Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 16 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 16. Zur Ausarbeitung der Pläue uud der Leitung des Baues wurde Architekt Sigmund v. Q u i l t u e r aufgefordert, dessen Kosteuvoraufchlag 270.320 Kronen betrug. Hinzugerechnet die Kosten des Baugrundes von 12.870 Kronen, fowie die für die komplette Einrichtung und Ausrüstung der Anstalt benötigten 44.545 Kronen, erreichte das gefamie Erfordernis den Betrag von 327.736 Kronen. Der hochherzige Stifter erklärte hierauf, in Anbetracht der großen Lasten, welche der Verein durch die Erhaltung übernommen hat, die von ihm bereits gemachte Spende dem Erfordernisfe entsprechend zu erhöhen und die gesamte Kosten von 327.735 Kronen zu decken. Der Bau wurde hierauf sofort in Angriff genommen und im Herbste des vorigen Jahres vollendet. Nach erfolgter Uebernahme des Gebäudes durch den Bereinsausschuß bildete nunmehr desfeu Hauptaufgabe, für die vollkommene Einrichtung und Ausrüstung des Institutes Sorge zit tragen, welche Arbeiten erst jetzt beendigt werden konnten. Aber auch in diesem neuen Werke der Humanität spiegelt sich der leidige Widerstreit der verschiedenen Anschauungen unserer Tage. Wohl wird der ernsteste ethische Gedanke nuferer Zeit hochgehalren und Hilfe gespendet, ohne der Rassenfrage Bedeutung beiznmesfeu. Doch auch die moralischen Dogmen von gestern haben Einlaß gefunden und weisen alle jene von der Schwelle der Barmherzigkeit, die ihrer doppelt bedürftig sind. Wohl werden Frauen ohne Unterschied der Konfefsiott aufgenommen, jedoch nur solche, deren Kinder unter staatlicher Sanktion ihr Erdenleben antrelen. Für das einsame Weib aber, das nicht nur für fein physisches, sondern auch für fein psychisches Mntterschaflsempfinden des Arztes bedarf, ist in diesem Heim der legitimen Wöchnerinnen kein Raum. „Vorläufig", sagt eine der Ausfchußdamen, die mit weitem Blick erfaßt hat, daß bei uns das Denken der wohltuenden Menschheit bloß noch eines kleinen Zeitraumes bedarf, um von der Oberfläche des Lebens in feine Tiefen zu dringen und den Mutterschutz ans dieselbe hohe elbische Basis zu stellen, ans der er bereits in Deutschland steht. Mit denselben Mitteln, denselben Opfern wird da dem Ziele einer geistig und körperlich gefunden Generation entgegengefchritten und es tvird gewiß jeder gern nach Kräften spenden wollen, um dem Frauenverein in der schweren Arbeit, diesen Weg gangbar zu macheu, hilfreiche Hand zu bieten. Das neue Wöchnerinnenheim ist eine Sehenswürdigkeit. Umgeben von den knospenden Zweigen einer Baumschule, blickt der rote Ziegelbau mit seinen breiten, blumengeschmückten Fenstern hoffnungsfreudig in den Frühling hinaus. Architekt Sigmund v. O n i t t n e r, den bei der Ausgestaltung seiner Pläne und der hiebei in Betracht gekommenen hygienischen Fragen der Chefarzt des Institutes, Universitätsdozent Doktor Rudolf Temesvary mit Hingebung unterstützte, hat die ihm gestellte Aitfgabe in glänzendster Weise gelöst. Der umsichtige Architekt mußte sich hier wohl mit dem warmfühlenden Menschen vereinigt haben, um selbst die geringfügigsten Details mit so sorgsamer Liebe auszuarbeiten. Das freundliche Aeußere des Baues umschließt ein noch weit freundlicheres Innere. Es hat außer einen hohen Souterrain ein Hochparterre, ein Stockwerk und Mansarden. Im Institute können zu gleicher Zeit 32 und jährlich 600 bis 700 Wöchnerinnen Aufnahme finden. Das Institut steht, was seine Einrichtung aubelaugt, auch in hygienischer Beziehung auf der höchsten Stufe der heutigen medizinischen Wissenschaft und ist mit allen, selbst in den schwersten Fällen nötigen Mitteln und Instrumenten ausgerüstet. Der Pester israelitische Frauenverein, an dessen Spitze Frau Marie H e r z l als Präsidentin, Frau Luise v. N e u - mann und Frau Charlotte Schwarz als Vizepräsidentinnen stehen, hat wie für alle anderen Institute uud Sektionen auch zur unmittelbaren Leitung des neuen Wöchnerinnenheimes eine besondere Sektion entsandt, deren Vorsteherinnen die Damen: Amelie N e u m a u n und Adele Schwa r z, fowie deren Vorsteherin-Stellvertreterinnen die. Damen: Friederike v. Goldberger und Therese P o l l a k sind. An den mit nicht geringer Mühewaltung verbundenen Einrichtnngsarbeiten hat außer den Präsidentinnen uud den Mitgliedern dieser