganze Division Betten, wir würden glauben, in einem Pruuksaale zu sein. Wie da nnd in den anstoßenden Waschsäleu alles blitzt und blankt, läßt sich kaum schildern. Das muß man selbst gesehen haben. Leite 7 Wir sprechen noch ein Stündchen nnd unterdessen sind alle heimgekehrt nnd uiut beginnt der effektvolle Abschluß. Ein ganzes Programm wird uns vorgeführt. Zuerst ein Schauturnen mit musikalischer Begleitung. Wie lebendig, korrekt da alles vor sich geht, ein wahrhaft hübscher Anblick. Und dann, in wenigen Minuten hat sich eine ganze Kapelle rekrutiert und spielt so manches hübsche, oft auch schwere Stück. Wieder wandelt sich die Szene. Zwei kleme Knaben sprechen einen reizenden Dialog. Dann folgen Vorträge nnd Gesang. Dies alles haben die Kinder hier unter Leitung des Direktors erlernt. So waren auch wir an jenem Sonntag bei einer Premiere, einer ganz auserlesenen sogar. Der Beifall war nicht laut aber tiefgefühlt. Der Antor ward nnd wird unzähligemal gerufen, denn er bleibt stets in unserer Erinnerung. Wir werden dieses seltenen Menschenpaares stels^gedenken; wenn die Welt uns zwingen wird zu glauben, es gibt keine Guten mehr, dann rasch an Zwei gedacht, die bescheiden im Verborgenen wirken nnd walten. _ E. K. Gm neues Möchnerirmenheim in Kndapest. Inmitten der immer Höher znsammenichlagenden Wellen des Egoismus, den der harte Lebenskamps unserer Tage zeitigt, entstehen stets zahlreicher die kleinen Inseln der Humanität, die vom kulturellen nnd ethischen Wachstum der Menschheit Zeugnis ablegen. Allerorten bilden sich Bereinigungen, die sich im Dienste der kulturellen Entwickluilg unserer Sozietät hochstrebende Ziele gesteckt haben. niiD der Pester israelitische Franenverein. einer der ältesten und angesehensten unserer hiesigen Wohltätigkeitsvereine. gehört zu denen, die stets in erster Reihe bemüht sind, die Standarte der modernen Humanität hochzuhalten. Hat er > sich doch seil Jahrzehnten zur Ausgabe gemacht, das hanpl-! städtische Elend zu lindern. Tränen zu trocknen, welche Not und! Entbehrung erpreßten, und in Waisenhäusern, im Asyl der halbj wüchsigen Mädchen nnd in den Volksküchen mit unermüdlicher! Schaffensfreude Liebe zu spenden, mit Milde aufzurichten. Er j sorgt für darbende Kinder, wie für die an das Krankenbett gej ketteten Mütter und die Linderung aller menschlichen Leiden ist - in sein Programm ausgenommen. Diese großzügige humanitäre I Tätigkeit hat nun der Israelitische Franenverein mit der Er-! Achtung eines herrlichen W ö ch n e r i n n e u h e i m s erweitert. Das Heim ist entstanden wie die wundersamen Blüten der indischen Märchen, die ans toten Menschenherzen erblühen. Je reiner nnd größer das Herz im Leben war. für je höhere Ziele es schlug, umso leuchtender, umso wundervoller ivird die Blüte, die ans ihm in die Höhe sprießi. Auch hier ist eine Frau ans dem Leben gegangen, tu der Blütezeit ihrer Jahre, nnd der Sanftmut ihres Herzens, dem klagelosen Diilden ihres Siechtums ist diese Wunderblume der menschlichen Wohltätigkeit entsprungen. Ihrem Andenken, der Erinnerung an ihr edles Walten ist dieses Werk der Humanität geweiht, dem sie nur mehr ihren i Namen nnd das stillsrenndliche Lächeln ihrer Marmorbüste | schenken konnte. Die Errichtung der Anstalt ist ausschließlich der i Hochherzigkeit ihres Gatten des Herrn Manfred v. Weiß zit danken, welcher im Monat Jttni den Ausschuß des Pester israelitischen Frauenvereins davon verständigte, daß er den Hochzeitstag seiner Tochter, den Intentionen seiner verstorbenett Gattin entsprechend, zu feiern beabsichtigt nnd demzitsolge 120.000 Kronen dem genannten Vereilt zil dem Zwecke spende, damit dieser für arme Frauen ein Wöchnerinnenheim errichte, welches für alle Zeiten den Namen seiner verstorbenen Gattin: Alice v. Weiß tragen möge. An die Schenkung war die Bedingung geknüpft, daß dieses Institut durch den Pester israelitischen Frauenverein erhalten und geleitet werden solle Der Ausschuß des Vereines erklärte sich in Anbetracht der segensreichen Bestimmung dieser Stiftung bereit, der ihm übertragenen Ausgabe ztl entsprechen und entsandte aus seiner Mitte ein Komitee, welches mit der Durchführung aller auf die Errichtung dieses Institutes erforderlichen Schritte betraut wllrde. Die Wahrheit