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Die Wahrheit · 1910-04-08 · Heft 15 (8.4.1910) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 15 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 15. der Initiative des Gemeinde-Präses Dr. Tilles wird es seinen Sitz in dem neuen Gemeindehauie erhalten. Die Sammlung umfaßt unter zahlreichen wertvollen Urkunden, Privilegien, Drucken usw. eine Anzahl kunstgewerblicher Gegenstände, die aus dem jüdischen Ritus hervorgegangen sind, so silberne Thoraichilder. Kelche, gewirkte und gestickte Thoravorhänge nsw. aus dem 16. brs 18. Jahrhundert. Unter den Manuskripten ist das wertvollste eine Bibel-Handichrift auf Pergament, die von Peter Lewi um 1300 für den Gememdevorstaud in Regensburg verfertigt und mit Miniaturen reich illuminiert wurde. Die interessanten Miniaturen der sehr gut erhaltenen Bibel, die wohl von den aus Süddeutschland eingewandcrteu Juden nach Polen mitgebrachl wurde, werden demnächst von Professor Marjan Sokoloski in den Berichten der Krakauer Akademie der Wissenschaften publiziert. Berlin. Fräulein Olla Bauer, Tochter des Oberkantors Bauer, die bekannte und beliebte muntere Naive des Neuen Schauspielhauses in Berlin, wurde vom Jnteudanreu Dr. Hagemann für das Hamburger Schauspielhaus auf mehrere Jahre verpflichtet. Berlin. Herr Rabbiner Dr. Stein in Worms ist von seiner Gemeinde, mit Genehmignng des Großherzoglichen Kreisamts, zum Eh renr a b b i n e r ernannt worden. Auch alle jüdischen Vereine, denen Herr Dr. Stein während seiner langen und gesegneten Amtsführung angehört har, voran der Z w e i g v e r e i n der Alliance I s r a e l i r e Universelle in Worms, haben Herrn Dr. Stein zu ihrem Ehrenpräsidenten gewählt. Der Großherzog von Heflen hat dem Rabbiner anläßlich des Abschlusses seiner amtlichen Tätigkeit das Ritterkreuz e r st e r K l a s s e des Verdienstordens Philipps des Großmütigen mit der Krone verliehen. Frankfurt a/M. Folgende bemerkenswerte Mitteilung über die älteste Urkunde über die Sinlflut entnehuien wir der „Frankfurter Zeitung": „Prost Dr. Herm. B. H i l p r e ch r, der bekannte Assyriologe und Semitist der Universitär Philadelphia, der eine babylonische Darstellung der Sintflut gefunden hat, macht über die Einzelheiten seines Fundes einige nähere Mitteilungen. In etwa acht Tagen, so berichtet er, wird aus seiner Feder eine (von der Universitär von Pennsylvania herausgegebene) Arbeit in englischer Sprache unter dem Titel „Die älteste Urkunde der Sintflntgeschichte und die Tempelbibliothek in Nippur" erscheinen. Er verössenrlichr in diesem Werke ein altbabylonisches Tontafel- Fragmenr. enthaltend die Sintflntgeschichte, das von ihm im Jahre 1900 in den Ruinen von Nippur in Zeutralbabylonien entdeckt wurde. Die Sinlflutgeschichle stammt aus der Zeit um 2100 v. Chr.. war also verfaßt, ehe Abraham von einer babylonischen Heimat „Ur aus Chaldäa" «1. Mos. 11, 31) auswanderte; sie ist also das älteste Dokument dieser Art, das wir besitzen, und stimmt m allen wesentlichen Einzelheiten mit den biblischen Berichten überein. Rom. Das neugebildete Kabinett zählt 3 jüdische Minister, die wohl sämtliche schon früher wiederholt Gelegenheit hatten, dem Vaterlande ausgezeichnete Dienste zu leisten. Außer dem Ministerpräsidenten Luigi Luzzatti, der einer venezianischen jüdischen Patrizierfamilie entstammt, wurde T e d e s c o Finanzminister und B a r z i l a i Gesandter in Peking. Petersburg. Aus dem hier tagenden sechsten Adelskongreß ist der russische Adel ausgesordert worden, einen neuen grandiosen Judenpogrom zu veranstalten. Der Berichterstatter in der Judenfrage, Pantschulidsew, schlug vor, zum Schutze des russischen Staatswesens sollen die Inden von der Wehrpflicht ausgeschlossen und