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Die Wahrheit · 1910-04-01 · Heft 14 (1.4.1910) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 14 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Die Wahrheit Nr. 14. Seite 8 begeisterte Jude emsehen lernen, daß der moderne, weihe- und würdevolle Chvralgesang der alten „polnischen Gesangsweise" . vorgezogen.:zu werden verdiene. j „Es kann ja aber doch nicht geleugnet weben", so hören wir unsere Hochfrommen ausrufen, „daß seit Einführung des Choralgesanges und des sogenannten geregelten, modernen Gottesdienstes das jüdische, prachtvolle, den Stürmen der Jahrtausende! trotzende Neligionsgebäude in seinen Grundfesten gewaltig erschüttert wurde".. Diese Behauptung beruht auf einem gewaltigen Irrtum. Der geregelte Gottesdienst, wie ihn vor ungefähr 83 Jahren der Meister des Wortes I. N. Mannheimer, und der Meister des Gesanges S. Sulzer in Wien eingeführt haben, hat den Abfall vom Judentum nicht tiur nicht gefördert, sondern ihm vielmehr Einhalt geboten*). In seiner Geschichte der Juden in' Wien (S. 138) schreibt G. Wolf: „Ein nicht geringes j Verdienst Mannheimers oder sagen wir der neuen gottesj dienstlichen Einrichtungen war es, daß den zahlreichen! Uebertritten von seiten der Inden zum Christentnme ei.» j Ziel gesetzt wurde. Das Judentum gewann an Achtung bei j seinen Bekenner» und erwarb sich solche auch' bei Nichtjndeu".; (Fortsetzung folgt.) | Literatur. Heinrich Heines Deziehungeu znm deutschen Mittelalter. Von! Dr. Georg Mücke. Berlin. Alexander Duncker 1909. 166 S. M. 3.80. Nock immer ist der Kamps um Heinrich Heine nicht still geworden. Noch immer wird jede über Heinrich Heine öffentlich geäußerte Meinung zu einer leidenschaftlichen Verteidigung oder zu einer heftigen Anklage. Die * Heine-Llteralnr wächst infolge dessen von Tag zu Tag ins Unglaubliche. ■ Heine — und kein Ende — quantitativ wenn schon nicht qualitativ. Eine; bisher schmerzlich empfundene Lücke wird durch diese sehr fleißig und genaue; Erstlingsarbeir eines jungen hoffnungsvollen Schriftstellers ansgesüllt, eine j Lücke, deren Vorhandensein eigentlich befremdend ist. Es wird gegenüber; den maßlosen Schmähungen Viktor Hehn, Laulhippus (Franz Sandrop), Adolf Bartels u. o. aus Grund eingehendster Analysen und umfassendster; Qnelleuunteriucbnugen dargetan, wieviel Heine der Beschäftigung mit den! altdeutschen Sagen verdankt. Ter mit der wissenschaftlichen und poetischen ' Literatur ungemein vertraute Verfasser weist in seiner gründlichen Untersuchuug überzeugend nach, wie Heine, für das ausgehende Mittelalter ein . größeres Verständnis znznschreiben sei, als sürdie vorangegangenen Perioden." : Von dem reichen Inhalt des Buches („Heines in der Romantik wurzelnde Jugendliebe zum deutschen Mittelalter", „Heine und die Poesie des deutschen Mittelalters", „Heine und die Historie des deutschen Mittelalters" j „das kulturgeschichtliche Milieu im „Rabbi von Bacherach", „Ab-! kehr vom Mittelalter aber Fortbeschäftignng mir seiner Sageii- und Märchenwelt". „Allerlei Märchenstoffe", „Die Volksbücher des Faust und das Hexenwesen, „Die herabgedrückten und verteufelten heidnisch-germani-! schen Gottheiten," „Die griechisch-römischen Götter im deutschen Exil", j „Heines inneres Verhältnis zum deutschen Mittelalter") kann hier leider j nicht mehr angeführt werden. Einige kleine Fehler lassen sich leicht berichtigen. Jedenfalls aber kann die ernste Heine-Forschnng auf dieser Grundlage weiter bauen. Richard Mebold. Was ist Wahrheit? Ein Wort zum Kampfe der Weltanschauungen von Professor Dr. O. Bertling. Verlag I. C. Hinrichs, Leipzig. 