Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 15 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 15. Uebersetzuug zn benutzen. — Sie lassen also den Jndengott sein Volk beim Auszug aus Aegypten auffordern, fremdes Eigentum listig an sich zn bringen (56). Diese Beschuldigung gründet sich auf Exodus 11,2 und 12, 35, 36. Während nun Luther erstere Stelle richtig wiedergibt: So sage nun vor dem Volk, daß ein jeglicher von seinem Nächsten und eine jegliche von ihrer Nächstin silberne und goldene Gesäße fordern, — gibt er letztere Stelle falsch wieder: dazu hatte der Herr dem Volke Gnade gegeben vor den Aegyptern, daß sie ihnen leiheten. Kautzsch dagegen übersetzt richtig: so daß sie ihnen willfahrten*) (ihre Bitte gewährten)! Also um Geschenke handelt es sich, die sich die Israeliten von ihren befreundeten Aegyptern erbaten. Wo steckt da die List? Genau so viel Halt haben alle anderen schönen Eigenschaften, die Sie dem „Judengott" andichten. Der Gott der Juden ist der Gott des Weltalls, der Inbegriff der höchsten Sittlichkeit, der Liebe und der Gerechtigkeit. Wer das Gegenteil behauptet, ist entweder ein Lügner oder ein Ignorant. Es kommt ganz aus Sie an, Herr Professor, was Sie lieber sein wollen. Wenn man den Juden manche Untugenden nachsagen mnß, faul sind sie nie gewesen. Die Arbeit, die nützliche Tätigkeit stand bei ihnen immer in Ehren. Selbst der erste Mensch im Paradiese mußte den Garten bearbeiten und bewachen (Gen. 2.15). Nur daß die Arbeit in einem Paradiese natürlich angenehmer war als in einem Felde, das von Dornen und Gestrüpp überwuchert war. Der Fluch nach dem Süudenfalle bezog sich also auf die Erschwerung der Arbeit, nicht aber aus die Arbeit selbst, die im Judeutum immer als Segen galt uud iu hohen Ehren stand. Sie aber. Herr Professor, wissen es anders. Sie behaupten, daß bei den Inden die Arbeit als ein Fluch anfgesaßt wurde, während dem höher entwickelten Leben die Arbeit als ein Segen und als sittlich erhebende Forderung erscheine (54, 55). Das schämen Sie sich nicht zn schreiben, obwohl Sie selbst später (231) schreiben, daß das griechisch-römische Altertum von der Arbeit als Pflicht und Recht nichts wußte! Den Ariern lügt matt eben Laster w e g, den Juden aber lügt man Laster an — das ist antisemitische Moral! Wenn Jesus, der Gott der Arier, die Nichtjnden — Hunde nennt und sich erst nach langem Bitten herbeiläßt, einer nichtjüdischen Frau Gehör zn schenken (Matlh. 15, 22—26), so ist seine Sittenlehre unübertrefflich. Wenn aber Abraham für die heidnischen, sündhaften Sodomiten lange um Schonung bittet, so — „s chachert er in echt jüdischer Weise mit seinem Gott um die Zahl der Seelen der Geretteten!" — Nicht wahr, Herr Professor, diesen schön stilisierten Uusiun haben Sie (168) geschrieben! 0, das Schachern hat es Ihnen besonders angetan! Selbst der wunderbare Dialog im Buche Hiob, dieser großartigen Dichtung, die ein Ernst Renan „eines der erstaunlichsten Dokumente, die uns die Vergangenheit des Menschengeistes hinterlassen hat" nannte, selbst dieses Wunderwerk erscheint Ihnen „dem Schachern der Juden bei einem Handel vergleichbar" (60). 0, Sie Tngendapostel! Ist denn das Schachern gar so schrecklich? Hat nicht die ganze Welt das Schachern von den Juden gelernt? Wer schachert heutzutage nicht? Etwa die arischen Parlamente, die arischen Minister, oder gar ihre Könige und Fürsten? Aber tut nichts, der Jude wird verbrannt! Aber da der Jude in Znaim doch nicht verbrannt wurde, sondern Ihrem Intellekt und Ihrer Sittlichkeit ein Licht ansgesteckt hat, so werden Sie wohl oder übel in Ihrem Kämmerlein seufzen: 8i tacuissem! 