Sektion auch die Kassenvorsteherin Frau Pauline Reinitz in ganz besonders verdienstvoller Weise milgewirkt. Die Weihe dieses Hauses edelster Wohltätigkeit, die am 4. d. M. stattfand, vereinigte die vornehmste Gesellschaft der Hauptstadt uud es ist ein Beweis der Gesiuuuug, welche die jetzt amtierende Regierung erfüllt, daß Ministerpräsident Gras Khue n- Hede r Vary, der infolge einer Unpäßlichkeit tagelang das Zimmer gehütet hatte, trotz des strömenden Regens der Einladung des israelitischen Frauenvereines Folge geleistet und der Feier durch eine kurze Rede ein besonderes Lnstre verlieben hat. Auch Handelsmmister Karl H i e r o n y m i und seine Gemahlin, sowie die Staatssekretäre des Innern Geheimer Rat Emerich I a k a b f s y und Viktor B e z e r e d j befanden sich unter den Festgästeu. Es ist kaum möglich, alle die Sommitäten der Gesellschaft einzeln aufzuzählen, und es seien daher aus der Reihe der Anwesenden ans gut Glück die nachstehend verzeichneten Persönlichkeiten namhaft gemacht: Oberbürgermeister Koloman F ü l e p p, Vizebürgermeister Johann V a ß i l i e v i t s, die Magnatenhausmitglieder Baron Koloman Müller und Baron Alexander H a t v a n y - D e u t s ch, Baron Wilhelm G n t t m a n n, Generaldirektor Adolf v. U l l 111 a n n. Hosrat M. L. Brei tu er, die Professoren Dr. Gustav Dirn er und Dr. Johann B a r o n, Julius v. Enge l, Stadtrepräsentant Dr. Samuel B r o d y, die Mitglieder des«Rabbinales Doktor Jlles Adle r, Dr. Simon H e v e s s y und Dr. Julius Fischer, der reformierte Geistliche Alexius Petri u. s. w. Als Vertreter des Landesbnndes der Patronagevereine waren Ministerialrat Julius R i ck l und Dr. Daniel Horvath, als Vertreter des Israelitischen Palronagevereines Präsident Franz S z e k e l y und Koloman Barlos, von der reformierten Gemeinde Richard B i b e r a u e r. vom Israelitischen Handwerksverein der Präsident Dr. Adolf K o h n e r, von der Chewra Kadischa der Präsident Julius W i n t e r b e r g und das Vorstandsmitglied Dr. Wilhelm G r a u e r. vom Verein für Mutterschutz Dr. Joses S e n n y e y, vom Landeskinderschntzverein Dr. Koloman B a k o n y i und vom Klotilde-Kinderasyl Franz K a l l a y gekommen. Der Stifter hatte sich durch seine Abwesenheit von der Feier aller Ovationen entzogen, doch waren seine Söhne und Töchter zur Feier erschienen. Die Damen vom Vorstande und Ausschüsse des Israelitischen Frauenvereines waren unter Führung der Präsidentin Frau Anton H e r z l fast in voller Zahl erschienen und machten, so gut es der enge Nanm zuließ, den ankommenden Gästen die Honneurs. Wenige Minuten nach der Ankunft des Ministerpräsidenten nahm die Feier, wie es dem edlen Anlasse entspricht,, in schlichter Art ihren Anfang. Die Vorsteherin des Wöchnerinnenheims Frau Witwe Dr. Armin Neu m a n n richtete an die Versammlung eine kurze Rede, in der die soziale Bedeutung der großartigen Stiftung des Herrn Manfred v. Weiß betont und in stimmungsvoller Art der Urheberin des Gedankens, der dahingeschiedenen Frau, deren Namen die Stiftung für immerwährende Zeiten trägt, gedacht wurde. Es wurde von einem Funktionär die Geschichte des Baues sodann erzählt und wiederholt der Opferbereitschaft des Stifters gedacht. Unter allgemeiner Aufmerksamkeit ergriff sodann Ministerpräsident Gras Khuen-Hedervary das Wort, um zunächst im Namen der Regierung dem Stifter und dem Israelitischen Frauenverein den innigsten Dank auszusprechen und die Versicherung zu geben, daß die humanitäre Tätigkeit beider nicht nurdie volle Anerkennung der Gesellschaft verdiene, sondern ungeteilt auch jener der Regierung begegne. Der Ministerpräsident sprach sodann in eindringlichen Worten von der Notwendigkeit derartiger sozialer Institutionen und er, als der derzeitige oberste Hüter aller ähnlichen werktätigen Betätigungen des Gemeinsinnes, werde-es an der nötigen Förderung nicht fehlen lassen. Zugleich gab der Chef der Regierung der Hoffnung Ausdruck, daß die hochherzige Stiftung des Herrn Manfred v. Weiß beispielgebend ans die Gesellschaft wirken werde und daß weitere ähnliche Institutionen erstehen mögen. Die Worte des Ministerpräsidenten wurden von der Versammlung mit lebhaften Eljenrufen akklamiert. Vizebürgermeister Johann V a ß i l i e v i t s erbot dem Stifter und dem israelitischen Frauenvereine den Dank der KW