3 Mk. Mil großen Erwartungen nimmt man das Buch zur Hmid, um dann bitter enttäuscht zu werden. Bertling will das Wort Tertullians: credo quia absurdum (Ich glaube, weil es widersinnig ist), Lügen strafen, er will das ganze Gebäude der christlichen Dogmen wie ein mathematisches Exempel bewiesen haben und merkt nicht, daß unter seiner Hand das Christentum, wie es ein Tertullian, wie es alle Kirchenväter, wie es das offizielle Christentum achzehnhnndert Jahre verstand, zu einer Seifenblase wird! — *) Mannheimer war trotz seiner fortschrittlichen Gesinnung konservativ und perhorreszierte entschieden jede ans den Umsturz des traditionellen Judentums zielende Reform. Obwohl es damals in der Wiener israelitischen Gemeinde eine, und zwar sehr maßgebende Partei gab, die einen Gottesdienst mit Orgel und deutschen Liedern nach dem Muster des Hamburger Tempels einznsühren beabsichtigte, mußte sie sich aber doch den diesbezüglichen Anordnungen Mannheimers, der um keinen Preis eine Spaltung in der Judenheit Hervorrufen wollte, fügen. Manheimers Streben war ausschließlich dahin gerichtet, einen geregelten, den Ansorderuiigen der Religion, wie dem Geschmacke der Zeit ensprecheuden Gottesdienst einzuführen. Er enfernte bloß die alten, während der laufenden Jahrhunderte des Mittelalters sich eingeschlichenen, jeder religiösen Begründung entbehrenden Mißbräuche aus dem Gotteshause, während er die hebräische Sprache, dieses kräftige Band, das die Glaubensgenossen auf dem ganzen Erdenrunde umschlingt, beibehielt. Die meisterhaften, vom Geiste der Religion durchwehten Reden Mannheimers, wie die wahrhaft entzückenden und erbauenden Choralgesänge des unübertroffenen. Gesangmeisters Sulzer verfehlten nicht, selbst aus streng konservative vorurteilsfreie Juden, die oft den Wiener Tempel zu besuchen pflegten, einen erhebenden Eindruck zu machen. — „Die Existenz Gottes kann nicht bewiesen werden", sagt Kant? Irrtum! Es gibt ja Kräfte in der Welt, es gibt ja intelligente Wesen, folglich gibt es auch eine intelligente Urkraft und diese Urkraft, die noch immer alles Geschehen bewirkt, ist eben — Gott! Ob dieser Urkrüft-Gotr auch alle Unsinnsbeweise bewirkt?. Ueber das Problem der Willensfreiheit philosophiert Bertling sotiefsinnig-naiv, als ob nie ein Schopenhauer so lichtvoll dieses Thema behandelt hätte. Dabei bietet ihm die Kausalität die einzige Schwierigkeit für die Willensfreiheit, während doch die Allwissenheit Gottes-jede Freiheit des Menschen ausschließen muß! Wenn Gott von vornherein wußte, daß Adam die verbotene Frucht essen wird — hatte da Adam die Freiheit, die Frucht nicht, zu effen und so das Wissen Gottes Lügen zu strafen? Aber Bertling hat die Willensfreiheit trotz Schopenhauer sonnenklar bewiesen. Was folgt daraus? Daß Gott nicht wußte, wie sich Adani entscheiden wird. — Darf das ein frommer Theologe zugeben? Mit ein paar Strichen wird die — Geschichtlichkeit der Evangelien bewiesen, iogar das Johannesevangelinm als die zuverlässigste Quelle hingestellt! Armer Bruno Bauer, ärmster David Strauß! Ihr habt für die Katz' geschrieben! Das Köstlichste leistet sich Bertling bei der Umdeutnng der Erbsünde, der Dreieinigkeit, der Auferstehung und noch solcher paar Kleinigkeiten, deren ausführliche Behandlung zu weit führen würde. Wenn das Christentum einer solchen Apologie seinen Fortbestand verdanken will — uns soll es recht sein. Dr. K a h a n, Znann. Verschiedene Nachrichten. Wien. Wie die „Neue Freie Presse" mitteilt, veranstaltet der Bethausvoi stand der Kultnsgemeinde zu Ehren seines Obmannes. Herrn Landesschulrat Dr. Gustav K o h n, der am 30. März seinen 70. Geburtstag beging, Samstag, den 9. April im Tempel in der Seitenstettengasse, einen feierlichen Gottesdienst. Der Empfang der Gratnlationsdeputationen findet Sonntag, den 10. April von 10—1 Uhr mittags in der Wohnung des Jubilars, IX., Hahngasse 25, statt. Dr. Gustav K o h n kehrt