ihnen der Eintritt als Freiwillige ins Heer verboten werden. Man solle ihnen den Besuch sämtlicher Hochschulen untersagen, Inden, auch getaufte, von den Semstwoversammlungen ausschließen, aus den Stadrämtern entfernen, nie als Geschworene verwenden, ihnen die Advokatur verschließen u. s. w. Alle diese Vorschläge wurden mit der größten Begeisterung ausgenommen. Moskau. Die Massenausweisung aus den verschiedensten Orten Rußlands haben ungeheure Dimensionen angenommen. Auf Grund des letzten Zirkulars des Ministers des Innern wurde 1200 jüdischen Familien in Kiew das Wohnrecht entzogen. Die Behörde geht in keinem einzigen Falle ans Konzessionen ein. Sämtliche des Wohnrechts beraubten Familien mußten sich schriftlich verpflichten, bis zum 15. April die Stadt zu verlassen. Dieser Tage verfügte der Senat entgegen aller üblichen Praxis, daß den jüdischen Schülern des Moskauer Konservatoriums kein Wohnrecht in Moskau znstehe. Aber auch dort, wo die Juden auf Grnnd der bestehendeu Gesetze und Verfügungen unbestreitbares Wohnrecht haben, findet man Mittel und Wege, die Inden zum Exodus zu zwingen. Eine große erfinderische Gabe zeigt hierin der Polizeikommissär des Kreises A ck e rm a u n, Gouvernement Bessarabien. Er legte Bauern ein angebliches geheimes Rundschreiben Stolypins vor, das die Bauerngemeinden auffordert, in aller Form Beschlüsse über die Ausweisung der Juden zu fassen, die von Gesetzes wegen in den Dörfern wohnen dürfen. Solche „Gemeinde- Urteile" gelten als hinreichender Grund, um über jedes beliebige Gemeindemitglied die Ausweisung zu verhängen. Unter dem Drucke der Polizei werden nun dahingehende Gemeindebeschlüsse gefaßt, die durch verschiedene erdichtete Umstände begründet werden. Auf diese Weise wird die Grundlage geschaffen für eine Massenausweisung von Inden, die auf dem Lande geboren wurden und dort ihr ganzes Leben zubrachten. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die plötzlich verhängte Ausweisung für diese Leute den vollständigen wirtschaftlichen Ruin bedeutet. London. Der drille jüdische Minister wurde für das neue Kabinett vergangene Woche vom König ernannt. Vor kurzer Zeit wurde Herbert Samuel zum Postmaster-General ernannt, ihm folgte bald darauf Edwin S. Montag» (2. Sohn von Lord Swaithling) als Under- Secretary of State for Jndia und nun ist zn diesen Rufus I s a a c s als Solicitor-General gekommen. Bei den Wahlen für den „London County council" siegten 11 jüdische Kandidaten, darunter Miß Nettie Adler, d ie Tochter des Chiefrabbi. Aufruf. Vom Humanitären Geselligkeitsverein „Wohltätige jüdische Jugend^ werden wir um Veröffentlichung nachstehenden Aufrufes ersucht: An unsere Glaubensgenossen! Die Notlage der jüdischen Bevölkerung Wiens, des vermeintlichen Eldorados aller jener, die erwerbs- und mittellos in der Großstadt das ersehnte Glück zn finden hoffen, ninimt von Tag zu Tag erschreckendere Dimensionen an. Die politischen Verhältnisse sind es ebenso wie die wirtschaftlichen, die diese traurige Erscheinung gezeitigt haben. Auf der einen Seite nationale und konfessionelle Unduldsamkeit, die in der Aufstachelung böswilliger Gehässigkeit ihre höchsten Triumphe feiert, auf der andern Seite mehr als krisenhafte Zustände im Erwerbs- und Wirtschaftsleben: und mitten drinnen, von allen Seiten gehetzt und unterdrückt, unsere armen Glaubensgenossen die einerseits allein schon ihre Zugehörigkeit zum Jndenlum und andererseits wohl auch des öfteren der Mangel der notwendigen Kenntnisse und Erfahrungen in dem schweren Kampfe ums tägliche Brot weit hinter alle anderen Mitkoilkurreuten zurückdrängt und geradezu zwingt, mildtätige Hilfe zur Befriedigung ihrer — wenn auch eingeschränktesten — Lebensbedürfnisse in Anspruch zu nehmen. Allenthalben haben