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Die Wahrheit · 1910-04-08 · Heft 15 (8.4.1910) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 15 (8.4.1910)
Date
1910-04-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15. Oesterr.-nngar. Kantoren-Zeitung Seite 9. Im Znteresse der Erhaltung des Fachblattes werden die geehrten Herren Kantoren nur Einsendung des Abonnements dringend ersucht. Gin Knntorenlag in Krag. A u d i e geehrten Fach g eu o ssen in Prag und Bvh m e n! „Fallen sehe ich Zweig ans Zweig." sv könnte inan mit Grillparzers Zitat ans einem seiner Dramen ansrusen, wenn man, znrückbllckend ans den einst so hoffnungsreichen Stamm der österreichisch-ungarischen Kautorenvereinignng mit der heutigen Tren- und Teilnahmslosigkeit in unseren Kreisen vergleicht. Damals war ails dem ersten Wiener Kautorentag Böhmen stark vertreten und in dem Fachorgan sand man Artikel, die immer aus dem Böhmerland Interessantes und Belehrendes brachten. Im Lause der Jahre ist es in dem grossen Sängerwalde immer lichter geworden; jedoch lichter im üblen Sinne. Biele, welche sich früher angespornt und angeregt suhlten, etwas zu bieten und zu leisten, haben sich teils ans Kommodität, weil sie eben älter und müder wurden, zurückgezogen, andere wieder sind durch eigene Verhältnisse in Gemeinde und Familie mistmutig geworden .... Wer kann sie alle erwägen und ermessen die Wendungen, die das Schicksal der Menschen vollbringt?- Wir wissen, daß das Präsidium es an nichts sehlen liest, um, wo eine - Gelegenheit ihr erschien, zur Hebung unseres Standes einzntreten. Wie von Gestrüpp zu Gestrüpp nutßte dasselbe die Bahn frei machen, um alle Hindernisse, die sich den Kantoren entgegenstellteu, zu beseitigen. Und so geschah es. daß im Laufe fast dreier Jahrzehnte die Kollegenschaar mehrmals nach dem Sitze des Vereines nach Wien berufen wurde. Allein für viele Kollegen, namentlich ans Nordböhmen, war die Entfernung von der Residenz zu groß. Nicht jeder konnte sich, bei allem alterkannten Eifer und Enthusiasmus, das bieten und in so große Kosten sich stürzen, ohne es seiner eigenen Familie zu entziehen. . . Während meines jüngsten Aufenthaltes in Wien, den ich auch benützte, meine lieben Kollegen daselbst zu besuchen, kam es auch, im Gedankenaustausch mit den hochgeehrten Herrn Kollegen kais. Rat Oberkantor Singer, dem Präsidenten und Oberkantor Baue r, dem Vizepräsidenten des Kantorenvereines, zur Sprache, wie unserer Vereinigung nach jeder Richtung zu helfen wäre, und da meinte ich. daß versitchsweise ein einmaliger Kantorentag in Prag für alle Kantoren Oesterreichs einzubernsen wäre. Die beiden Kollegen nahmen diesen Gedanken sofort frendigst aus und versprachen, daß sie, sobald sich die Prager Kollegen dafür interessieren würden, nicht abgeneigt wären, nach Prag zu kommen itnd auch andere würden sich ihnen gewiß auschließen. Ich gab meiner Freude über diese Zusage unverhohlen Ausdruck, und sagte, daß ich der Versicherung lebe, daß die Kollegenschaft in Böhmen, namentlich aber unsere Prager Freunde, diesen Plan mit nicht minderem Vergnügen akzeptieren würden. Es lväre also zu wünschen, daß dieselben in unserem Fachblatt ihre Meinung äitstern, eventuell ihre Zustimmung geben, daß im Jahre 1910 ein Kantorentag in Prag abgehalten werde. Jungbunzlau, im April 1910. Benedikl Singer. schreibt in seinem Werke „Amnde Schesch": Ferner habe ich mich über die Kantoren zu beklagen, daß sie ihren Gesang lang hinziehen. Sie gestehen selbst, daß sie unterdessen gar keine Andacht haben, die meisten wollen damit bloß den Beifall der Menge erwecken und sprechen nicht einmal die Worte deutlich aus, Auch R. Jakob b. Abraham Halevi Horwiz, der im 17. Jahrhundert gelebt hat, führt in seinem „Testament" Klage über den gedehnten Gesang, mir welchem die Kantoren an Sabbaten und Feiertagen oft gerade die heiligsten Stellen des Gebetes vortragen. „Sie ziehen die Worte und Buchstaben über die Maßen, so daß der Zusammenhang verloren geht, die Andacht schwindet und Geschwätz