0, hätte ich doch dieses unheilvolle Buch nicht geschrieben! — Kaiser Kran; Iosepys-Ferieuheim. Bon Jakob Fiugermanu. Es ist eine eigene Sache um die Mildtätigkeit, und ihre Wirkung ist ebenso verschieden, wie die Art, in der sie ansgeübt *) Leider müssen wir konstatieren, daß auch Z n n z die ungeheuerliche falsche Uebersetzuug hat: und sie liehen ihnen, obwohl schon R. Samuel ben Meier (Raschbam) zur Stelle ausdrücklich sagt, daß es sich um.Geschenke handelt! Ein Beweis mehr, wie notwendig wir eine neue Bibelübersetzung brauchen. — wird. Ich erinnere nur an die beträchtlichen Summen, die alljährlich verwendet werden, um zweifelhafte Arme, notorische Bettler, professionelle Schmarotzer zu unterstütz.n. Diese dem guten jüdischen Herzen entspringende Mildtätigkeit mag wohl dem einzelnen Individuum zugute kommen, ihrer Gesamtwirknng nach steht sie jedoch in keinem Verhältnis zur Größe der angewandten Mittel. Umso freudiger ergreife ich die Gelegenheit, von der Tätigkeit eines Institutes zn sprechen, dessen tiefe Menschlichkeit warmes Interesse verdient. Sein offizieller Titel lautet: „Kaiser Franz Josephs-Ferienheim" es ist ein Verein edler Frauen, die ihre ganze hilfreiche Kraft den Kindern der Armut widmen. Wien ist eine große, große Stadt! Aber größer und schreiender ist das Elend, welches die steinernen Mauern beherbergen, uub wenn man die engen Gassen des jüdischen Viertels durchwandert, legt sich das stumme Grauen um die Kehle . . . Gebrochene Männer, vergrämte Frauen und Kinder. . . Ich sühle, wie der brennende Schmerz in meine Augen steigt, wenn ich der Kinder gedenke; denn sie sind wie geknickte Blumen! Das Leid bedeckt ihre Züge, die Not krümmt ihren jungen Leib, in ihren Augen liegt einige Finsternis. Wer da helfen könnte! Wer da eingreifen könnte mit Macht und Erbarmen! Sie müßten anfblühen gleich jungen Pflanzen, ein bischen Licht würde ihr dunkles Leben erlettchten, sie würden Kräfte schöpfen und Hoffnung trinken . . . Als Gott die Erde schuf, gab er dem Manne Kraft. Wille nnd den Blick in die Weite. Und Er, der Gütige, schenkte den Frauen ein Herz — ein großes, aufopferndes, mütterliches Herz! Wenn der Sommer kommt, geht ein Zittern durch die Luft und ein versprengter Hauch von Blnmendnft. Doch das gähnende Dunkel krallt sich fester um die grauen Mauern; eindringlicher summt das qualvolle Seufzen. Und eines Tages — o, wonnevoller Tag — verläßt ein Zug mit Jndenkindern den . Bahnhof. Große, erstaunte Augen durchspähen das Grün: ist's Wahrheit? Das schöne, lachende Leben lunfängt sie mit weichen Armen, die Sonne küßt ihre bleichen Lippen, sie röten sich allmählich, das Blut steigt iu die Wangen und eine Ahnung unfaßlichen Glückes durchzittert die Herzen dieser Kinder des Wiener Ghettos. Wenn das dankbare Lächeln eines Kindes ein Segen ist, dann sind sie tausendfach gesegnet, die gütigen Frauen vom ..Ferienheim." Kiberale Aenßerimgen hervorragender rabbinischer Autoritäten in Polen in früheren Jahrhunderten. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Schluß.) Hingegen aber wurde dem Judentume durch die Auflösung der jüdischen Volksschulen, wie durch das Schwinden der Talmudschnlen „Jeschibot". die noch vor einem halben Jahrhundert iu den meisten größeren Gemeinden Ungarns, Mährens re. prosperierten, der Todesstoß versetzt. Als vor ungefähr sechs Dezennien die Morgenröte der Freiheit zn dämmern begonnen, haben die reichbegüterten Machthaber in den Gemeinden vor allem die Parole ansgegeben: „Jeder Separatismus schadet dem Judentume. wir müssen daher uns bestreben mit unseren uichtjüdischen Mitbrüdern, um deren Gunst uns erwerben zu können, zu assimilieren. Unsere Kinder müssen schon frühzeitig sich mir den Kindern anderer Konfessionen befreunden, damit jedes Vorurteil, überhaupt der Judenhaß aus den Kreisen unserer nichtjüdischen Mitbürger schwinde". Diese Assimilation kann nur in der gemeinsamen Schule gefördert werden, daher bleibt nichts anderes übrig, als unsere konfessionellen Schulen aufzulösen nnd die Kinder iu die allgemeine Volksschule zn schicken".' In den großen Städten, wo sich neue jüdische Gemeinden bildeten, hatten jene Assimilanten ein leichtes Spiel. Die Nenangesiedelten waren glücklich, daß es ihnen überhaupt gestattet war, sich da, wo Jahrhunderte lang keine Juden wohnen dursten, eine neue Heimat zu gründen, daher fügten sie sich bereitwilligst den Anordnungen der Machthaber.