am I. April von Abbazia nach Wien zurück. Wien. (B e t h HaINidrasch Tal IN II d Thor a. II., M a l zgasse 16.) Samstag, den 2. April, nachmittags 3 Uhr, findet daselbst ein Vortrag des Herrn Rabbiiiatskaudidaten Bala Fisch e r statt. Thema : „Die Symbolik der jüdischen Opferlehre". Wien. (I ü d i s ch e s T h e a t e r, Regie M. S i e g l e r. II. . Tabor st raße 12.) Freitag, den 1. April: „Tate Maines Zures". S a m st a g, den 2. April: „Das X. Gebot". Ab Sonntage den 3. April: „Der Ger". Dienstag, den 5. April: Benefize- und Ehrenabend des Fräulein Elise W e i n t r a u b und Herrn I. A s chk e n a s y. Zur Anfführnng gelangt: „Die Wahnsinnige ans Liebe". Die weiteren Tage: „Der Ger". Wien. (Jüdischer Verein „E i n h e i t".) , Die diesjährige Generalversaminlung findet am 6. April, x/28 Uhr abends im Turnsaale der „Talmud Thora", II., Malzgasse 16, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Genelunigung des Protokolles der III. ordentlichen Generalversammlung; 2. Entgegennahme des Rechenschafts- und Kassaberichtes; 3. Erteilung des Absolutoriums; 4. Statutenänderung 5. Neuwahl von 10 Vorstandsmitgliedern und 3 Revisoren; 6. Eventuelles. Wien. Sonntag, den 27. März, ist unter zahlreicher Teilnahme von Familienmitgliedern und Freunden der besonders in jüdisch-literarischen Kreisen bekannte ehemalige Bnchdrnckereibesitzer Moritz Knöpflmacher zu Grabe getragen worden. Der Verblichene lebte früher in Holleschan (Mähren), wo er durch viele Jahre als Bürgermeister der politischen Judengemeinde fungierte und bei seinem Scheiden von! dort wurde er zum Ehrenbürgermeister ernannt. In Wien etablierte er eine Bnchdruckerei, die sich namentlich als Verlag jüdischer Werke großen Zuspruches erfreute, wobei ihm sein reiches jüdisch-literarisches Wissen zugute kam. Infolge Kränklichkeit mußte er sich bereits vor mehreren Jahren vom Geschäfte zurückziehen und lebte in stiller Muße seinen Sammlerneignngen. Wien. Der „Verein der Sabbathfreunde" hielt am 27. März d. I. seine erste ordentliche Generalversammluttg ab. Der Vorsitzende des Vereines, Herr Moritz Fe Isenburg begrüßte die Versammlung und in Kürze einen Rückblick auf das vergangene Geschäftsjahr werfend, bat er die Bestrebungen des Vereines auch weiterhin zu unterstützen, sowie die Ziele und den Zweck desselben durch tatkräftige Mitarbeit zu fördern. Als Einlauf liegen Entschuldigungen von den Herren Rabbiner Dr. David und Kultusvorstand Adolf Schramek vor, welche an der heutigen Versammlung nicht teilnehmen können. Herr Elias Weiß erklärte im Namen der Revisoren die gesamte Kassagebahrnng überprüft und in Ordnung befunden zu haben und ersucht die Generalversammlung dem Vereinsvorstande das Absolntorium zu erteilen. Hierauf wurde: dem Vereinsvorstan.de unter lebhaften Beifallskundgebungen das Absolntorium einstimmig erteilt. Es wird nun an die Wahl des Vorstandes und der beiden Revisoren geschritten. Der Vorsitzende konstatiert, daß im Siune der Statuten alljährlich eiix Drittel des Vorstandes mittelst Losziehung ausgeschieden wird, und stehe es der Generalversammlung frei, die ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder wieder zu wählen. Die ausgelosten Mitglieder des Vorstandes^ die Herren B o n di. B i s ch o f s w e r d e r. A n st e r li tz. Löwy, Hirschler, sowie die Revisoren, Herr Elias Weiß und. HerrAdolf Rosenthal werden einstimmig wieder gewähltt Nachdem estenttielle Anträge, welche statutengemäß 8 Tage vor der Generalversammlung schriftlich einznbringen sind, nicht eingelaufen waren, meldeten sich znm Worte die Herren: Neumann, Theodor P o r ge s, Bernhard Hofbauer; Wols.Pappenheim, Moritz Nasch, Du k e s z, Nathan Poll a k, L eil ne r) P i n k a s. Herr

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