entsteht." In seinem im Jahre 1708 zu Frauksurr a. M. erschienenen „Reschith Bikknrim", bemerkt R. CH an och Henoch, Rabbiner in Schnaittach. über den Gottesdienst seiner Zeit: Der Gottesdienst leidet durch Verschulden des Kantors in folgenden Füllen: g.) wenn derselbe feilt Thoragelehrter und der Gebetvrdnuug unkundig ist. t>) durch hastigen, unverständlichen Vortrag, c) dadurch. daß er sich mit beiden Händen ans den Pult stützt, ct) oder dieselben, die er verschlungen halten sollte, an dle Kinnbacken, die Schläfe und den Kehlkopf legt, e) dadurch, daß er an den > heiligsten Stellen Sprachwidriges und Unverständliches singt, wie! da, da, la, la. ra ra und dergl., er zerreißt die Worte und den! Zusammenhang itnd stört mit seinem verkehrten Gesang die Andacht bei den Hauptgebeten. An Feiertagen, am Neujahr und Versöhnungstage geht es so mit dem ganzen Gebete, besonders bei Omans, Olenn und Anchiloh. Das letztere ist nur eine Einlei- . lnng und Erweckung für Malchioth, Sichronolh und Schosroth i und für die Abodah am Veriöhnnngstage, aber der Kantor ver-! weilt dabei mit seinem Singsang, während er die Pijutim zu j diesen Hanptgebeten so eilig hersagr, daß ihn kein Reiter eini holen kann. Daraus kann man ans den Vortrag des Kantors! während der übrigen Zeit des Jahres den Schluß ziehen, daß! es ihm bei demselbeit bloß darum zu um ist. sich hören zu lassen, daß er aber mitunter nicht eine Spur von Andacht besitzt. Dazu ' kommt, daß gewisse Stücke mit nichljüdischen Melodien vorge-! tragen, sowie daß beim Seelengedächtnis im Kaddischgebet alle Melodien zitsammengenommen werden, um die Zuhörer zu erheitern, wodurch aber die Andacht znm Gelächter und Gespülte wird. In seinem Werke „Wawe Ha-Amudim" schreibt R. Schestel Horwiz, der im 17. Jahrhundert gelebt hat, n. a. folgendes:; Als ich Oberrabbiner und Schulrektor in Frankfurt war, schuf ich für alle Stndienvereine daselbst die wichtige Einrichtung, daß! sie die Gebete des ganzen Jahreszyklns, sowie die Pijntim und j Selichot lernen und wenigstens das Wortverstäuduis sich an-! eignen sollten. Wohl dem, der die Gebete gelänsig versteht, was ' er nicht von selber kann, der dinge sich einen Lehrer, der mit; ihm den Siddnr, die Jozerot und Selichot dnrchnimmt, damit! er andächtig beten kann. Dies gilt in noch höherem Grade für! die Kantoren, welche die Gemeinde vor Gott vertreten. Sie j müssen gewiß verstehen, was sie beten, und sie sollen ihre Aui dacht ans die Worte richten, die sie anssprechen, nicht aus die! Melodien, wie ich dergleichen Unfug leider sehe. Heil dem Zeit-! alter, das keine anderen Kantoren annehmbar findet, als solche, j welche die von den Alten vorgeschriebenen Eigenschaften besitzen, insbesondere das Verständnis der Gebete nnd was dazu gehört. Die Kantoren bei den ältesten jüdische» Schriftstellern. In seinem überaus lesenswerten Buche „Quellenschriften zur Geschichte des Unterrichts nnd der Erziehung bei den deutschen Inden" hat Oberrabbiner Dr. Güdemann unter anderem auch eine Reihe von Ansichtell älterer Gelehrter über die Tätigkeit der Kantoren ihrer Zeit zusammengestellt. Es dürfte gewiß die Leser dieses Blattes interessieren, diese Ansichten kennen zu lernen, da das genannte Werk wohl nur den wenigsten von ihnen zugänglich sein dürfte. R. Salomon Ephraim aus Len eye, der in Jaroslaw, Lemberg nnd Prag, wo er im Jahre 1619 starb, gewirkt hat, Kollegiale Zusammenkünfte. Zur Hebung der Geselligkeit unter den Kollegen und um den Gedankenaustausch in aktuellen Standes- und Fachfragen anzuregen, hat der Vorstand des österr.-ungar. Kantoren-Vereines in seiner letzten Sitzung beschlossen, die Wiener Kollegenschaft allwöchentlich für Dienstag. 3 Uhr nachmittags zu einer zwanglosen Zusammenkunft im Cafs Maendel, Ü.. Praterstraße 33, I. Stock, einzuladen. Die erste Zusammenkunft findet Dienstag, den 12. April statt. Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. Wien, II., Circnsgasse 47. Ordination von 9—6. Telephon 18390.

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