sich Männer im Judentum gefunden, die im innigen Vereine mit Gleichgesinuten unter Aufbietung aller Kräfte zur Linderung des traurigen Loses unserer Brüder beizntragen versuchen, was sie vermögen. Auch mir — die Jugend — wollen da nicht znrückbleibeu und nns voll und ganz in den Dienst der guten Sache stellen. Nur wollen wir es ans einem eigenen Wege run. Wir Jungen meinen — vielleicht gerade deshalb, weil körperliche Stärke das erste Attribut der Jugend ist — daß die physische Kraft es ist, welche die moralische, den Mut und die Ausdauer zu dem tagtäglich wachsenden Kampfe ums Dasein erweckt. Ein Mensch, den Hunger peinigt und quält, ist von vorneherein unfähig, auf sich selbst gestellt und durch sich selbst dem Leben abzuringen. was er benötigt. Deshalb soll es nicht die gewöhnliche Art der Unterstützung sein, die wir uns zum Ziele gesetzt haben. Wir wollen nnseren armen Glanbensgenossen nicht ein bettelhaftes Almosen in die Hand drucken und denken, damit wäre genug geschehen. Wir wollen anderes, mehr und besseres. Wir wollen ihnen sagen, wie es unsere Altvorderen getan: „Lol dichfin jese wejechaul!" Ihr alle, die Euch der Hunger quält, tretet ein bei uns, setzt Euch an unfern Tisch und labet Euch an Speis' mid Trank. Erst wenn Ihr Euch gesättigt und gestärkt, könnt Ihr den Kampf beginnen. Um auf diese Weise zu wirken, haben tvir einen Verein unter dem Namen : „W o h l t ä t i g e jüdische Jugend" ins Leben gerufen, der es sich eben zur Aufgabe stellt, Hilfe dadurch zn bringen, daß wir unsere bedürftigen Brüder durch unentgeltliche Verabreichung von ritueller Mirtagsuud Abendkost wenigstens vor der schwersten Sorge, der Sorge um die Mittel zur Stillung des Hungers bewahren, solange sie es selbst nicht vermögen. Das Ziel, das wir nns gesteckt haben, ist ein hohes und segensreiches. Es erfordert aber auch einen nicht geringen Aufwand an pekuniärer Kraft. Wir wenden uns daher an die breite jüdische Oeffentlichkeit, an alle Juden ohne Unterschied der politischen Parteistellung mit der herzinnigen Bitte, uns tatkräftige Unterstützung in unseren Bestrebungen angedeihen zu lassen. Wir rufen alle auf zum Beistand und zur Hilfe für unsere Brüder, die auch die ihren sind. Ein jeder trage bei, soweit er es vermag. Jede noch so bescheidene Gabe fördert unser Werk. Hoffnungsvoll wollen wir in die Zukunft blicken, vertrauend aus unsere beste und altbewährte Werbekraft: das warm fühlen de jüdische Herz wird für uns und u n s e r e A r m e n sprechen! Der Vorstand des humanitären Geselligkeitsvereines „W o h l t ä t i g e jüdische Jugend" Wien, H., Untere Augartenstraße 10. Die Vorstände der mitgesertigten Vereine begrüßen freudigst die Bestrebungen der Jugend zum Wohle unserer armen Glaubensgenossen und bitten iunigst, durch ausgiebige Unterstützung des Vereines „Wohltätige jüdische Jugend" dazu beizntragen, daß er unser gemeinsames Ziel auf dem von ihm neu erschlossenen Wege erreiche. Lese- und R e d e h a ll e jüdischer H o ch schül er in Wien. Verein der T a r n o w e r in Wien. E r st e r Leopold st ädter i s r a e l. Handwerker- Verein in Wien. Austritte uns dem Judentum. Durst Martha, Private, geb. 19. Oktober 1887 in Graz, IV., Gußhansgaffe 22. S p i e w e k Moses, Artist, geb. 16. August 1879 in Odessa. II., Taborstraße 18. Ernst Czerwenka, Private, geb. 23. Jnli 1856 in Wien II., Adambergergasse 1. Wohlmuth Josefa, Artistin, geb. 16. Juni 1883 in Wien, H., Praterstraße 52, Hotel Austria. ©littmann Armin. Beamter, geb. 3. Juli 1859 in Hidas-Nemeti. III-, Heßgasse 8. S n l z e r Sofie, Verkäuferin, geb. 8. April 1879 in Linz, IX., Müllnergasse 16. Forstli Valerie, Private, geb. 26. März 1881 in Wien, H., Leopoldsgasse 9.

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