Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 15 (8.4.1910)
- Date
- 1910-04-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: Wien, H/, Novaragasse 27 Telephon : Redaktion 5107/VII1. Anakhängige Aertschnfi für Mische! Gerugspreis:!! 1!■ Olanzjähriq.K 14.— : Halbjährig.>< 7.— Administrativ» 4938/11, K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konro Nr. 1000.918. Interessen. Für Dilmsbeauite: j JnJ'cratc: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Ir eilag. Für Ausland: Abonnementsn»d Jnserlions- Oiaustahrig.8 Mark! betrüge sind in Wie» zahlbar n»d klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" 6 Rubel oder >6 FrcS. Nr. 15. Wien. 8. April am Inhalt: Offen kr Brief. — Kaiser Franz Josephs-Ferienheim. — Liberale Aenßernngen. — Die Fortpflanzung von Fehlern. — Literatur. — Verschiedene Nachrichten. — Ansruf. — Austritte. — gilt Kanwrentag itt Prag. — Die Kantoren bei den ältesten südlichen Schriftstellern. Die geehrten Kerren Aöonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. April 1910 begonnene 2. Huartal ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Mattes keine Unterbrechung erleide. Offener Kries au Her rn Professor Julius H e u r i c i in Heidelberg. Bon Dr. I. Kahan, Znaim. Herr Professor! Sie haben ein umfangreiches Blich geschrieben*), um darzutnu, daß es eine Dummheit sei, an Gott zu glauben. Sie wissen wohl, daß Sie darin nicht der erste sind, und ich hoffe, baß Sie ailch nicht der letzte bleiben werden. Es läge somit kein besonderer Grnnd vor, sich mit Ihnen zu befassen, zumal da Sie einen Stil schreiben, der nicht gerade geeignet ist, viele Leser anzulocken. Um nur ein paar Beispiele anzrtsi'lhren, schreiben Sie von einem B a u g r n n d, auf dem eine S ch ö p f u ir g aufwachsen konnte (S. 243), ohne zu bedenken, daß ans einem Bang r u n d nichts zu wachsen pffegt. und eine S cb ö p fu n g schon gar nicht! — Sie sprechen von einem Andachrsbuch für unsere Weltanschauung (297), ohite ilus das Geheimnis zu erraten, wie eine Weltanschauung ein Andachtsbuch gebrauchen kann, ohne sich ihrer Anhänge r zil bedienen! — Bei Ihnen fällt ein Zeitalter mit einer tieferen Erkenntnis zusammen (ib.), nur wissen wir nicht, wer sich dabei den Schädel eingerannt hat. — Nach diesen Proben werden Sie mir wohl glauben, daß es mich einige Ueberwindung gekostet hat, Ihr Buch zu Ende zu lesen. Aber der Unmut über den verlogenen Antisemitismus, der sich bei Ihnen breitmacht, trotzdem Sie so entzückt sind vom Goetheschen Wort: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! — der Unmut über die Vergiftung der deutschen Seele dllrch scheinbare Gelehrsamkeit ließ mich ausharren, um Ihr Gift, das Sie so reichlich verspritzt, nach Kräften unschädlich zu machen, wenn ich auch kaum hoffen darf, daß Sie selbst sich noch vor der Wahrheit beugen und sich eines Besserett belehren lassen werden. Der Antisemitismus hat Sie ja so blind gemacht, daß Sie bei den Inden selbst das in den Staub ziehen, was Sie bei anderen loben. Während die reformierte Kirche die W a h r - *) Vom Geisterglauben zur Geistesfreiheit, München 1910. Verlag von Ernst Reinhardt. heit erkannt hat, wenn sie Gott nicht in Bildwerken verehren wollte (282). so ist es bei den Jndett — Mangel an Kunstsinn (54)! Daß in Denteronvmintn Cap. 4 dte Bildlosigken Gottes so wunderbar begründet ist. scheinen Sie nicht zu wissen. Sie schreiben überhaupt über Dinge, von denen Sie keine blasse Ahnung haben — und so wollen Sie die Welt Umstürzen? — „Der Gott der Inden, so fabeln Sie, ist immer der Gott, der das Jndentnm bevorzugt (55)". Woher wissen Sie das? Der Prophet A m o s. der doch den Gott der Juden auch kennen mußte, sagt gerade das Gegenteil: Nur euch kenne ich von allen Geschlechtern der Erde (spricht Gott), d a r n m rverde ich an euch all' eure Sünden ahnden. (3.2)! Eine merkwürdige Bevorzugung das! — Rnd. Kittel schreibt in seiner G e s ch i ch t e des Volkes Israel (Gotha 1909 bei Fr. Andr. Perthes): Mag also immer für die große Menge Jahve nur einer unter allen Göttern, wenn auch vielleicht ein besonders vorzüglicher sein, die führenden Geister wissen jetzt schon (zur Zeit Elias), daß er Herr der ganzen Welt, Gott und Schöpfer Hintmels imb der Erde ist und damit im Grund der einzige und alleinige (S. 427). Welche Borniertheit gehört nun dazu, vou Spinoza zu behaupten, er habe sich von der Enge itnd Beschränktheit eines Volksgotles lvsgesagt (305)! Er habe seinen Jlldengott (sic!) nmgewandelt! Ich bezweifle es sehr, ob Sie auch nur eine Zeile von Spinoza verstanden haben. Sonst könnten Sie nicht schreiben: Ein Lessing, ein Goethe fanden sich zu ihm hingezogen, wenn sie auch auf seine gegen ü a tt d slosen G e d a u k e n s p i n n e r e i e n nicht weiter eingingen (307). Glauben Sie etwa, daß Lessing nnd Goethe, diese größten Heroen des deutschen Volkes, ihre Liebe und Begeisterung ebenso gedankenlos verschwendeten, wie der Heidelberger Professor Henrici seinen Haß? Ich würde mich schämen, die Heroen meines Volkes io beleidigt zu haben. Allerdings ist das Schamgesühl nicht jedermanns Sache, vielleicht auch nicht dte Ihre. Wie könnten Sie sonst schreiben, der Gott der Inden habe Abraham a tt s g e s o r d e r l, seine Frau Sarah in Aegypten den Königen preiszngebeu <55), da doch jedes Schulkind Sie Lügen strafen kann?! Abraham hat wohl atls Aengstlichkeit seine Frau für seine Schwester ansgegebetl, aber Gott hat ihn dazu nicht ausgesordert. Wie schickt sich das für einen Professor, so offenkundig Lügen zu schreiben? Einigermaßen entschuldbar sind Sie bei einem anderen Laster, das Sie dem „Jndengolt" andichten, weil Sie da wohl durch Luthers falsche Uebersetzung dazu gekommen sind, obwohl ein moderner Professor die Pflicht hat, die moderite, berichtigte